(1) N. (meist mit dem abgekürzten Zusatz a.d.W.; bis 1936 und 1945-1950 mit dem Zusatz an der Haardt, a.d.H.) liegt am östlichen Rand des Mittelgebirges Pfälzerwald an der Stelle, wo sich dieser zur Oberrheinischen Tiefebene abflacht und der Speyerbach das Gebirge verlässt. Der Speyerbach fließt durch N. und mündet etwa 30 km weiter östlich in Speyer in den Rhein. Von dem Speyerbach zweigt westlich kurz vor N. (der heutigen Kernstadt) bei der Klausenbrücke (benannt nach der Klause, dem Kloster zwischen Brücke und Stauwehr) der Floßbach ab, der nördlich N.s vorbeifließt und östlich in Winzingen wieder in den Speyerbach mündet; bereits im 19. Jahrhundert setzte die innerstädtische Überwölbung des Floßbachs ein. Nach etwa 200 m zweigt in Winzingen vom Speyerbach bei dem Winzinger Wassergescheid (1551 erstmals erwähnt, und zwar als baufällig, also älter) der links abfließende Rehbach ab.
1214 kam die rheinische Pfalzgrafschaft in die Hände der Wittelsbacher, seit der Teilung im Hausvertrag von Pavia 1329 war sie ein eigenständiges Herrschaftsgebiet der Wittelsbacher. Erste Herrscher dieses neugeschaffenen Landes waren Rudolf II. genannt »der Blinde« (»caecus«) (1306-1353) und Ruprecht I. (1309-1390), die 1329-1338 gemeinsam regierten und in dieser Zeit einmal (1331) in N. urkundeten. Wohl 1334 teilten die Brüder das Territorium auf, Rudolf erhielt den rechtsrheinischen, Ruprecht den linksrheinischen Teil, tauschten jedoch 1338 ihre Teile.
Der Ort N. wurde im frühen 13. Jahrhundert in die Gemarkung des Dorfes Winzingen hinein entweder durch den Wittelsbacher Ludwig den Kelheimer (1173-1231), der 1214 Pfalzgraf bei Rhein geworden war, oder seinen Sohn Otto (1206-1253) gegründet, 1246 wird er erstmals urkundlich erwähnt. Stadtrecht wurde dem Ort 1275 nach Vorbild des Speyerer Rechts gegeben von König Rudolf von Habsburg, dem Schwiegervater Pfalzgraf Ludwigs.
Das ein Kilometer östlich gelegene Dorf Winzingen ist deutlich älter, bereits gegen Ende des 8. Jahrhunderts wird es erwähnt. Die wiederum zwei Kilometer nordöstlich des Dorfs gelegene Burg Winzingen am Hang des Haardt erscheint erstmals im 11. Jahrhundert (Nikolauskapelle 1082 erwähnt).
Im Zeitraum 1338-1353 dienten Burg Winzingen bzw. N. als Hauptaufenthaltsort Pfalzgraf bzw. Kurfürst Rudolfs II.; sie nehmen einen Anteil von 36% am Itinerar Rudolfs II. ein, die Hälfte seiner Urkunden nennen diese als Ausstellungsort. In N. selbst fungierte der Klemmhof als pfgf.er Stadthof (»curia ducis«), der seiner Größe wegen wohl eher als Wirtschaftshof (Marstall, Kellerei) diente. Mit Beginn der alleinigen Regierung Ruprechts I. nach Tod Rudolfs II. 1353 erlosch die Residenzfunktion N.s, als solche trat nun Heidelberg in den Vordergrund. Zentrale Funktion besaß N. als Amtsstadt mit einem Vitztum an der Spitze für 20 Orte in der Umgebung (im 18. Jahrhundert Oberamt, Vizedomei), sowie als Münzort (bereits 1256, 1309, vereinzelt erwähnt im 15. bis 17. Jh.).
Ab 1368 bis zur Auflösung der Pfalz 1803 gehörte N. zum sog. Kurpräzipuum, d.h. die Stadt durfte nicht veräußert oder verpfändet werden. Trotz dessen gehörte 1559-1592 N. zum calvinistischen Territorium Pfalz-Lautern, dessen Herrscher Johann Casimir, der N. 1577 gegen Widerstand erst militärisch unterwerfen musste, die Stadt prägte (N. als Sitz der Kanzlei, Residenz war Kaiserslautern). Ab 1796 war N. wie die gesamte Pfalz französisch besetzt, als Kantonsstadt hatte N. weiterhin zentrale Bedeutung. Im Rahmen der territorialen Neuordnung nach der Napoleonischen Zeit kam die linksrheinische Pfalz erst 1816 an Bayern.
Im 19. Jahrhundert spielte die bei N. gelegene Kestenburg oberhalb Hambachs, daher auch als »Hambacher Schloss« bezeichnet, einmal als Versammlungsort in der Republik- und Demokratiebewegung im sog. Vormärz eine Rolle (Hambacher Fest 1832), dem im Nachhinein eine höhere symbolische Bedeutung beigemessen wurde und wird.
(2) Die Form des Stadtgrundrisses als längliches Rechteck, das an den Längsseiten etwas ausgeweitet ist, spricht für eine planmäßige Anlage, es kreuzten sich eine Mittel- und eine Querstraße. Eine Befestigung dürfte früh, wohl bereits mit der Stadtentstehung verbunden gewesen sein, ausdrücklich erwähnt 1265 mit zwei Toren (im Süden das Hambacher Tor, im Westen das Alte bzw. Kirchtor, auch Markttor genannt), später kam im Norden eine Pforte hinzu (Neutor) (Befestigung im 19. Jahrhundert so gut wie komplett abgerissen); der stärkste Turm (Bachturm, auch Marientraut) stand an der Einmündung des Speyerbachs in die Stadt (1839 abgerissen).
Das 1275 verliehene Stadtrecht wurde bis 1613 immer wieder bestätigt. Das älteste Stadtsiegel stammt von 1285. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts kam ein kleines Siegel hinzu, das im Laufe der Zeit das große ablöste. Das große Siegel zeigt einen nach links aufsteigenden Löwen mit gefiedertem Schweif, rechts die Rauten der Wittelsbacher. Das Stadtrecht findet sich im Stadtbuch von 1390, dem »Roten Buch«. An der Spitze der Stadt stand als Vertreter des Stadtherrn ein Schultheiß (1256 erwähnt, 1261 noch ein Vogt), der dem aus Schöffen bestehenden Gericht vorsaß. Als solche fungierten die Ratsherrn. Anfänglich gab es sechs, 1390 zwölf Ratsherren, an deren Spitze der Bürgermeister (1285 erstmal erwähnt) stand (wohl ab 1350 zwei). Ratsherren bekleideten ihr Amt lebenslang, ergänzt wurde durch Kooptation, Bürgermeisterwahlen fanden am 11. November statt. Ab 1500 wählten die stadtherrlichen Amtleute aus zwei vorgeschlagenen Kandidaten aus. Wohl auch ab 1350 gab es eine Zweiteilung des Rats in einen jüngeren und älteren Rat, denen je ein Bürgermeister vorstand, der des älteren Rats für repräsentative und wichtigere Aufgaben, der des jüngeren für die Stadtkasse und Alltagsvorgänge.
Zu den Amtsträgern gehörten auch die Meister der sechs Viertel, die ab 1490 vom Stadtherrn »gezogen«, d.h. eingesetzt wurden, nicht mehr von der Stadt. 1492/93 wurde eine neue Stadtordnung zwischen Stadt und Stadtherr diskutiert (was schon große Kosten verursachte), aber nicht verabschiedet. Weitere Streitigkeiten folgten. 1525 öffnete sich N. dem Bauernkrieg, der N.er pfgf.e Landschreiber Wendel Hippler entwickelte für die Bauern den Plan einer Reichsreform, der in Heilbronn beraten wurde. Verhandlungen blieben erfolglos, im Juni 1525 kam es zur Schlacht von Pfeddersheim, die Stadt N. wurde vom Landesherrn der Beteiligung an einer Rebellion schuldig gesprochen und verlor das Stadtrecht (1543 wieder zuerkannt). 1589 wurde eine Viertelmeisterordnung verabschiedet.
Obwohl das Marktrecht mit zum Stadtrecht gehörte, wurde 1466 von Pfalzgraf Friedrich I. als Stadtherrn dieses eigenständig verliehen (später dienstags und samstags abgehalten). Ein 14tägiger Jahrmarkt um Michaelis (29. September) wurde 1345 von Kaiser Ludwig dem Bayern erteilt (1349 von König Karl IV. bestätigt), im 15. Jahrhundert von Kaiser Friedrich III. auf den Anfang September verlegt zum Hl. Ägidientag in Anpassung des Patroziniums der Stadtkirche (hinfort Ägidienmarkt). 1404 verlieh König Ruprecht einen zweiten Jahrmarkt am 24. Juni. 1762 wurde ein dritter Markt am 21. Dezember eingerichtet (Thomasmarkt); 1493 ist die Aufstellung eines Marktkreuzes aus den Stadtrechnungen belegt. Pfalzgraf Friedrich I. vergrößerte N. durch eine Vorstadt, einen (kurzen) Straßenzug parallel zur Oberen Hauptstraße (an dessen Ende das Äußere Hambacher Tor), die wegen der dort, also außerhalb der eigentlichen Stadt, erfolgten Niederlassung von »Ägyptern«, wie im Spätmittelalter Sinti und Roma genannt wurden, später Ägyptenvorstadt genannt wurde (Erstbeleg 1496).
Das Wirtschaftsleben war weithin von den üblichen Gewerken der Nahrungsmittelbereitung und -verarbeitung, der Bekleidungsherstellung und -reparatur und des Hausbaus geprägt. 1564 gab es 461 Feuerstätten, was auf etwas über 2000 Einwohner schließen lässt, knapp die Hälfte war in der Landwirtschaft tätig. Weinbau war bedeutend, in N. gab es Ende des 16. Jahrhunderts 16 Küfer. Um N. gab es im Umland an den Bächen mehrere Mühlen, die auf eine hohe Dichte weiterverarbeitender Gewerbe verweisen. Im Dreißigjährigen Krieg hatte N. schwer unter sieben Besetzungen zu leiden, 75% Verlust an Einwohnern gab es schätzungsweise. Durch die Wiederbevölkerung ab den 1650er Jahren ging die konfessionelle Einheit verloren, Toleranz wurde zum Prinzip. Ebenfalls unter dem Pfälzischen Erbfolgekrieg 1689-1697 hatte N. zu leiden, desgleichen im Spanischen Erbfolgekrieg 1701-1714. Dennoch wuchs die Bevölkerung auf 3025 Einwohner (1775) und 4324 (1792). Es gab Uhrmacher (u.a. den bekannten Jacob Möllinger [†1763], Ende des 18. Jahrhunderts vier Uhrmacher) und einen Goldschmied (Koehler, Ende des 18. Jh.s). Eine weitere Besetzung gab es ab 1792 durch Truppen des revolutionären Frankreichs, die in die vom Wohlfahrtsausschuss angeordnete Plünderung des Winters 1793/94 einmündete.
(3) Wohl aus der Zeit der Stadtgründung dürfte die erste Pfarrkirche, die St. Ägidienkirche, stammen. 1256 wird ein Pfarrer erwähnt. Die Pfarrkirche wurde 1353 testamentarisch von Rudolf II. zur Stiftskirche bestimmt für zehn (1363 zwölf, später 14) Stiftsherren und den Dekan, der eine Schule angeschlossen sein sollte; im frühen 15. Jahrhundert wurden mehrere Pfründen nach Heidelberg transferiert, das N.er Stift ausgedünnt. Für Rudolf II. (1353) und Ruprecht I. (1390) war die Kirche überdies Grablege, hinzu kamen die zweite Ehefrau Rudolfs II., Margarethe von Sizilien-Aragon (†1377), die zweite Ehefrau Ruprechts I., Beatrix von Berg (†1395) und Blanca (†1409), erste Ehefrau Pfgf./Kfs. Ludwigs III. und Tochter des englischen Kg.s Heinrich IV. Mit dem Bau begonnen wurde 1368, Weihe des Chors 1383, Süd- und Nordturm im 15. Jahrhundert beendet. Gelegentlich besetzten Professoren der Heidelberger Universität das Amt des Dekans, so 1425-1427 Ludwig von dem Bussche, der die Stadt in Prozesse um die Rechte des Stifts verwickelte; ab 1427 waren es nur noch Professoren im Ruhestand, die als Dekane antraten. Die Förderung des Stifts durch die Pfalzgrafen und den Adel der Region endete im ersten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts Seinen Niedergang erlebte das Kapitel in der Reformation in den 1550/60er Jahren, als freiwerdende Stellen nicht mehr besetzt wurden. 1562 wurde es aufgehoben. Im Haus des Stiftsdekans wurde die Vizedomei eingerichtet.
Neben dem Stift gab es mehrere geistliche Einrichtungen. Eventuell vor 1358 wurde eine Franziskanerniederlassung gegründet, die letztmals 1467 im Testament Pfalzgraf Friedrichs I. erwähnt wurde. 1339 erstmals erwähnt wird der Beginenkonvent »uff dem Fels« außerhalb N.s, aus dem Pfalzgraf Friedrich I. 1474 gegen den Widerstand des Stifts ein Augustinerinnenkloster machte, das an der Abspaltung des Floßbachs errichtet wurde (»Weiße Klause«), 1489 wurde die Stephanskapelle geweiht. In diesem Kloster wurde 1578 das Casimirianum eingerichtet, 1625-1644 befand sich dort eine Jesuitenmission. Vor den Toren N.s, in der sog. Ägyptenvorstadt, in der von Pfalzgraf Friedrich I. Sinti und Roma angesiedelt worden waren, entstand 1706-1710 ein Kapuzinerkloster; außerhalb der Stadt waren die Kapuziner seit 1628 anwesend. Ein weiterer Beginenkonvent wurde 1380 in der »Stahelgasse« gegründet. Ein dritter Beginenkonvent wurde 1388 gegründet; 1535 wurde dieses den Tertiarinnen der Franziskaner angeschlossen, bereits 1554 geschlossen. 1699/1700 entstand ein Jesuitenkolleg in Nachfolge der 1644 stillgelegten Mission.
Außerhalb N.s wurde wohl 1275 mit Unterstützung Pfalzgraf Ludwigs II. ein Spital gegründet, der Branchweilerhof, etwa zwei Kilometer östlich N.s. Später wurde es in ein Hofgut überformt und diente 1671 der Aufnahme von drei geflohenen Schweizer Mennonitenfamilien.
Der calvinistische Kurfürst Friedrich III. (reg. 1559-1576) wünschte den Calvinismus in der Pfalz über seinen Tod hinaus zu erhalten und gründete zu diesem Zweck aus den drei Ämtern N., Lautern und Böckelheim das Territorium Pfalz-Lautern, das an seinen Sohn Johann Casimir ging. Dieser gründete 1578 in N. eine Hochschule (Collegium Casimiri oder Casimirianum), die mehrere aus Heidelberg abgewanderte Professoren übernahm, faktisch für kurze Zeit eine ganze Universität ausmachend (»schola Neostadiana«). Das Collegium zog in das ehemalige Augustinerkloster und die Michaelskapelle. Da Johann Casimir ab 1583 Administrator der Kurpfalz für seinen Neffen Friedrich IV. wurde, siedelte er nach Heidelberg über, wodurch der Lehrbetrieb mitgezogen wurde. Die Hochschule wurde als Gymnasium illustre weitergeführt, 1636 kam es in die Hände der Jesuiten, 1654 wurde es wieder zu einem reformierten Gymnasium, so bis zur Französischen Revolution. Neben der Hochschule wurde eine Druckerei (Matthäus Harnisch) eingerichtet, bekannt durch die calvinistische »N.er Bibel« von 1587/88. Für die calvinistische Gemeinde gab es eine Gemeindeleitung, das Presbyterium (1578-1620).
Ende des 17. Jahrhunderts folgte die katholische Nebenlinie Pfalz-Simmern in der Herrschaft der Kurpfalz, was eine Gegenreformation bedeutete, bei der protestantische bzw. calvinistische Kirchen zu Simultangottesdiensten mit Katholiken gezwungen wurden. Doch im Spanischen Erbfolgekrieg wurde 1705 mit der Religionsdeklaration völlige Gleichberechtigung der drei christlichen Konfessionen gewährt. Die Lutheraner hatten sich 1688-1699 eine eigene Kirche erbaut (1823 abgetragen). Ab 1705 teilten sich Lutheraner und Calvinisten die Stiftskirche (Teilung des Chors durch eine über den Gräbern Rudolfs und Margaretes errichtete Trennmauer).
Juden waren im Spätmittelalter anwesend, sie lebten in einem eigenen Stadtteil, dem Judenviertel, in dem sich eine Synagoge befand. Im 14. Jahrhundert sind sie Opfer einer Ritualmordbeschuldigung und eines Pestpogroms geworden. In den 1380er Jahren tätigte die Stadt Geldgeschäfte mit Speyerer Juden. 1383 erlaubt Pfalzgraf Ruprecht I. die Wiederansiedlung von Juden in N. und verlieh ihnen das Recht der Heidelberger Juden. 1731 gab es sieben jüdische Familien.
(4) Baulich prägend war die Doppelturmfassade der Stiftskirche. Die bürgerliche Bebauung der frühen Neuzeit hat sich teilweise erhalten, als Besonderheit ist der Steinhäuser Hof (früher Hendelscher, dann Kubyscher Hof) aus dem 13. Jahrhundert und das später sog. »Scheffelhaus« (nach dem Dichter Viktor von Scheffel), ein viergeschossiger Renaissancebau von 1580, zu nennen. Von der Stadtmauer steht noch der Weiße Turm bzw. Storchenturm und einzelne Reste (in der Schütt, Reuthergässchen, Stadtmühlgasse, Brunnenstraße). Es gab ein Schießhaus auf dem Viehberg westlich außerhalb der Stadt.
Das Rathaus in der Hauptstraße/Kellereistraße wurde 1589-1591 erbaut, eingeweiht in Gegenwart des Stadtherrn Pfalzgraf Johann Casimir (als solches genutzt bis 1877). Im Erdgeschoss befanden sich Läden, dazu ein Gefängnis für Straftäter minderschwerer Vergehen. Es ersetzte einen älteren Bau, von dem nichts verlautet.
Am Marktplatz vornehmlich Bürgerhäuser, auch die Herberge Zum Kopf, welche 1719 von den Jesuiten gekauft und nach Ankauf des Nachbarhauses 1729 zum Kolleg umgebaut wurde, als solches genutzt bis 1743 (ab 1887 neues Rathaus).
Von 1737 stammt das Gebäude der kfl.en Vizedomei am Marktplatz. Im Vorgängerbau, dem Sitz des Stiftsdekans, stiegen ab 1592 die Landesherren bei ihren Besuchen in N. ab. Daneben ist als herrschaftliches Haus die Landschreiberei, der Klemmhof, ein viergeschossiger Fachwerkbau, zu nennen (in den 1960er Jahren abgerissen).
Ein kolorierter Holzschnitt des Einzugs Johann Casimirs in N. 1577 gibt eine stilisierte Vorstellung von der Stadt. Von J. Rieger stammt eine 1786 angefertigte Stadtansicht von Südosten.
(5) Die Stadtmauer zwischen Kirchtor und Klipfelturm musste im Verteidigungsfall von »reispflichtigen« Bauern der Dörfer Gimmeldingen und Haardt bewehrt werden. Obwohl formal noch nicht Stadt gehörte N. dem Rheinischen Städtebund von 1255/56 an. Das N.er Stadtrecht wurden 1395 an Deidesheim (dem Bischof von Speyer zugehörend, wohl nicht umgesetzt) und 1361 an Wachenheim übertragen. Der N.er Rat fungierte auch als Oberhof für andere Orte (festgelegt vom Pfalzgrafen 1408), schließlich für alle 39 linksrheinischen Dörfer der Pfalz (später in dieser Funktion abgelöst vom Hofgericht in Heidelberg). Überörtliche Funktion besaß N. zudem als Sitz eines landesherrlichen Amts bzw. im 18. Jahrhundert eines Oberamts.
(6) Die längste Zeit seiner Geschichte war N. Amtsstadt. Als Residenzstadt im engen Sinn lässt sich N. nur für die Jahre unter Rudolf II. 1338-1353 bezeichnen (vorher spielte N. unter Ruprecht I. 1334-1338 eine weniger bedeutende bzw. weniger überlieferte Rolle), als Hauptstadt wegen des Sitzes der Kanzlei unter Johann Casimir 1578-1583. Bezeichnend ist, dass die beiden Fürsten des 14. Jahrhunderts in der N.er Kirche ihre Grablege fanden, dazu ihre Ehefrauen und noch Blanka von England, Ehefrau Ludwigs III. In der Funktion als Residenzstadt folgte Heidelberg nach. Als Amts- und Gewerbestadt blieb N. bis zum Ende des Alten Reichs bedeutend. Bemerkenswert ist, dass die zweite Ehefrau Kurfürst Ruprecht I., Beatrix von Berg, 1389 wohl anstelle ihres mittlerweile greisen Ehemannes ein Turnier in N. ausrichtete (einer der wenigen Hinweise auf höfisches Leben in N.).
1482 war Burg Winzingen Geburtsort des späteren Kurfürsten Friedrich II. (reg. 1544-1556), seine Mutter Margarethe von Bayern-Landshut, Ehefrau Philipps »des Aufrichtigen« von der Pfalz, war aus Heidelberg vor der dort wütenden Pest geflohen.
(7) Die ungedruckte Überlieferung findet sich im Stadtarchiv Neustadt, u.a. Stadtrechnungen seit 1383 (mit Unterbrechungen), das Rote Buch von 1390 mit dem Stadtrecht und Statuten.
Das Seelbuch des Liebfrauenstifts zu Neustadt, bearb. von Friedrich Burkhardt u.a., Speyer 1993 (Schriftenreihe der Bezirksgruppe Neustadt im Historischen Verein der Pfalz, 2, 1). - Das Rote Buch der Stadt Neustadt an der Haardt, bearb. von Johannes Weingart und Karl Josef Zimmermann, Neustadt an der Weinstraße 2020 (Stiftung zur Förderung der pfälzischen Geschichtsforschung, Reihe A: Pfälzische Geschichtsquellen, 15).
(8)Spiess, Pirmin: Das Privileg König Rudolfs von Habsburg vom 6. April 1275, in: Neustadt an der Weinstraße. Beiträge zur Geschichte einer pfälzischen Stadt, hg. von der Stadt Neustadt an der Weinstraße, bearb. von Klaus-Peter Westrich, Neustadt an der Weinstraße 1975, S. 91-106. - Spiegel, Joachim: Urkundenwesen, Kanzlei, Rat und Regierungssystem des Pfalzgrafen bei Rhein und Herzogs von Bayern Ruprecht I. 1309-1390, Neustadt an der Weinstraße 1998 (Stiftung zur Förderung der pfälzischen Geschichtsforschung, Reihe B: Abhandlungen zur Geschichte der Pfalz, 1, 2). - Pfälzisches Klosterlexikon. Handbuch der pfälzischen Klöster, Stifte und Kommenden, hg. von Jürgen Keddigkeit, Matthias Untermann, Hans Ammerich u.a., Bd. 3: M-R, Kaiserslautern 2015 (Beiträge zur pfälzischen Geschichte, 26, 3). - Weintz, Karl Richard, Spiess Pirmin: Kurfürst Ruprecht I. und II. mit dem Heidelberger Hof in Neustadt 1388-1391, Neustadt an der Weinstraße 2019 (Stiftung zur Förderung der pfälzischen Geschichtsforschung, Reihe G, 1). - Rödel, Volker: Das Haus Bayern-Pfalz und Neustadt im 14. Jahrhundert (mit einem Exkurs zu den Ehen mit dem Haus Sizilien-Aragón), in: Neustadt und die Pfalzgrafschaft im Mittelalter, hg. von Pirmin Spiess, Jörg Peltzer und Bernd Schneidmüller, Neustadt an der Weinstraße 2021 (Stiftung zur Förderung der pfälzischen Geschichtsforschung, Reihe B: Abhandlungen zur Geschichte der Pfalz, 22), S. 95-140. - Spiess, Pirmin: Kleine Geschichte der Stadt Neustadt, Ubstadt-Weyher 22021.