Residenzstädte im Alten Reich (1300-1800)

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Aurich

Aurich

(1) A. liegt inmitten Ostfrieslands, etwa 22 km nordöstlich Emdens, einst durch Hochmoore nach Norden und Osten abgeschlossen. Der Name »Au-rich« für den Mittelpunkt einer sandigen, gehölzreichen Siedlungskammer verweist wohl auf eine Gewässerlage. Hier querte ein Verkehrsweg die ostfriesische Halbinsel. Einen bequemen Wasserweg zur Ems nach Emden bildete die Ehe, schiffbar ab dem Ort Westerende fünf Kilometer südwestlich A.s. Von A. ostwärts führte ein Landweg etwa 20 km übers Hochmoor nach Rispel auf den Heerweg von Oldenburg nach Esens bzw. Jever.

Politisch handelnd erscheinen die Bewohner erstmals 1153 als Fehdepartei in der Östringer Chronik, im 13./14. Jahrhundert gehörten sie zur Landesgemeinde in Brokmerland (nordwestlich A.s gelegen). 1345 wird A. als Versammlungsort der Richter im südlichen Viertel der Brokmer Landesgemeinde erwähnt. Kaum vier Kilometer westlich A.s versammelten sich am »Upstalsboom« die Abgesandten der friesischen Landesgemeinden (zuerst erwähnt 1216, zuletzt 1327). Hinweise auf eine Durchsetzung herrschaftlicher Rechte im Hochmittelalter sind spärlich, in Ansätzen den Egilmaren (Stammeltern der Grafen von Oldenburg) als Vizegf.en zuzusprechen. Seit Mitte des 14. Jahrhunderts konnte im Brokmerland Keno Hylmerisna aus Norden eine Herrschaft aufbauen, die von der Landesgemeinde mitgetragen wurden. Neben der Oldeborg diente ihm A. als Zentrum, seine Herrschaft muss in heute schwer zu erkennender Weise an ältere Strukturen angeknüpft haben. Sein Sohn Ocko tom Brok errichtete um 1380 eine Burg in A. Dessen Enkel Ocko tom Brok II. (1407-1435) gelang 1413 die Eroberung Emdens mit Aussicht auf Bildung einer größeren Herrschaft, was eine Allianz anderer ostfriesischer Häuptlinge und Hamburgs unter Führung Focko Ukenas (†1436), Häuptling des Moormer- und Lengenerlandes, auslöste. Ihr gelang 1426/27 der Sturz Ocko tom Broks II. Anschließend wurde die Oldeborg geschleift, als Herrschaftszentrum verblieb allein A., nunmehr für Ude, den Sohn des siegreichen Focko Ukenas. Gegen dessen Herrschaft bildete sich 1430 Widerstand der Landesgemeinden mit der Häuptlingsfamilie von Greetsiel, den Cirksena, an ihrer Seite. Die A.er Landesgemeinde übertrug 1438 die Schutzherrschaft an die Cirksena (Edzard und seinen Bruder Ulrich sowie dessen Schwiegervater Wibet von Esens). Ulrich Cirksena (†1466) gelang es 1464, seine Herrschaften durch Lehnsauftragung zur Reichsgft. in Ostfriesland zusammenzufassen. Seine Erben führten seit 1667 eine Virilstimme im Reichsfürstenrat, damit wurde die Bezeichnung als Fürstentum gebräuchlich. A. war unter den Cirksena zudem Sitz eines landesherrlichen Amtmanns.

Häufiger Aufenthaltsort wurde A. zuerst unter Ulrichs Witwe, Theda Ukena (1432-1494, als Regentin 1466-ca. 1480). Von A. aus versuchte ihr Enkel Enno II. (reg. 1528-1540) die östlichen Nachbarn in Esens und Jever seiner Herrschaft zu unterwerfen. Seine überlebende Frau Anna von Oldenburg (†1575) nutzte als Regentin vermehrt das Schloss in A. Ab 1561 diente A. ihrem Sohn Graf Edzard II. (†1599) als Hoflager (sein Bruder Johann nutzte Leerort, die für ganz Ostfriesland zuständige gräfliche Kanzlei befand sich in Emden), bis ab etwa 1580 Edzard II. sich vermehrt in Emden aufhielt. Ab 1591 und zumal nach der »Emder Revolution« 1595 wurde A. ununterbrochen Hauptresidenz. Das 1588/89 im Rahmen des innerdynastischen Zwists zwischen Edzard und seinem Bruder Johann (†1591) geschaffene Hofgericht tagte ab 1593 in A. 1601 folgte unter Graf Enno III. (reg. 1599-1625) die gräfliche Kanzlei mit dem Kanzleigericht von Emden nach A. Bis zum Tod des letzten Cirksena, Carl Edzard, 1744 blieb A. Residenz, für weitere fünf Jahre Witwensitz für seine überlebende Frau Sophie Wilhelmine, geb. Markgräfin von Brandenburg-Bayreuth (†1749) sowie für Carls Edzards ledige Tante Friederike Wilhelmine (†1750).

Nach dem Tod Fürst Carl Edzards nahm Brandenburg-Preußen ganz Ostfriesland in Besitz. Mit dem Tod der Tante gab es keine fürstliche Hofhaltung mehr in der Stadt. A. blieb Verwaltungsmittelpunkt für Ostfriesland, in napoleonischer Zeit als Sitz eines Departements, ab 1815 als Sitz von Mittelbehörden im Königreich Hannover.

Die ständische Landeskasse hatte ihren Sitz in Emden. Nach zeitweiliger Niederwerfung der Stände 1727 wurde sie nach A. verlegt, 1744 kurzfristig wieder in Emden, 1749 endgültig in A. Die Provinzialstände errichteten in A. 1773 eine französische Frauenzimmerschule, 1793 ein Hebammeninstitut.

(2) Als Siedlung dürfte A. ältere Grundlagen gehabt haben, die Bebauung folgte der West-Ost-Querung des Hauptverkehrsweges entlang der heutigen Burgstraße und Osterstraße. Als Nachfolger der Egilmare gründete Graf Moritz von Oldenburg (reg. 1167-ca. 1209) die St. Lamberti-Kirche. Sie lag inmitten der eingepfarrten »Neun Loogen« (Dörfer) Haxtum, Rahe, Extum, Walle, Sandhorst, Wallinghausen, Egels, Popens und Kirchdorf.

Den ältesten Teil A.s bildet der Lambertshof um die Kirche mit der östlich angrenzenden Kirchstraße, von der aus ein Weg nordwärts nach Esens führte. Bis zum 15. Jh, wurde die Siedlung mit der Anlage von Markt und Norderstraße erweitert. Der Burgbereich begann 100 m westlich der Lambertikirche im Bereich des späteren Piqueurhofs (heute Bahnhofstr. 1, 3) mit der um 1380 errichteten Burg. Ihr folgte südlich seit 1447 Ulrich Cirksenas Neubau, begonnen mit der vorübergehenden Wiederinbesitznahme Emdens durch die Hamburger, aus dem das Residenzschloss hervorging. In der städtischen Siedlung hat ein Brand während der Sächsischen Fehde 1514 die ältere Baustruktur verwischt. Im Rahmen des Wiederaufbaus wurde A. über den Markt hinaus nach Norden und Osten erweitert, nun gab es drei Tore (Nordertor [1788 abgebrochen], das 1529 erbaute Ostertor [1806 abgebrochen] und nach Westen zum Schloss das Hadwechs- oder Leytor [im 18. Jahrhundert abgebrochen]). Seit dem 17. Jahrhundert wuchs westlich der Burg eine kleine Siedlung als amtssässige Vorstadt.

1593 kamen 397 Haushalte zur Steuerveranlagung (385 zahlten), was eine Einwohnerzahl von über 1700 nahelegt. 1749 wurden 2346 Einwohner nach Berlin gemeldet. In der durch den Verlust der Residenz verarmten Stadt blieben 1757 134 arme Haushalte unveranlagt. Die Einwohnerzahl fiel auf 1779 (1769), stieg dann aber wieder an auf über 2000 (1799). Seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert wuchs die Gebäudezahl außerhalb des Walls stark. Als Marktort profitierte die Stadt von der Peuplierung des ostfriesischen Binnenlandes. Innerhalb der Stadt gab es keine exemten Bezirke, nur zwei adlige Freihäuser (Burgstr. 21-23, 48) mit Abgabenfreiheit.

Aussagen zur sozialen Zusammensetzung der Bevölkerung erlauben seit dem späten 16. Jahrhundert Steuerverzeichnisse (ohne Hof- und Militärangehörige). Separat veranlagt waren die Angehörigen des Hofgerichts und die landesherrlichen Beamten (1673 zusammen 47 Haushalte). Die politisch mitwirkungsberechtigte Bürgerschaft war ähnlich zahlreich. Zu ihr zählten 1744 sechs Kaufleute und Krämer, zehn Bäcker (oft zugleich Höker), acht Gastwirte und Brauer sowie ein Kornbranntweinbrenner, weiterhin zwei Chirurgen und jeweils ein Apotheker, Auktionator, Buchbinder, Schneider, Zimmermann, Ackerbauer und Fuhrmann. Einzelhandel und Nahrungsmittelgewerbe überwogen im gehobenen Bürgertum. Das Militär spielte in A. nur eine geringe Rolle.

Das 1539 von Graf Enno II. und seinem Bruder Johann verliehene Privileg sah zwei Bürgermeister, zwei Ratsherren und den Stadtsekretär vor. Einsetzung und vereinzelt auch Entlassung der Magistratsmitglieder hingen vom Landesherren ab. Vergebens forderte 1594 eine Beschwerde der Stadt, sie auch der Bürgerschaft durch Eid zu verpflichten. Als Stadtschreiber sollte statt des aufgedrungenen Fremden ein heimischer Bürger amtieren. Diese und weitere Beschwerdepunkte wurden in den Folgejahren mit dem Landesherrn verhandelt. Im Konflikt mit den Ständen 1724-1727 wurde ausnahmsweise ein Ratsherr des Amtes enthoben. Symbolischer Ausdruck herrschaftlicher Überordnung war, dass die Stadtschlüssel nachts auf der Burg verwahrt wurden, auch wenn 1594 ein altes Herkommen zugunsten der Bürgermeister behauptet wurde.

Das finanzielle Handlungsfeld der Stadt A. war unbedeutend, ihr Haushalt hatte ein Volumen von etwa 2000 Gulden (Emden 1690 150000 Gulden). In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts erbrachte die Verpachtung der Stadtmühle über 30% der städtischen Einnahmen (1785 in Erbpacht an die Müllerfamilie ausgegeben). 1594 erbat die Stadt die Waage für sich. Überregional bedeutend waren die Pferde- und Viehmärkte, Wochenmärkte wurden schon vor 1691 dienstags und freitags gehalten.

Den gehobenen Bedarf am Ort deckten Weinhändler und Tuchkaufleute. Anderes musste aus Emden und Amsterdam oder aus Frankfurt a.M. bezogen werden. Die zahlreichen Fuhrleute erhielten 1647 einen gfl.en Gildebrief. Ein Großteil des Handwerks war zünftisch organisiert. Genannt werden (Jahr ihrer ältesten Rolle): Bäcker (1616), Schneider und Wandscherer (1643), Krämer und Gewandschneider (1645), Schuhmacher und Sattler (1651), Schmiede (1652), Leineweber (1652) sowie als Holzhandwerker Faßbinder, Tischler, Zimmerleute, Rademacher, Drechsler, Glasemacher und Färber (1668).

(3) Kirchlich lag A. im Frühmittelalter im Grenzbereich zwischen dem Bistum Münster und dem Erzbistum Bremen; im 12. Jahrhundert wurde der östliche Teil und das Gebiet um Norden dem Erzbistum Bremen zugewiesen. Beide Bm.er haben in A. Spuren hinterlassen. Älterer geistlicher Mittelpunkt des A.erlandes war Kirchdorf, ein Kilometer südlich der heutigen Innenstadt, möglicherweise zu identifizieren mit dem im 10. Jahrhundert im Werdener Urbar erwähnten Kirkthorpe. Neuer Mittelpunkt der Landesgemeinde wurde nach 1183 das Benediktiner-Doppelkloster Meerhusen, fünf Kilometer nördlich A.s. Seine zu den Zisterziensern übergetretenen Mönche gingen 1219 nach Ihlow (acht Kilometer südlich A.s). Von der alten Großpfarrei wurden im 13. Jahrhundert Westerende, Wiesens und Weene abgepfarrt.

An der um 1200 gegründeten St. Lamberti-Kirche beanspruchten die Grafen von Oldenburg bis ins 15. Jahrhundert (wie auch in Esens) das Präsentationsrecht. Es gab zwei Hauptgeistliche, dazu ein 1408 gestiftetes Vikariat. 1524 sind drei Häuser von Inhabern geistlicher Pfründen am Lambertshof belegt (u.a. St. Antonii, St. Andreae). Als gräfliche Grablege diente St. Lamberti ab 1599, beginnend mit Edzard II., nach dem Tod Ulrichs II. musste 1649 ein zweiter Keller angelegt werden. Auch Amtsträger und Standespersonen fanden in der Kirche ihre Ruhestätte, mussten das Nutzungsrecht aber alle 25 Jahre erneuern. Das 1568 für Edzard II. und seine Gemahlin Catharina von Schweden angelegte Gestühl zeugte durch Größe und Ausstattung vom landesherrlichen Anspruch.

Nachrichten zu etwaigen Kalandsbruderschaften oder Klostertermineien fehlen. Vor der späteren westlichen Vorstadt (an der nördlichen Begrenzung des späteren fsl.en Lustgartens Julianenburg) lag die sog. Klus (Klause), später ein Einnahmetitel des Gasthauses. Eventuell handelte es sich um ein Leprosorium.

Reformatorische Tendenzen konnten sich schon in den 1520er Jahren durchsetzen, doch ist die Überlieferungslage dünn. Die örtliche Kirchengemeinde übernahm die Vermögensrechte der alten Parochie, auch bestimmte sie die Besetzung der beiden Pastorenstellen. Der Konflikt zwischen Lutheranern und Reformierten wurde in Ostfriesland als Prioriätsstreit ausgetragen. Die Konkordate von 1599 schrieben den örtlichen Bekenntnisstand fest, die andersgläubige Minderheit (Lutheraner in Emden und Leer, Reformierte in Norden und A.) musste zum Gottesdienst in andere Orte ausweichen. Die Reformierten durften erst 1701 auswärtige Prediger in die Stadt holen, einen eigenen Prediger erhielt die Gemeinde 1771 (ab 1799 auch Sitz im Konsistorium). Seit 1626 amtierte in A. ein lutherischer Generalsuperintendent, der auch die bisherigen Aufgaben des Hofpredigers übernahm. 1631-1642 bestand in A. ein Predigercoetus (Synode) zur Lehraufsicht. Das 1599 verabredete Konsistorium wurde 1643 in A. begründet und trotz der konfessionellen Teilung des Landes rein lutherisch besetzt. Unter Fürst Christian Eberhard (reg. selbständig 1690-1708) wurde unter pietistischem Einfluss als weiteres Kirchenamt der Scholarch eingeführt (zuständig für das Schulwesen), der Rektor des Gymnasiums war ab 1712 zugleich Hofdiakon. Nach dem Sieg über die Stände gründete Fürst Georg Albrecht (reg. 1708-1734) 1729 die Garnisonsgemeinde, die Gottesdienst in der Hauptwache hielt. Unter den Preußen wurde nach 1744 die Zahl der Geistlichen wieder auf drei halbiert. Die wenigen Katholiken besuchten Hausgottesdienste, belegt sind 1662 30 Teilnehmer im Haus der Witwe des Franz Ico Freiherrn von Frydag, Besitzer der Herrlichkeit Gödens, Burgstraße 21/23, wo Jesuitenmissionare zelebrierten.

Als karitative Einrichtung ist das Gasthaus südlich der Burgstraße zu nennen. Dieses erhielt 1614 Besitz des Frauenklosters Meerhusen, nachdem dessen letzte Nonnen verstorben waren. Mit 4000 Gulden jährlicher Einnahme bildete es den größten Haushalt A.s. 1632 erfolgte ein Neubau.

Ebenfalls Einkünfte aus Meerhusen zog Graf Ulrich II. (reg. 1628-1648) für die 1646 gegründete Lateinschule heran (heute Gymnasium Ulricianum). Neben die deutsche Schule des Küsters trat 1704 die aus pietistischem Geist entstandene Katechismus- oder Armenschule.

Juden sind seit 1632 anwesend. Eine von einem Emder Juden 1634 veranstaltete Hochzeit bei Hof kann als Nähe zur Herrschaft gedeutet werden (oder als Zeugnis von Neugier und Unterhaltungslust der Hofgesellschaft). Graf Ulrich II. erteilte weitere Schutzbriefe, die Gemeinde blieb aber klein (1690 fünf, 1735 zehn, 1749 20 Familien). Bedeutendster Vertreter war der seit 1663 belegte Hofjude Meyer Calman (†1686), der im Ochsenhandel nach Amsterdam beteiligt war. Ihm folgte sein Schwiegersohn Aron Abraham Beer (†1737) aus Frankfurt a.M.

(4) Die gängigen Stadtansichten zeigen A. von Süden, schon in den älteren Kartensignaturen bei Fabricius und Emmius dabei dominierend zur Linken das Schloss. Schloss und Stadt hatten einen gemeinsamen, repräsentativen Eingangsbereich zwischen Burgtor und Stadtwall. Aus der Stadt ragte einzig der Kirchturm heraus, 1662 auf 35 m erhöht. Das 1612 errichtete, 1755 erneuerte und 1845 verkaufte Rathaus an der Südostecke des Marktes (Marktplatz 7) war ohne architektonischen Rang und stach nicht aus der Umgebung heraus. Im Vergleich zu Jever, Norden oder erst recht Emden war die städtische Selbstdarstellung unbedeutend. Das Stadtwappen, hervorgegangen aus dem 1539 verliehenen Stadtsiegel, zeigt ein großes A auf bekröntem Schild zwischen zwei Bäumen, die für den Upstalsboom stehend als Zeichen der Freiheit gedeutet werden. Die Landstände waren 1724-1744 im Stadtbild präsent mit dem neunachsigen Gebäude ihres Pedellen (Marktplatz 32). Nach 1749 mieteten sie Räume im Schloss. Eine Allee führte von A. nach Sandhorst, wo Kanzler Dothias Wiarda (1565-1637) aus drei Bauernhöfen ein Gut gebildet hatte, auf dem Graf Ulrich II. 1648 ein Lustschloss errichtete. Unmittelbar westlich vom Schloss erstreckte sich die unter Ulrich II. angelegte und 1691 wesentlich erweiterte »Julianenburg«, ein Lustgarten.

(5) Im Kirchspiel A. blieben die bäuerlichen Bewohner der Neun Loogen an der Verwaltung der Kirchen- und Armenangelegenheiten beteiligt. Zum frühneuzeitlichen Amt A. zählten 22 Landkirchspiele (sowie bis 1713 die Insel Juist). Die Stadt A. hatte kaum eigenen Grundbesitz. Gärten und Äcker der Bürger grenzten an die Gemarkungen der Neun Loogen, Wiesen und Weiden lagen in den A.er Meedlanden zehn Kilometer südwestlich A.s. Ihren Grundbesitz erweiterten die Bürger zuerst durch Flächen aus dem Obereigentum des Grafen, dann um 1600 vor allem durch Ankäufe aus Kirchdorf. 1594 beklagte die Stadt eine Schmälerung der Bürgerweide und Erhöhung der Grundabgaben. Am nördöstlichen Stadtwall lag die Mühle, über die es 1594 zum Streit mit dem Grafen kam. Zum Hofdienst (Heugewinnung) mussten Bürger auf landesherrliche Wiesen bis in die Nähe Emdens ausrücken. A. fungierte als Markt für seine Umgebung, stand dabei jedoch in Konkurrenz zu Emden und Leer. Überregionale Anziehungskraft für Zuwanderer aus A. hatte Amsterdam. Die dortigen Aufgebotsbücher verzeichnen 1578-1811, vor allem in der Boomphase im 17. Jahrhundert, 667 Personen aus A. als Brautleute. Der Landesherr hatte in Amsterdam einen Residenten.

Hinter Emden und Norden stand A. in der landständischen Städtekurie zurück. Als einer der zwei Administratoren des Städtestandes bezog A.s Bürgermeister Gehalt aus der Ständekasse, musste sich allerdings mit einem Kollegen aus Norden abwechseln. Die Stände tagten seit dem 17. Jahrhundert überwiegend in A.

Die Wälder der früheren Klöster Meerhusen und Ihlow dienten im 17./18. Jahrhundert den Grafen als Jagdrevier

(6) Als Sitz des zweitgrößten Amts der Grafschaft, Sammelpunkt bäuerlicher Abgaben und kleinstädtischer Marktort in für Ostfriesland gut erreichbarer Lage, war A. prädestinierter Aufenthaltsort der Landesherren. Sie residierten hier seit dem späten 14. Jahrhundert und phasenweise während des 15. Jahrhunderts Ab Mitte des 16. Jahrhunderts bis zum Ende des selbständigen Fm.s 1744 prägte der Hof durch dauerhafte Anwesenheit die Stadt. Erst im 16. Jahrhundert wurde A. Stadt im Rechtssinn. Landesherrliche Amtsträger bzw. Behörden und Gerichte sowie zeitweilig die Garnison haben seitdem A. auf lange Sicht geformt. Vor allem die Juristen waren eingebunden in die ständische Gesellschaft des Territoriums. Der Fürst konnte seine Stadt und ihr Umfeld nicht frei gestalten, bürgerliche und bäuerliche Besitzrechte ließen Spielraum nur für Akzente durch Architektur im Schlossbezirk, Gärten vor der Stadt und Gehölze in ihrem Umland. Dabei blieb A. an den Stadt- bzw. Landesherrn gebunden. Die Beamtenschaft mit ihrem Beharrungsvermögen und dem Sinn für Rang und Formen ließ Umgangsformen der alten Residenz noch Jahrzehnte nach Erlöschen des Fs.enhauses fortleben.

(7) Archivalien befinden sich vornehmlich im Niedersächsischen Landesarchiv Abt. Aurich (NLA AU), dort als Depositum das Stadtarchiv (NLA AU, Dep. 34), das erst zum 19. Jahrhundert reichhaltiger wird, weswegen das Fürstliche Archiv (Rep. 4), die Akten der Kriegs- und Domänenkammer (Rep. 6) und der Ostfriesischen Landschaft (Dep. 1) wichtig sind. Aus der wenig dezimierten Überlieferung der Zentralbehörden in Berlin ist einschlägig GStA PK, II. HA GD, Abt. 21 und I. HA GR, Rep. 68. Sehr dürftig ist die über das Amtsgericht ins Archiv gekommene Überlieferung zu Aurich vor 1810. Abschriften städtischer Urkunden 1539-1680 durch Bürgerhauptmann Johann Heinen in NLA AU, Dep. 34 Nr. 20 (bes. Gravamina nach 1590). Den Zuschnitt des Grafenhaushalts zeigt das Rechnungsbuch der Gräfin Anna 1542-1552 (NLA AU, Rep. 241 Nr. A 115, die Einnahmen aus Aurich Bl. 197r-200r).

Den Zustand von 1740 zeigt A. Fuchs: Grundriß von der HochFürstl. Ost-Frieß. Residentz Aurich (NLA AU, Rep 244 B Nr. 962) [gedr. Conring 1966 Abb. 7]. Zur Stadtentwicklung 1744-1852 siehe Gramberg 1992. Den älterem Parzellenzuschnitt 1828 hat Conrad Bernhard Meyer, (NLA AU, Rep. 244, A Nr. 383) [gedr. Wiarda, 1835, Beilage zum Neudruck]. Reiches Material zur Topographie gibt es im Nachlass Heinz Ramm (NLA AU, Rep. 220/85), vor allem in den Vorarbeiten zur Historischen Exkursionskarte. Ansichten mit Szenen eines höfischen Einzuges 1632 von Dr. Georg Faber bei: Gunzert, Walter: Skizzen und Reisetagebuch eines Arztes im Dreißigjährigen Krieg, Darmstadt 1952. Eine Übersicht bietet Ramm, Heinz: Die ältesten Ansichten von Aurich, in Conring 1966, Abb. 2-6. Zu ergänzen sind zwei Stadtansichten aus Gesangbüchern für Ostfriesland: das von Stadtprediger C. G. Schepler zum Druck beförderte Bremen 1690 [VD17 7:684310M] und mit Kupferstich vom Hofmaler Eyben Aurich 1739 [NLA AU M 16, 06].

Heranzuziehen ist die frühneuzeitliche Chronistik: Beninga, Eggerik [1490-1562]: Cronica der Fresen, bearb. von Louis Hahn, aus dem Nachlass hg. von Heinz Ramm, Aurich 1961 (Quellen zur Geschichte Ostfrieslands, 4). - Emmius, Ubbo [1547-1625]: Tractat von Ostfrießland [= De statu reip. Et ecclesiae Frisiae Orientali]. Auch unter dem Titel: De Frisia et Frisiorum Republica deque Civitatibus, Foris et Vicis…, Emden: Petri 1619. Übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Enno Rudolph Brenneysen, Aurich 1732. - Eppens, Abel [1534-1590]: De kroniek van Abel Eppens tho Equart, uitgegeven en met kritische aanteekeningen voorzien door hg. von J.A. Feith und Hajo Brugmans, Amsterdam 1911. - Funck, Christian [1659-1729]: Ost-Friesische Chronick, hg. von den Erben des weil. Predigers zu Resterhave Joh. Diedrich Funck, 8 Tl., Aurich 1784-1788. - Harkenroht, Jakobus Isebrandus [1676-1736]: Oostfriesche Oorsprongkelykheden, Groningen 21731. - Mylius, Christlob [1722-1754]: Tagebuch seiner Reise von Berlin nach England 1753, in: Archiv zur Neuern Geschichte, Geographie, Natur- und Menschenkenntniß, hg. von Johann Bernoulli, Tl. 6, Leipzig 1787, S. 39-140 (zu Aurich S. 75-77). - Bertram, Johann Friedrich [1699-1741]: Geographische Beschreibung des Fürstenthums Ost-Frießland und angräntzenden HarrlingerLandes, Aurich 1735. Aufs neue mit einigen Zusätzen vermehrt von C. H. Normann, Aurich 1787. - Wiarda, Tileman Dothias: Ostfriesische Geschichte, Bd. 1-9, Aurich 1791-1798, Bd. 10,1-2 Leer 1817.

Reed, Susan: A Collection of German Occasional Verse, 1701-1743, Mostly from East Frisia, in: electronic British Library Journal 2005, Article 2, S. 1-46 im Internet unter http://www.bl.uk/eblj/2005articles/article2.html> [letzter Zugriff am 14. Juli 2022]. - Schreiber, Gretje: Ostfriesische Beamtenschaft. Die Amtsträger der landesherrlichen, landständischen und städtischen Verwaltungen der Grafschaft bzw. des Fürstentums Ostfriesland von 1464 bis 1744, 5 Tl.e, Aurich 2007 (Ostfriesische Familienkunde, 17). - Hinrichs, Wiard: Kopfschatzung 1757. Die steuerpflichtige Bevölkerung Ostfrieslands im Siebenjährigen Krieg, 2 Tl.e, Aurich 2009 (Ostfriesische Familienkunde, 20).

(8)Wiarda, Tileman Dothias: Bruchstücke zur Geschichte und Topographie der Stadt Aurich bis zum Jahre 1813, aus den hinterlassenen Papieren des Hofraths Wiarda, Emden 1835 (ND mit einem Vorwort von Heinz Ramm, ergänzt um »Auricher alte und neue Zeit«, Leer 1980). - Sello, Georg: Der Upstalsboom bei Aurich als Mittelpunkt der tota Frisia, in: Emder Jahrbuch 21 (1925) S. 65-137. - Maass, Carl: Die Mitglieder der Krämer- und Wandschneider-Gilde in Aurich [1660-1865], in: Quellen und Forschungen zur ostfriesischen Familien- und Wappenkunde (1955) S. 25-49. - Schaer, Friedrich Wilhelm: Die Stadt Aurich und ihre Beamtenschaft im 19. Jahrhundert unter besonderer Berücksichtigung der hannoverschen Zeit 1815-1866, Göttingen 1963 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen, 24; Untersuchungen zur Ständegeschichte Niedersachsens, 3). - Conring, Werner: Die Stadt- und Gerichtsverfassung der ostfriesischen Residenz Aurich bis zum Übergang Ostfrieslands an Preußen im Jahre 1744, Aurich 1966 (Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte Ostfrieslands, 74). - Reimers, Heinrich (†): Art. »Aurich«, in: Deutsches Städtebuch, Bd. 2: Nordwest-Deutschland, Teil 1: Niedersachsen und Bremen, hg. von Erich Keyser, Stuttgart 1952, S. 24-26. - Möhlmann, Günther: Art. »Aurich«, in: Handbuch der Historischen Stätten Deutschlands, Bd. 2: Niedersachsen und Bremen, hg. von Kurt Brüning und Heinrich Schmidt, Stuttgart 51986, S. 23-25. - Mossig, Christian: Untersuchungen zur Geschichte des Auricherlandes im späten Mittelalter, in: Jahrbuch der Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer zu Emden 62 (1982) S. 67-86. - Siebels, Gerhard: Der Name der Stadt Aurich. Eine namenskundliche Untersuchung, in: Jahrbuch der Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer zu Emden 69 (1989) S. 5-38. - Gramberg, Karl: Aurich von C. B. Meyer bis auf unsere Tage, hg. von der Stadt Aurich, 1. Buch [1744-1852], Aurich 1992. - Eggersglüss, Georg: Hofjuden und Landrabbiner in Aurich und die Anfänge der Auricher Judengemeinde (ca. 1635-1808), in: Frisia Judaica - Beiträge zur Geschichte der Juden in Ostfriesland, hg. von Herbert Reyer, Aurich 31993, S. 113-125. - Ramm, Heinz: Die Anfänge von Aurich, in: Collectanea Frisica - Beiträge zur historischen Landeskunde Ostfrieslands - Walter Deeters zum 65. Geburtstag, hg. von Hajo van Lengen (Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte Ostfrieslands, 74), Aurich 1995, S. 101-162. - Eggersglüss, Georg: Die Hofjuden der Cirksena 1635-1744, in: Emder Jahrbuch 77 (1997) S. 52-67. - Deeters, Walter: Art. »Aurich«, in: Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich, Ein dynastisch-topographisches Handbuch, hg. von Werner Paravicini, bearb. von Jan Hirschbiegel und Jörg Wettlaufer, Tlbd. 2: Residenzen, Ostfildern 2003 (Residenzenforschung, 15, 1, 2), S. 25. - Jhering, Martin: Hofleben in Ostfriesland. Die Fürstenresidenz Aurich im Jahre 1728, Hannover 2005 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen, 223). - Lengen, Hajo van: Der Neubau der Auricher Burg von Ulrich Cirksena, in: Emder Jahrbuch 99 (2019) S. 159-168. - Wessels, Paul: »Im Strome einer neuen Zeit…«. Aufklärung und Entwicklung des Bürgertums in Ostfriesland um 1800, in: Emder Jahrbuch 100 (2020) S. 11-66.

Wiard Hinrichs, Martin Jhering