Residenzstädte im Alten Reich (1300-1800)

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Riesenburg (Prabuty)

Riesenburg (Prabuty)

(1) R., das heutige Prabuty in der Woiewodschaft Pomorskie in Polen, lag im Stiftsgebiet der Bischöfe von Pomesanien, einem der vier bereits 1243 im Zuge der Eroberung Preußens durch den Deutschen Orden gegründeten Bistümer. Von den 1360er Jahren bis zur Säkularisierung des Deutschordenslandes und dem Ende der Stifte Pomesanien und Samland 1525/27 diente R. mit Unterbrechungen als Hauptresidenz der pomesanischen Bischöfe und löste in dieser Funktion nach und nach Marienwerder (Kwidzyn) ab, den Kathedralort und Sitz des Domkapitels.

Stadt und Schloss R. lagen auf einem erhöhten Gelände innerhalb einer Schlinge des Flüsschens Liebe (Liwa), das westlich davon durch den R.er oder Schlosssee (Jezioro Liwieniec) floss. Im Osten lag der nicht mehr vorhandene Mühlenteich. Im Norden war die Stadt durch das Mühlfließ begrenzt, das Mühlenteich und Schlosssee miteinander verband. R. lag verkehrsgünstig auf der West-Ost-Verbindung zwischen Marienwerder über die Domkapitelsburgen Rosenberg (Susz) und Schönberg (Szymbark) nach Deutsch Eilau (Iława). Nördlich der Stadt führten Straßen Richtung Marienburg (Malbork) und Königsberg (Kaliningrad). Während zwischen 1309 und 1454 die Ordenshochmeister auf der Marienburg residierten, war das rund 50 Kilometer südlich gelegene R. die bischöfliche Residenz mit der größten Nähe zu diesem Herrschaftszentrum.

(2) Etwas südlich einer prußischen, durch den Orden 1236 zerstörten Befestigung wurden Burg und Stadt bereits 1276 gegründet, wohl aber erst nach der Niederschlagung des zweiten Aufstands der Prußen 1283 ausgebaut. Erste urkundliche Nennungen des Ortes stammen aus den 1320er Jahren. 1330 stellte Bischof Rudolf eine neue Handfeste aus (die ursprüngliche ist nicht überliefert), in derselben Urkunde wird erstmals das bischöfliche castrum genannt. Weitere Handfesten stammen aus den Jahren 1340 und 1342. In diese Zeit fielen auch der Ausbau und die Befestigung der Stadt mit Mauern und Türmen. Im 15. Jahrhundert bedingten die kriegerischen Auseinandersetzungen mit Polen einen Niedergang. 1414, 1422 und im Ständekrieg von 1454 bis 1466 kam es wiederholt zu starken Zerstörungen. Die Bischöfe Johann IV. (1479–1501) und Hiob von Dobeneck (1501–1523) erneuerten und befestigten R. und residierten auch wieder häufiger dort. Im Reiterkrieg von 1520 hielt die Befestigung dem Ansturm stand, lediglich die Vorstadt brannte nieder. Die Waffenstillstandsverhandlungen zwischen Polen und dem Hochmeister fanden zunächst in R. statt. Nach der Säkularisierung wurde R. hzl.es Hauptamt.

Die südliche Stadtmauer mit dem Marienwerderer Tor verlief gerade, während sich die Befestigung zu den anderen Seiten hin den naturräumlichen Gegebenheiten anpasste. Die Burg lag in der nordwestlichen Ecke der Stadt, wo das Gelände zum Schlosssee hin steil abfiel. Das rechteckige Straßennetz war planmäßig angelegt und bildete einen Platz für das Rathaus und einen weiteren für die Stadtpfarrkirche.

Die Handfeste von 1330 nach Kulmer Recht umfasste einen städtischen Grundbesitz (83 Hufen, sieben Waldhufen, davon zehn Freihufen für die gemeinsame Nutzung und sechs Freihufen für die Kirche). Ausgenommen waren die Gärten, Weinberge und Wiesen des Bf.s. Mit den beiden Handfesten von 1340 und 1342 kam die Stadt insgesamt auf einen Grundbesitz von 114,5 Hufen. Sie sollte außerdem anteilig vom Zins der Fleisch-, Brot- und Schuhbänke profitieren und in den umliegenden Gewässern eingeschränkte Fischereirechte zur eigenen Versorgung erhalten. Die Stadtverfassung war zu dieser Zeit wohl schon ausgebildet (Stadtrat und Rathaus werden erwähnt), sie umfasste aber anders als üblich keine Gerichtsbarkeit, die der Bischof selbst durch einen von ihm ernannten Schulzen ausüben ließ. Anders als in anderen bfl.en Residenzstädten in Preußen scheint das Verhältnis zwischen Stadt und Stadtherr weitgehend frei von größeren Konflikten gewesen zu sein, möglicherweise weil die Bischöfe nur eine eingeschränkte städtische Autonomie zuließen. Als sich die Stadt 1451 wie die meisten anderen preußischen Städte dem Preußischen Bund gegen den Deutschen Orden anschließen wollte, wies Bischof Kaspar Linke Bürgermeister und Ratsmitglieder aus der Stadt aus, beschlagnahmte deren Besitz und verhinderte damit eine politische Spaltung.

Die älteste Quelle, die Rückschlüsse auf die Bevölkerungszahl R.s zulässt, ist eine Steuerliste von 1530, die 53 zinsbare Hufen nennt, die von 39 Ackerbesitzern bewirtschaftet wurden. Diesen Familien wären die nicht zu beziffernden Handwerker und Arbeiter hinzuzurechnen. Eine Kirchenvisitation von 1576 spricht von 136 Bürgern. Die älteste Gesamteinwohnerzahl stammt von 1772 und beläuft sich auf 1764 Personen.

Über die soziale Verflechtung von Stadt und Hof lassen sich kaum Aussagen machen. Eventuell entstammte der 1323 erstmals erwähnte Domherr Berthold von Riesenburg, der 1333 Bischof wurde, einer R.er Bürgerfamilie. Im späten 14. und frühen 15. Jahrhundert erscheinen mehrfach bischöfliche Kapläne und Notare, die in ihrem Namen ebenfalls die Herkunftsbezeichnung »von Riesenburg« tragen. Mehreren ausführlichen Listen des höheren und niederen Hofgesindes von 1521 (Jarzebowski 2007, S. 436–447) sind Verflechtungen mit der Stadtbevölkerung nicht direkt zu entnehmen.

Einen nennenswerten Handel gab es, anders als in den großen, an schiffbaren Flüssen gelegenen preußischen Hansestädten, in R. offenbar nicht. Bischof Berthold erwarb einen Speicher und Hof in Danzig, doch überwiegend erfolgte die Versorgung des Hofes durch die im Umland R.s gelegenen bfl.en Vorwerke. Bedeutend war die Mühle am Mühlfließ, die schon 1330 erwähnt wird und in der 1483 sechs neue Mühlräder gebaut wurden.

(3) Die Pfarrkirche entstand in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts , der Bischof besetzte als Patronatsherr die Pfarrstelle. Eine enge Beziehung lässt sich daran ablesen, dass mehrere Amtsinhaber auch als Offiziale des Bm.s fungierten. 1402 ließ Bischof Johann I. vor der Stadtmauer an der südwestlichen Ecke der Stadt eine Marienkapelle mit einem Friedhof für seine Amtsträger und Diener errichten und stiftete einen Altar, was in der Folgezeit zu Konflikten mit dem Geistlichen der Pfarrkirche führte. Bischof Johann IV. bestätigte um 1490 die Bruderschaft vom heiligen Leichnam und der heiligen Dreifaltigkeit, der gesellschaftliche Aufgaben wie etwa die Totensorge und die Ausrichtung eines Schützenfestes nach Fronleichnam zukamen. Auch der Pfarrer und der Bürgermeister waren an der Bruderschaft beteiligt. Schulen gab es schon zu Anfang des 15. Jahrhunderts sowohl in der Stadt als auch auf dem Schloss.

(4) Die ältesten erhaltenen Stadtansichten stammen aus nachbischöflicher Zeit, von 1595 (von Kaspar Henneberger, Blick von Nordost) und 1627/28 (von Abraham Boots, Blick von Südwest), Stadtgrundrisse von 1800 und 1811. Quellen über die repräsentative Nutzung des Stadtraums durch den Landesherrn liegen so gut wie nicht vor. Ein politisch-höfisches Großereignis war der Aufenthalt des Hochmeisters mit einem 200 Köpfe zählenden berittenem Gefolge zu den Waffenstillstandsverhandlungen mit den Polen 1521, zugleich aber verbunden mit einer hohen wirtschaftlichen Belastung von Hof und Stadt. Nahrungsmittel mussten von anderen Orten eigens herangeschafft werden.

(5) Schon früh seit den 1330er Jahren ist im Stiftsgebiet ein systematischer Ausbau eines Netzes von Städten und von in deren Umland gelegenen bfl.en Vorwerken zur wirtschaftlichen Versorgung zu erkennen. Die Städte R., Marienwerder, Garnsee, Bischofswerder und Freystadt lagen gut verteilt in unterschiedlichen Regionen des Stifts.

(6) Der Ausbau und die Befestigung R.s seit den 1330er Jahren ist im Zusammenhang mit der schrittweisen Verlegung der Hauptresidenz von Marienwerder zu sehen. Als Residenzstadt kann R. für die Zeit von ca. 1360 bis 1525/27 gelten. Engste Beziehungen zwischen Hof und Stadt auf verschiedenen Ebenen dürften als sicher gelten, auch wenn sie in den Quellen nur gelegentlich greifbar sind. Die städtische Autonomie war in keinem der möglichen Bereiche wie Selbstverwaltung, Handel/Finanzen und Rechtsprechung sonderlich ausgeprägt. Größere Spannungen zwischen Stadt und Stadtherrn blieben aus.

(7) Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz (GStA), Berlin, XX. Hauptabteilung (historisches Staatsarchiv Königsberg): Urkunden, Ordensbriefarchiv, Ordensfolianten (bes. Nr. 115 und 116), Ostpreußische Folianten (bes. Nr. 119, 132 u. 1280), Kartensammlung (E 10291, 10292). – Preußisches Urkundenbuch (1882–2000). – Urkundenbuch zur Geschichte des vormaligen Bisthums Pomesanien, hg. von Hermann Cramer, Marienwerder 1885–87. – Dembovius, Michał Dyakon: Beschreibung des Schlosses und der Stadt Riesenburg, in: Erleutertes Preußen 4 (1728) S. 335–381. – Virtuelles Preußisches Urkundenbuch, hg. von Jürgen Sarnowsky, Hamburg 1999–2013 (http://www1.uni-hamburg.de/Landesforschung/orden.html).

Insgesamt ist die Quellenlage für den hier relevanten Zeitraum und Kontext recht dürftig. Eine von Kaufmann 1928 mehrfach zitierte bischöfliche Stadtwillkür oder Polizeiverordnung mit 43 Artikeln aus dem 15. Jahrhundert ist in der von ihm genannten Akte (GStA, II. Hauptabteilung, Abt. 9, Städtesachen, Riesenburg, Sektion II, Nr. 1) nicht (mehr) enthalten und in der Forschung auch nicht weiter rezipiert worden.

(8)Cramer, Hermann: Geschichte des vormaligen Bisthums Pomesanien, Marienwerder 1884. – Schwalm, Louis: Geschichte der Stadt Riesenburg unter Berücksichtigung ihrer näheren Umgebung, Riesenburg 1896. – Kaufmann, Karl Josef: Geschichte der Stadt Riesenburg, Riesenburg 1928. – Michalik, Henryk: Prabuty, Kwidzyn 2001. – Glauert, Mario: Das Domkapitel von Pomesanien 1284–1527, Toruń 2003 (Prussia Sacra, 1). – Glauert, Mario: Art. „Pomesanien, Bischöfe von“, in: Höfe und Residenzen I,1 (2003), S. 596–599. – Glauert, Mario: Art. „Riesenburg“, in: Höfe und Residenzen I,2 (2003), S. 485 f. – Jarzebowski, Residenzen (2007).

Marc Jarzebowski