(1) C. war Mittelpunkt des Cambrésis (im Folgenden C.sis), eines wegen seiner Lößböden sehr fruchtbaren Landstrichs. Die Siedlung entstand auf dem rechten Ufer der Schelde auf einer Anhöhe, die zu einer Hügelkette gehört, die die nördliche Grenze des Pariser Beckens bildet; westlich liegen die Hügel des Artois, östlich die des Avesnois und des Thiérache. Drei Scheldearme verliefen durch das Stadtgebiet.
Erstmals erwähnt wurde C. bereits um die Mitte des 4. Jahrhunderts v.Chr. auf der Peutingertafel. In antik-römischer Zeit erscheint C. als ländliche Siedlung am Kreuzzungspunkt der Straßen Bavay-Amiens und Arras-Vermand. C. ersetzte in der Spätantike Bavay als Hauptort der Nervier und als Bf.ssitz. Mittlerweile Stadt geworden, fiel C. um die Mitte des 5. Jahrhunderts an die salischen Franken und wurde nach 509 definitiv dem Frankenreich einverleibt. Seit der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts ist C. als Bf.ssitz belegt, erster Bischof war der Hl. Gaugerich (frz. Géry, lat. Gaugericus) (reg. 584/590-nach 624). Vorher schon, seit dem Hl. Vedastus (frz. Vaast) (†540) waren die Bm.er C. und Arras miteinander verbunden, was bis zu ihrer endgültigen Trennung 1093 bestehen blieb. Im Rahmen der Auflösung des fränkischen Reichs kam C. schließlich 925 an das ostfränkische Reich, 959 wurde es Teil des niederlotharingischen Hzm.s. 948 gestand König Otto I. dem Bischof die gfl.en Rechte zu, womit Auseinandersetzungen mit dem Grafen Isaac von C. beendet wurden. Der Bischof wurde kgl.er Vasall und erhielt weltliche Güter, die Zuständigkeit Graf Isaacs wurde auf das Umland C.s beschränkt. 1007 erhielt der Bischof von Kaiser Heinrich II. auch die gfl.en Rechte im Umland, um dem Grafen von Flandern widerstehen zu können. Das C.sis entwickelte sich zu einem geistlichen Fm., in dem der Bischof die Regalien ausübte (u.a. Münzschlag) und Abgaben einzog. Im Gegensatz zum (kleinen) Bistum umfasste die Diözese einen weiten Raum, dessen Grenze in etwa der der spätantiken Civitas der Nervier entsprach.
Gelegen im äußersten Westen des Reichs direkt an der Grenze zu Frankreich, wurde C. in die steten Auseinandersetzungen zwischen dem König von Frankreich und dem Grafen von Flandern einbezogen. Vor 1076 setzte der flämische Graf seine Schutzherrschaft über das Bistum durch, im Gegenzug erhielt er die »Gave«, auch »Gavatum« (frz. gavène, lat. gavatum), letztlich eine Art Schutzleistung/-geld. Seit dem 13. Jahrhundert entfremdeten die Grafen von Hennegau größere Teile des Bm.s, wodurch dieses schließlich knapp ein Drittel seines einstigen Umfangs verlor. Ebenfalls seit Beginn des 13. Jahrhunderts suchten die frz. Könige ihren Einfluss auf C. zu vergrößern, was gefördert wurde durch den Umstand, dass C. Suffragan des Reimser Ebf.s war. Im 14. Jahrhundert waren die Bischöfe durchweg französischsprachig und Parteigänger des frz. Kg.s, im 15. Jahrhundert teilweise des Hzg.s von Burgund, u.a. Johann von Burgund (reg. 1439-1479), ein illegitimer Sohn Herzog Johanns ohne Furcht, welcher sich allerdings meist in Brüssel aufhielt. Nach dem Schlachtentod Herzog Karls des Kühnen von Burgund 1477 vereinnahmte König Ludwig XI. von Frankreich das Bistum, 1482 wurde C. ein neutraler Status zwischen Frankreich und den nunmehr (seit 1482) habsburgischen Niederlanden eingeräumt. Dennoch erhob 1510 Kaiser Maximilian I. das Bistum zu einem weltlichen Herzogtum und damit zu einem Fürstentum des Reichs. 1543 eroberte Kaiser Karl V. das C.sis und schloss es den habsburgischen Niederlanden an. Im Rahmen der Gegenreformation verlor die Diözese C. 1559 durch die Neugründung der Bm.er Mecheln und Antwerpen seine nördlichen Teile. Im Gegenzug wurde C. zu einem Erzbistum erhoben mit den Suffraganen St. Omer, Arras, Tournai und Namur (1562 Titel eines Hzg.-Ebf.). Das 1581-1595 von den Franzosen besetzte C. wurde von den spanischen Habsburgern übernommen, das weltliche Herzogtum aufgehoben. 1630 geriet C. im Rahmen der französischen Bündnispolitik wiederum in den Interessenskreis Frankreichs, 1677 wurde die Stadt von den Franzosen erobert. Im Frieden von Nimwegen 1678 wurde C. definitiv Frankreich angeschlossen.
(2) Nach einem deutlichen Bevölkerungswachstum im Hochmittelalter zählte C. Ende des 14. Jahrhunderts ca. 10-12000 Einwohner, das C.sis dürfte im 15. Jahrhundert etwa 18000 Einwohner gehabt haben; 1695 gab es 12000 Einwohner in der Stadt.
Die Stadt entstand aus zwei Siedlungskernen. Eventuell gab es ein antik-römisches Kastell auf dem rechten Ufer, archäologisch belegt ist es jedoch nicht. Westlich und nördlich des hypothetischen Kastells entstand der eine Siedelplatz. Südöstlich wurde von Bischof Gaugerich auf einem Hügel namens »Mont-des-Bœufs« eine Abtei gegründet (878 befestigt), welche Ausgangspunkt des zweiten Siedlungskerns wurde. Der Raum zwischen beiden Kernen wurde im Laufe der Zeit besiedelt. Zu Beginn des 7. Jahrhunderts gab es bereits sieben geistliche Einrichtungen, die den Siedlungsraum strukturierten. Im 9. Jahrhundert formierte sich um die Kapitelskirche ein besonderes Viertel, zu dem die Kathedrale, der bischöfliche Palast und die Kapitelsklausur gehörten, später ergänzt durch ein Kloster und die Kurien der Kanoniker. Nach der Zerstörung durch einen Normanneneinfall 880 vergrößerte Bischof Dodilo (reg. 887-901) die Befestigung. Bischof Leutbert (reg. 1051-1076) ließ eine Wall-Grabenanlage errichten, sein Nachfolger Bischof Gerhard II. (reg. 1076-1092) das gesamte Siedlungsareal inkl. des Kathedralviertels durch eine Mauer mit Türmen und Toren umfangen. Hiermit war das Zusammenwachsen zu einer Siedlung vollendet. Im Raum zwischen beiden Kernen hatten sich seit dem 7. Jahrhundert Händler und Handwerker niedergelassen, hier fanden Märkte und Messen statt, entstanden in der Folge ein Marktplatz, das Rathaus und die Tuchhalle. Westlich der Schelde entstand auf zum Hochwasserschutz künstlich erhöhtem Gelände die Vorstadt Cantimpré. Nordwestlich anschließend ließ Bischof Nicolas de Fontaine (reg. 1248-1272) die Burg Selles verstärken, deren Errichtung eventuell schon von Bischof Gerhard I. (reg. 1013-1051) in Angriff genommen worden war. 1543-1545 ließ Kaiser Karl V. auf Kosten der Einwohnerschaft auf dem »Mont-des-Bœufs« eine Zitadelle errichten zum Schutz der Grenze gegen Frankreich. Das Viertel Saint-Géry (800 Häuser) inkl. der Kirche wurde hierfür niedergelegt. Bis ins 19. Jahrhundert sollte sich die Ausdehnung der Stadt nicht mehr verändern.
Seit dem Verschwinden des Laien-Gf.en um die Mitte des 10. Jahrhunderts ließ sich der Bischof durch einen Kastellan (»châtelain«) vertreten, der die hohe Gerichtsbarkeit und die Wehrhoheit ausübte. Dieser war auch für das C.sis zuständig. Das im frühen 13. Jahrhundert entstandene Offizialatsgericht hatte auch weltliche Befugnisse nicht nur in der Stadt, sondern auch für das C.sis. 1227 verlieh Bischof Godefroy de Fontaines (reg. 1220-1237 oder 1238) die »loi Godefroy«, mit der die Rechte der Stadt festgelegt und ihre Institutionen abgesichert wurden. Der Bischof wurde als einzige Autorität über der Stadt anerkannt. Es gab zwei »Prévôts« und 14 Schöffen, die der Bürgerschaft entstammten und vom Bischof ernannt (bzw. abgesetzt) wurden. Ihren Eid legten sie vor dem Domkapitel ab. Die Bürger waren verpflichtet, einander Beistand zu leisten und zu den von den Prévôts einberufenen Gemeindeversammlungen zu erscheinen. Die Schöffen waren berechtigt, Steuern zu erheben. Die Rechtsprechung wurde durch zwei Amtsträger (»tribunaux«) ausgeübt, die zusammen den »magistrat« bildeten. Strafsachen wurden von Schöffen unter Vorsitz der Prévôts, Zivilsachen (Niedergerichtsbarkeit) von denselben unter Vorsitz des »bailli de la Feuillie«, auch »le Justice« genannt, geurteilt. 1246 gestand Bischof Guiard de Laon das Recht zu, auch über die 24 Lehnsmannen des Bf.s in Straf- und Immobiliensachen zu urteilen. In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts erscheint ein aus 130 Personen bestehender Rat, der an der Stadtverwaltung beteiligt war. Er wurde durch ein permanentes Kollegium ersetzt, den »Quatre hommes« (Vier Mannen), denen die Aufsicht über die Stadtmauer, die öffentlichen Gebäude, Wege und die Wirtshäuser oblag. Um die Mitte des 14. Jahrhunderts erscheint nur noch ein Prévôt. 1364 schuf Bischof Pierre d’André (reg. 1349-1368) die Kammer bzw. das Haus der Stadt (»Chambre« oder »Maison de Ville«), auch Kammer des Friedens (»Chambre de Paix«) genannt, als Sitz der Verwaltung. Ab der Herrschaft durch die spanischen Habsburger im 16. Jahrhundert wurde der Magistrat durchweg aus dem Prévôt und allen 14 Schöffen gebildet. Ihnen zur Seite standen die Vier Mannen, daneben die Pensionäre (juristische Berater), die Steuereinzieher und die Rentmeister für die Einkünfte aus den städtischen Liegenschaften. Außerdem gab es noch die Stände, gebildet aus Vertretern der Kirche, des Adels, der Schöffen und einigen Mitgliedern der Führungsschicht.
Stadt- und Landwirtschaft im Umland waren auf das engste miteinander verbunden. Im 9. Jahrhundert gehörten der Stadt Weingärten und zwei angesehene Münzstätten. C. war wichtiger Markt für Gewürze und andere Orientwaren. Getreideproduktion und Textilherstellung sorgten für eine wirtschaftliche Blüte. Um die Mitte des 14. Jahrhunderts gingen die Erträge an Hafer- und Weizen zurück, nicht zuletzt wegen regelmäßig durchziehender Truppenteile. Gleiches erlebte C. im Zeitraum 1635-1659. Schafhaltung und Flachsanbau schufen die Grundlage für eine florierende Tuchproduktion in C., die jedoch im 13. Jahrhundert einen Niedergang erlebte, ehe sie im 15. Jahrhundert zusammenbrach. Im 16. Jahrhundert setzte die Batistweberei ein, ein Luxusgewerbe, das sich zu einer Besonderheit C.s entwickelte. Als weitere Gewerbzweige sind die Gerberei und Mühlenbetrieb sowie der (auch untertage betriebene) Abbau von Kalk zu nennen und der Hausbau; die Steine für den Bau großer Häuser wurden im Umland gewonnen. Die Seifenfabrikation erlebte einen Aufschwung ab 1641. Im 17. Jahrhundert kamen Uhrmacher, Zinngießer, Drucker und Buchbinder hinzu.
Zwischen 958 und 1313 gab es eine ganze Reihe von Aufständen, die von den Bf.en gewaltsam niedergeworfen wurden. Zwischen 1077 und 1215 erhielten die Bürger eine Verbriefung ihrer Stadtfreiheit, die bei jedem Aufstand eingezogen wurde. Unterstützt wurden die Bischöfe vom Reichsoberhaupt. Der von den Bürgern errichtete Beffroi wurde mehrmals zerstört. Die Situation befriedete sich ab 1227 mit dem Zugestehen der kommunalen Selbständigkeit durch die »Loi Godefroy«, die allerdings völlig stadtherrschaftlich geprägt blieb. 1276 und 1313 gab es die letzten Aufstände, politische Spannungen blieben jedoch weiterhin bestehen. Während des gesamten 13. Jahrhunderts versuchte das Domkapitel, einen Teil der Stadtherrschaft zu übernehmen, wenn nicht gar eine Ko-Stadtherrschaft zu errichten. Um die Mitte des 13. Jahrhunderts erhielt es das Recht, Schöffen zu verurteilen und zu exkommunizieren. Streitigkeiten um die Rechtsprechung blieben im 14./15. Jahrhundert an der Tagesordnung, wobei die Bürger sich wechselweise mit dem Bischof oder dem Kapitel gegen die jeweils andere Instanz verbündeten. Meist ging es um Steuerfragen, über die zu entscheiden schwierig war: Die Schöffen beantragten die Erhebung, der Bischof entschied, und das Kapitel autorisierte, und die bfl.en Amtsträger bzw. die des Kapitels zogen sie ein.
(3) Die Kathedrale Hl. Maria wurde im 6. Jahrhundert unter Bischof Wedulf (frz. Védulfe) errichtet. In Folge des Aachener Kapitulars von 816 wurde an der Kirche ein Domkapitel eingerichtet. Nach mehreren Bränden begann der Wiederaufbau der Kirche im 12./13. Jahrhundert im gotischen Stil (vollendet 1472). Im Zuge der Französischen Revolution wurde sie 1796-1809 zerstört. Das Domkapitel zählte 50 Präbenden und verfügte über immensen Grundbesitz. Auch besaß sie eine eigene Pfarrei, St. Gangolf. Daneben gab es zwei Säkularkapitel, St. Gaugerich (gegründet um 849/851 auf dem »Mont des Bœufs«, in Nachfolge eines Männerklosters), das 1543 der Zitadelle weichen musste und deren 48 Geistliche an die St. Vaast-Kirche übertragen wurden, und Sainte-Croix, gegründet 1070/71 von Erlebaut »dem Roten«, einem reichen Bürger im Umfeld Bischof Leutberts (frz. Liébert), welches der schwachen Kontrolle des Domkapitels unterstand. Seit dem 12. Jahrhundert gab es neun Pfarreien in der Stadt: St. Vaast, St. Géry, Hl. Kreuz, St. Martin, St. Georg, St. Maria Magdelena, St. Nikolaus, Hl. Erlöser von Cantimpré und St. Elisabeth, deren Pfarrer durch die Abteien und die Kapitel ernannt wurden. Die Abtei St. Aubert, die alte Kirche St. Peter und Paul, im 7. Jahrhundert gegründet durch den Hl. Aubert, wurde 1066 von Bischof Leutbert in ein Regularkanonikerstift umgewandelt. Es verfügte über eine eigene Pfarrei.
Bis ins 12. Jahrhundert gab es drei Klöster, die Benediktinerabtei Hl. Grab (gegründet 1064) mit einer eigenen Pfarrei, die Abtei Notre-Dame von Cantimpré (gegründet 1180 und 1185 der Kongregation der Viktoriner von Paris angeschlossen) und ein Schwesternhaus, das sich ab Ende des 16. Jahrhunderts in C. befand (vorher in Cantimpré, dann in Prémy). Ein Franziskaner-Konvent wurde 1262 gegründet, Klarissen ließen sich 1493 nieder. 1563 erschienen auf Bitten Erzbischof Maximilien de Berghes zehn Jesuiten. 1600 ersetzten die Franziskaner-Rekollekten die Franziskaner. Im 17. Jahrhundert kamen weitere Konvente hinzu: Kapuziner (1611), Englische Benediktiner (1623), deren Haus 1654 in der Abtei Notre-Dame errichtet wurde, die Barfüßigen Karmeliter (1650) und die Dominikaner (1660). Daneben gab es mehrere Beginenhäuser: In der Vorstadt Cantimpré (1233, 1480 zerstört und in C. wieder aufgebaut), Hl. Georg (1300), Notre-Dame (1636), St. Vaast (1636) und St. Nikolaus (1677).
Augustiner widmeten sich der Armen- und Krankenfürsorge: St. Julian (errichtet 1070 oder 1071 durch Erlebaud den Roten) unterstand dem Domkapitel, St. Ladre (von Lazarus) (errichtet 1116) zur Unterbringung von Leprosen, St. Johann (errichtet 1150-1160), St. Jakob im Wald (1231), St. Jakob der Ältere (1484, als Pilgerherberge) und St. Rochus (1545). Als weitere karitative Einrichtungen sind zu nennen ein Waisenhaus, »Maison des Chartriers« (13. Jh.), Haus der Hl. Anna (1319), Haus des Hl. Peters von Bèvres (1400), Haus der Gemeinen Armen (15. Jh.), Haus der Alten Männer von St. Paul (1574), Haus der Hl. Agnes (gegründet 1663 durch Erzbischof François Van der Burch zur Ausbildung 100 junger armer Mädchen).
Es gab zahlreiche Bruderschaften. Jede der 37 Zünfte verfügte im 15. Jahrhundert über eine eigene Bruderschaft. 1453 bildete sich eine Brudershaft der Bürger zur Verehrung eines Marienbildes, das der Kanoniker Fursy du Bruille 1450 der Kathedrale gestiftet hatte. Patrone waren die Hl. Maria und der Hl. Lukas.
Das C.sis war im 16. Jahrhundert eine Hochburg des Protestantismus. Das Luthertum begann früh, wenn auch nur schwach. Unterdrückt wurde es ab 1525 durch das Offizialat, was ein weiteres Anwachsen jedoch nicht verhinderte. Ausschlaggebend waren Spannungen in der ländlichen Bevölkerung. Ab 1560 wurde der Calvinismus zu einer Massenbewegung. Hugenottische Prediger wurden ab 1562 mehrmals in C. hingerichtet. Im 17. Jahrhundert schwächte sich der Protestantismus ab, was auf den zunehmenden Einfluss der Gegenreformation zurückzuführen ist.
Bezeugt sind Katharer 1180-1200. Die Hexenverfolgung setzte im C.sis 1516 ein, unter den spanischen Habsburgern gab es 1599-1665 über 30 Prozesse.
(4) C. erlebte mehrere starke Zerstörungen: 1543-1545 durch den Abriss des Viertels St. Géry inkl. der Kollegiatkirche, 1793-1809 durch den Abbruch der Kathedrale, des bfl.en Palastes und der Kanonikerhäuser, 1918, als die Deutschen das Stadtzentrum abbrannten, und 1944 durch einen alliierten Luftangriff. Zusammengenommen führte dies zu einem Verschwinden des mittelalterlichen Stadtbildes.
Die Kathedrale wurde im Westen der Stadt auf einem sanften Abhang zur Schelde errichtet (heute Platz Fénelon). Nach Zerstörung des romanischen Vorgängerbaus 1148 wurde neben der Kathedrale auch der bischöfliche Palast durch Nicolas de Fontaines um 1272 wieder errichtet. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts durch Bischof Robert de Croÿ; ausgebessert, erfolgten im 17. Jahrhundert Erweiterungen. Die heutige Rue des Chanoines ist der letzte Rest des einstigen Kanonikerviertels. Von der Burg Selles, die ein Stadttor und den Scheldehafen sicherte und u.a. auch als Gefängnis diente (zahlreiche Graffiti im Innern) und 1543-1545 unter Kaiser Karls V. zur Festung erweitert wurde, haben sich der Turm und Mauern erhalten. Die um 1400 verstärkte Stadtmauer zählte sieben Tore und mindestens 50 Türme (im 19. Jahrhundert abgetragen). Erhalten haben sich von der nach Plänen des italienischen Ingenieurs Donato di Boni erbauten Zitadelle im Südosten vor der Stadt die »Porte Royale« und die Ziehbrücke. Das erste Rathaus, zurückreichend bis 1364, zählte drei Stockwerke und war mit zwei auskragenden Türmchen versehen. Dreimal wurde es vergrößert, 1510 um ein zweistöckiges Corps de Logis und einem Glockenturm ergänzt, 1544 und im 17. Jahrhundert im Renaissancestil umgebaut. Der Glockenturm von St. Martin wurde im 15. Jahrhundert errichtet und wurde ab 1550 von der Stadt als Beffroi genutzt. Der barocken Baukunst gehört die Kapelle des Jesuitenkollegiums an (1692), welches zur Kapelle des Großen Seminars wurde. Als Baustoff wurde im Spätmittelalter und bis ins 17. Jahrhundert hinein für die städtischen und kirchlichen Gebäude Stein bevorzugt, für die Wohnhäuser Fachwerk mit Strohdach (ab Ende des 15. Jahrhunderts durch Dachziegel ersetzt), wie es beispielhaft überliefert ist im 1595 während der spanischen Besetzung errichteten Haus »Espagnole« (Fachwerk mit steinerner Giebelfront), wohl als letztes in dieser Bauart.
Das städtische Wappen erscheint erstmals als Siegelbild 1340 (auf Gold ein Doppeladler in schwarz mit gespreizten Klauen und geöffnetem Schnabel in rot, bedeckt mit Herzschild, auf gold drei azurne steigende Löwen 2 : 1 zeigend). Das Wappen des Bm.s (auf weiß drei steigende Löwen in rot 2 : 1) erscheint in anderen Farben im Herzschild des Stadtwappens. Unter der spanischen Besetzung erfuhr der Doppeladler eine Aufwertung, das Wappen des C.sis geriet außer Gebrauch.
C. erfuhr mehrere Darstellungen. Der Graveur Gérard Jollain I. fertigte im 17. Jahrhundert ein Bild aus der Kavaliersperspektive an, das auf einem Stich des 16. Jahrhunderts beruht. Daneben gibt es einen Plan im Stadtatlas von Braun/Hogenberg von 1592, dessen zugrundeliegende Kupfergravur in den 1580er Jahren erstellt wurde. 1649 erschien ein Plan im umfangreichen Atlaswerk von Frederik Willem van Loon, Ende des 17. Jahrhunderts ein weiterer von Johannes Covens I., überdies wurde 1710 ein Plan von Eugène Henry Friex veröffentlicht. Eine Reliefkarte schuf der französische Ingenieur La Devèze zu Beginn des 18. Jahrhunderts (zerstört 1945 in Berlin, Rekonstruktion in C., Musée des Beaux-Arts).
(5) Die Stadt war aufs engste mit ihrem Umland verbunden. C. war der zentrale Markt für den Verkauf der im C.sis gewonnenen landwirtschaftlichen Erzeugnisse. Tuche und feine Leinwand wurden für den Fernhandel umgeschlagen und gelangten über Flandern, die Niederlande und England, über Frankreich und die Champagne-Messen bis nach Italien und weiter an andere Orte. Von der ersten Hälfte des 13. bis zur zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts war C. Mitglied der flämisch-nordfranzösischen »Hanse der Siebzehn Städte«. C., das bereits im 7. Jahrhundert Münzstätte war, blieb ein bedeutender Ort des Geldwechsels. Im 14./15. Jahrhundert gab es eine ganze Reihe von Wechslern, die einer engen Aufsicht der Stadt und des Bf.s unterlagen. Einige agierten um 1200 im geheimen als Kreditgeber.
Inmitten des C.sis gelegen, gab es eine enge Verkehrsanbindung mit der 24 km südöstlich entfernten Kleinstadt Le Cateau-C.sis, einer Neustadt, die anzulegen dem Bischof von Kaiser Otto III. erlaubt wurde. Die Stadt gehörte zum bfl.en Tafelgut, der Bischof gebot dort über das Stadtregiment und richtete einen Markt und eine Münzstätte ein. Die dortige Burg diente als Rückzugsort, falls es in C. zu Unruhen kam. Seit dem 11. Jahrhundert wurde der dortige Markt auch von Bewohnern C.s besucht.
C. war Hauptort des C.sis. Diese Grafschaft umfasste zwölf Adelsherrschaften (belegt für 1080), deren Inhaber bischöfliche Lehnsmannen waren. Ab dem 16. Jahrhundert bildeten sie neben der Geistlichkeit die Stände des Landes. 1597 wurden sie durch Vertreter der Stadt C. ergänzt. Ein ständiger Ausschuss bildete sich, in dem sechs Vertreter der Geistlichkeit, drei des Adels und vier der Schöffen zusammengeschlossen waren.
(6) Stadt und Stadtherr waren in C. aufs engste miteinander verwoben, auch wenn die Beziehungen teils sehr spannungsgeladen waren. Die Gegenwart bedeutender geistlicher Institutionen, durch reichen Grundbesitz unterstützt, erklärt, warum C. großes intellektuelles und künstlerisches Ansehen im Mittelalter erwerben konnte. Hervorzuheben sind die Skriptorien mit ihrer blühenden Handschriftenproduktion. Vom 15. bis 17. Jahrhundert vermochte C. viele bedeutende Musiker und Sänger anzuziehen, deren Talent weithin durch Europa bekannt war, wie beispielsweise den Domkanoniker Guillaume Dufay (†1474).
Angesichts der steten Bedrohungen seitens der benachbarten Mächte versuchten die C.er Oberhirten durchweg die Unabhängigkeit ihres kleinen Herrschaftsgebiets zu erhalten. Die machtpolitische Schwäche hatte sowohl negative als auch positive Auswirkungen. 1385 wurde in C. die Doppelhochzeit zwischen den Kindern Herzog Philipps des Kühnen von Burgund-Flandern und Graf Albrechts von Bayern-Holland begangen. 1529 wurde wegen des neutralen Status C. zum Abschluss des sog. Damenfriedens zwischen Kaiser Karl V. und König Franz I. von Frankreich gewählt. Beides waren bedeutende weltliche höfische Ereignisse.
(7) Das Stadtarchiv Cambrai ist zum großen Teil zerstört. Einige Quellen, die der Zerstörung 1918 entgangen sind, befinden sich nun in den »Collections patrimoniales de la bibliothèque municipale«, heute »Le Labo« (Serien AA bis HH). Das Archiv des Bistums, der geistlichen Einrichtungen und des Offizialats befinden sich in Lille, Archives départementales du Nord (ADN), Serien G und H, die der Rechenkammer in der Serie B (politische, diplomatische und militärische Betreffe). Im Le Labo werden zahlreiche, für die Stadtgeschichte wichtige Manuskripte überliefert, darunter die Urteile/Entscheidungen des Domkapitels.
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