Residenzstädte im Alten Reich (1300-1800)

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Mannheim

Mannheim

(1) Die wegen ihrer quadratischen Grundrissstruktur allgemein bekannte Residenzstadt M. liegt im Gebiet des Oberrheins am Zusammenfluss von Neckar und Rhein. Errichtet wurde sie ab 1606 anstelle des 766 erstmals erwähnten (aber sicherlich älteren) Dorfes »Mannenheim« (Heimstatt des Manno), das dem Kloster Lorsch gehörte. Das Dorf befand sich wahrscheinlich an der Stelle des jetzigen Schlossareals und der Oberstadt, seine Gemarkung erstreckte sich über die heutige Innenstadt mit dem »Jungbusch« (heutige Unterstadt) und dem Hafen. In der Nähe des Dorfes lagen zwei Zollburgen, das ab 1200 bezeugte castrum husen (Rheinhausen) und eine vesten off dem Rhyn aus dem zweiten Drittel des 13. Jahrhunderts 1368 wurde der Ort in einer Vereinbarung zwischen den pfälzischen Kurfürsten Rupprecht I. und Ruprecht II. als Mannenheim, die Feste auf dem Rhein gelegen, bezeichnet. M. und die Zollburgen gehörten fortan zum unveräußerlichen Kurpräzipuum. Am Ort der Burg Rheinhausen wurde die Zollburg Eichelsheim (Ersterwähnung 1275) etwas weiter westlich errichtet.

1606 wurde das Dorf an eine andere Stelle verlegt und wieder aufgebaut. Gleichzeitig begann an Stelle des alten Dorfes der Aufbau der von regelmäßigen rechteckigen Baublöcken gekennzeichneten Planstadt M. mit der Festung Friedrichsburg. Die neue Stadt sollte religiöse Exulanten anziehen. Im Dreißigjährigen Krieg und im Pfälzischen Erbfolgekrieg wurde M. mehrmals zerstört (1622, 1635, 1645, 1689), der Wiederaufbau von Stadt und Festung setzte 1697/98 ein. 1709 wurden Stadt und Festung rechtlich vereinigt. 1720 formal zur Residenzstadt erhoben, begann der Schlossbau auf dem Gelände der vormaligen Festung. 1731 ließ der kurpfälzische Hof sich tatsächlich in M. nieder, woraufhin die städtische Baustruktur leicht geändert wurde (Verbreiterung der Hauptstraßen, Verkleinerung der Baublöcke annähernd zu Quadraten). 1777 wurden unter Kurfürst Karl Theodor, der in Bayern als Erbe nachfolgte, Hof und Verwaltung nach München verlegt, in M. verblieb die kurpfälzische Justizverwaltung. Dort existierten auch das erste Nationaltheater und die Akademie, in deren Umfeld sich gelehrte Publizisten sammelten, die M. zu einem Zentrum der Aufklärung machten. 1795 kam es im antirevolutionären Koalitionskrieg zu weiteren Zerstörungen.

(2, 4) 1606 schlossen die Dorfbewohner einen Vertrag mit Kurfürst Friedrich IV. von Pfalz-Lautern (reg. 1583-1610), nach welchem die Siedlung gegen Entschädigung abgerissen und am jungen Busch wieder errichtet wurde. Noch im selben Jahr begann mit Hilfe niederländischer Festungsbauexperten die Errichtung der Stadt M. in Form eines Sterns mit acht Bastionen in altniederländischer Manier, im Inneren mit regelmäßig-rechteckigen Baublöcken. Sie lag nördlich der ebenfalls sternförmigen und mit sieben Bastionen versehenen Zitadelle Friedrichsburg, deren Grundriss hingegen von radial verlaufenden Straßen gekennzeichnet war, rechtlich war sie zudem von der Stadt getrennt. 1610 war ein erster Bauabschnitt mit der Einweihung des Neckartores abgeschlossen. 1622 wurde die Festung vollendet, zudem ein Grundrissplan erstellt.

1607 erließ Kurfürst Friedrich IV. in mehreren Sprachen »Freyheiten und Begnadigungen«, um den Zuzug von Exulanten zu fördern; bereits 1612 und 1615 wurden zwei Refugeés Unterschultheißen. 1608 und 1609 verabschiedete Münzordnungen sahen eine Prägung in M. vor (zwischen 1610 und 1620 wurde in der Kurpfalz das Münzrecht jedoch nicht wahrgenommen). Im Dreißigjährigen Krieg wurde M. mehrmals schwer getroffen (1622 durch kaiserliche, 1635 durch kaiserliche und bayerische, 1645 durch französische Truppen), Instandsetzungen erfolgten kurzfristig 1632 unter schwedischer Besatzung. Nach dem Dreißigjährigen Krieg erneuerte Kurfürst Karl I. Ludwig von Pfalz-Simmern (reg. 1649-1680) 1652 die Stadtprivilegien, die 1663 auf die Bewohner der Friedrichsburg übertragen wurden. Die Privilegien sahen eine Befreiung von Abgaben und die Einführung der Gewerbefreiheit vor, zudem wurde mit ihnen um Zuwanderer geworben. In der Folge kamen vor allem hugenottisch-wallonische Bierbrauer, Tabakbauern und Tuchmacher nach M.; neben der Rheinschifffahrt entwickelten sich diese Gewerbe zu florierenden Wirtschaftszweigen. 1652 bekleideten ein Niederländer bzw. ein Franzose die Posten des Schultheißen und des Stadtdirektors. Unter Kurfürst Karl II. von Pfalz-Simmern (reg. 1680-1685) wurde 1681 das Neckartor wiederrichtet sowie die Stadt mit fünf Toren und sieben Bollwerken versehen. 1684 wurde die Zählung der Baublöcke mit römischen Zahlen eingeführt, die die vorherigen Straßen- bzw. Gassennamen ablöste.

Nach der Vertreibung der Einwohner und der vollständigen Zerstörung im Pfälzischen Erbfolgekrieg 1689 setzte unter Kurfürst Johann Wilhelm von Pfalz-Neuburg (reg. 1690-1716) ab 1697 der Wiederaufbau ein, 1698 und 1699 befahl er den auf die andere Neckarseite geflüchteten ca. 500-700 Bewohnern der dort gegründeten Siedlung Neu-M. zurückzukehren, zudem erneuerte er die Stadtprivilegien und die Judenkonzession von 1660. Der Stadtrat nahm seine Arbeit wieder auf. Zwei Ratsverwandte waren bereits vorher tätig gewesen, die übrigen zehn wurden nun aus den ehemaligen vier Neu-M.ern Bürgervorstehern und einer Vorschlagsliste, aus welcher der Kurfürst unter Wahrung der konfessionellen Verhältnisse ihm geeignet erscheinende Kandidaten aussuchte (jeweils fünf der vorherrschenden reformierten und katholischen und zwei evangelischer Konfession), gewählt. Nun dominierten Amtsträger deutscher Herkunft, 1686 war ein Drittel französischen Ursprungs gewesen. Die Amtsnachfolge sollte durch Kooptation erfolgen, jedoch bestimmte seit 1709 der Kurfürst die Besetzung freiwerdender Ratsstellen.

Der Wiederaufbau sollte nach den ursprünglichen Plänen erfolgen. Bei der Bebauung der Parzellen wurde der ältere Plan mit rechteckigen Baublöcken beibehalten. 1700 legte man am Südende des Marktplatzes in der Unterstadt den Grundstein zum Rathaus. 1709 wurde die bisher als Ort selbständige (seit 1698 von einem vom Kurfürsten eingesetzten »Stadtdirektor« regierte) Zitadelle Friedrichsburg rechtlich und baulich mit der Stadt vereinigt, weswegen das Blockschema von der ehemaligen Unterstadt in die neue Oberstadt weitergeführt wurde; nach außen hin sollte M. als geschlossene Gesamt-Festung erscheinen. Mit der Erhebung M.s zur Residenzstadt 1720 wurde das Gitternetz der Bürgerstadt bis in die ehemalige Zitadelle hinein verlängert, zudem führte man sieben Straßen an den Bauplatz des Schlosses heran, dessen Grundstein 1720 gelegt wurde.

Der Kurfürst förderte M. wirtschaftlich, indem er 1700 Konzessionierungen für Salpetersiedereien erließ, 1701 eine Porzellanmanufaktur privilegierte und 1709 eine Tabakinspektion zur Hebung des Tabakanbaus einrichtete. Der Überlandhandel wurde durch die Reparatur der Neckarbrücke und eine neue Schiffsbrücke über den Rhein 1714 vereinfacht. Die Maßnahmen zeitigten schnelle Erfolge. Ökonomisch entscheidend war seit 1698 die Anwesenheit von Kaufleuten, Handwerkern und Gewerbetreibenden der reformierten Konfession. Sie besaßen volle Bürgerrechte, konnten Grundstücke erwerben und eine Meisterstelle und städtische Ämter bekleiden.

Unter Kurfürst Karl III. Philipp von Pfalz-Neuburg (1716-1742) wurden die Stadtrechtsprivilegien 1733 geändert, indem die Mehrausgaben für die Militär- und Hofangehörigen auf die M.er Bürger umgelegt wurde und ein Kataster zur Besteuerung der Häuser eingeführt wurde. Die Schatzung war 1728 an die übrige Pfalz angeglichen worden. Zur Finanzierung des Residenzbaus war 1721 eine jährliche Schlossbausteuer von 75000 Gulden angesetzt worden, die 1733 auf 40000-45000 Gulden gesenkt wurde. Der Hof lockte nun vermehrt Kunsthandwerker bzw. Produzenten von Luxusartikeln nach M. 1726 wurde ein Wechsel- und Kaufmannsgericht gegründet. Zwischen 1724-1741 wurde das zweiflügelige Kaufhaus errichtet, das später als Sitz von Regierungsbehörden (Rentamt, Oberappellationsgericht, Kriegsrat u.a.) diente.

Baulich kam es in den 1730er Jahren im Zusammenhang mit dem Schlossbau zu Veränderungen. Die Zurücksetzung von Baublöcken zu Seiten der Hauptstraße hatte die Herausbildung einer städtischen Zentralachse zur Folge, die mit den Gebäuden des Ehrenhofes eine Flucht bildete; Fluchtpunkt war der Mittelrisalit des Residenzschlosses. Die lange Schlossfront begrenzte die Stadt im Südwesten, alle Straßen waren auf sie ausgerichtet. Einen zweiten Richtpunkt im nunmehr geschaffenen Quadratenetz der Stadt bildete der Schnittpunkt der beiden Hauptstraßen. Strenge Baurichtlinien schrieben ein einheitliches Stadtbild mit festgelegter Geschossanzahl, identischen Fenster-, Gesims- und Dachformen sowie gleichartigem Anstrich vor. Optisch traten die Häuser gegenüber der Residenz, den Militärbauten und den Sakralbauten zurück. Die wenigen Häuser des Adels, der Beamten und Kaufleute durften drei Stockwerke und im Vergleich zu den anderen Privatbauten größere Grundstücke haben, Angehörige der mittleren Stände bewohnten zweigeschossige Häuser, den Unterschichten wurde einstöckige Häuser vorgeschrieben. Zudem gab es eine soziale Segregation: Adlige und Hofangehörige siedelten sich hauptsächlich in der Oberstadt an, in deren Osten, auf dem Gelände der ehemaligen Friedrichsburg, keine Steuern auf Häuser zu entrichten waren. Die sogenannten »Planken« bildeten die Grenzlinie zwischen Unterstadt und Oberstadt. In der Nähe des zentral gelegenen Marktplatzes lebten viele Ratsverwandte. Dagegen war die Unterstadt bis zum Neckar von den Bürgern bewohnt. Den Juden war die freie Ansiedlung innerhalb der Stadt erlaubt. Seit den 1720er Jahren kamen Kasernenbauten hinzu.

In die Festungswälle waren drei Stadttore eingelassen: das Neckartor, das Rheintor und das Heidelberger Tor, welche in den 1720er Jahren als repräsentative Bauwerke errichtet wurden. Der ausgebaute Festungsring bestand 1758 aus 13 nach Heiligen benannten Bastionen, welche die Stadt symbolisch die Anmutung einer »Civitas Dei« verliehen. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts setzte der Rückbau der Festungswerke ein, 1795 wurden sie von österreichischen Truppen beseitigt.

Unter Kurfürst Karl Theodor von Pfalz-Sulzbach (reg. 1742-1799) erlebten Hof und Stadt M. eine kurzfristige Blütezeit: 1760 wurde das Schloss vollendet, 1763 wurde die Akademie der Wissenschaften gegründet (1780 erweitert um die »Societas Meteorologica Palatina«, der ersten international tätigen meteorologischen Gesellschaft), 1769 die Zeichnungsakademie. Der Kurfürst bemühte sich auch um die allgemeine Landesverschönerung, weswegen er Obst- und Maulbeerbäume an den zur Stadt führenden Chausseen und im Stadtinneren pflanzen ließ. Musikgeschichtlich bedeutsam war der Ausbau der Hofkapelle unter Johann Stamitz mit der Bildung einer eigenen »M.er Schule« der Instrumentalmusik; 1777 weilte kurzfristig Wolfgang Amadeus Mozart am Hofe und wirkte als Musiklehrer der Fürstenkinder.

Einen scharfen Einschnitt stellte die Verlagerung des Hofs nach München 1777 dar, der durch die dynastische Nachfolge Karl Theodors im Herzogtum Bayern bedingt war. Trotz des Verlusts der Residenzfunktion blieb M. bedeutend durch das vom Kurfürsten ausreichend dotierte, 1779 gegründete Nationaltheater unter der Leitung des Intendanten Freiherrn von Dalberg, der den Hofschauspieler August Wilhelm Iffland aus Gotha verpflichtete; 1782 wurden »Die Räuber« des noch unbekannten jungen Friedrich Schiller uraufgeführt.

Nach Wegzug des Hofs wurde 1782-1788 gleich gegenüber dem Schloss das weiträumige Palais Bretzenheim, ein Stadtadelspalast, errichtet, in welchem die Mätresse Kurfürst Karl Theodors, Maria Josepha Seyffert, zusammen mit ihren Kindern untergebracht war.

Für das Dorf M. werden 1439 ca. 100 Haushalte genannt, was auf 450-500 Einwohner schließen lässt. In der Entstehungsphase der Stadt M. werden für 1618 1600 Einwohner genannt, für 1622 210 Familien. Die Zerstörungen im Dreißigjährigen Krieg waren gravierend, 1644 wurden die letzten 450 Bewohner vertrieben. Der Wiederaufbau ging deutlich voran, 1663 gab es ca. 4500 Einwohner, von denen zwei Drittel niederländischer bzw. wallonischer Herkunft waren. Nach dem erneuten Einschnitt durch die Zerstörung 1689 setzte ein Wiederanstieg ein, um 1700 gab es ca. 2000 Einwohner, 1720 5300 Einwohner, davon ca. 1000 Militärangehörige und ca. 600 Juden. Mit der tatsächlichen Verlegung des Hofs nach M. stieg die Einwohnerzahl auf ca. 8000 (1733), davon ca. 3000 Hofangehörige und Soldaten.

(3) In dem der Stadt vorausgehenden Dorf gab es seit dem 14. Jahrhundert eine dem Hl. Sebastian geweihte Kirche, die zur Diözese Worms gehörte. Höchstwahrscheinlich machte die Kirche den Konfessionswechsel der Pfalzgrafen mit. Die deutsch-reformierte Gemeinde wurde seit 1602 durch einen Geistlichen betreut. Mit dem Ausbau zur Stadt ging die Schaffung einer weiteren reformierten Kirchengemeinde einher, für die eine neue Kirche am Neckartor errichtet wurde; 1608 wurde der erste französisch-reformierte Pfarrer berufen, 1612 folgte ihm ein weiterer. Nach dem Dreißigjährigen Krieg wurde im Rahmen des Wiederaufbaus die konfessionelle Vielfalt gefördert, Kurfürst Karl Ludwig (reg. 1649-1680) verfolgte eine Toleranzpolitik. Nach Verleihung der Stadtprivilegien 1652 kamen ab 1655 auch Täufer und Mennoniten nach M.; letztere erhielten 1664 eine Generalkonzession. 1660 wurde auch Juden die Ansiedlung gestattet, der Bau von Synagoge und Mikwe zugestanden. 1677-1680 wurde unter Kurfürst Karl Ludwig in der Friedrichsburg die Eintrachtkirche erbaut und von Geistlichen der lutherischen, reformierten und katholischen Konfession eingeweiht. Sein Nachfolger Kurfürst Karl II. von Pfalz-Simmern (1680-1685) verfolgte eine dezidiert calvinistische Linie, unter ihm wurde die reformierte Doppelkirche 1685 zu bauen begonnen, aber erst 1688 fertiggestellt, als mit Kurfürst Philipp Wilhelm aus der Linie Pfalz-Neuburg (reg. 1685-1690) ein Katholik herrschte, der aber die Reformierten gewähren ließ, ihnen und den Lutheranern jedoch auferlegte, Katholiken am Gottesdienst teilnehmen zu lassen.

Wiederaufbau und Residenznahme im 18. Jahrhundert hatten weitreichende Folgen für die Kirchenstruktur. Sehr früh, 1701-1704 und damit vor den Kirchengemeinden, errichtete der in der Volksmission tätige Kapuzinerorden seine Kirche, auch ein Kloster durfte er bauen (dessen Konventsgebäude später als Schule diente). 1706 wurde mit dem Bau der Kirche für die katholische Gemeinde begonnen, die wieder das St. Sebastianspatrozinium erhielt. Sie wurde baulich mit dem in der mehrheitlich von Nicht-Katholiken bewohnten Unterstadt gelegenen Rathaus verbunden, Ausdruck dessen, dass die weltliche Gemeinde von dem vom Herrscherhaus getragenen Katholizismus geprägt sein sollte. Mit der Bestimmung als Residenzstadt 1720 einher ging der Bau der Garnisonskirche für die in M. stationierten Soldaten. Kurfürst Karl III. Philipp (reg. 1716-1742) schenkte 1727 den Jesuiten ein Areal westlich des im Bau befindlichen Schlosses für eine Kirche (errichtet 1738-1760) und ein Kollegium (1734 vollendet); die Jesuiten waren in der Bildung aktiv (1747 Gymnasium für Jungen) und missionierten (eine Mädchenschule war bereits 1722 von Augustinerinnen eröffnet worden). In der Oberstadt wohnten hauptsächlich Katholiken. Dort siedelten sich ein Franziskanerkonvent und 1736 auch ein Hospiz der Karmeliter (Filiale der Heidelberger Ordensniederlassung) an. Bereits 1730 wurde das Karl Borromäus-Hospital gegründet.

In der Unterstadt befanden sich die 1689 zerstörte reformierte Doppel- bzw. Konkordienkirche und die Trinitatiskirche. Auf dem Grundstück der Doppelkirche erbaute man ab 1706 (zeitgleich mit der katholischen Kirche) wiederum als Doppelbau die Kirche der deutsch- und wallonisch-reformierten Gemeinde (deutscher Teil 1717, wallonischer Teil 1739 geweiht), verbunden durch einen ab 1725 errichteten Mittelturm.

1739 stellten Katholiken den größten Bevölkerungsanteil dar, gefolgt von Reformierten, Lutheranern, Juden und einer geringen Anzahl Mennoniten. Durch verschiedene Prozessionen, z.B. durch die Jesuiten zu Beginn des Schuljahres, waren die Katholiken im weiteren Stadtraum präsent, die St. Sebastianskirche bildete bis 1777 den zentralen Ausgangspunkt von Prozessionen zu Mariä Geburt, zum Fronleichnamsfest und zu Ehren des Stadtpatrons St. Sebastian.

(5) 1613 wurde M. das Privileg für zwei Jahrmärkte, den Philippi-Markt am 1. Mai und den Herbstmarkt acht Tage vor Michaeli verliehen, später waren es fünf Jahrmärkte und Wochenmärkte mit regionaler Anziehungskraft. Im frühen 18. Jahrhundert dominierte die Produktion von Handwerks- und Landwirtschaftserzeugnissen für die Eigenversorgung; Tabak sowie Wolle, Garne und handwerkliche Produkte wurden in das nahe Umland exportiert. Die kfl.en Privilegien sollten den regionalen Handel fördern, wozu der Kurfürst 1718 die abgelaufene Zollfreiheit erneut für zehn Jahre einführte. Die Zollfreiheit auf Ein- und Ausfuhren war ein M.er Vorrecht in der Kurpfalz.

Im 18. Jahrhundert war M. neben Heidelberg und Frankenthal eine der Hauptstädte der Kurpfalz, die von einem Stadtdirektor regiert wurden.

(6) M. entstand als mehrkonfessionelle Festungs- und Planstadt zu Beginn des 17. Jahrhunderts anstelle eines älteren Dorfes. Im Verlauf der frühen Neuzeit gehörte M. zu den größeren Marktstädten, es lag an wichtigen Flüssen als Verkehrs- und Handelswegen mit Jahr- und Wochenmärkten. Mit der Erhebung zur kurpfälzischen Residenz 1720 wurde M. städtebaulich von der Ausrichtung auf das Schloss als Regierungs- und Verwaltungssitz dominiert. Faktisch war M. nur für 36 Jahre Residenzstadt. Diese Funktion ging mit zunehmenden Eingriffen des Kurfürsten Karl III. Philipp in die städtische Autonomie einher, namentlich indem der Kurfürst 1726 die freie Wahl der Bürgermeister beschnitt und 1729/30 ein Bestätigungsrecht verabschiedete und 1741 sogar einen Kandidaten gegen den Stadtrat durchsetzte. Die Mehraufwendungen durch die Hofhaltung sollten durch Zahlungen aus dem städtischen Ungeld und dem Brückengeld der Rheinbrücke an die kurfürstliche Hofkammer beglichen werden. Die Rekatholisierungsbestrebungen in der mehrkonfessionellen Stadt durch den Kurfürsten und seinen Hof zeigte sich in der Ansiedlung katholischer Hofangehöriger in der Nähe des mit der Jesuitenkirche und dem -kolleg verbundenen Schlosses, während sozial niedriger stehende Bevölkerungsgruppen der lutherischen und reformierten Konfession jenseits der »Planken« wohnten, wo sich auch ihre Gotteshäuser befanden. Nach Abzug des Hofs blieb M. ein gelehrtes Zentrum der Aufklärung, zudem Sitz der höheren kurpfälzischen Justizbehörden.

(7) Archivalische Überlieferungen befinden sich im Landesarchiv Baden Württemberg - Generallandesarchiv Karlsruhe unter der Bestandsgruppe 43 Pfalz Generalia, Laufzeit 1173-1828, daneben im Bayerischen Hauptstaatsarchiv München, Altsignatur Serie II Kurpfalz und Geheimes Hausarchiv. Ratsprotokolle für die Zeit nach 1661 werden im Stadtarchiv Mannheim (Marchivum) aufbewahrt.

Zu den Stadt-Privilegien: Renovation und fernerweithe Extension der Mannheimer Privilegien [1698], Heidelberg 1702. - Bayerisches Hauptstaatsarchiv München, Geh. Hausarchiv, Hz 100 Abt. III, Nr. 67 Karl Philipp: Confirmation Und Ferner-weithe Extension Der Mannheimer Privilegien, Welche von Dem … Fürsten und Herrn, … Carl Philippen, Pfaltz, Graffen bey Rhein … Aus Sonderbaren Gnaden Bis ad Annum 1727 inclusive … confirmirt und prolongirt worden, o. O. 1718. - Churpfältzische Landtsordnung, Heidelberg 1572. - Johann Goswin Widder: Versuch einer vollständigen geographisch-historischen Beschreibung der Kurfürstl. Pfalz am Rheine, 4 Theile, Frankfurt am Main 1786-1788. - Heinrich von Feder: Geschichte der Stadt Mannheim nach den Quellen, Bd: 1: XVII. und XVIII. Jahrhundert, Mannheim und Straßburg 1875 und 1877.

Die bildlichen Darstellungen Mannheims im 17. Jh. sind Vogelschauansichten: »Perspektivische Ansicht der Stadt Mannheim und Festung Friedrichsburg bei der Eroberung durch General Tilly 1622«, Kupferstich, gedruckt in Bamberg 1623 von Peter Isselburg, Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim. - Matthaeus Merian d.Ä.: Stadt Mannheim und Festung Friedrichsburg, Kupferstich, 1645, Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim, E11157. - Taudpherus, Wilhelm: Blick auf Mannheim mit der Festung Friedrichsburg und der Fliegenden Brücke, von der gegenüberliegenden Rheinseite aus gesehen, Kupferstich, 1669, Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim (dazu Wieczorek [2013]). - Erst mit Werner, einem Vedutenzeichner, vollzog sich ein Wandel zur (Ideal)Veduten Mannheims von der Rheinseite: Jeremias Wolff nach Friedrich Bernhard Werner: Ansicht der Stadt Mannheim, Kupferstich, nachträglich koloriert, AKG Images. - Douve, Franz Karl von: Mannheim um 1730, Federzeichnung, Kurpfälzisches Museum Heidelberg. - Plan »Nouvelle Jerusalem« Mannheim in den »Amusemens des Eaux de Schwalbach Oder Zeitvertreibe bei den Wassern zu Schwalbach«, Lüttich 1739. (Nies/Caroli [2007]). - Froimont, Jean Clemens: Kleine Vogelschauansicht des Mannheimer Residenzschlosses, 1726, Radierung, Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim, Inv.-Nr. G Ad 162. - Bodenehr, G.: Plan von Mannheim mit seiner neuen Fortification, Kupferstich nach 1731, Universitätsbibliothek Heidelberg, Sammlung Batt (dazu Leibetseder [2013]). - Schlichten, Johann Franz von der, Klauber, Joseph Sebastian, Baptist Johann: Vues de Mannheim, Mannheim 1782.

(8)Huth, Hans: Die Kunstdenkmäler des Stadtkreises Mannheim, 2 Bde., München 1982 (Die Kunstdenkmäler in Baden-Württemberg). - Leibetseder, Stefanie: Johann Paul Egell (1691-1752). Der kurpfälzische Hofbildhauer und die Hofkunst seiner Zeit. Skulptur - Ornament - Relief, Diss. phil. Petersberg 2013 (Studien zur internationalen Architektur- und Kunstgeschichte, 96). - Nies, Ulrich, Caroli Michael: Geschichte der Stadt Mannheim, Bd. 1, 1607-1801, Heidelberg/Ubstadt-Weiher/Basel 2007. - Probst, Hansjörg: Mannheim vor der Stadtgründung, 4 Bde., Regensburg 2006/2007. - Probst, Hansjörg: Kleine Mannheimer Stadtgeschichte, Regensburg 2005. - Schaab, Meinrad: Geschichte der Kurpfalz, 2 Bde., Stuttgart 1988-2006. - Straub, Karl Anton: Mannheimer Kirchengeschichte. Katholische Vergangenheit und Gegenwart, Mannheim 1957. - Wennemuth, Udo: Geschichte der evangelischen Kirche in Mannheim, Sigmaringen 1996 (Quellen und Darstellungen zur Stadtgeschichte, 4). - Werner, Ferdinand: Die kurfürstliche Residenz zu Mannheim, Worms 2006 (Beiträge zur Mannheimer Architektur- und Baugeschichte, 4). - Die Wittelsbacher am Rhein. Die Kurpfalz und Europa, Bd. 2, Neuzeit, hg. von Alfried Wieczorek [Ausstellungskatalog zur 2. Ausstellung der Länder Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen 8. September 2013 bis 2. März 2014], Regensburg 2013 (Publikationen der Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim, 60).

Stefanie Leibetseder