Residenzstädte im Alten Reich (1300-1800)

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Sorau (Żary)

Sorau (Żary)

(1) Die Stadt S., auf einer leichten Anhöhe in der Talmulde der Sore gelegen, entstand im 13. Jahrhundert am Schnittpunkt der Handelsstraße Frankfurt (Oder)-Görlitz mit der Salzstraße Magdeburg-Schlesien. Der Orts- und Gewässername geht auf das altsorbische *žar (Brand o. ä.) zurück und verweist auf Brandrodung im Rahmen des Landesausbaus noch in slawischer Zeit. 1007 ist ein slawischer Kleingau als »terra Zara/Zarowe« belegt. 1249/1301 bezeichnete der Begriff bereits die im polnisch-schlesischen Einflussbereich wohl um 1200 entstandene Herrschaft S., die im weiteren Verlauf des Spätmittelalters die größte Adelsherrschaft im Osten der Mark Lausitz bzw. des erst langsam entstehenden Mkgftm.s Niederlausitz werden sollte. Ihr Hauptort war S., dem 1260 vom Grundherrn das Magdeburger Stadtrecht verliehen wurde. Es besteht keine Siedlungskontinuität mit dem ehemaligen, vermutlich slawischen Dorf Alt Sorau, das zwei Kilometer nordwestlich von S. am späteren Lugk-Vorwerk lag.

Als Herren von S. trat um 1200–1280 die Adelsfamilie Dewin auf. Ihr folgte die Familie Pack nach, wohl als Lehnsmänner der schlesischen Herzöge von Sagan. 1319 ergriff Herzog Heinrich von Jauer von S. Besitz, sein Erbe fiel 1346 an den König von Böhmen. Dieser erwarb 1370 auch die restliche Lausitz. Fortan machte S. die Wechsel der Landesherrschaft mit: 1623/1635 an Kursachen, vorübergehend 1657–1738 an Sachsen-Merseburg, 1815 an Preußen.

Die Herrschaft S. selbst ging 1355 von den Pack an die Herren von Biberstein über (1490–1512 an die Wettiner verpfändet). Ab 1411 war S. fast ununterbrochen mit der westlich angrenzenden Herrschaft Triebel (Trzebiel) verbunden. Nach dem Aussterben der Friedländer Linie der Biberstein 1551 fiel S. 1552 an den Landesherrn zurück, der sie zunächst an den Markgrafen von Brandenburg-Ansbach verpfändete und 1556 an den Breslauer Bischof Balthasar von Promnitz († 1562) verkaufte. Die Promnitz (1562 Freiherren, 1652 Reichsgf.en) besaßen S.-Triebel bis zum Verkauf an die Kurfürsten von Sachsen 1765.

S. war wohl mit wenigen Unterbrechungen (vor allem während landesherrlicher Interregna) Hauptresidenz seiner Stadtherren. Zentrale politische Institutionen waren hier angesiedelt: Hofgericht (1424 erwähnt) und Lehnhof für die Vasallen (Afterlehnsleute) sowie Kanzlei, dazu ein in der frühen Neuzeit zunehmend ausdifferenzierter Behördenapparat und das Konsistorium. Die Vasallen und die Städte S. und Triebel bildeten die Stände der Herrschaft, die zweimal jährlich im »Landgewölbe« im Rathaus zusammentraten. Seinen Status als Mediatstadt verlor S. 1824.

(2) Der Stadtgrundriss spricht für eine geplante, allerdings sukzessive gewachsene Anlage: Es handelt sich um ein ostwestlich ausgerichtetes, dem Verlauf der Salzstraße folgendes Oval, das in Längsrichtung von drei annähernd parallelen Straßen erschlossen wird. Im Nordwesten befand sich die Burg, am östlichen Ende eine rundlingsartig um die Kirche angelegte Siedlung, die angeblich 1207 bestanden haben soll. Zwischen Burg und Kirchensiedlung entstand die Kolonistenstadt mit rechtwinkligem Straßensystem, in deren Mitte der Markt angelegt wurde. Im Südwesten lag das Franziskanerkloster. Es gab zwei Tore, das Obertor im Westen und das Niedertor im Osten. Die in Teilen erhaltene Stadtmauer wird auf das 14./15. Jahrhundert datiert, dürfte jedoch älter sein. Vorstädte (erwähnt 1419) existierten beiderseits entlang der Salzstraße. Das Stadtgebiet gliederte sich um 1800 in drei Rechtsbezirke: in die Stadtgemeinde, den Schlossbezirk und die Amtsgemeinde mit zeitweilig bis zu 29 privilegierten Freihäusern und Burglehnhäusern. Im 16. Jahrhundert hatte S. etwa zwischen 1500 und 2000 Einwohner, 1818 genau 4589.

Auch wenn das Magdeburger Stadtrecht 1260 verliehen worden war, treten städtische Institutionen erst später in Erscheinung, Bürgermeister werden 1329, Ratsmänner 1371 erwähnt. Der Rat bestand zunächst aus zehn, später zwölf Mitgliedern, von denen drei alternierend das Bürgermeisteramt bekleideten, drei weitere das Amt des Stadtrichters. Hinzu kam ein Stadtschreiber. Politische Mitspracherechte besaßen die 1418 erwähnten Viergewerke (Tuchmacher, Schuhmacher, Schneider, Fleischer), an deren Stelle später die Ältesten und Geschworenen als Vertreter der Zünfte traten. Die jährliche Ratswahl zu Ostern wich im späten 16. Jahrhundert der Ernennung der Ratsmitglieder durch die Herrschaft. Dagegen hatte die Gerichtsverfassung bis 1824 Bestand: Die niedere Gerichtsbarkeit oblag den Stadtrichtern und Schöffen (1434 belegt), vom Obergericht einschließlich der Gefälle erwarb die Stadt 1473 ein Drittel (ein weiteres Drittel gehörte den Vasallen). Um 1500 entstanden die später mehrfach bestätigten, vor allem Polizei- und Erbrecht regelnden Stadtstatuten. Der Herrschaft standen Einnahmen aus Salzmarkt, Fleischbänken und Grundzins von städtischem Land und Mühlen zu. Den Grundzins vom Stadtgrund erlangte die Herrschaft erst nach 1381. 1544 kam als weitere Abgabe die Biersteuer hinzu. Münzrecht (ursprünglich bei den Herren von S. liegend) und Zoll wurden der Stadt überlassen.

Die Stadtschützen gaben sich 1415 eine Willkür, ihre Aufgaben beschränkten sich in der frühen Neuzeit auf Wach- und Zeremonialdienste. Aber noch 1604 wurden sie vom Stadtherrn Heinrich Anselm von Promnitz in seiner Funktion als Landvogt der Niederlausitz für die Niederschlagung eines Aufstands in Guben herangezogen.

Neben der Landwirtschaft dürfte S. von den durch die Anwesenheit der Residenz bedingten Gewerken geprägt gewesen sein. Die Landwirtschaft verlor mit dem Ausbau der Gutswirtschaft im Laufe der frühen Neuzeit an Bedeutung. Die Herrschaft kaufte von 1595 bis zum 18. Jahrhundert mehrere Vorwerke und zahlreiche Privatäcker auf. Das genossenschaftliche Brauwesen (mit Bannmeilenrecht, anfangs auch Monopol für die Gesamtherrschaft) blieb bis um 1800 (112 brauberechtigte Vollhäuser gegenüber 400 nicht brauberechtigten Kleinhäusern) wichtige Erwerbsquelle. Konkurrierend trat der Landadel auf (Vergleichsrezess 1521), später die Herrschaft selbst, die der Stadt vor allem nach dem Dreißigjährigen Krieg das Monopol streitig machte. Zunftordnungen und -privilegien sind seit der Herrschaft Johanns III. von Biberstein (reg. ca. 1366–1424) belegt und sind angeblich auch von ihm erstmals erlassen worden. Auf Wohlstand des Handwerks deuten Stiftungen und Schenkungen hin, die von Innungen und einzelnen Bürgern getätigt worden waren. Als ranghöchstes und zahlenmäßig stärkstes der Viergewerke unterhielten die Tuchmacher ein großes Meisterhaus (anstelle der 1549 abgebrannten Kirche St. Anna). Spätestens im 17. Jahrhundert war das S.er Textilgewerbe in ein arbeitsteiliges Fertigungs- und Vertriebsnetzwerk zwischen Schlesien und den Messeorten Leipzig, Naumburg und Frankfurt (Oder) integriert. 1691 gab es in S. 165 Tuchmacher, ferner um 1700 ca. 1000 Leineweber, die aber aufgrund günstigerer Lebensbedingungen zunehmend ins dörfliche Umland abwanderten. Die Leinenindustrie, dominiert von einzelnen Handelshäusern, entwickelte sich bis zum 19. Jahrhundert zum Hauptgewerbe. Am bekanntesten wurde die Firma der Familie Petri, nach 1765 Nachnutzerin vieler Herrschaftsbauten für Manufakturbetriebe. In das Umfeld der Hofhaltung gehört die 1573 entstandene Druckerei, die erste im Mkgfm. Niederlausitz. Eine angesehene Wachsmanufaktur bestand seit ca. 1700, daneben gab es Goldschmiede, Perücken- und Sporenmacher, Zinngießer sowie Pfefferkuchenbäcker. Im 18./19. Jahrhundert wurden drei Jahrmärkte abgehalten.

(3) Die Stadt- und Hauptkirche »Unserer lieben Frauen« soll ab 1207 errichtet worden sein, doch ist dieses nicht mehr überprüfbar; Pfarrer sind seit 1297 überliefert. Der Pfarre zugeordnet waren sechs Dörfer. S. war im Spätmittelalter Sitz eines Erzpriesters, der spätestens 1346 zum Dekanat Bautzen (statt Meißen) gehörte. In der rundlingsartigen Kirchensiedlung befanden sich Superintendentur, Wohnhäuser der Geistlichkeit und der in die Stadtmauer integrierte Glockenturm. Ausgestattet war die Kirche, im frühen 15. Jahrhundert als spätgotische Hallenkirche errichtet, mit ca. 20 Altären, u. a. für Rat, Schützen, einzelne Gewerke usw. sowie für eine Marien- und eine Kalandbruderschaft. Im Zuge der Reformation wurde die Stadtkirche zur herrschaftlichen Grablege (erstmals 1539; als Promnitzkapelle mit Gruft 1670/72 angebaut), bis ins 18. Jahrhundert war die Herrschaft maßgeblich an der Ausstattung der Kirche beteiligt. Das Patronat lag bei der Stadtgemeinde, die Zuständigkeit für die Finanzen hatte Stadtherr Christoph von Biberstein 1551 dem Rat übertragen. Die Kirche umgaben zwar viele Familiengrüfte, doch befand sich der eigentliche Friedhof ursprünglich an der Petrikirche. 1563 wurde ein neuer Stadtfriedhof in der östlichen Vorstadt angelegt (barocke Begräbniskirche dort 1700–1728 errichtet). Nur teilweise dokumentiert ist die Entwicklung der zeitweilig fünf Filialkirchen und Kapellen, darunter die einstige Alt S.er Kirche (1751 bürgerliche Neustiftung als Begräbniskirche für das eingepfarrte Dorf Grabig) und St. Petri, ursprünglich wohl Burgkapelle und Landkirche weiterer eingepfarrter Dörfer. Explizit als wendische Kirche wird St. Anna am Obertor bezeichnet (beim Stadtbrand 1549 zerstört). Zudem gab es noch die bis 1505 bestehende Eremitenkapelle und die Dorfkirche Seifersdorf südlich von S.

Das Johannes dem Täufer und Johannes dem Evangelisten geweihte Franziskanerkloster, 1299 erstmals erwähnt, existierte bis zum Brand 1549. Es diente vor dem 16. Jahrhundert als Grablege. In der Reformation fiel das Grundstück an die Herrschaft; 1550 wurde die Kirche erneuert (so ebenfalls 1728). Das Hospital zum Hl. Geist und Hl. Kreuz mit gleichnamiger Kapelle vor dem Niedertor (später »Niederhospital« genannt zur Unterscheidung vom Oberhospital) wurde vor 1329 von der Bürgerschaft gestiftet; in diesem Jahr ersetzte Stadtherr Ulrich II. von Pack die jährliche Vorsteherwahl durch ein Amt auf Lebenszeit und befreite es von Abgaben. Durch herrschaftliche Schenkungen besaß das Hospital zeitweilig Rechte in zehn Dörfern. Das Oberhospital (1568–1928) wurde auf dem Grundstück des Franziskanerklosters mithilfe eines Legats von Bischof Balthasar errichtet. Um 1800 existierten außerdem je ein herrschaftliches und ein städtisches Siechenhaus im Vorstadtbereich. Armenkassen sowie Ausbildungsstiftungen entstanden nach einem ersten Armenkasten von 1556 vor allem im 18. Jahrhundert

Die Reformation setzte ungefähr gleichzeitig mit Görlitz 1524 mit der Abschaffung der Hl. Messe ein, wesentliche Zäsur war das Ende der Fronleichnamsprozession 1551. Der letzte Stadtherr aus dem Haus Biberstein konvertierte im gleichen Jahr, seinem Todesjahr. Der Breslauer Bischof Balthasar von Promnitz (reg. 1539–1562) begegnete als Stadtherr (ab 1556) dem protestantischen S. mit Toleranz. 1578 wurde eine neue Kirchenordnung verabschiedet, 1597 ein eigenes Konsistorium geschaffen, in dem bis 1765 auch Vertreter der Stadt saßen. Erst ab 1634 durften Pfarrer ordiniert werden.

Um 1500 wird ein Schulhaus erwähnt, gestiftet wurde die Stelle eines Baccalaureus. In der Reformation wurde nach Görlitzer Vorbild die Schule neu geregelt und ausgebaut.

Episode blieb die von der Herrschaft betriebene Ansiedlung von böhmischen Juden ab ca. 1539; ihre Synagoge am Markt wurde 1549 (Stadtbrand) zerstört. Im späten 17. Jahrhundert nahm die Herrschaft Glaubensflüchtlinge aus dem schlesischen Sagan auf und förderte die Gründung von Zufluchtskirchen. Zudem gab es im 17. Jahrhundert pietistische Einflüsse durch das Haus Promnitz, in deren Gefolge der Diakon Johann Georg Böse (amt. 1690–1700) letztlich erfolglos versuchte, diese Lehre zu verbreiten. Der in Halle erzogene Graf Erdmann II. von Promnitz errichtete ab 1718 nach Hallenser Vorbild ein Waisenhaus mit eigener Schulbuchdruckerei und Freischule für arme Kinder, vor allem Mädchen. Freigewordene Predigerstellen suchte er mit Hallenser Absolventen zu besetzen, den Superintendenten, Gelehrten und bekannten Kantatendichter Erdmann Neumeister verdrängte er 1715. Mit Tod Graf Erdmanns II. 1745 endeten – abgesehen von der erfolgreich etablierten Waisenhausschule – die pietistischen Ansätze.

(4) Das Schloss, ein um 1540 von der Familie Biberstein auf dem Grundriss der spätmittelalterlichen Burg geschaffener Renaissancebau, lag im Nordwesten der Stadt; es war das größte der Niederlausitz. Besonders Graf Erdmann II. († 1745) hat das Stadtbild durch Bauten geprägt. An erster Stelle ist das direkt östlich des Biberstein-Baus auf Teilen der Stadtmauer errichtete Promnitz-Schloss (ca. 1705–1726, geschaffen in erster Linie durch den Baumeister der Dresdner Frauenkirche George Bähr) zu nennen, eine barocke Vierflügelanlage mit imposanter Schauseite zur Stadt. Es schlossen sich der Reitstall und außerhalb der Stadt das 1723 errichtete Palais für eine von Graf Erdmann II. geplante, aber nicht realisierte Ritterakademie an, welches später als Lustschloss (Tummelhaus genannt) genutzt wurde, an. Im S.er Wald wurde noch das »Waldschloss« errichtet.

Daneben wurde das (von Stadtbränden nachweislich 1424, 1549 nur im Westen, 1619, 1684 und 1701 zerstörte) Stadtbild von den ursprünglich 18 Türmen (einschl. Kirchen, Schloss usw.) geprägt, die die mehrfach literarisch gepriesen wurden und als Kern der städtischen Identität galten. Viel bewundert wurde das von Freiherr Seifried I. von Promnitz 1585 in der Stadtkirche errichtete dreigeschossige Kunst-Uhrwerk (1684 verbrannt). Das Rathaus steht mittig auf dem Markt und ist durch Bauteile des Spätmittelalters und des 16. Jahrhunderts bestimmt (barock überformt nach 1684). Bürgerhäuser vom Ende des 18. Jahrhunderts zeugen vom Wohlstand dieser Zeit.

Das Wappen der Stadt nahm jeweils das Wappenbild der Stadtherren auf. Das älteste Siegel stammt von 1352, das Petschaft aber wohl schon aus der Mitte des 13. Jahrhunderts . Es zeigt einen Krieger vor einer Burgtorarchitektur, im Schild den Hirsch der Pack (eventuell von den Dewin übernommen). Später kamen Bibersteinische (Hirschstange) und Promnitzische (Pfeil und Sterne) Embleme hinzu, zuletzt eine englische Dogge wegen der Besserung des Promnitzschen Wappens anlässlich der Erhebung zu Reichsgrafen 1652. Ungeklärt ist die Bedeutung des Buchstabens »W« in der Wappenmitte, das zuerst auf Münzen aus der Packschen Zeit nachweisbar ist.

Huldigungen fanden unter Beteiligung der gesamten Bürgerschaft auf dem Markt oder auf dem Schloss statt. 1558 nahm Bischof Balthasar auf dem Schlossplatz von jedem Bürger und Bauern persönlich den Handschlag entgegen. Seine Einholung zur Privilegienbestätigung 1560 erfolgte durch 200 Bürger. Der Heimfall 1765 bedeutete auch symbolisch eine Veränderung, da nun nur städtische Amtsträger verpflichtet wurden.

Stadtansichten bieten die Stiche in Samuel Großers »Lausitzische Merkwürdigkeiten« (1714) und Böhmer/Jachne (um 1725); Stadtpläne vor 1800 fehlen. Ältere Ansichten und Prospekte sind ferner im HStA Dresden vorhanden.

(5) Zur Stadt gehörte ein südlich und östlich gelegenes, größtenteils herrschaftliches Waldgebiet (S.er Wald). S. war nach Ausweis des S.er Landregisters von 1381 Ausgangspunkt einer Reihe von deutschrechtlichen Dorfgründungen nach schlesischem Muster (Reihendörfer) rund um die Stadt, im Norden und Westen der Herrschaft S. blieben slawische Dörfer bestehen. Die Stadt besaß 50 Hufen Land, auf dem Mühlen und Vorwerke eingerichtet wurden, die anfangs entweder in Privat- oder in Ratsbesitz waren. Einige S.er Bürger verfügten laut dem Landregister 1381 über Herrschaftsrechte über einzelne Güter und Bauern.

Für herrschaftliche und öffentliche Bauten wurden Fachleute aus Schlesien (u. a. auch in Sagan wirkende Italiener), aus den Oberlausitzer Städten und aus dem Umfeld des sächsischen Hofs herangezogen. Von Dresden und Leipzig aus gelangten Georg Philipp Telemann (in S. ca. 1704–1708) und Wolfgang Caspar Printz (in S. ab 1664 zunächst Kantor an der Stadtkirche, schon vor 1704 und erneut 1708–1717 am Hof) als Kapellmeister an den S.er Hof. Die bürgerliche Oberschicht besaß Kontakte (Handel, Heiratsverbindungen, Migration) neben der Oberlausitz und Mitteldeutschland vornehmlich nach Niederschlesien, besonders mit Breslau. Dass die erste Übersetzung des Neuen Testaments ins Niedersorbische 1548 offenbar durch einen Geistlichen der Herrschaft S. erfolgte, mag Ausweis der von S. ausgegangenen intellektuellen Dynamik sein.

Die reich begüterten Familien Biberstein und Promnitz gelangten zeitweilig in fürstenähnliche Stellungen, einzelne Mitglieder bekleideten hohe Hof- bzw. Regierungsämter. Unter den ursprünglich niederadligen Promnitz (mehrmals Landvögte der Niederlausitz) entwickelte sich S. zu einem Zentrum der Landespolitik (Huldigungsort der Niederlausitzer Landstände). Die Promnitz erlebten einen dynastischen Aufstieg, dessen Höhepunkt neben der Verleihung der Reichsgrafenwürde die Ehen Graf Erdmanns II. mit Frauen aus regierenden Fürstenhäusern Sachsen-Weißenfels und Reuß-Lobenstein waren. Als Kabinettminister August des Starken beherbergte er diesen auf seinen Reisen zwischen Sachsen und Polen.

(6) S. gilt allgemein als Beispiel einer adligen Mediatstadt, wie sie im ostelbischen Raum verbreitet war, doch ist S. zugleich für längere Zeiträume als Residenzstadt zu charakterisieren (vom 14. bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts für die Biberstein und von 1562 bis 1765 für die Promnitz). Als solche konnte S. trotz gelegentlicher Versuche, die Rechte der Herrschaft auszuweiten, eine bedeutende Stellung bewahren, ja die politisch herausragende Stellung der Adelsfamilien und das Engagement einzelner Herren dürften die Stadtentwicklung erheblich gefördert haben. Einen anhaltenden Dualismus zwischen Stadt und Herrschaft scheint es nicht gegeben zu haben (hingegen gab es sehr wohl Konflikte zwischen Bürgerschaft und Rat). Die Vernetzung zwischen den führenden Familien der Stadt und den Amtsträgern bei Hofe ist bisher nicht beschrieben worden, sie dürfte eng gewesen sein.

(7) Das Stadtarchiv erlebte 1945 starke Verluste, Reste finden sich im polnischen Staatsarchiv Grünberg (Archiwum Państwowe w Zielonej Górze), Reste des Herrschaftsarchivs im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin und im Brandenburgischen Landeshauptarchiv in Potsdam, wo auch Akten der Mittel- und Oberbehörden sowie das Archiv der Niederlausitzer Stände liegen. Ferner sind verschiedene Bestände des Sächsischen Staatsarchivs – Hauptstaatsarchiv Dresden einschlägig. Einzelne Sachen (Chronik A. Büßer) werden im Staatsarchiv Breslau (Archiwum Państwowe we Wrocławiu) bewahrt. Das nach 1945 in Hamm/Westfalen aufgebaute »Sorauer Heimatarchiv« (Bibliothek, Sammlungsgut) befindet sich heute im Stadtarchiv Forst (Lausitz). Im Aufbau befindet sich in S. das Museum des Schlesisch-Lausitzischen Grenzgebietes, das neben anderem Landkarten, archäologische Funde und ein Modell der Altstadt des 18. Jahrhunderts präsentiert.

Magnus, Samuel: Historische Beschreibung der Hoch-Reichs-Gräfflichen Promnitzschen Residenz-Stadt Sorau […], Leipzig 1710. – Schultze, Johannes: Das Landregister der Herrschaft Sorau von 1381, Berlin 1936 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für die Provinz Brandenburg und die Hauptstadt Berlin, VIII, 1).

(8)Conradi, Johann Friedrich: Kirchen-, Prediger- und Schulgeschichte der Herrschaften Sorau und Triebel. Aus dem Nachlass, hg. von Johann Gottlob Worbs, Görlitz u. a. 1803. – Worbs, Johann Gottlob: Geschichte der Herrschaften Sorau und Triebel, Sorau 1826 (ND Guben 2008). – Berghaus, Heinrich: Landbuch der Mark Brandenburg und des Markgrafthums Nieder-Lausitz, 3 Bde., Brandenburg an der Havel 1853–1856. – Die Kunstdenkmäler des Kreises Sorau und der Stadt Forst, bearb. von Hans Erich Kubach und Joachim Seeger, Berlin 1939 (Kunstdenkmäler der Provinz Brandenburg, V,6). – Rauert, Klaus-Henning, Wendig, Friedrich: Siebenhundert Jahre Sorau. Die Geschichte einer ostdeutschen Stadt 1260–1960, Dortmund 1960. – Lehmann, Rudolf: Die Herrschaften in der Niederlausitz. Untersuchungen zur Entstehung und Geschichte, Köln u. a. 1966 (Mitteldeutsche Forschungen, 40). – Lehmann, Rudolf: Historisches Ortslexikon für die Niederlausitz, 2 Bde., Marburg 1979. – Hereditas Culturalis Soraviensis. Beiträge zur Geschichte der Stadt Sorau und zu ihrer Kultur, hg. von Edward Białek und Łukasz Bieniasz, Dresden 2010.

Jan Klußmann