(1) D. (abgeleitet von der »Horst an der Delme«) entstand an der als Fernhandelsweg bedeutenden Flämischen Straße. Ursprünglich hatte an diesem Weg die Burg Schlutter der Sicherung des Übergangs über den Fluss Delme gedient. Sie wurde aber im Zuge der Stedingerkriege zerstört und nach der Eroberung Stedingens von den Oldenburger Grafen 1234 durch eine weiter delmeabwärts liegende Befestigung ersetzt. Zuvor hatte an dieser Stelle ein als »de Horst« bezeichneter Gutshof gestanden. Vermutlich begann Graf Otto I. von Oldenburg um 1247 mit der Errichtung einer Wasserburg. Sieben Jahre später wird - gemeinsam mit ihrer erstmaligen Nennung als D. - urkundlich die Burgkapelle erwähnt.
Die Burg sowie das Zentrum der bald in ihrer Nähe entstehenden Siedlung lagen auf einem schmalen Geeststreifen inmitten des sumpfigen Delmetals. Die Siedlung war - wahrscheinlich schon im 13. Jahrhundert - von einem Wall und einem Graben umgeben. In Richtung Oldenburg und Groningen zweigte in D. als weiterer wichtiger Handelsweg die Friesische Heerstraße ab.
Die früheste Erwähnung D.s als Wohnort eines Oldenburger Grafen, nämlich Johanns I., erfolgte 1259. Um 1278 wurde die Herrschaft D. als Nebenlinie des Oldenburger Gf.enhauses von Graf Otto II. (†1304) gegründet, später, ab etwa um 1340, bezeichneten sie sich als Grafen von D.
In den Erbschaftauseinandersetzungen Graf Gerds von Oldenburg mit seinem Bruder Moritz wurde D. mehrmals (1462, 1471, 1481) belagert, vor allem von der mit Moritz verbündeten Stadt Bremen, und die Siedlung dabei schwer in Mitleidenschaft gezogen. 1482 gelangte die Herrschaft D. mit Burg und Siedlung an den Bischof Heinrich von Münster (aus der Familie der Grafen von Schwarzburg-Blankenburg) (reg. 1466-1496), der bereits seit 1463 Erzbischof von Bremen war (sich selbst allerdings nur als Administrator bezeichnend), und verblieb bis 1547 beim Niederstift Münster, als sie von Graf Anton I. (†1573) für die Oldenburger zurückerobert wurde. Die Burg wurde von etwa 1552 bis 1557 zu einem repräsentativen Schloss ausgebaut. Die Zeit von 1577 (Landesteilung zwischen Graf Johann VII. und Anton II., mit dem die neue Linie Oldenburg-D. begann) bis zum Tod des letzten D.er Grafen, Christian IX., 1647 kann als Hochphase der Residenz bezeichnet werden. Die Grafschaft Oldenburg-D. geriet auf dem Erbweg zunächst an die Grafen von Oldenburg und nach deren Aussterben 1667 an das Königreich Dänemark. Das mittlerweile verfallene Schloss ließ der dänische König ab 1711 abreißen.
(2) Die D.er Grafen verfolgten mit der Verleihung des Stadtrechts nach Bremer Vorbild 1371 wahrscheinlich das Ziel der Aufwertung D.s gegenüber Oldenburg, welches 1345 dasselbe Stadtrecht erhalten hatte. Die weitere Entwicklung des Ortes verlief prekär, so dass man ihn in der Neuzeit bis etwa 1700 vor allem als Flecken oder Weichbild bezeichnete. Verantwortlich für die gering ausgebildeten städtischen Strukturen - es gab nur wenige Einwohner, kaum Handwerker sowie Kaufleute und erst sehr spät einen Markt - waren unter anderem die fehlende Stadtmauer und die direkte Nachbarschaft zum wirtschaftlich starken Bremen.
Für das Spätmittelalter liegen keine Zahlen zur Bevölkerungsgröße vor. Ein erstes Schatzungsverzeichnis von 1536 lässt auf etwas weniger als 500 Einwohner schließen; fünf Jahre später gab es 65 Feuerstätten, von denen aber nur 26 tatsächlich Steuern abführten. Für das Jahr 1623 kann man von maximal 1100 Einwohnern ausgehen, eine Zahl, die im 17. Jahrhundert weitgehend stagnierte.
Die Bürger waren zwar nach Bremer Vorbild frei, die Grafen schränkten ihre Autonomie jedoch ein, was von der Stadtgesellschaft nicht hinterfragt oder gar bekämpft wurde. Im Namen der Grafen war ein mit der Rechtsprechung betrauter Vogt - 1380 ist erstmals ein Gericht belegt - eingesetzt. Ferner lagen Zoll, Mühle, die Nutzung der Delme und die Entscheidung über die Ansiedlung von Juden im Zuständigkeitsbereich des Stadtherrn. Das Münzrecht wurde der Stadt nicht verliehen. Der Schutz der Bevölkerung D.s durch die Burg wurde 1434 in einem Vertrag geregelt. Die Bürger waren im Gegenzug zur Verteidigung der Burg verpflichtet.
Die zwölf auf Lebenszeit gewählten Ratsherren, vier davon agierten als sitzender Rat, mussten sich in einem Schwur dem Stadtherrn verpflichten. In Rechtsfragen stand ihnen ein eingeschränktes Mitspracherecht zu.
Während der Jahre 1482 bis 1547 gehörte D. zum Territorium des Bf.s von Münster, dessen Interessen ein Amtmann bzw. Drost wahrnahm. Nachdem Graf Anton I. D. 1547 für das Oldenburger Gf.enhaus zurückerobert hatte, wurde die Stadt wieder Residenz. Nun war der Rat erstmals hinsichtlich der Gerichtsbarkeit vom gfl.en Vogt unabhängig.
Zu den wenigen für das späte Mittelalter und die frühe Neuzeit für D. nachgewiesenen Handwerken gehören Müller, Schmiede, Zimmerleute, Gerber, Weber, Färber, Maurer, aber auch Glaser und, Ausdruck der Lage an Fernhandelswegen, Fuhrleute. Überliefert ist ferner die Existenz einer Geschützgießerei. Vor dem Ende der Residenzzeit existierten in D. keine Zünfte. Im Jahr 1651 erhielten die Wand- und Tuchmacher als erstes Handwerk einen Amtsbrief, drei Jahre später folgte einer für die unterschiedlichen Schmiedehandwerke. Die übrige Bevölkerung bestand schließlich aus einigen Kaufleuten und ärmeren Einwohnern, die von der Landwirtschaft lebten oder sich als Tagelöhner verdingten.
In der Zeit um 1630 soll die Hofhaltung in D. bescheiden gewesen sein.
(3) Im Zusammenhang mit der Burgkapelle ist erstmals für das Jahr 1254 die Anwesenheit eines Geistlichen belegt. 1286 wurde von Graf Otto II. ein Kollegiatstift gegründet, das hinsichtlich der kirchlichen Aufsicht Bremen zugeordnet war. Dieses Stift war zunächst karg ausgestattet und wurde in Notzeiten durch das Gf.enhaus unterstützt. Dennoch war es ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und gleichzeitig kulturelles und geistiges Zentrum für D. Die unweit der Burg gelegene Stiftskirche St. Marien war für die Seelsorge im Ort zuständig. Bis 1328 war sie pfarrorganisatorisch der Nachbargemeinde Hasbergen unterstellt. Mit der Umkehrung der Zuständigkeit in diesem Jahr wurde die Zahl der in St. Marien tätigen Geistlichen von acht auf zehn erhöht. Sie lebten im 14. Jahrhundert noch gemeinsam in einem Haus in der Dreck- bzw. Neuenstraße. In der späteren Zeit gehörte das Stift zu den finanzstarken Grundherren im Oldenburger Land.
In St. Marien befand sich ein dem Hl. Polycarpus geweihter Altar. Urkundlich ist seit 1504 die Polycarpusgilde nachgewiesen, ein weltlicher Zusammenschluss, der sich der christlichen Nächstenliebe, insbesondere der gegenseitigen Unterstützung der Mitglieder bei seuchenbedingten Erkrankungen, Feuer und bei Todesfällen verschrieben hatte. Die Gilde bestand auch nach 1543, dem Jahr der Einführung der Reformation durch den Landesherrn, zu dieser Zeit der Münsteraner Bischof Franz von Waldeck, weiter fort.
(4) Die D.er Siedlung erstreckte sich zunächst entlang der Langen Straße. Zusätzlich zu den zwei, auch für Zolleinnahmen wichtigen Stadttoren an den Enden dieses Weges, wurden zur Sicherung der Siedlung im Laufe des 15. Jahrhunderts an den Wallanlagen der Stadt drei Bergfriede errichtet. Ausdruck der späten Gemeindebildung ist der Umstand, dass die Stadt zu einem unbekannten Zeitpunkt (nach Aufhebung der Hofhaltung?) ein zum Schloss gehöriges Gewächshaus erwarb und dieses zum Rathaus umfunktionierte.
Geprägt war D. im 16. und 17. Jahrhundert durch den deutlichen Kontrast des von einfacher Fachwerkarchitektur bestimmten Stadtbildes zum repräsentativen Schloss. Die zentral gelegene St. Marien Kirche war 1538 bei einem Angriff im Rahmen einer Fehde zwischen Oldenburg und Münster zerstört worden. Der Nachfolgebau fiel als bescheidene Kapelle aus, unter anderem da die Oldenburger Grafen sich nicht finanziell beteiligten. Ebenfalls schlicht war ein die Kapelle ersetzender, 1614 von Graf Anton II. begonnener Kirchenneubau, in dem sich auch die Grablege der D.er Grafen befand. Eine Vorstellung vom Aussehen D.s vermittelt ein Kupferstich in der 1671 erschienenen Chronik von Johann Just Winkelmann, der den Ort (als Ein-Straßenanlage), das Schloss sowie den »Lustgarten« wiedergibt.
(5) Abgesehen von den Jahren der Münsteraner Herrschaft, war D. eng mit dem Oldenburger Land verbunden. D. war Hauptort der kleinen Herrschaft Oldenburg-D., die bei ihrer Entstehung im späten 13. Jahrhundert neben D. aus Hude, Ganderkesee, Schönemoor, Hasbergen, Stuhr, dem südlichen Stedingen mit Berne, Bardewisch, Süderbrok und dem Wüstenland bestand; zur Herrschaft gehörten zwei weitere Wehranlagen, die ab 1291 belegte Burg Harpstedt und die im 14. Jahrhundert erstmals genannte und bereits 1480 wieder zerstörte Welsburg. Hinsichtlich kirchlicher und juristischer Vorgaben spielte außerdem das benachbarte Bremen eine Rolle. Das Gf.engeschlecht untersagte den D.ern Bündnisse mit Friesen sowie anderen Landesherren oder Städten. Insgesamt entwickelten sich für die Bürger kaum über die Stadtgrenzen hinausweisende Strukturen. Es ist trotz der Lage an Fernhandelswegen nichts von Fernhandelsaktivitäten bekannt (vom Fuhrbetrieb als Dienstleistung abgesehen) und auch das Handwerk schien sich auf das lokale Umfeld zu beschränken. Ein - zudem nicht regelmäßig abgehaltener - Vieh- und Jahrmarkt existierte erst ab 1601. Die meisten D.er waren landwirtschaftlich tätig und versorgten sich selbst. Noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts wird die Stadt als ärmlich beschrieben.
(6) D. war zwar entsprechend dem Bremer Stadtrecht frei, jedoch wurde die Autonomie der Gemeinde faktisch durch das Gf.enhaus deutlich eingeschränkt. Wirtschaftlich, kulturell und hinsichtlich der Einwohnerschaft konnte sich die Stadt seit ihrer Gründung kaum entwickeln. Bedingt war dies unter anderem durch das Fehlen einer Mauer, so dass sie im Zuge kriegerischer Konflikte immer wieder geplündert und zerstört wurde. Weil sie im Kriegsfall Haus und Hof aufgeben mussten, waren die D.er bis 1711 von der Kontributionspflicht befreit.
(7) Textliche und bildliche Quellen zur Geschichte Delmenhorsts befinden sich hauptsächlich im Stadtarchiv Delmenhorst und im Niedersächsischen Landesarchiv - Abteilung Oldenburg. Grundlegend ist außerdem die von Grundig verfasste Stadtchronik (s.u.). - Die Abbildung bei Johann Just Winckelmann: Oldenburgische Friedens- und der benachbarten Oerter Kriegshandlungen […], Oldenburg 1671.
(8)Sichart, Karl: Die Burg Delmenhorst, in: Delmenhorster Heimatjahrbuch 2 (1930) S. 15-37. - Ravens, Jürgen-Peter: Delmenhorst - Residenz - Landstädtchen - Industriezentrum: 1371-1971, Delmenhorst 1971. - Grundig, Edgar: Geschichte der Stadt Delmenhorst von ihren Anfängen bis zum Jahre 1848, 2 Tl.e, Delmenhorst 1953 (maschinenschriftlich); Auszug hieraus zum Thema Burg: Ders.: Geschichte der Stadt Delmenhorst bis 1848. Die politische Entwicklung und die Geschichte der Burg, 1979 (Delmenhorster Schriften, 9). - Rüdebusch, Dieter: Vom Schwert zum Wort. Kirchliches Leben um Delmenhorst von den Anfängen bis zum Ausgang des Mittelalters, in: Delmenhorster Kirchengeschichte. Beiträge zur Stadt-, Schul- und Sozialgeschichte, hg. von Rolf Schäfer und Reinhard Rittner, Delmenhorst 1991, S. 11-40 (Delmenhorster Schriften, 15). - Schmidt, Heinrich: Herrschaft, Kirche und Gemeinde in Delmenhorst während des 16. und 17. Jahrhunderts, in: Delmenhorster Kirchengeschichte. Beiträge zur Stadt-, Schul- und Sozialgeschichte, hg. von Rolf Schäfer und Reinhard Rittner, Delmenhorst 1991, S. 41-66 (Delmenhorster Schriften, 15). - Eckhardt, Albrecht: Delmenhorst - Stadt oder Flecken? Stadtrecht und Stadtqualität vom Mittelalter bis um 1700, in: Streiflichter aus 600 Jahren Delmenhorster Geschichte, hg. von der Stadt Delmenhorst, Delmenhorst 1994, S. 9-39 (Delmenhorster Schriften, 16). - Kaldewei, Gerhard: »… und das ist immer« Delmenhorst. Geschichte einer nordwestdeutschen Stadt. Von der Burg Delmenhorst bis zur Dänischen Herrschaft, Bd. 1, Oldenburg 2012.