Residenzstädte im Alten Reich (1300-1800)

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Wurzen

Wurzen

(1) Burg und Stadt W. liegen auf einem Bergsporn, nordöstlich der Mündung des Rietzschkebaches in die Mulde. Die Burg diente der Sicherung der Furt der Hohen Straße, des Fernhandelsweges zwischen Leipzig und Schlesien, durch die Mulde. Im 10./11. Jahrhundert war der als Kaufmannssiedlung ausgebildete Ort (961 urkundlich als Civitas bezeichnet, hier wohl Befestigung meinend) Mittelpunkt des W.er Landes, das aus den Burgwarden W. und Püchau hervorging. Beide Burgwarde wurden dem Meißner Bischof übertragen, der sie als Kern für den Landesausbau nutzte (wichtige Quelle hierfür ist die Kührener Urkunde 1154). 1114 wurde in W. ein Kollegiatstift eingerichtet, W. wurde Mittelpunkt des Stiftslandes, in dem die Bischöfe von Meißen die Landesherrschaft ausübten, auch gegen die Beanspruchung durch den Markgrafen von Meißen im 13. Jahrhundert W. wurde in den sog. Pfaffenkrieg einbezogen, der unter Bischof Nikolaus I. (1379–1392) ausbrach, als dieser die Exemtion vom Erzbistum Magdeburg anstrebte. In W. hielt sich Bischof Rudolf von der Planitz (1411–1427) mehrmals auf, in dieser Zeit (1413) wird W. erstmals als Stadt bezeichnet. Als die Wettiner nach der Leipziger Teilung 1485 die Albrechtsburg in Meißen errichteten, wichen die Bischöfe aus und verlegten ihren Aufenthalt seit 1487 primär nach W. Insbesondere unter Bischof Johann von Salhausen (1487–1518) gewann W. residenzstädtischen Charakter, die Stiftskirche wurde zur »Ersatz-Kathedrale«, 1515 ein neues Kapitelhaus errichtet; 1525 folgte die neue Kustodie. Auch das bischöfliche Archiv gelangte nach W. (im Dreißigjährigen Krieg nach Dresden). Nach dem Verlust des Stolpener Landes 1550 verstärkten sich die Aufenthalte der Meißner Bischöfe in W. Durch die Resignation des sich meist in W. aufhaltenden katholischen Bf.s Johann von Haugwitz 1581 hörte das Bistum Meißen zu existieren auf. Das Hochstift wurde dem Domkapitel übereignet, das sich der kfl.-sächsischen Verwaltung unterstellen musste. Das Domkapitel lebt als evangelisch-lutherisches Kapitel fort (bis heute), seit 1662 (Perpetuierliche Kapitulation) mit einem Mitglied der kfl.en Familie als Administrator des Hochstifts. Formal eigenständig blieb das Hochstift bis 1818, als es in das Königreich Sachsen inkorporiert wurde.

(2) Ausgangspunkt der Stadtentwicklung ist die Kaufmannssiedlung, die sich bereits im 10. Jahrhundert in einigem Abstand von der Burg an einem alten Muldearm gebildet hatte. Die Errichtung des Kollegiatstifts im Bereich der Domfreiheit 1114 beförderte die Entwicklung zur Stadt. Östlich von Burg und Domfreiheit wurde ein Bezirk um einen kleinen unregelmäßigen Markt (Jacobsplatz) abgesteckt und in geregelte städtische Verhältnisse nach Magdeburger Recht überführt (so der Rückschluss von späteren Rechtsgewohnheiten). Um die Stadt wurde zu einem unbekannten Zeitpunkt ein Mauerring mit vier Toren gelegt: Wenzelstor, Jakobstor, Eilenburgertor und Domtor (kein Außentor, sondern Zugang zur Domfreiheit). Südlich der Stiftskirche lag der Stiftsbezirk, der 1358 befestigt und baulich von der Stadt getrennt wurde.

An der Spitze der Kommune stand ein bfl.er Vogt, der auf der Burg seinen Sitz hatte. 1347 wird erstmals ein Bürgermeister erwähnt. Als Stadt wird W. erst 1413 im Zusammenhang der Stadtrechtsverleihung durch Bischof Rudolf an die in den Vororten lebenden sog. Pfahlbürger bezeichnet. 1415 erlaubte der Stadtherr die Anlage einer Mühle und eines Mühlgrabens. Ab dem 16. Jahrhundert sind Statuten (»Willkühren« und »Rechtsame«) überliefert, die ihr Vorbild im Magdeburger Stadtrecht haben. Der Rat rekrutierte sich aus wenigen ratsfähigen Familien. Noch 1642 bestand der Rat darauf, dass die Stadt »keiner fremden Person bedürftig« sei und wies damit auf sein Selbstergänzungsrecht hin.

Im 15. Jahrhundert erlebte W. einen wirtschaftlichen Aufschwung, zu dem das 1430 erteilte kaiserliche Privileg zur Abhaltung von drei Jahrmärkten beitrug. Zeichen des Wohlstands war, dass es der Kommune gelang, das Dorf Müglenz zu erwerben und unter ihre Gerichtsbarkeit zu stellen. 1481 pachtete der Rat vom Bischof die Gerichtsbarkeit über das Weichbild der Stadt und den Grundbesitz in der Umgebung, als Eigentum schließlich Mitte des 16. Jahrhunderts erworben. Sukzessive konnte der Rat vom Stadtherrn weitere Einnahmen und Rechte erwerben (Geleits-, Fähr- und Viehgelder, Markt- und Pachtgebühren). Erhebliche Einnahmen zog die Stadt aus der Braugerechtigkeit, denn das W.er Bier fand weiträumig Absatz. Einen Einschnitt stellte die Plünderung im Schmalkaldischen Krieg 1547 durch kursächsische Truppen dar.

1554 werden 354 besessene, d. h. steuerpflichtige Bürger angegeben, was auf knapp 500 Hausstellen schließen lässt (davon etwa 130 innerhalb des Mauerrings). Insgesamt dürfte W. entgegen anderer Berechnungen kaum mehr als etwa 2500 Einwohner gehabt haben. Die Pest 1607 und ein Stadtbrand 1631 führten zu einer drastischen Verringerung.

Ausdruck der bfl.en Stadtherrschaft ist das 1465 erstmals bezeugte Stadtwappen, das einen gerüsteten, aber unbewaffneten, sich nach links wendenden Reiter zeigt, der in der linken Hand einen Krummstab hält. Der Reiter wurde gelegentlich als Hl. Wenzel gedeutet, dem Stadtpatron und Patron der Stadtpfarrkirche St. Wenceslai.

(3) Kirche der hochmittelalterlichen Kaufleutesiedlung war wohl die im frühen 16. Jahrhundert abgebrochene Jacobskirche, auf die noch das Jacobstor und die Jacobsgasse hinweisen; ihr Patrozinium wird erst 1384 sicher belegt, doch dürfte die Verleihung aller Wahrscheinlichkeit nach noch vor dem 12. Jahrhundert erfolgt sein. Zweitälteste Kirche dürfte die Marienkirche des 1114 von den Bf.en gegründeten Kollegiatstifts sein, das anfänglich drei, durch Stiftungen bis 1470 auf elf Stellen anwuchs. Nach Auflösung des gemeinschaftlichen Lebens spätestens zu Beginn des 13. Jahrhunderts bezogen die Kanoniker eigene Häuser um den Domplatz, die zur Domfreiheit gehörten und nicht der Gerichtsbarkeit des Rats unterstanden.

Pfarrkirche der Stadtgemeinde wurden nicht etwa die Jakobskirche oder die Stiftskirche, sondern die außerhalb der Stadtmauern auf dem Sperlingsberg stehende, erstmals 1275 erwähnte St. Wenceslai-Kirche, während die Jakobskirche zur Filialkirche herabsank. 1340 wurde die Stadtpfarrkirche vom Bischof als Stadtherrn dem Stift inkorporiert. Zu ihrem Sprengel gehörten noch bei Einführung der Reformation einige der umliegenden Dörfer.

1519 errichtete der Bischof im Beisein der Hofbedienten eine Marienbruderschaft. Daneben hatten die Leineweber und die Böttger eigene Bruderschaften aufgerichtet, wie sich den Innungsstatuten des frühen 16. Jahrhunderts (u. a. 1521) entnehmen lässt. Es gab zwei Hospitalstiftungen, das Johannishospital, dessen Anfänge ins 14. Jahrhundert datieren und das seit dem 16. Jahrhundert nachgewiesene Jakobshospital, das aber vermutlich auch ins Spätmittelalter zurückreicht und u. a. Aufgaben der Pilgerversorgung wahrnahm.

Bf. und Stiftskapitel verhinderten mit politischer Unterstützung Herzog Georgs des Bärtigen von Sachsen eine rasche Übernahme der Reformation. Erst nach dem Tod des Hzg.s 1539 wurde auf Drängen dessen Nachfolgers Heinrichs des Frommen alsbald eine Visitation durchgeführt und die lutherische Predigt aufgenommen. 1542 wurde eine Superintendentur in W. eingerichtet. Die Stiftskirche wurde zur Stadtpfarrkirche erhoben. Nebenaltäre wurden geräumt, auch die Grablege Bischof Johanns von Salhausen wurde zerstört. Die Stiftsschule und alte Lateinschule wurden zur städtischen Ratsschule umgewandelt. 1542 brach zudem die sog. W.er Fehde zwischen Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen und seinem Vetter Herzog Moritz von Sachsen aus, die gemeinsam den Schutzauftrag über das bischöfliche Territorium besaßen und sich ihren Vorteil sichern wollten.

(4) Baulich wurde W. von dem hoch über der Stadt gelegenen Schloss und der Domkirche beherrscht. Die Verlegung des Aufenthaltsorts der Meißner Bischöfe 1487 nach W. hatte Auswirkungen auf die bauliche Entwicklung der Stadt. Unter Bischof Johann von Salhausen setzten zahlreiche Baumaßnahmen ein. Zwischen 1491 und 1497 wurde das Schloss in spätgotischen Formen errichtet. Auch die nun faktisch, nicht kirchenrechtlich als »Ersatzdom« fungierende Stiftskirche wurde ausgebaut und erhielt 1503 den Westchor als künftige Bf.sgrablege, in der dann auch Bischof Johann von Salhausen beigesetzt wurde. 1512 wurde ein großes Speichergebäude, das sog. Kornhaus, fertiggestellt, 1515 kam ein neues Kapitelhaus mit Kreuzgang hinzu (1893 abgebrochen). Bis 1525 entstand zudem eine neue Kustodie (heute Domplatz 4). Auch einige Domherrenhäuser erfuhren Umbauten im Renaissancestil, wie 1499 das sog. Barbarahaus des bfl.en Sekretärs und Kammerherrn Stephan Gebende (heute noch erhalten Domplatz 5 und 6). Bischof Johann von Salhausen förderte zudem 1513 Erweiterungen an der Stadtpfarrkirche St. Wenceslai. Auch das Rathaus wurde in modernen Renaissanceformen erneuert.

Die älteste Ansicht W.s ist eine auf das Jahr 1626 datierte Federzeichnung von Wilhelm Dillich (1571–1650).

(5) Trotz der mit ksl.em Privileg eingerichteten Jahrmärkte kam die Stadt nie über eine Nahmarktfunktion für das Umland hinaus. Die Konkurrenz des ungefähr 30 km entfernten mkgfl.en Oschatz und erst recht der ebenfalls ungefähr 30 km entfernten Messestadt Leipzig setzten Grenzen. Unter den städtischen Gewerken erlangten lediglich die Töpfer und Leineweber überregionale Bedeutung, die ihre Waren über die Leipziger Messe absetzten. Dadurch erfuhren auch die Färbereien und Bleichereien einen Aufschwung. Sogar ein Gewandhaus wurde zu Beginn des 16. Jahrhunderts errichtet. W.s zentralörtliche Bedeutung wuchs durch die Arrondierung des Stiftslandes unter Bischof Johann von Salhausen (Rückgewinnung der Püchauer Dörfer vom Kurfürst von Sachsen) sowie Neuerwerb mehrerer Dörfer. W. wurde gewissermaßen zur »Hauptstadt« des Stiftslandes. Nach den administrativen Veränderungen im Zuge der Reformation bzw. der Auflösung des Bm.s Meißen waren der W.er Stiftsregierung die ehemals bfl.en Ämter W., Mügeln, Kloster Sornzig sowie die Pflege Belgern unterstellt.

(6) Bis ins frühe 15. Jahrhundert war W. durchaus mehr als nur ein bedeutender Burgort (hochmittelalterliche Kaufleutesiedlung, 1114 Kollegiatstift). Formal wurde der Ort erst 1413 als Stadt bezeichnet, Bürgermeister aber gab es bereits vorher, was auf eine Gemeinde mit ausgebildeter Verfassung schließen lässt. Im Laufe der frühen Neuzeit behielt W. den kleinstädtischen Charakter bei. Als Residenzstadt fungierte W. von 1487 bis 1581 für das Bistum bzw. Hochstift Meißen. Die Verflechtung zwischen Stadt und geistlichem Hof ist bisher noch nicht erforscht. Neben den üblichen Gewerken der Nahrungsmittel- und Kleidungsherstellung sind allein Kürschner und die Zinn verarbeitenden Kannengießer Indikatoren für gehobenen Konsum; die Kannengießer stellten hochwertiges Alltagsgeschirr her.

Bf. Johann von Haugwitz (1555–1559/81) förderte die Residenzstadt. Beispielsweise erließ er dem Rat eine Schuld von 1000 Gulden und kam auch für einen Großteil der im Verlauf der sog. Saufehde 1558 zwischen dem Bischof und dem kurfürstlich Rat Hans von Carlowitz entstandenen Schäden auf. Schließlich war er es, der der Stadt die Gerichtsbarkeit über das gesamte Weichbild als Eigentum übertrug. Nach Auflösung des Bm.s hatte W. zentralörtliche Funktion als Sitz der Regierung der unter kfl.-sächsischer Aufsicht stehenden Stiftslande, die faktisch einem kursächsischen Amt glichen, weshalb W. für diese Zeit als Amtsstadt zu qualifizieren wäre.

(7) Das Archiv des Hochstifts Meißen, insbesondere der Bestand Kollegiatstift Wurzen und darüber hinaus, enthält auch die Wurzen betreffenden Archivalien. Weitere Archivalien befinden sich im Stadtarchiv Wurzen sowie im Sächsischen Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv Dresden (u. a. Loc. 32469, Rep. XX Wurzen) und Leipzig. – Schöttgen, Christian: Historie der Chur-Sächsischen Stifts-Stadt Wurtzen, Leipzig 1717.

Codex diplomaticus Saxoniae regiae II, Bde. 1–3 (1864–1867). – Blaschke, Karlheinz: Das Archiv des Hochstifts Meißen, in: Das Hochstift Meißen. Aufsätze zur Sächsischen Kirchengeschichte (Herbergen der Christenheit. Sonderband), hg. von Franz Lau, Berlin 1973, S. 15–32. – Schirmer, Uwe: Der Verwaltungsbericht des Bischofs Johannes von Meißen aus dem Jahre 1512, in: Neues Archiv für Sächsische Geschichte 66 (1995) S. 69–101.

(8)Bönhoff, Leo: Die Burgwarde Wurzen und Püchau und das Wurzener Land in ihren politischen und kirchlichen Beziehungen, in: Mitteilungen des Wurzener Geschichts- und Altertumsvereins 1,2 (1912) S. 1–44, 2,1 (1912) S. 1–26. – Bönhoff, Leo: Die Stiftungsurkunde des Wurzener Kollegiatstiftes, in: Beiträge zur sächsischen Kirchengeschichte 27 (1914) S. 1–15. – Franke, Theodor: Die Parochie Wurzen, in: Neue Sächsische Kirchengalerie. Die Ephorie Grimma rechts der Mulde, hg. von Georg Buchwald, Leipzig 1914. – Schmidt, Gerhard: Die Reform des Hochstifts im 19. Jahrhundert, in: Das Hochstift Meißen. Aufsätze zur Sächsischen Kirchengeschichte, hg. von Franz Lau, Berlin 1973 (Herbergen der Christenheit, Sonderband), S. 301–322. – Thomas, Ralf: Die Einführung der Reformation im Meißner Stiftsgebiet unter besonderer Berücksichtigung des Wurzener und Mügelner Territoriums, in: Das Hochstift Meißen. Aufsätze zur Sächsischen Kirchengeschichte, hg. von Franz Lau, Berlin 1973 (Herbergen der Christenheit, Sonderband), S. 241–268. – Fiedler, Almut: Die Entwicklung des Burg-Stadt-Verhältnisses in den westelbischen meißnischen Bischofsstädten Wurzen, Mügeln und Nossen von seinen Anfängen bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts, ungedr. Diss. phil. Dresden 1985. – Blaschke, Karlheinz: Stadtgrundriss und Stadtentwicklung. Forschungen zur Entstehung mitteldeutscher Städte, hg. von Peter Johanek, Köln/Weimar/Wien 1997 (Städteforschung, A/44), S. 89–91 – Dannenberg, Lars-Arne: Art. „Wurzen“, in: Höfe und Residenzen I,2 (2003), S. 649–651. – Kavacs, Günter, Oelsner, Norbert: Das spätgotische Schloss in Wurzen. Residenz und Herrschaftssymbol der Bischöfe von Meißen, in: Sächsische Heimatblätter 2 (2005) S. 156–170. Thomas, Ralf: Das Kollegiatstift St. Marien in Wurzen, in: Stiftsland Wurzen. Sächsische Kirchenverfassung. Historische Kirchenkunde. Aufsätze zur sächsischen Kirchengeschichte, hg. von Michael Beyer und Alexander Wieckowski, Leipzig 2011 (Herbergen der Christenheit, Sonderband), 124–138. – Sander, Andrea: Dom St. Marien zu Wurzen, Beucha 2014. – Donath, Matthias, Dannenberg, Lars-Arne, und Wieckowski, Alexander: Bischof Johann VI. von Meißen und die Familie von Salhausen in Sachsen und Böhmen, in: Sächsische Heimatblätter 2 (2018) S. 123–142.

Lars-Arne Dannenberg