Residenzstädte im Alten Reich (1300-1800)

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Veere

Veere

(1) V. liegt in der Grafschaft Zeeland auf der (ehemaligen) Insel Walcheren, etwa 60 km westlich von Bergen op Zoom. Wegen der kurzen Verbindung zur Nordsee und zur Schelde wurde V. zum Siedelplatz von Fischern, Händlern und Handwerkern. V. wurde gegen Ende des 13. Jahrhunderts gegründet, wahrscheinlich durch Wolfert van Borsele oder dessen Vorgänger. Der erste schriftliche Beleg stammt von 1282, es handelt sich um die Auftragung des Besitzes durch Wolfert van Borselen an den Grafen von Holland als Lehen und die Wiedereinsetzung, wobei zum Besitz auch Hafen, Mühle und Mühlengewässer, Deich, Hafengeld und Grundstücke am Hafen in V. genannt werden. Der Ortsname erscheint erstmals in dem von Graf Floris V. von Holland ausgegeben neuen Landrecht von Zeeland, der »Keure«, in welchem V. als »Campvere« bezeichnet wird, was Bezug nahm auf die Fährverbindung über das »V.se Gat« (heute »V.se Mer«) nach »Campen« (heute Kamperland) auf der Insel Noord-Beveland. Als Sitz der Herren diente ab dem ausgehenden 13. Jahrhundert die südlich etwas außerhalb der Stadt gelegene Zandenburg.

Die Herren und späteren Markgrafen von Veere verfügten als die mit Abstand größten Grundbesitzer auf Walcheren über eine bedeutende Stellung in der Grafschaft Holland und (ab 1433 gesichert) in den Burgundischen, später Habsburgischen Niederlanden und schließlich in der frühen Republik; im späten 13. und 14. Jahrhundert hielten sich mehrmals die Grafen von Holland mit ihren Gemahlinnen hier bei ihren vornehmsten Lehnsmannen auf. Solange Mitglieder der Familien van Borsele und Bourgondiё-Beveren Herren von V. waren, d.h. bis 1558, übten sie entscheidenden Einfluss auf die Geschicke der Stadt aus. Sie waren es, die mit anderen Fürsten Privilegien für ihre Stadt aushandelten; der hervorgehobene Rang der Herren von Veere wird zudem darin deutlich, dass Wolfert VI. van Borsele (ca. 1433-1486) 1444 Maria Stewart (ca. 1428-1465), Tochter König Jakobs I. von Schottland heiratete. Zwischen 1491 und 1558 bekleideten die Herren von V. auch das landesherrliche Amt des »Admirals der Niederlande«, was zur Folge hatte, dass V. zum Marinehafen der Habsburgischen Niederlande wurde, was der Stadt wirtschaftlichen Aufschwung und ein Bevölkerungswachstum einbrachte. 1561 endete diese Funktion. Stimulierend wirkte sich daneben aus, dass der König und die kgl.en Städte von Schottland 1541 V. zu ihrem Stapel in den Niederlanden bestimmten, eine Funktion, die V. bis 1799 behielt. Ab 1550 war der Handel mit schottischen Gütern tragend für die Ökonomie V.s. 1555 erhob Kaiser Karl V. die Herrschaft zur Markgrafschaft als unteilbares holländisches Lehen inkl. der landesherrlichen Ämter. Mit Maximiliaan van Bourgondiё-Beverens Tod 1558 endete die Existenz der drastisch überschuldeten selbständigen Herrschaft, V. fiel in die Hände des Landesherrn, der die Schulden nicht vollständig tilgte. Durch die Teilnahme V.s am Aufstand ab 1572 kam sie in den Besitz Statthalter Wilhelms von Nassau-Orange (zur Abtragung der immensen Schulden wurde 1581 eine Versteigerung abgehalten, bei der er selbst die Markgrafschaft als Privatperson ersteigerte). Verwaltet wurde die Markgrafschaft als integraler Teil des Besitzes der Familie Nassau-Orange durch den »Nassause Domeinraad« bis zur Besetzung durch das revolutionäre Frankreich 1795. Nach 1813 wurde der Titel eines Markgrafen von V. und Vlissingen wieder eingerichtet, allerdings ohne die damit verbundenen Herrschaftsrechte.

(2) Die Bezeichnung V.s als »veste« 1346 lässt darauf schließen, dass die Siedlung bereits zu dieser Zeit befestigt war. Eindeutig Stadt wird V. ab dem frühen 15. Jahrhundert genannt. Damit gehört V. zu den jüngeren Städten Zeelands. Blütezeit V.s war das Jahrhundert zwischen ca. 1450 und ca. 1550. V. zählte zu dieser Zeit in etwa 4000 Einwohner, ambitionierte Großbauten wie die »Grote Kerk«, das Rathaus oder die Festung wurden in dieser Zeit beendet. Zuwanderer kamen vornehmlich aus Flandern, Brabant oder aus Schottland.

Ab wann V. im rechtlichen Sinn als Stadt angesprochen werden kann, ist nicht genau zu bestimmen. Die älteste Stadtküre, ausgestellt von den Herren von V., stammt aus der Zeit von vor ca. 1400. Höchstwahrscheinlich haben der Herr und die hier siedelnden Kaufleute und Fischer bereits vorher städtische Strukturen entwickelt, was Gesetzgebung und Rechtsprechung betraf, die zu einer Lösung aus dem ländlichen Rechtsbezirk geführt hatten.

Während des gesamten Zeitraums vom 13. bis zum 18. Jahrhundert wurde V. wirtschaftlich von Schifffahrt, Handel und Fischerei geprägt.

Die ältesten Zünfte (in V. Gilden), waren die St. Jakobs- oder Fischergilde und die St. Clemens- oder Schiffergilde. Eine um ca. 1540 verabschiedete Prozessionsordnung nennt 23 Gilden. 1595 wurde auf dem Markt ein Gildehaus errichtet, in welchem die meisten Gilden ihre Versammlungen abhielten. Im Erdgeschoss befand sich die Fleischhalle. 1798 wurden die Gilden aufgehoben.

In V. gab es mehrere Plätze, die der täglichen Lebensmittelversorgung dienten. Dieses geschah auf dem Fischmarkt, Kornmarkt und Molkereimarkt. Der Jahrmarkt wurde in der ersten Juliwoche auf dem Großen Markt oder auf der Bree(d)straat abgehalten.

Um die Mitte des 16. Jahrhunderts zählte der Hof unter Maximiliaan van Bourgondiё-Beveren 54 Mitglieder. Höhere Amtsträger wie der Generalrentmeister, Ratsherr oder Pensionär, Sekretäre und andere, auch die Mitglieder der Admiralität gehörten nicht zum Hof, auch mussten Gesandte der Städte, die zu Besprechungen nach V. kamen, in der Stadt unterkommen. Umgekehrt aber bekleideten Hofangehörige zuweilen städtische Ämter wie das des Baillis (»baljuw«) oder des Sekretärs.

(3) Im 13. und frühen 14. Jahrhundert war V. zur Kirche in Zanddijk (ein Kilometer südwestlich V.s) eingepfarrt. 1348 kamen Wolfert III. van Borsele und Klaas van Borsele mit dem Priester von Zanddijk überein, in V. eine eigene Pfarrei zu errichten, die auch für die Bewohner von Burg Zandenburg zuständig sein sollte; geweiht war die Kirche der Hl. Maria. Ab 1437 und erneut ab 1479 wurde die Kirche deutlich vergrößert (1521 unvollendet beendet), ihre reiche Innenausstattung galt als die prächtigste der zeeländischen Kirchen. 1465 wurde Maria Stewart, Ehefrau Wolferts VI. van Borsele und Tochter des schottischen Kg.s, hier beigesetzt. Teilweise wurden ihr Ausstattungsstücke der Kirche zu Dinant übereignet, die im Rahmen des »Sac de Dinant« 1466 vom siegreichen burgundischen Heer, an dem Hendrik van Borsele teilgenommen hatte, geplündert worden waren. 1470 wurde die Kirche zu einem Stiftskapitel mit 24 Kanonikern erhoben. Die Schlosskapelle auf Zandenburg wurde 1484 ebenfalls in ein Stiftskapitel umgewandelt. Im Rahmen der Reformation 1572 wurde die Kirche von der protestantischen Gemeinde in Gebrauch genommen.

Außerhalb des Stadttores an der Straße nach Zanddijk gab es bis 1572 ein Klarissenkloster, Nazareth genannt, das auf einem 1461 von Hendrik van Borsele geschenkten Grundstück erbaut wurde. Dem Kloster war ein Gasthaus als Herberge angeschlossen. Gefördert wurde das Kloster von der Stadt. Die Geuzen vernichteten 1572 das Kloster, die Clarissen flüchteten nach Antwerpen.

(4) Der Stadtgrundriss mit deutlich rechteckigen Baublöcken lässt auf eine geplante Anlage schließen. Zwischen dem Hafen im Norden und der Oudestraat im Süden wurden mehrere Querstraßen angelegt. Die Oudestraat (dt. »Alte Straße«), südlich der Kirche verlaufend, bildete die Verlängerung des vom älteren Kirchorts Zanddijk herkommenden Deichs. Im Gegensatz zur Oudestraat war der neue Weg auf Burg Zandenburg ausgerichtet und führte an ihr vorbei ins Land hinein. 1439 erhielt Hendrik II. van Borselen von Herzog Philipp dem Guten von Burgund die Erlaubnis, das Stadtgebiet um einen Teil des Amts Zanddijk zu vergrößern. Hier durch erhielt V.s Stadtgebiet die bleibende Struktur.

Als prägende Bauwerke sind neben der Zandenburg und der Grote Kerk das 1403 erstmals erwähnte Rathaus (»stadhuis«) zu nennen. Über die ersten, frühen Gebäude ist wenig bekannt. Der heute noch stehende repräsentative Bau wurde 1474-1477 errichtet vom Baumeister Everart Spoorwater. Die zum Markt zeigende Fassade erhielt Plastiken der Herren und Herrinnen von V., die 1517/18 in der Werkstatt des Mechelner Steinmetz Michel Ywijnsz. angefertigt wurden. Im Erdgeschoss tagte die »Vierschaar«, das Stadtgericht. Eine Besonderheit sind die seit 1948 sog. »Schottischen Häuser« (»Schotse Huizen«) am Hafen, zwei 1539 errichtete Kaufmannshäuser namens »Het Lammeken« und »Het Struys«, die der Gemeinschaft der schottischen Kaufleute dienten; in letzterem hatte 1764-1799 der Konservator der Schottischen Privilegien seinen Sitz.

Auf dem Atlas von Jacob van Deventer ist auch V. mit dem Kloster außerhalb der Stadt zu sehen. V. mit der Zandenburg ist abgebildet in der »Zelandiae descriptio«, einer Panoramazeichnung des Zeichners Antoon van den Wijngaerde von ca. 1550. Eine Darstellung V.s findet sich im Atlas von Jan Blaeuw von 1652. In der Sammlung Bodel Nijenhuis (Universität Leiden) ist eine sehr schöne Darstellung überliefert, die die räumliche Situation mit Schloss Zandenburg und dem Dorf Zanddijk wiedergib.

Bei der Zandenburg, die von der Stadt aus durch das Mijnsheerenpoort zu erreichen war, handelte es sich um eine größere Anlage. Mit dem Ende der eigenständigen Herrschaft 1558 begann der Verfall, 1574 wurde sie zum Großteil geschleift. Die späteren Herren von V. verfügten damit nicht mehr über einen Wohnort bei ihren Aufenthalten in V. Bis 1602 konnten sie im Haus Laterdale unterkommen, dem Haus des Baillis, das in diesem Jahr abbrannte. Danach wurden rechtlich-politische Vorgänge, die V. betrafen, in den Besitzungen der Herren in Den Haag abgehandelt.

(5) V. erhielt als politischer Sitz dank der zunehmenden Macht der Herren von V. an Bedeutung unter den herrschaftlichen Städten auf Walcheren. Vor 1668 wurde auf Wunsch der schottischen Kaufleute zwischen den Städten Middelburg und V. eine Kunststraße angelegt, den heute noch existierende V.seweg.

Bemerkenswert ist die Einbindung V.s in den Fernhandel. Kaufleute aus V. waren 1292 an der Ostküste Englands aktiv, umgekehrt werden 1318 Lombarden, norditalienische Kreditkaufleute bzw. Bankiers in V. erwähnt. Aus V. kommende Fischer waren in der Nordsee tätig, von V. wurde der Fisch weiter in die Großverbraucherzentren Flanderns und Brabants gebracht.

Von einer Teilnahme an Städtebündnissen ist nichts bekannt. Bis 1574 war V. nicht an den zeeländischen Landständen beteiligt, der Herr von V. vertrat sich und seine Herrschaft und damit seine Städte im Adel. Nach 1574 hatte V. Sitz und Stimme unter den zeeländischen Ständen und bei den Generalständen.

(6) V. lässt sich als Residenzstadt bezeichnen für die Zeit vom späten 13. Jahrhundert bis 1558. Herren der Stadt waren die Mitglieder der zeeländischen Adelsfamilie van Borsele und deren Erben, die Familie Bourgondiё-Beveren, einer Nebenlinie der Herzöge von Burgund. Ausdruck dessen ist, dass es Hinweise auf eine engere Verflechtung zwischen Stadtgemeinde und Hofgesellschaft gibt. Blütezeit V.s war in etwa das Jahrhundert von 1450-1550, als die Herren von V. über den Dienst am burgundisch-niederländischen Hof internationale Beziehungen erhielten. Die Anwesenheit der Herren war dafür verantwortlich, dass das landesherrliche Amt der Admiralität in V. angesiedelt wurde, V. zum Militärhafen wurde. Den weitgesteckten Beziehungen der Herren war es zudem zu verdanken, dass es engere Handelsbeziehungen nach Schottland gab, die zur Anwesenheit einer (kleinen) Gemeinde schottischer Kaufleute führte. Mit etwa 4000 Einwohnern in der Zeit von 1450 bis 1550 war V. nicht ganz klein. Als Handelsstadt blieb V. nach Wegfall des Hofs bedeutend wegen der Fernhandelsbeziehungen nach Schottland und der Funktion als Hafenstadt für den Fischfang.

(7) Die handschriftliche Überlieferung befindet sich vornehmlich im Zeeuws Archief in Middelburg. Dies gilt für das Stadtarchiv Veere (1349-1816) und das Archiv der Herren von Veere (1359-1590). Das im Nationaal Archief in Den Haag befindiche Archiv des »Nassause Domeinraad« ([1218] 1581-1811 [1842]) umfasst Stücke, die die Markgrafschaft Veere betreffen.

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Peter Blom