(1) Das 766 erstmals erwähnte Dorf S. entstand nahe der Rheinauen, aber noch auf dem Neckarschwemmfächer mit nutzbaren Böden in auch klimatisch begünstigter Lage. Ab dem 13. Jahrhundert ist dort mit einer Burg zu rechnen, von der aus der stattliche Grundbesitz in geistlicher Hand beaufsichtigt wurde, jedoch bereits unter der Dominanz der Pfalzgrafschaft Seit 1350, als die Burg deren Offenhaus wurde, darf sie als Ortsherr gelten. Bis 1427 wurde schrittweise die Burg und auch Grundbesitz erworben. Fortan hielten sich wegen der Nähe zur Residenz Heidelberg öfter Kurfürsten dort auf, vorwiegend um im nahen Hardtwald zu jagen (so 1492 letztmals einen Bären). Bis 1541 baute Kurfürst Ludwig V. die Wasserburg zu einem Renaissance-Lustschloss aus. Nach Beseitigung von Kriegsschäden hielt ab 1657 Luise von Degenfeld (†1677), die zweite, morganatische, Ehefrau Kurfürst Carl Ludwigs, dort mit ihren Kindern Hof; dank häufiger Aufenthalte des Gatten kann man von einer Nebenresidenz sprechen. Dessen Sohn Carl schenkte das Schloss 1681 seiner Gattin Wilhelmine Ernestine von Dänemark, nach deren Tod 1706 es an die Hofkammer zurückfiel. Zuvor schon waren 1689 eingetretene Kriegsschäden durch den noch in Düsseldorf residierenden Kurfürsten Johann Wilhelm behoben worden. Dieser ließ bis 1716 die Anlage durch Ecktürme erweitern und zum Ort hin einen Ehrenhof anlegen. Sein Nachfolger Johann Philipp, der Heidelberg als Residenz aufgab, plante zunächst einen großen Schlossbau in der Ebene, vielleicht in S., bevor er sich 1720 für Mannheim entschied. Bis zur Beziehbarkeit des Schlosses dort 1731 diente das S.er Schloss, durch eine Gartenerweiterung mit Orangerie bereichert, de facto als Residenz, danach als Sommerresidenz. Kurfürst Carl Theodor ließ dafür bis 1754 Zirkelbauten zur Rahmung des nun und in der Folge beträchtlich erweiterten Parks anlegen. Der Ort wurde zum Schloss hin durch Bauten mit Stadtqualität baulich bereichert - 1748 schon »neue Stadt« genannt - und stieg 1759 zum Marktflecken auf. Mit dem Wegzug Carl Theodors 1779 nach München endete diese zwar nur saisonale, aber intensiv ausgestaltete Residenzqualität abrupt. Nach dem Übergang an Baden 1803 wurde S. immerhin Sitz eines Amts. Das Prädikat »Stadt« wurde erst 1833 erlangt.
(2) Das Dorf bestand ursprünglich aus dem »Oberdorf«, lediglich einem Straßenzug, und dem »Unterdorf« als Ortskern nahe der Burg, voneinander getrennt durch einen unbebauten Bereich, der vom Leimbach, mit dem die Gräben der Burg gespeist wurden, durchflossen wurde. Dort wurde zunächst der schon von Kurfürst Carl Ludwig 1678 angelegte, vom Schloss nach Osten genau auf den Gipfel des Königstuhls über Heidelberg ausgerichtete schnurgerade Weg nach Heidelberg 1720 in eine Allee, bestanden mit Maulbeerbäumen, umgewandelt. Der Erweiterung der Schlossanlage fielen 1748 einige Häuser zum Opfer und auch eine dort nahe der Burg gelegene Mühle wurde, da störend, 1745 beseitigt. Die Betroffenen wurden finanziell und durch Abgabenerleichterungen entschädigt, und es wurden ihnen Bauplätze auf Allmendegrund in dem Bereich überlassen, wo gemäß der Planung des Oberbaudirektors G. A. da Bibiena beiderseits der Allee der Schlossplatz entstand, eine Fortsetzung des Ehrenhofs unter räumlicher Erweiterung in die nun stadtartig auf der Grundlage von Bauquadraten auszubauende Siedlung hinein; sie füllte den Raum zwischen den beiden alten Siedlungskernen. Dies war nur zu bewerkstelligen durch Einbeziehung auch von herrschaftlichen Bauten und einigen Beamtenwohnhäusern.
Als später der Schlosspark bis zur Gemarkungsgrenze im Westen erweitert wurde, konnten die ihrer landwirtschaftlichen Existenzgrundlage dort beraubten Bauern - wertvolle Sonderkulturen wie Tabak und Hopfen waren betroffen - nur durch Umsiedlung in die Nähe von Neuburg a.d. Donau auf ihnen dort zugewiesene Flächen entschädigt werden.
Für die Bevölkerungsentwicklung gelten die demographischen Besonderheiten der Kurpfalz, nämlich starke Dezimierung durch Kriegsereignisse und ebenso durch Auswanderung. Die schon im Spätmittelalter kaum mehr spürbare Leibeigenschaft entfiel für die S.er definitiv mit dem Marktprivileg von 1759; ihre Weigerung, zuziehende Leibeigene aufzunehmen, wurde vom Kurfürst 1777 gebilligt. Die Zahl der Einwohner belief sich 1439 auf 240, 1577 auf 385, 1727 auf 443, schließlich 1777 auf 1538 in 191 Wohngebäuden, nicht eingerechnet das Militär und die saisonal anwesenden Hofbediensteten; 1818 zählte man 2165 Einwohner.
Die dörfliche Sozialtopographie erfuhr durch den Ausbau zur Residenz eine tiefgreifende Veränderung. Die beiden alten Ortskerne erlitten durch die Erweiterungen der Schloss- und Gartenanlage und den Ausbau des Schlossplatzes Einbußen an Substanz; dafür wurde die Lücke zwischen ihnen städtebaulich anspruchsvoll ausgestaltet, jedoch im Grunde von zuvor Ortsfremden genutzt. Dieser später weiter ausgebaute Bereich schuf den urbanen Charakter. Im alten Ortskern wurden lediglich Kirchenbauten neu errichtet, ebenso das Rathaus.
Auf der Ebene des Territoriums blieb S. unscheinbar; denn lediglich die seit dem Spätmittelalter zur Verwaltung des herrschaftlichen Besitzes existierende Kellerei bestand als landesherrliche Stelle, bis sie 1803 durch ein badisches Amt abgelöst wurde. Zuvor gehörte S. stets zum Oberamt Heidelberg. Ein Ortsgericht mit einem Schultheißen und sechs Schöffen ist 1435 belegt. Seit dem 17. Jahrhundert fungierte vorübergehend der Keller als Oberschultheiß; 1774 war der Oberschultheiß auch für drei weitere Dörfer zuständig. Dem Ortsgericht wurde inzwischen eine höhere Selbständigkeit zugestanden, jedoch dürften der Kommune große Handlungsspielräume kaum zugebilligt worden sein.
Die sozialen Beziehungen zwischen den Dorfbewohnern und dem Hof lassen sich anfangs durch den Begriff der Fron charakterisieren, die noch Kurfürst Carl Philipp beim Bau seiner bald wieder beseitigten Orangerie in Anspruch nahm. Die mehrfachen Phasen der Nutzung des Schlosses als Residenz bzw. auch als militärisches Hauptquartier feindlicher Truppen brachte angesichts der geringen Zahl an Wohnhäusern große Belastungen durch aufgenötigte Einquartierungen mit sich. Das gilt auch für die Verlegung von Teilen des Garderegiments 1756 nach S.; den deswegen 1761 vorgebrachten Klagen wurde erst 1774 durch Errichtung eines Kasernenbaus Rechnung getragen. Die Aufenthalte des Hofs lockten stets auch Gesindel an, so dass ein Bettelvogt eingesetzt werden musste. Immerhin durfte die Bevölkerung an einem Tag jedes Jahres den Schlosspark betreten.
Keine Frage, dass der Ort als zeitweilige Residenz u.a. auch wirtschaftliche Vorteile genoss. Dies galt vor allem für das Gastgewerbe. Hatte es 1721 nur einen Schildwirt, d.h. eine kontinuierlich betriebene Gaststätte mit Übernachtungsmöglichkeit, daneben sechs Kranzwirte, d.h. saisonal betriebene Gaststätten allein mit Ausschank, gegeben, stieg diese Zahl bis 1812 auf 15 Schildwirte an. Ähnlich beim Handwerk: 1721 gab es 19 selbständige Handwerksbetriebe, 1812 deren 106, die auch in anderen Städten üblichen Gewerke betreffend. Die 1749 eingeführten zwei Jahrmärkte bestätigte das Privileg von 1759. Die zahlreichen auswärtigen Besucher nützten nicht nur der Gastronomie, sondern bezogen den Ort auch bis 1778 in ein überregionales kulturelles Netzwerk ein. Die wirtschaftliche Interdependenz zwischen Hof und Marktflecken bezeugt auch der Umstand, dass die bis dahin nur über Sommer eingerichtete Hofapotheke erst ab 1780 dauernd verfügbar war.
(3) Eine Pfarrkirche im Unterdorf wurde 1305 erstmals erwähnt, 1435 deren wohl ursprüngliches Patrozinium St. Pankratius. 1496 gab es drei Nebenaltäre, einer mit einer Frühmesse, am zweiten bestand eine Muttergottesbruderschaft. Der Ort teilte die wechselhafte Konfessionsgeschichte der Kurpfalz, war also nach 1648 reformiert. Demgemäß machte der Anteil der Katholiken 1727 nur 20% aus, um bis 1807 auf 51% anzusteigen. Für sie war erst 1699 eine eigene Pfarrei eingerichtet worden, der bei der Teilung von 1705 die bis dahin simultan genutzte Pfarrkirche überlassen wurde; danach übten das Besetzungsrecht nacheinander bis 1713 Dominikaner, dann Jesuiten und im späten 18. Jahrhundert Lazaristen aus. Einem Antrag der Rheinischen Provinz des Franziskanerordens erteilte Kurfürst Carl Theodor trotz Einwänden kirchlicher Stellen seine Genehmigung, so dass 1770 ein kleines Franziskanerkloster eröffnet werden konnte; bereits 1802 musste es schließen und wurde mit dem in Heidelberg vereinigt. Die St. Pankratius-Kirche wurde 1736 neu erbaut, ihr Turm 1755. Die Reformierten mussten sich zunächst mit einer hölzernen Notkirche begnügen, die erst 1785 durch einen Steinbau ersetzt wurde. Für zugezogene Lutheraner gab es seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts eine Pfarrei, für die 1730 ebenfalls nur eine Holzkirche und 1775 ein bescheidener Steinbau errichtet wurde.
Juden, als Schutzbürger geduldet, lassen sich erstmals 1698 nachweisen; 1731 betrug ihre Zahl 17. Wie weit sie als Hofjuden bzw. Hoffaktoren gelten können, bleibt unklar. Lediglich ein Lazarus Raphael Traumann kann 1795 in einer solchen Funktion, nämlich als Finanzier der Mannheimer Garnison, festgestellt werden; 1802 wurde ihm das S.er Bürgerrecht zuerkannt.
(4) Das Siedlungsbild wurde von der Schlossanlage dominiert, auf die die neue Bebauung des Schlossplatzes samt der sich anschließenden vier Bauqaudrate bezogen wurde. Dort entstanden als Repräsentationsbauten ein vom Oberkommandierenden Prinz Friedrich von Zweibrücken errichteter und 1759 von diesem abgekaufter Marstall, ferner bis 1756 ein wappengeschmücktes Mehrzweckgebäude für die berittene Leibgarde, die Hofapotheke und Dienerwohnungen. Die Baumaßnahmen im Schlosspark erforderten einen Magazinbau, errichtet am Ende der von Mannheim kommenden Chaussee, der 1774 noch vor seiner Fertigstellung zur Bleibe für Militärinvaliden umgewidmet wurde. Unweit davon hat sich ein Bau für den Betrieb der Wasserkünste des Parks im Ortsbild erhalten. Erwähnenswert ist auch das Haus am Marktplatz, das der Hofbaumeister Francesco Rabaliatti für sich erbaute, später Sitz des badischen Bezirksamts. Erst Ansichten des Schlossplatzes aus dem 19. Jahrhundert, eine auf einem Lehrbrief von 1853 und eine Lithographie von Leopold Frank von 1862, vermitteln einen Eindruck von dem das S.er Ortsbild prägenden Ensemble.
(5) S. nahm weder ökonomisch noch interkommunal oder gar administrativ eine zentrale Funktion ein. Prägend waren jeweils die Konsumbedürfnisse von Hofhaltungen, soweit fürstliche Personen anwesend waren. Es bestand jedoch eine für das Oberrheingebiet typische Raumbeziehung, denn der Weg- und Blickachse vom Schloss über die Allee nach Heidelberg entsprach auf der Gegenseite in deren Verlängerung eine bewusste Blickachse zur Kalmit, der höchsten Erhebung des linksrheinischen Hardtgebirges über dem kurpfälzischen Flecken Edenkoben. Im gleichen territorialen Raumbewusstsein wurde später eine neue Straße als gradlinige Verkehrsbindung nach Mannheim angelegt. Sie war die erste Straße in Kurpfalz im Rang einer »Chaussee« und verfügte über eine Relaisstation in Rheinau.
(6) S. kann als Pendant für ein zur Residenz gediehenes Dorf betrachtet werden, dessen Schicksal jedoch stets von der jeweils befristeten bzw. von 1742 bis 1778 regelmäßig den Sommer über bestandenen kurpfälzischen Hofhaltung bestimmt wurde. Komplementär entstand ein städtisches Erscheinungsbild, ohne dass der Ort insgesamt vorerst hätte auch rechtlich Stadtqualität erlangen können. Diese wurde erst nachträglich 1833 errungen, jedoch beruhend auf der besonderen Vorgeschichte. Die gemeindliche Autonomie war bis 1802 sehr eingeschränkt. Die soziale Struktur blieb stets auf den Hof bezogen, was für die Gemeinde sozial nachteilig, aber vor allem wirtschaftlich vorteilhaft sein konnte. Von dem schon im 18. Jahrhundert einsetzenden Ruf touristischer Sehenswürdigkeit und dem Besuch politisch und kulturell wichtiger Personen hatten die Bewohner damals wenig; jedoch zehrt die Stadt bis heute davon.
(7) Ungedruckte Quellen im Landesarchiv Baden-Württemberg - Generallandesarchiv Karlsruhe, vor allem die Bestände 178 (Schwetzingen, Amt, 1564-1860) und 221 (Schwetzingen, Stadt, 1435-1864).
(8)Seyfried, Eugen: Heimatgeschichte des Bezirks Schwetzingen. Ein Beitrag zur Geschichte der badischen Pfalz, Schwetzingen 1925. - Martin, Kurt: Die Kunstdenkmäler des Amtsbezirks Mannheim. Stadt Schwetzingen, Karlsruhe 1933 (Die Kunstdenkmäler Badens, Bd. 10, 2). - Die Stadt- und die Landkreise Heidelberg und Mannheim. Amtliche Kreisbeschreibung, Bd. 3: Die Stadt Mannheim und die Gemeinden des Landkreises Mannheim, hg. von der Staatlichen Archivverwaltung Baden-Württemberg in Verbindung mit den Städten und Landkreisen Heidelberg und Mannheim, Karlsruhe 1970, S. 825-863. - Wörn, Karl: Schwetzingen zur Jahrtausendwende. Geschichte, Kultur, Wirtschaft, Schwetzingen 52000. - Schwetzingen. Geschichte(n) einer Stadt, hg. von der Stadt Schwetzingen, Bd. 1, Ubstadt-Weiher 2016.