(1) H. entstand nach der Mitte des 12. Jahrhunderts auf einem Keil, den der Neckar bei seinem Austritt aus dem Odenwald in die Oberrheinebene auf seinem Südufer gebildet hat. Der Übergang der Bergstraße über den Fluss, in der Spätantike durch eine Brücke gewährleistet, wurde etwas flussaufwärts verlegt, so dass er sich im Stadtgebiet mit der Fernstraße, die von Worms durch das Neckartal und den Kraichgau nach Schwaben bzw. durch den hinteren Odenwald nach Franken führte, vereinigte.
H. wurde angelegt im Tal unter der Burg auf der Molkenkur (zerstört 1558) und, wichtiger noch, unter dem Schloss auf dem Jettenbühl, beide am Hang des Königstuhls (567 m) gelegen. Dies geschah nach der Verlagerung des herrschaftlichen Schwerpunkts der Pfalzgrafschaft bei Rhein unter Pfalzgraf Konrad von Staufen (reg. 1156-1195) vom Mittelrhein an den unteren Neckar. Eine Zentralfunktion H.s kann seit der Übertragung der Pfalzgrafschaft auf das Haus Wittelsbach 1214 festgemacht werden, auch wenn die Wittelsbacher sich vorwiegend in Bayern aufhielten. Dies gilt auch noch für die Zeit nach der Herrschaftsteilung 1255, seit der die Pfalz und Oberbayern Herzog Ludwig II. unterstanden. In H. wurde der Landesherr durch einen Vitztum, später durch Vögte vertreten. Verselbständigt wurde die Pfalzgrafschaft 1329 durch den Hausvertrag von Pavia, jedoch kam zunächst Neustadt als Sitz Rudolfs II. eine Teilresidenzfunktion zu, die 1353 mit der Regierung Ruprechts I. (†1390) erlosch. Fortan blieb H. Residenz bis 1720, jedoch mit kriegsbedingten Unterbrechungen 1619-1649 und 1685-1718. 1560 war die Herrschaft an die Linie Pfalz-Simmern und nach deren Erlöschen 1685 an die Linie Pfalz-Neuburg übergegangen.
Kirchlich gehörte H. zur Diözese Worms, von deren Bischof Stadt und Schloss zu Lehen gingen. Ihm wie auch dem Bischof von Speyer kam im pfälzischen Machtsystem nur eine Satellitenrolle mit entsprechender Präsenz in H. zu. Die nach Hinwendung zur Reformation 1556 beispiellos häufigen Konfessionswechsel der Landesherrschaft (1560 calvinistisch, 1576 lutherisch, 1583 calvinistisch, 1623 katholisch, 1633/34 lutherisch, 1649 calvinistisch und 1685 katholisch) wirkten sich auf die Stadt aus. Der konfessionelle Gegensatz zwischen Kurfürst Karl Philipp und der protestantischen Mehrheit in H. führte 1720 zum abrupten Wegzug des Hofs nach Mannheim. Ein prägendes Element bildete neben dem Hof die 1386 gegründete Universität.
(2) Die Stadtwerdung nahm ihren Ausgangspunkt von einem ca. 1180 fassbaren Burgweiler um die 1196 erstmals erwähnte Peterskirche. Östlich dieser Siedlung entstand am Anfang des 13. Jahrhunderts auf leiterförmigem Grundriss und in engem Bezug zum wohl gleichzeitig begonnenen Schlossbau die 18 ha große ummauerte Altstadt, geländebedingt trapezförmig, 650 m lang und 350 bzw. 200 m breit. Die Bevölkerungszunahme, mehr noch die Knappheit an landwirtschaftlich nutzbaren Flächen führte 1392 zur Erweiterung nach Westen im Umfang von weiteren 37 ha, indem die Einwohner des Dorfes Bergheim, dessen Gemarkung fortan zur Stadt gehörte, zur Umsiedlung gezwungen wurden und in dieser ›Neustadt‹ (der verlängerten Hauptstraße) eine Art Straßendorf anlegten; Gutshöfe weltlicher und geistlicher Herrschaften gesellten sich hinzu. Vorausgegangen waren die Obere oder Jakobsvorstadt, fast nur ein Straßenzug neckaraufwärts gelegen und erst gegen 1620 leicht befestigt, sowie der Schlossberg längs des Zufahrtswegs zur Burg als bis 1743 rechtlich selbständige Siedlung für herrschaftliche Bedienstete mit eigenem Rathaus (Burg-Gericht, zweite Hälfte 17. Jh.). Die beträchtlichen Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges waren noch nicht alle behoben, als die Stadt im Pfälzischen Erbfolgekrieg 1693 fast vollständig niederbrannte. Der 1697 einsetzende Wiederaufbau erfolgte weitgehend auf dem alten Grundriss.
Die Bürger der Stadt waren frei, auch die Beisassen waren nicht leibeigen. Die Oberschicht wies, bedingt durch den Burg- und Herrendienst, eine starke ritterschaftliche Komponente auf. Großkaufleute gab es nicht. Die konfessionellen Verwerfungen, Seuchen und Kriegsereignisse des 16. und 17. Jahrhunderts bedeuteten beträchtliche Kontinuitätsbrüche, z.B. durch die Zuwanderung romanischsprachiger Glaubensflüchtlinge und gipfelnd in der fast vollständigen Neubesiedlung nach 1697. Ein Steuerverzeichnis von 1439 weist 772 Steuerpflichtige aus, was auf 3850 Einwohner schließen lässt, wozu ca. 1640 weitere gekommen sein dürften, die steuerbefreiten Haushalten von Adligen, Professoren und Geistlichen angehörten, sowie Studenten, so dass sich - ohne die Angehörigen des Hofes - eine Gesamtzahl von etwa 5500 Einwohnern ergibt. 1588 war diese auf 6400 angestiegen; von den 4554 Personen, die man Berufen zuordnen kann, war etwa ein Viertel im herrschaftlichen Dienst oder freiberuflich, d.h. meist lehrend, tätig. Der Wegzug des etwa 1000 Personen umfassenden Hofs 1619 nach Prag ließ die Einwohnerschaft auf ca. 6000 schrumpfen, der Krieg bis 1649 beließ schließlich sogar nur ca. 300 Einwohner. Nach der Stadtzerstörung von 1693 kehrten nur 153 Familien bald zurück. Nach der Zuwanderung von Behördenpersonal ab 1699 und wegen der Wiederbesiedlung durch mehrheitlich Landfremde regenerierte sich die hofspezifische Bevölkerungsgruppe nicht wieder. 1720 dürfte die Einwohnerzahl 6000 erneut überschritten haben.
Der Stadtgrundriss ist typisch für den einer fsl.en Gründungsstadt unterhalb einer Burg. Dabei sind der Schlossberg (mit Bedientenbehausungen und einigen Burgmannssitzen wie dem »Affenstein«) und die sich an das Schlossareal direkt anschließende, zeitgleich mit der Residenznahme entstandene Jakobsvorstadt (gelegen im Osten zwischen Plankengasse und Karlstor, mit Herrenmühle) außerhalb der eigentlichen Stadt. Deren Sozialtopographie war ebenfalls herrschaftlich geprägt durch etwa 40 Adelssitze, weitere feste Häuser führender Stadtbürgergeschlechter sowie Höfe herrschaftsnaher auswärtiger Klöster (Kloster Schönau mit seiner Mühle in Brückennähe, sodann der Klöster Maulbronn, Sinsheim, Neuburg, Deutschorden und Liebenau in Worms). Die Neustadt von 1392 erhielt später eine herrschaftliche Prägung durch das Zeughaus (1512) und den Marstall (1595) nahe der Altstadt und durch den nach 1545 zwischen Hauptstraße und Plöck angelegten Herrengarten mit exotischen Pflanzen und Wasserkünsten sowie einem Turnierplatz und -gebäude.
Den Verkehrs- und Handelsbedürfnissen kam die zentrale Lage des Marktplatzes entgegen; von ihm führte die Steingasse, zunächst die einzige gepflasterte Straße, zur 1284 erstmals erwähnten Neckarbrücke. Dort befanden sich auch viele der etwa 50 Gasthöfe; das Gewerbe der Gerber konzentrierte sich am Ostrand der Altstadt in Flussnähe. Die Weingärtner, Fischer und Leineweber wohnten in der Neustadt. Der militärisch ungünstigen Lage am Fluss zwischen Anhöhen wurde etwas abgeholfen durch die Errichtung zweier Bollwerke »Trutzkaiser« und »Trutzbaier« 1470 im Südwesten über der Neustadt. Die erst 1621 begonnene Befestigung der Hauptangriffsseite im Westen kam zu spät und genügte nicht.
Eine Stadtrechtsverleihung ist nicht überliefert, das Verfassungsleben der Stadt war stark obrigkeitlich überformt. Die städtischen Organe waren nicht für die Hofangehörigen zuständig, sondern nur für die »Schultheißenangehörigen«. Der erstmals 1203 genannte Schultheiß war oberster Beauftragter des Landesherrn. Die Bürgergemeinde (1217 erstmals erwähnt) bildete als Organ einen seit 1290 gewählten zwölfköpfigen Stadtrat (1246, 1257 scabini; 1287 consules) aus. Dieser wie die aus ihm hervorgehenden zwei (ab 1300) aufeinander folgenden Bürgermeister mit je einjähriger Amtszeit (1280 magister civium) war dem Schultheiß unterstellt; dieses Amt versahen fast durchweg hofnahe Niederadlige. Der Stadtrat fungierte für das Stadtgebiet (die dort ansässigen Hofangehörigen unterstanden dem Haushofmeister) als Gerichtsherr auch in Strafsachen, durfte aber in der Neuzeit keine Todesurteile mehr fällen. Eine 1357 nach Unruhen erlassene Stadtordnung behielt der Herrschaft die Genehmigung der Einsetzung von Ratsmitgliedern und deren Absetzbarkeit vor. Etwas mehr Freiraum beschied die von Friedrich I. 1475 erlassene Stadtordnung, bei der wirtschaftliche Aspekte im Vordergrund standen. Den zwei Bürgermeistern waren künftig vier weitere Personen, davon zwei für die Zünfte, zur Kontrolle vor allem des Rechnungswesens beigesellt; diese »Vierer« vertraten später die vier durch die Hauptstraße bzw. den Graben zwischen Alt- und Neustadt voreinander geschiedenen Stadtviertel, die nach der Reformation auch Pfarrbezirke bildeten. Mit einem 1698 gewährten umfassenden Privileg zur Förderung des Neuaufbaus ging die Wiederaufnahme der Ratstätigkeit einher. Die Dominanz des herrschaftlichen Elements ließ kaum Unruhen aufkommen, auch nicht zwischen den zahlreichen adligen, geistlichen, gelehrten (bis 1623) und beamteten Privilegierten und der Bürgerschaft. Angehörige des Rats waren Mitglieder in der 1380 gegründeten Bruderschaft des Hofgesindes an der Schlosskapelle; die 1660 erwähnte Ratsbruderschaft könnte auf sie zurückgehen. Das Verhältnis der Stadt zur Universität war reich an Spannungen; die Studenten waren dem Stadtrecht nicht unterworfen, die vor allem im 15. Jahrhundert häufigen Auseinandersetzungen mit der Bürgerschaft wurden durch die Landesherren stets rasch beigelegt. Damals waren Stadtverwaltung, Hof und besonders die Kanzlei eng mit der städtischen Führungsschicht verquickt; es gab ganze Dynastien von Protonotaren, die entweder H.er Bürger oder mit solchen verschwägert waren. Nach 1520 begegnet dieses kaum noch, seit der Reformation erstreckte sich die Professionalisierung, nunmehr stärker gestützt auf die Universität, über europaweite Netzwerke. Voraussetzung dafür war auch die Universitätsreform von 1552/58, die fast einer Neugründung gleichkam und z.B. die Juristen von der Dienstpflicht bei Hofe freistellte.
Die Wirtschaftsstruktur H.s war ganz auf die Bedürfnisse des Hofs abgestellt. Fernhandel kam nicht auf; der Versuch, 1357 im Schatten der Frankfurter eine eigene Messe zu errichten, scheiterte. Lediglich die 1359 begonnene Münzprägung erreichte seit 1386 überregionale Bedeutung. In der Anfangszeit war H. stark von der Landwirtschaft geprägt; noch 1439 stellten Weingärtner mit 131 Mitgliedern die stärkste Zunft; Wein war auch das einzige ausgeführte Wirtschaftsgut. Die Zünfte bestanden aus den typischen Nahrungsmittel- und Bekleidungsgewerben, das Bauwesen fehlte hingegen. Zunftordnungen erließ der Landesherr. Obwohl der Handel vor Ort nur lokale Bedeutung hatte, war H. das Zentrum der Neckarschifffahrt (Kran am Neckarufer). Die zunehmende hofbedingte Ausrichtung auf Luxusgüter schlägt sich in den 17 Goldschmieden nieder, die 1588 neben vielen anderen Gewerken genannt werden.
An Abgaben sind bereits 1225 Verbrauchssteuern erwähnt, die der Landesherr beanspruchte, nämlich Zoll, Ungeld (Akzise) und eine Weinschrötergebühr (d.h. den innerstädtischen Fasstransporteuren auferlegt). Vom Ungeld verblieb seit 1465 ein Viertel, seit 1477 ein Drittel der Stadt. Hinzu kam die städtische Bede (Grund- und Gebäudesteuer) und, anfangs nur anlassbezogen, die landesherrliche Schatzung, von der 1439 ein Zehntel der Stadt zufloss.
(3) Wie lange die außerhalb gelegene Peterskirche bei der Nennung eines Leutpriesters 1196 schon Pfarrkirche gewesen war, ist ungewiss. Jedenfalls blieb sie bis 1400 auch Mutterkirche für die vor 1239 innerstädtisch auf dem Marktplatz errichtete Hl. Geistkirche. Im Zuge der Gründung des Hl. Geiststifts dürfte König Ruprecht die Kloster Schönau zustehenden Patronatsrechte beider Kirchen wieder an sich gezogen haben; das der Peterskirche übertrug er 1400 der Universität, die die Kirche fortan als Sepultur nutzte. Die mit einem Neubau einhergehende Stiftsgründung schloss Kurfürst Ludwig III. 1413 ab. Ihre Grundlage hatte Papst Bonifaz IX. 1398 durch die Erlaubnis gelegt, zwölf Kanonikate aus verschiedenen Stiften der Wormser und Speyerer Diözese (darunter vier der Stiftskirche in Neustadt) zu inkorporieren. Alle, auch die später gestifteten Kanonikate, standen Professoren zu. Die Verbindung von Stift und Universität währte bis 1557. In Ablösung der früheren pfgf.en Grablegen in Schönau und Neustadt ging mit der Bestattung des Kg.s und seiner Gemahlin 1410 diese Funktion auf Hl. Geist über (54 Bestattungen). Dank zahlreicher Stiftungen gewann die Kirche großes Ansehen, gemehrt durch Ludwig III. mit der Zuwendung eines großen Kirchenschatzes 1411 sowie dem Vermächtnis seiner Bibliothek 1421, die den Grundstock bildete für die 1623 als Kriegsbeute in den Vatikan verbrachte Bibliotheca Palatina. Die Kirche diente ferner der Memoria zweier adliger Schwureinigungen: die Kapitel der (oberen) Esel-Gesellschaft, vertreten durch die Wappenmalerei im südlichen Chorseitenschiff, wurden zweimal jährlich off das rathuse einberufen und die Statuten der Gesellschaft des Pelikans, eines kurzlebigen Hofordens Kurfürst Ludwigs IV., waren in der Hl. Geistkirche hinterlegt.
Die Franziskaner dürften sich schon um 1250 östlich vor der Stadtmauer niedergelassen haben. Nach Zerstörungen errichteten sie ab 1320 ihr Kloster (heute Karlsplatz) neu. Bedeutender wurde das 1279 erstmals bezeugte Kloster der Augustinereremiten im Südwesten der Stadt. Später nutzte auch die Universität seine im 15. Jahrhundert erweiterten Räumlichkeiten; 1476 wurde es reformiert. Kurfürst Friedrich I., der ausnahmsweise die Franziskanerkirche zu seiner Grablege bestimmte, ist Gründer des kurz vor seinem Tod 1476 in der Neustadt entstandenen Predigerklosters. Angeschlossen war diesem eine mit der Universität verbundene Studienanstalt für Theologie und Philosophie. Auch die Schönauer Zisterzienser hatten 1387 mit dem St. Jakobsstift in der Vorstadt eine vergleichbare Studienanstalt (mit Kapelle) für Ordensangehörige geschaffen. Im Zuge der Rekatholisierung entstand an dieser Stelle 1685 eine Pfarrkirche, nach ihrer Zerstörung seit 1700 ein Kloster der unbeschuhten Karmeliter. Im 18. Jahrhundert bestimmend wurde der 1685 in die Stadt gerufene Jesuitenorden, für den ab 1703 ein Kollegium, ab 1712 die erst 1759 fertig gestellte Kirche errichtet wurde. 1688 entstand im Bereich des Herrengartens ein Kapuzinerkloster, 1700 gegenüber der Peterskirche das Schwarznonnenkloster für Augustinerinnen und schließlich 1724 ebenfalls als kfsl.e Stiftung ein kleines Kloster für Dominikanerinnen (Weißnonnen) in der Plöck.
Wohl 1267 wurde auf dem heutigen Kornmarkt ein städtisches Spital gegründet und nach 1290 erweitert. Dieses Kurspital (mit Pfründnerhaus) verlegte man 1556 als Reiches Spital in die Neustadt in das erloschene Predigerkloster. Das um 1500 dort in der Hauptstraße eingerichtete Armen- oder Bürgerspital war ein Pfründnerhaus, das auch mit Kranken belegt war. Leprose fanden Zuflucht in einem 1364 erwähnten Gutleuthaus in der Vorstadt, das später nach Aue bei Schlierbach verlegt wurde.
Obwohl Martin Luther April 1518 beim Generalkapitel seines Ordens im H.er Augustinerkloster seine Theologie vor einer gelehrten Öffentlichkeit hatte darlegen können, setzte sich die Reformation vor Ort nur langsam durch. An der Universität blieb Luthers Lehre zunächst verboten. In seinem Sinne wirkten Geistliche an der Heiliggeistkirche, vor allem Heinrich Stoll, der sich nach 1544 unter Kurfürst Friedrich II. entfalten konnte (1546 evangelische Kirchenordnung für Kurpfalz) und 1556 unter Kurfürst Ottheinrich, der die katholische Konfession untersagte, zum ersten lutherischen Generalsuperintendenten aufstieg. Ottheinrichs Nachfolger Friedrich III. führte die Kurpfalz dem Calvinismus zu, gestützt auf die Theologen Caspar Olevian und Zacharias Ursinus; letzterem ist der 1563 erschienene H.er Katechismus zu verdanken. Die Kirchenordnung vom gleichen Jahr hatte u.a. die Beseitigung von Bildern und Altären zur Folge. H. wurde Schauplatz eines beispiellosen Austauschs von Eliten, einmal mehr wegen des lutherischen Intermezzos unter Ludwig VI. 1576-1583; ab 1572 zuwandernde Wallonen und französische Exulanten, die eine eigene Gemeinde bildeten, setzten ein Zeichen für die calvinistische Internationalität. Die konfessionellen Wechselfälle des Dreißigjährigen Krieges mögen hier auf sich beruhen. Nach seinem Herrschaftsantritt 1649 übte Kurfürst Karl Ludwig eine gewisse Toleranz und erbaute für die Lutherischen die Providenzkirche (1659-1661); die Katholiken erlangten jedoch erst beim Herrschaftsantritt der Linie Pfalz-Neuburg 1685 die volle Religionsfreiheit und wurden anschließend der Bevölkerungsmehrheit der Evangelischen vorgezogen.
Juden sind erstmals 1275 bezeugt, nach den Pogromen von 1348 konnte nach 1356 eine Gemeinde gebildet werden. Wohl aus einem antijudaistischen Affekt wurden sie jedoch von Kurfürst Ruprecht II. 1390 aus H. wie den anderen Städten der Pfalzgrafschaft vertrieben und ihr Besitz eingezogen. Die Synagoge in der Untergasse wurde in eine Marienkapelle umgewandelt und diente der Universität als Hörsaal. 1660 gab es wieder fünf jüdische Familien, und im Zuge der Wiederbesiedlung erhielten 1698 ebenso viele eine Ansiedlungserlaubnis. Ihre Gottesdienste hielten sie im Haus des Faist Oppenheimer gegenüber der entstehenden Jesuitenkirche ab. Die deswegen naheliegende Verlegungsabsicht an eine schlechtere Stelle führte zu einem langen Synagogenstreit (1714-1737).
(4) Bei der Gestaltung des Stadtraums schied kommunale Initiative nahezu aus. Lediglich das 1414 bezeugte Rathaus (wohl das Kaufhaus in der Haspelgasse), welches 1472 auf die Ostseite des Markts verlegt wurde, ist zu nennen. Seine Wiedererrichtung 1701/03 durch J. Flémal geschah jedoch im Zuge des herrschaftlichen Aufbauprogramms. In der Südwestecke der Altstadt, wo sich auch die Universität nach und nach baulich etablierte, lagen Marställe, ein Vogteigebäude und neben dem Speyerer Hof die 1457 abgebrannte Kanzlei. Für diese und das Hofgericht entstand 1466 ein neuer Zweckbau unterhalb des Schlosses, gegenüber bald danach einer für die Münze. Kirchenbaulich dominierte die Hl. Geist-Kirche; die Peterskirche, 1485 neu errichtet, trat dahinter zurück, ebenso die turmlosen Kirchen der drei Bettelordensklöster. Im 18. Jahrhundert entstand mit der Alten Universität und mit Kolleg und Kirche der Jesuiten ein urbanistisches Gegengewicht zum Markt. Mitunter korrespondierten höfische und städtische Bauelemente: Die Oktogone des Glockenturms auf dem Schloss und des Turms der Hl. Geistkirche entsprachen sich. Phasen des Schlossausbaus brachten stadtbildprägende Herrschaftsbauten wie Kanzlei und Münze, Zeughaus und Marstall sowie 1591 das Collegium Casimirianum für die Universität hervor. Von der Hochblüte der Renaissancebaukunst zeugt heute nur noch das 1592 errichtete Haus zum Ritter. Die zahlreichen Stadthöfe sind bis auf Teilbestände 1693 untergegangen. Einige von ihnen erstanden im 18. Jahrhundert wieder, meist in anderem räumlichen und Besitzkontext.
Beim Wiederaufbau nach 1697 konnte sich der auf Begradigungen gerichtete Wille Kurfürst Johann Wilhelms gegen den Pragmatismus der bürgerlichen Bauherren kaum durchsetzen. Es entstand ein in zahlreichen geschlossenen Blöcken noch erhaltenes barockes Gesamtstadtbild.
Die Nutzung des Stadtraums durch die Landesherrschaft ist z.B. bezeugt durch eine Dankprozession für den Sieg Friedrichs I. 1462 bei Seckenheim; sein Nachfolger verfügte 1478 die Umlegung des Wegs zur Peterskirche von der Heiliggeistkirche zum gerade erbauten Predigerkloster. Bildlich dargestellt wurde z.B. der Einzug des späteren Kg.s Karl IX. von Schweden zu seiner Vermählung mit Maria, Tochter Kurfürst Ludwigs VI., 1579 sowie ein Triumphwagen für ein Fest, das 1583 aus Anlass einer Taufe im Herrengarten stattfand. Dieser war auch Schauplatz zahlreicher Turniere, deren Abhaltung - zunächst wohl im Bereich des Grabens - seit 1359 bezeugt ist. Als herausragend darf der Einzug des Hochzeitspaares Friedrich V. und Elisabeth Stuart 1613 gelten (Schaugefecht vor der Stadt; zahlreiche Triumphbögen der Universitätsfakultäten und städtischer Vereinigungen säumten den musikalisch begleiteten Zugweg; Maskenaufzug mit Friedrich als »Jason« in einem Schiff »Argo« fahrend). 1702 wurde Kaiser Joseph I. empfangen. Die Wiederinbesitznahme der Stadt wurde durch die Statue eines Herkules »Palatinus« auf dem 1705 vor dem Rathaus errichteten Brunnen versinnbildlicht. Die Konfession des Landesherrn verkörperten zahlreiche Madonnen an Häusern und besonders die auf dem 1718 errichteten Kornmarktbrunnen.
Die älteste Stadtansicht in einem Druck des Texts der Goldenen Bulle von 1485 symbolisiert den Charakter als Hauptstadt des Kfm.s: die Brücke mit dem landesherrlichen Wappen am Turm, zwei Burgen, ein Kirchturm und wenige Häuser. Unverzichtbar für den Nachvollzug des verlorenen Stadtbilds sind die Ansichten von Sebastian Münster von 1550 und von Matthäus Merian von 1620; die Bastionierung der Westseite zeigt ein Stich von Peter Isselburg von 1622. Dass der Wiederaufbau 1683 noch nicht abgeschlossen war, ist der Stadtansicht von Johann Ulrich Kraus zu entnehmen. Die neue barocke Stadtgestalt zeigt eine Ansicht von Peter Friedrich de Walpergen vom Jahr 1763.
(5) Den Versorgungsbedürfnissen des Hofes und der Stadt diente das Nahmarktgeschehen. Was die durch Weinbau geprägte Gemarkung nicht hergab, konnte aus dem fruchtbaren Umland im Westen besorgt werden. Um Erleichterungen bei der Nutzung des Grundbesitzes der Einwohner war der Landesherr bemüht. Die Kleinteiligkeit der Grundbesitzstrukturen zeigt z.B. ein Urbar von 1487 der Niederlassung des Deutschen Ordens, die zur Kommende Weinheim gehörte. Eine wichtige Rolle spielten die Höfe der Klöster, von denen aus deren Produkte zollfrei verkauft wurden. Der Schönauer Hof hatte zur Unterhaltung der Neckarbrücke beizutragen; diese oblag hauptsächlich den Einwohnern, die deswegen vom Brückenzoll befreit waren. Die Reformation hatte die Verwaltung der Güter der kurpfälzischen Klöster durch die »Geistliche Administration« zur Folge (bis 1803). Der Maulbronner Hof diente fortan den Hzg.en von Württemberg als Stadthof. Dank des landesherrlichen Klientelsystems benötigten zahlreiche Adelshäuser Unterkünfte in der Stadt, auch gräfliche wie Katzenelnbogen, Leiningen und Solms. Nicht landsässige Niederadelsfamilien wie die Handschuhsheim, Landschad, Hirschhorn, Sickingen, Gemmingen, Göler von Ravensburg und Bettendorf wandten sich spätestens seit der Hinwendung der Pfalzgrafen zum Calvinismus ab und gaben ihre Stadthöfe auf.
Zwar zählten die Städte zu den »merglichen gelidern« der Kurpfalz, die seit 1450 anstelle von Ständen bei wichtigen Entscheidungen des Landesherrn einbezogen wurden; H. nahm dabei keine bevorzugte Stellung ein. Das Stadtgericht diente lediglich fünf Städten und dörflichen Zenten im Umland als Oberhof. Im 18. Jahrhundert, auch noch nach 1720, war H. neben Mannheim und Frankenthal eine der drei Hauptstädte der Kurpfalz, denen jeweils ein Stadtdirektor im Sinne eines echten Verwaltungsamts vorstand.
(6) H. verdankt seine mit dem 13. Jahrhundert einsetzende Existenz als Stadt vollständig einem landesfürstlichen Willen und hatte sich als späte Gründungsstadt unter der als Residenz geplanten Burg, die bis zum festungsmäßig geschützten Renaissanceschloss gedieh, gänzlich anzupassen. Dynastisch bedingt fielen H. erst um die Mitte des 14. Jahrhunderts die Aufgaben einer Haupt- und Residenzstadt unangefochten zu. Der Aufschwung unter Ruprecht I. ging mit dem Erwerb der Kurwürde 1356 einher, wurde gesteigert durch die Gründung der Universität 1386 und gekrönt durch den Charakter als Königsresidenz Ruprechts von der Pfalz (1400-1410). Die Kurfürsten unterstellten die Stadtverwaltung, formal der freierer Städte nachgebildet, ihrer strengen Aufsicht, waren jedoch im Interesse der Versorgung des Hofs auf Wirtschaftsförderung bedacht. Die kirchlichen Verhältnisse wurden gegängelt; als sakraler Mittelpunkt eines weltlichen Reichsfürstentums ist die Hl. Geistkirche ohne Beispiel. Die Stadt profitierte besonders von den beiden Glanzphasen des Hofes nach 1450 und vor 1618. In eine Lobrede auf Friedrich I. bezog der Humanist Peter Luder 1458 - erstmals in Deutschland - ein Städtelob in antiker Tradition ein. Der konfessionelle Sonderweg der Kurpfalz verhalf der Universitätsstadt nach 1556 zwar zu europaweitem Prestige; ihr Angewiesensein auf das politische Geschick und damit auch Schicksal der kfl.en Landesherren bereitete ihr im 17. Jahrhundert jedoch zweimal fast den Untergang. Unerachtet einer bemerkenswerten Wiederaufbauleistung führte konfessioneller Dissens mit dem Landesherrn - aus dessen Sicht eine Unbotmäßigkeit - 1720 schlagartig zum Verlust der Residenz.
(7) 1693 verbrannte alles städtische Schriftgut. Das, was vom die Stadt betreffenden landesherrlichen erhalten ist, gelangte ins Landesarchiv Baden-Württemberg - Generallandesarchiv Karlsruhe, in erster Linie in den Bestand 204 (Stadt Heidelberg). Daneben sind die Bestände 77 (Kurpfalz Generalia, darin die vier erhaltenen Rechnungen, Nrn. 5293, 5295, 5296 und 6155), 67 (Kopialbücher) und 43 (Urkunden Pfalz) heranzuziehen.
Mays, Albert, Christ, Karl: Verzeichnus der Inwöhner der Churfürstlichen Stadt Heidelberg Anno 1588 im May, in: Neues Archiv für die Geschichte der Stadt Heidelberg 1 (1890) S. 31-320. - Christ, Karl: Die Heidelberger Schatzung von 1439, in: ebd. 3 (1898) S. 200-280. - Oechelhaeuser, Adolf von: Die Kunstdenkmäler des Amtsbezirks Heidelberg, Tübingen 1913 (Die Kunstdenkmäler des Großherzogtums Baden VIII,2). - Neumüllers-Klauser, Renate: Die Inschriften der Stadt und des Landkreises Heidelberg, Stuttgart 1970 (Deutsche Inschriften, 12). - Gang durch Heidelberg in Zeichnungen und Aquarellen des 17.-19. Jahrhunderts aus den Beständen des Kurpfälzischen Museums der Stadt Heidelberg (Ausst.-Kat.), hg. von Jörn Bahns, bearb. von Sigrid Wechssler, Heidelberg 1985. - Wagner, Ulrich: Das Heidelberger Deutschordensurbar von 1487, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 138 (1990) S. 143-197. - Drös, Harald: Heidelberger Wappenbuch. Wappen an Gebäuden und Grabmälern auf dem Heidelberger Schloß, in der Altstadt und in Handschuhsheim, Heidelberg 1991. - Heidelberg im Wandel der Zeit. Graphische Darstellungen der historischen Stadt, hg. von Thilo Winterberg, bearb. von Michaela Patricia Stahl, Heidelberg 1996. - Hubach, Hanns: Kurpfälzisches Skizzenbuch. Ansichten Heidelbergs und der Kurpfalz um 1600, Heidelberg 1996.
(8)Eulenburg, Franz: Städtische Berufs- und Gewerbestatistik (Heidelberg) im 16. Jahrhundert, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins NF 11 (1896) S. 81-141. - Oberrheinische Stadtrechte, 1. Abt., bearb. von Carl Koehne, 5. Heft: Heidelberg, Mosbach, Neckargemünd, Adelsheim, Heidelberg 1900, S. 473-540 und 9. Heft: Ergänzungen, Berichtigungen und Register, 1922, S. 1107-1133. - Lohmeyer, Karl: Die Bürgeraufnahme aus der Zeit des Wiederaufbaus und der Neubesiedlung des zerstörten Heidelberg, 1619-1711, in: Neues Archiv für die Geschichte der Stadt Heidelberg 13 (1928) S. 377-457. - Merz, Ludwig: Befestigungen um Heidelberg 1622 (mit Plan), in: Ruperto-Carola 20 (1956) S. 152-235. - Zahn, Eberhard: Die Heiliggeistkirche zu Heidelberg. Geschichte und Gestalt, Karlsruhe 1960 (Veröffentlichungen des Vereins für Kirchengeschichte in der ev. Landeskirche Baden, 19). - Merz, Ludwig: Die Heidelberger Stadtmauern. Neue Aufschlüsse über alte Mauerzüge, in: Ruperto-Carola 38 (1965) S. 177-186. - Derwein, Herbert, Schaab, Meinrad: Geschichte der Stadt Heidelberg, in: Die Stadt- und die Landkreise Heidelberg und Mannheim. Amtliche Kreisbeschreibung, hg. von der Staatlichen Archivverwaltung Baden-Württemberg, Bd. II, 1968, S. 8-72. - Heinemann, Günter: Heidelberg, München 21984. - Kettemann, Rudolf: Heidelberg im Spiegel seiner ältesten Beschreibung, Mannheim 21991. - Ehmer, Hermann: Heidelberg, Residenz der Pfälzer Kurfürsten bis 1720, in: Residenzen. Aspekte hauptstädtischer Zentralität von der frühen Neuzeit bis zum Ende der Monarchie, hg. von Kurt Andermann, Sigmaringen 1992 (Oberrheinische Studien 10), S. 297-321. - Löslein, Barbara: Geschichte der Heidelberger Synagogen, Heidelberg 1992 (Veröffentlichungen zur Heidelberger Altstadt, 26). - Vor dem großen Brand. Archäologie zu Füssen des Heidelberger Schlosses, hg. vom Landesdenkmalamt Baden-Württemberg [Red.: Dietrich Lutz], Stuttgart 1992. - Hepp, Frieder: Religion und Herrschaft in der Kurpfalz um 1600. Aus der Sicht des Heidelberger Kirchenrats Dr. Marcus zum Lamm (1544-1606), Heidelberg 1993 (Buchreihe der Stadt Heidelberg, 4). - Hepp, Frieder: Matthäus Merian in Heidelberg. Ansichten einer Stadt, Heidelberg 1993. - Heidelberg. Geschichte und Gestalt, hg. von Elmar Mittler, Heidelberg 1996. - Kolb, Johann: Heidelberg. Die Entstehung einer landesherrlichen Residenz im 14. Jahrhundert, Sigmaringen 1999 (Residenzenforschung, 8). - Dahlhaus, Joachim: Zu den ältesten Siegeln der Stadt Heidelberg und Neustadt an der Weinstraße, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 148 (1999) S. 113-143. -Moers-Messmer, Wolfgang von: Heidelberg und seine Kurfürsten - Die große Zeit der Geschichte Heidelbergs als Haupt- und Residenzstadt der Kurpfalz, Ubstadt-Weiher 2001. - Hubach, Hanns: Parnassus Palatinus. Der Heidelberger Schlossberg als neuer Parnaß und Musenhort, in: Der Berg, hg. von Hans Gercke, Heidelberg 2002, S. 84-101. - Rödel, Volker: Art. »Heidelberg«, in: Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich. Ein dynastisch-topographisches Handbuch, hg. von Werner Paravicini, bearb. von Jan Hirschbiegel und Jörg Wettlaufer, Teilbd. 2: Residenzen, Ostfildern 2003 (Residenzenforschung 15/I, 2), S. 259-262. - Seidenspinner, Wolfgang, Benner, Manfred: Heidelberg. Archäologischer Stadtkataster Baden-Württemberg, Bde 32.1 und 32.2, Stuttgart 2006. - Heidelberg im Barock. Der Wiederaufbau der Stadt nach den Zerstörungen von 1689 und 1693. Begleitband zur Ausstellung im Kurpfälzischen Museum der Stadt Heidelberg, hg. von Frieder Hepp und Martin Mumm, Heidelberg 2009. - Heidelberg nach 1693. Bewältigungsstrategien einer zerstörten Stadt, hg. von Susan Richter und Heidrun Rosenberg, Weimar 2010. - Mertens, Melanie: Stadtkreis Heidelberg, Teilbd. 1, Ostfildern 2013 (Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Kulturdenkmale in Baden-Württemberg Bd. II.5.1). - Die Grablegen der Wittelsbacher in Heidelberg. Tod und Gedächtnis im späten Mittelalter, hg. von Frieder Hepp und Jörg Peltzer, Heidelberg 2013. - Hanschke, Julian: Schloss Heidelberg. Architektur und Baugeschichte, Institut für Baugeschichte - Karlsruher Institut für Technologie 2015.