(1) Der Ortsname Q., abgeleitet von lat. quercitum, verweist auf einen von Eichen bewachsenen Ort. Q. befindet sich inmitten des Dreiecks von Valenciennes, Cambrai und Maubeuge auf einem Plateau, das von den kleinen Flüssen Écaillon und Rhonelle umflossen wird, die beide in die Schelde münden. Q. gehörte im Früh- und Hochmittelalter als Allod zum Tafelgut der Bischöfe vom Cambrai. 1148 wurde der Ort vom Cambraiser Bischof an Graf Baudouin IV. von Hennegau verkauft, der dort eine Burg, genauer eine Motte über dem Wald namens Noflus errichtete. Aus diesem Anlass gibt es einen ersten Hinweis auf eine Bevölkerung, zu deren Schutz eine Mauer bzw. Befestigung angelegt wurde. Johanna von Konstantinopel, Gf.in von Flandern und Hennegau (reg. 1205-1244) nutzte von Anfang an Q. als Sitz ihres Hofs. Mit der Nachfolge des Hauses Avesnes in der Grafschaft Hennegau 1280 endete die flämisch-hennegauische Vereinigung. Auch unter den Grafen aus dem Haus Avesnes spielte Q. weiterhin eine Rolle als Aufenthaltsort, die sich aber verkleinerte, als Jean d’Avesnes 1299 die Nachfolge in Holland-Zeeland antrat. Bis 1345, als mit dem Tod Graf Wilhelms IV. von Holland (II. von Hennegau) die männliche Linie der Avesnes endete und seine Schwester Margaretha (seit 1324 Ehefrau König bzw. Kaiser Ludwigs IV. »des Bayern«) nachfolgte, blieb Q. Nebenresidenz bzw. Witwensitz. 1347 zog sie sich aus der Regierung Holland-Zeelands zurück und herrschte allein im Hennegau. Ihre letzten Lebensjahre ab 1354 verbrachte Margaretha wohl vermehrt in Q., wo sie 1356 verstarb. 1359-1389 wurde ihr geisteskranker Sohn Wilhelm (V. als holländischer, II. als Hennegauer Gf.) in Q. unter Verschluss gehalten, statt seiner regierte sein Bruder Albrecht. In Q. geboren wurde 1401 Jakobäa von Bayern, Urenkelin Margarethas, Tochter Graf Wilhelms VI. von Holland (IV. von Hennegau), die 1422-1433 Gegnerin Herzog Philipps des Guten von Burgund um das Erbe der Wittelsbacher in den Niederlanden war, was sie letztlich (dramatisch) verlor. Damit ging der Hennegau im größeren burgundisch-niederländischen Herrschaftskomplex auf, zunächst noch als Gut zur Versorgung von Philipps Tante Marguerite de Bourgogne (1374-1441), die über ihre Ehe mit Wilhelm VI. von Holland (IV. von Hennegau) Erbin des Hennegau war. Nach ihrem Tod 1441 schuf Philipp der Gute in Q. ein Amt (Kastellanei, später Gouvernement). Von Philipp dem Guten wurde das Schloss in Q. nach Bränden 1442 und 1449 tatkräftig ausgebaut und verschönert. In Q. verstarb 1465 die zweite Ehefrau Karls des Kühnen, Isabelle de Bourbon. Nach dem Tod Karls des Kühnen wurde Q. 1477 vom französischen König Ludwig XI. für ca. ein Jahr besetzt. Nach der Rückeroberung durch die burgundische Seite verlor Q. seine Bedeutung als Ort höfischer Ereignisse. Q. fungierte als Grenzfestung bei den Auseinandersetzungen zwischen Kaiser Karl V. und König Franz I. von Frankreich. Im französisch-spanischen Krieg wurde 1654 Q. von französischen Truppen erobert, mit dem Pyrenäenfrieden 1659 wurde Q. auch rechtlich Frankreich zugeordnet.
(2) Erste Hinweise auf eine frühe städtische Entwicklung erscheinen kurz nach Errichtung der Burg. 1161 verlieh Graf Baudouin mehrere Rechte an die Einwohner, was wohl darauf abzielte, den Zustrom von Siedlern zu fördern. Schöffen, Notare und ein Hospital werden seit dieser Zeit immer wieder erwähnt. Belegt ist durch ein Besitzverzeichnis, dass Gf.in Margaretha von Flandern-Hennegau (reg. 1244-1280) in Q. 600 Güter, darunter neun Backöfen, besessen hat, Indiz eines enormen Wachstums. 1492 zählte Q. ungefähr 800 Haushaltsvorstände, was auf eine Größenordnung von über 3600 Einwohnern schließen lässt, wohl nur ein Teil (ungefähr ein Viertel?) vormaliger Größe. Die Herrschaft Gf.in Johannas von Flandern-Hennegau (reg. 1205-1244) stellte eine Blüte dar, zumal ihr zweiter Ehemann Thomas de Savoie dafür sorgte, dass Kaufleute und Waren des Mittelmeerraums in Q. präsent waren (Pferde, Rinder, Schafe) im Tausch für hochwertige Tuche. Q. machte den Aufschwung mit, den der Hennegau und Nordfrankreich zu dieser Zeit erlebten, auch wenn die Stadt abseits der großen Handelswege lag. Ein zeitweiliges Ende bedeuteten die Auseinandersetzungen mit Johann II. von Avesnes, die zum Auszug der Weber 1292 führten. Erst unter Margaretha gewann die Tuchherstellung wieder an Bedeutung. 1345 verlieh Margaretha den fremden Kaufleuten dieselben Rechte, die die einheimischen hatten, unter der Bedingung, dass sie sich in Q. niederließen. Auch neue Handwerker wurden aufgefordert, nach Q. zu kommen. Für den Wiederaufbau nach dem Stadtbrand von 1442 verlieh Herzog Philipp der Gute einen Wochenmarkt und zwei Jahrmärkte.
Unter den Hzg.en von Burgund erlebte Q. um die Mitte des 15. Jahrhunderts eine wirtschaftliche Blütezeit, die zurückzuführen ist auf den Ausbau der Stadtbefestigung.
(3) Sogleich mit Errichtung der Burg 1161 erfolgte die Stiftung einer Burgkapelle (heute verschwunden), die die Ehefrau Graf Baudouins, Alix von Namur, vornahm. Nach Beendigung einer heftigen, Hennegau erschütternden Fehde stiftete Herzog Albrecht von Bayern-Straubing in der Kirche zu Q. eine Messe zu Ehren des Herrn von Enghien, den er selbst zum Tode verurteilt hatte. Nach der Übereignung Q.s als Witwengut stiftete Marguerite de Bourgogne eine Pfarrkirche mit einer Kapelle, die der Hl. Margaretha und dem Hl. Eligius von Noyon geweiht war, und die sie mit einer Stiftung zugunsten der Armen ausstattete. Nach ihrem Tod 1441 wurde sie in der Kirche beigesetzt, wie später auch Beatrix von Coimbra (†1461 durch Vergiftung), Ehefrau Adolf von Kleve-Ravensteins. Die durch den Stadtbrand von 1442 in Leidenschaft gezogene Kirche wurde durch einen Neubau ersetzt (fertiggestellt 1523), der im 18. Jahrhundert wenig gepflegt wurde und 1826-1828 durch den heute noch existierenden Bau Notre-Dame-de-l’Assomption ersetzt wurde.
Im 16. Jahrhundert war Q. Schauplatz konfessioneller Auseinandersetzungen. Der ab 1566 von den Reformierten betriebene Bildersturm, auch im benachbarten Valenciennes durchgeführt, wurde seitens der spanisch-habsburgischen Regierung mit Argwohn beobachtet, weswegen Q. militärisch belagert wurde, um eine Räumung der Kirchen zu verhindern. Konfessionelle Konflikte blieben weiterhin virulent.
Als karitative Einrichtung ist das 1194 von Pierre Pitens gegründete Hospital zu nennen, das von Gf.in Johanna von Flandern-Hennegau gefördert wurde. Patrozinium war Johannes der Täufer. Es war Vorläufer des 1260 gegründeten Klosters Sainte-Élisabeth, dessen sich die Augustinerabtei Prémy bei Cambrai bemächtigte (heute verschwunden).
(4) Am Anfang stand die von Graf Baudouin IV. gebaute Burg und die ab etwa 1150 zu bauen begonnene Stadtmauer, die die Ausdehnung des Siedlungsareals beschränkte. Fertiggestellt wurde sie unter Baudoun V. (1171-1195). Die im Süden der Befestigung gelegene Burg wurde unter Gf.in Johanna von Flandern-Hennegau zu einer repräsentativen Wohn- bzw. Residenzburg ausgebaut. Unter Graf Wilhelm I. von Hennegau (reg. 1304-1337) (zugleich III. von Holland-Zeeland) wurde die Stadtmauer verstärkt. Ebenfalls im Süden, direkt neben der Burg, wurde das Rathaus erbaut, wie auch das Hospital und die Pfarrkirche. 1583 wurde direkt neben dem Rathaus der erste Beffroi errichtet (1794, 1918 und 1940 zerstört), das Rathaus wurde 1700 neu errichtet.
Bis heute prägend und sich im Stadtbild niederschlagend war die Funktion als Festung an der französisch-niederländischen Grenze. Die Stadtmauer von 1314 wurde unter Kaiser Karl V. ab 1523 stark erweitert. Wiederaufgenommen wurde dies 1534 durch Planungen, die Karl beim italienischen Festungsbauingenieur Frate da Modena (Jacopo Seghizzi) in Auftrag gab. Von der älteren Befestigung blieben nur ein paar Türme erhalten. 1543 wurde in diesem Zusammenhang das Tor Flamengrie erbaut. Unter französischer Herrschaft seit Ludwig XIV. änderte sich an der Rolle als Festung nichts, Q. war eine der ersten Stätten, an denen Vauban sein System umsetzen durfte.
Q. erhielt eine relativ realistische Darstellung in einem der berühmten »Albums du duc Charles de Croÿ;« des späten 16./17. Jahrhunderts Weitere Pläne der frühen Neuzeit heben vor allem auf die Wiedergabe der Festungswerke ab. Hervorgehoben sei von diesen der Atlas des Chevalier de Pontault de Beaulieu (1612-1674) aus der Zeit König Ludwigs XIII.
(5) Größere überregionale Bedeutung erhielt Q. allein durch seine Funktion als Residenz sowie für einen kleineren Bereich durch das Burggrafamt, dass Philipp der Gute 1441 einrichtete. Im 13. Jahrhundert trat die Funktion als Markt für Fernhandelswaren hinzu.
(6) Q. ist ursprünglich um die Mitte des 12. Jahrhunderts als Burgort und Stadt angelegt worden. Unter den Grafen von Hennegau fungierte Q. immer wieder zeitweise als Residenz, was sich seit der Übernahme der Herrschaft in Holland-Zeeland durch die Hennegauer Grafen abschwächte (Nebenresidenz, Witwensitz, Gefangenschaft des geisteskranken Wilhelm V./II.). Auch unter den burgundischen Hzg.en Philipp dem Guten und Karl dem Kühnen wurde Q. in die höfische Repräsentation einbezogen, auch wenn die Stadt nicht mehr für längere Zeit als Aufenthaltsort diente. Hervorzuheben ist, dass zwei Phasen das Stadtbild prägten, im Hoch- und Spätmittelalter die Funktion als Residenz, in der frühen Neuzeit als Festung. Die Verflechtung zwischen Stadtgemeinde und Hofgesellschaft bleibt noch näher zu untersuchen.
(7) Die ungedruckte Überlieferung zu Le Quesnoy findet sich überwiegenderweise in Lille, Archives Départementales du Nord (ADN), insbesondere im Fonds (Bestand) B, hinsichtlich der Herrschaft sowie gleichermaßen für die Rechnungen der Stadtkasse (»Massarderie«) sind zu nennen B 12819-B 12844. Der Fonds G enthält Sachen zur Weltgeistlichkeit (Vorgänge der Schöffen), H für die Kirche Sainte-Élisabeth. Kolorierte Pläne sind zusammengestellt unter der Signatur 90J1. Es empfiehlt sich, auch die Bestände des Staatsarchivs zu Mons (Archives de l’État à Mons [AEM]) und hier besonders die Serie des gräflich-hennegauer Schatzmeisters (Trésorerie des comtes de Hainaut) heranzuziehen. Wenn man Vollständigkeit beansprucht, so muss man für die frühe Neuzeit auch die entsprechenden Bestände in Paris, Archives Nationales (AN) berücksichtigen.
Auszüge aus den Stadtrechnungen, geführt von Kämmerei, der Massarderie, bei Salamangne, Alain: Les fortifications médiévales de la ville du Quesnoy, in: Revue du Nord 251 (1981) S. 997-1008. Für die realistische Zeichnung des 16. Jahrhunderts siehe: Les Albums du duc Charles de Croy, hg. von Jean-Marie Duvosquel, Bd. 9, Villeneuve-d’Ascq 1997. Weitere Darstellungen Le Quesnoys nach dem Ms. 3746 der Universitätsbibliothek Gent gibt es bei Vandecasteele, Maurits: Les fortifications du Quesnoy et d’Avesnes vers 1600. Impressions figuratives d’un voyageur anonyme, in: Architectura 31 (2001) H. 2, S. 133-144.
(8)Duvivier, Jules: Le Quesnoy. Ses Annales. Ses sièges. Ses fortifications, Lille 1934. - Giloteaux, Paulin: Histoire de la ville Le Quesnoy, Paris 1961. - Platelle, Henri: Le développement de Valenciennes du Xe au XIIIe siècle. Le castrum, les bourgs, les enceintes. Étude topographique, in: Mémoires du cercle Archéologique et Historique de Valenciennes 9 (1976) S. 21-52. - Vauban et les fortifications dans la région Nord-Pas de Calais, hg. vom Centre Régional de Documentation Pédagogique de Lille, Lille 1980. - Salamagne, Alain: Le château du Quesnoy, Avesnes-sur-Helpe 1980. - Bragard, Philippe, Roumegoux, Yves: À la découverte des villes fortifiées du Hainaut. Avesnes-sur-Helpe, Binche, Le Quesnoy et Maubeuge, o.O. 2001. - Sommé, Monique: La fondation d’une chapellenie au Quesnoy par Isabelle de Portugal pour Béatrice de Coïmbre d’après une charte de Philippe le Beau de 1499, in: Revue du Nord 356/357 (2004) S. 771-783.