(1) Die Stadt E. geht zurück auf das um 850 gegründete Frauenstift E. und die benachbarte Siedlung mit dem Namen Astnithi (auch Assindia, seit Mitte 13. Jahrhundert Essendia). Nachdem das Stift (so eindeutig erst 1154) bereits unter den Ottonen im 10. und 11. Jahrhundert zu einem der wichtigsten Reichsklöster aufgestiegen war, erhielt die Äbtissin im 13. Jahrhundert den Status einer Reichsfürstin. E. lag verkehrsgünstig am Hellweg, der seit dem Frühmittealter bedeutsamen Fern- und Königsstraße, die die Niederlande mit dem Osten verband, und an der Kölnischen Straße, die von Köln nach Münster führte. Südlich von E. floss die Ruhr, die in den Rhein mündete.
Die stiftische Grundherrschaft, aufgebaut vom 9. bis zum 12. Jahrhundert, bildete die Grundlage des Fsm.s E., das seit dem 16. Jahrhundert als solches in den Quellen erscheint. Mit einer Fläche von ca. zwölf Quadratkilometern gehörte es zu den kleineren bzw. kleinsten Territorien des Alten Reichs, das neben Dörfern und Bauerschaften nur zwei Städte (E. und Steele) besaß, daneben Fernbesitzungen wie das Ländchen Breisig am Rhein und Huckarde bei Dortmund. Durchsetzen musste sich die Äbtissin gegen die Grafen von Berg, bis 1225 Vögte des Stifts, und den Kölner Erzbischof als direkt benachbarten und teils scharf konkurrierenden Herrschern. Erzbischof Engelbert I. von Köln, aus der Familie der Grafen von Berg stammend, wurde 1225 von Männern des (neuen) E.er Vogts Friedrich von Isenburg im Rahmen einer Adelsverschwörung umgebracht. Nach der Niederlage des Kölner Ebf.s in der Schlacht bei Worringen 1288 konnte die Äbtissin 1291 ihre Souveränität sichern, sie gewann Gerichtsbarkeit und Heerbann zurück und machte die Vogtei zu einem Wahlamt, das zudem nun eine »Schutz- und Schirmvogtei« bildete, in der der Vogt keine Abgaben mehr erheben konnte. Hiermit war die Qualität einer reichsunmittelbaren Landesherrin erreicht, seit 1292 ist die freie Wahl der Äbtissin durch den Konvent belegt. Die Vogtei gelangte für die nächsten Jahrhunderte in die Hände der Grafen von Mark (ab 1391 Grafschaft Kleve-Mark, ab 1521 Vereinigte Herzogtümer Jülich-Kleve-Berg). Nach Aussterben der Linie übernahm 1609 das Haus Hohenzollern als Herzöge von Kleve die Vogtei. Mit der Säkularisation im Reichsdeputationshauptschluss 1803 fiel das Stift E. an Preußen, das damit eine Landbrücke zwischen seinen Provinzen Mark und Kleve erhielt.
Die Äbtissinnen besaßen eine zusätzliche Residenz in Borbeck, im Nordwesten des Stiftsgebietes, wo aus dem Oberhof Borbeck eine Burg- und schließlich eine Schlossanlage für eine barocke Hofhaltung erwuchs. Ab dem 14. Jahrhundert wurde Borbeck der bevorzugte Aufenthaltsort der Fürstäbtissinnen. Außerdem verfügten sie ab dem späten 17. Jahrhundert in Steele über die kleine Residenz »op de Lucht«. In dem 1764 in Steele gegründeten Waisenhaus war ein zweigeschossiger Flügel für die Hofhaltung reserviert.
(2) Das Stift gab Impulse für die vorstädtische Siedlung: Es siedelten sich Handwerker für den Bau und die Unterhaltung von Kirche, Wohn- und Wirtschaftsgebäuden des Stiftes sowie für die Versorgung der Stiftsdamen an. Nach stiftischer Definition gehörte das Gebiet der Siedlung zum Herrschaftsbereich der Äbtissin. Der Schulte des Viehofs, eines Oberhofs der Äbtissin, auf dessen Gebiet sich die Siedlung befand, war bis um das Jahr 1335 iudex (Stadtrichter) und Vorsteher des eigentlichen Rates der Bürger.
Kg. Otto I. bestätigte 947 die Immunitätsrechte, durch die das Stift einen Sonderrechtsbezirk bildete. 1372 bestätigte Kaiser Karl IV. der Äbtissin die hohe und niedere Gerichtsbarkeit in Stift und Stadt E.
Kg. Heinrich III. verlieh 1041 das Recht, einen Jahrmarkt zu Ehren der Stiftspatrone Cosmas und Damian abzuhalten (27. September). Zwar erfuhr der Handel dadurch eine deutliche Belebung, aber das Privileg wurde nicht den Kaufleuten der Siedlung Essen erteilt, sondern der Äbtissin und dem Stift. Auch das Münzrecht war an die Äbtissin verliehen (1291).
Erst mit dem Vertrag zum Mauerbau von 1244, welcher zwischen den Ministerialen der Äbtissin und den Bürgern der Siedlung, hier als Stadt (civitas) bezeichnet, geschlossen wurde, zeichnete sich die Formierung einer Stadtgemeinde ab. Mauerbau und Wachdienst fielen in die Zuständigkeit der Bürger.
Gleichzeitig wurden ihre Rechte anerkannt, sie traten als gleichwertige Vertragspartner auf. Die Urkunde wurde mit dem Stadtsiegel beglaubigt, Ministeriale und Bürger erscheinen gleichermaßen als siegelführende Partner. Der Vertrag sah außerdem die Bildung eines paritätisch besetzten Gremiums vor - je sechs Ministeriale und Bürger -, das als Vorform des Ratsgremiums gelten kann.
Im Laufe des 13. Jahrhunderts wurde die Ministerialität aus der Stadtverwaltung gedrängt. Diese Entwicklung war weniger das Ergebnis einer sozialen Segregation, denn einer Durchlässigkeit der rechtlichen Schranke zwischen Ministerialen und Bürgern: Seit dem 14. Jahrhundert erwarben Bürger auch ministerialische Dienstlehen, und Ministeriale beteiligten sich am Handel. Diese Angleichung wird auch deutlich in der zu dieser Zeit beginnenden Aufnahme von Bürgersöhnen in das Kanonikerkapitel des Stifts und in der Besetzung von Vikarstellen mit Bürgern.
Im Lauf des 14. Jahrhunderts bemühten sich die Bürger, die Stadtherrschaft des Stifts abzuschütteln, indem sie den Status einer Reichsstadt beanspruchten. 1347 bauten die Bürger in eigener Verantwortung die Mauer weiter. Die Auseinandersetzung mit der Fürstäbtissin zog sich hin bis zum sogenannten »Scheidbrief« 1399, mit dem Äbtissin und Rat ihre Kompetenzen klärten: Der Rat erkannte die Landesherrschaft der Äbtissin an, die Äbtissin achtete die alten Rechte der Stadt. Die Bürgerschaft musste nun nicht mehr der Äbtissin huldigen, woran sich der Streit entzündet hatte. Äbtissin und Bürgerschaft teilten sich die Aufsicht über Maße und Gewichte, Satzungen, Strafen und Gebühren. Die Fronten verhärteten sich erneut, als Äbtissin Irmgard von Diepholz 1586 einen Prozess vor dem Reichskammergericht anstrengte. Erst 1670 wurde ein Urteil gefällt, das die Besitzstände umschrieb und den Streit nicht beilegen konnte.
Zu Beginn des 15. Jahrhunderts sind mindestens vier, sicherlich ältere Gilden belegt: die Kaufgilde, die Gilden der Butterleute, der Bäcker und der Schuhmacher. Textilherstellung und -handel dominierten neben dem Weinhandel lange Zeit das Wirtschaftsleben, wurden aber im 16. Jahrhundert von der Gewehrfabrikation abgelöst; der Stadtrat siedelte gezielt Büchsenmacher an. Im Dreißigjährigen Krieg erreichte die Büchsenmacherei ihren Höhepunkt (1620-1622 wurden jährlich fast 15000 Büchsen hergestellt).
Für das 11. Jahrhundert wird eine Siedlungsgröße von ca. 100 Häusern angenommen, zu Mitte des 13. Jahrhunderts dürfte sie das Sechsfache betragen haben. Eine Steuerliste von 1380 lässt auf ca. 3000 Einwohner schließen. Im 16. Jahrhundert nahm die Einwohnerzahl auf etwa 4000 bis 5000 Einwohner zu. Im Dreißigjährigen Krieg sank sie auf ca. 3000 Einwohner, 1620 lebten rund 200 Haushalte (schätzungsweise 600 bis 1000 Personen) vom Büchsengewerbe.
(3) Bis 1264 war die Stifts- bzw. Münsterkirche, das religiöse Zentrum der Stadt, alleinige Pfarrkirche für die Einwohnerschaft. Der ursprüngliche Kirchenbau wurde bei Gründung des Stifts Mitte des 9. Jahrhunderts errichtet (946 abgebrannt). Im 11. Jahrhundert erfolgte ein Neubau. Nach einem erneuten Brand 1275 wurde sie in Form einer gotischen Hallenkirche wiederaufgebaut. Die reichhaltige liturgische Ausstattung geht vor allem auf die eng mit den Ottonen verbundenen Äbtissinnen Mathilde (973-1011), Sophie (1011-1039) und Theophanu (1039-1058) zurück (Goldene Madonna).
Die benachbarte Johanniskirche ging vermutlich aus einer zur Stiftskirche gehörigen Taufkapelle des 10. Jahrhunderts hervor. Ab 1264 war sie Pfarrkirche für die Stiftsimmunität, den südlichen Teil der Stadt und des Stiftsgebiets. Die Gertrudiskirche nördlich der Stiftskirche, 1058 zum ersten Mal erwähnt, entwickelte sich zur Pfarrkirche für den nördlichen Teil der Stadt. Aufgrund ihres Standortes wurde sie seit dem 14. Jahrhundert auch Marktkirche genannt. Sie war eng mit der Bürgerschaft verbunden: Hier fanden große öffentliche Versammlungen wie Ratswahlen oder Zusammenkünfte der Gilden statt.
Vom Stift unabhängige geistliche Institutionen etablierten sich nicht, Bettelorden konnten in E. nicht Fuß fassen. In einer Zwischenposition zwischen Stift und Stadt befanden sich die Beginenkonvente, die zum Teil Bürgergründungen waren, zum Teil vom Stift ausgestattet wurden. Das älteste Beginenkonvent »Im Kettwig« wurde 1288 gegründet. Vier der sechs E.er Konvente existierten bis weit ins 19. Jahrhundert hinein. Erst im 17. Jahrhundert sind Krankenpflege und Lehrtätigkeiten als Aufgaben der Beginen überliefert. Auf Betreiben der Äbtissin Maria Klara von Spaur (1614-1644), die sich für eine Rekatholisierung nach der Reformation einsetzte, wurde 1618-1620 anstelle des mitgliederschwachen Konvents »Im Kettwig« ein Kapuzinerkloster errichtet, das bis 1834 bestand.
Jesuiten siedelten sich 1665 an und bekamen von der Äbtissin die Pfarrei der Johanniskirche zugewiesen, bis der Orden 1773 aufgehoben wurde. Sie führten die Stiftsschule, deren Leitung die Äbtissin ihnen 1669 übertrug, zu hohem Ansehen.
Ebenfalls dem Unterricht widmete sich der aus Frankreich kommende Orden »Congregatio Beatae Mariae Virginis (B.M.V.)«,nach der Augustinerregel lebende Chorfrauen. Äbtissin Anna Salome von Salm-Reifferscheidt (1646-1688) holte sie 1652 nach E. und erlaubte ihnen die Gründung einer Mädchenschule.
Die Armen- und Krankenversorgung wurde vom Hospital zum Hl. Geist (1340 erwähnt) geleistet, das stark von der Bürgerschaft mit Stiftungen bedacht wurde. Zum Hospital gehörten eine Kapelle und ein Gasthaus (1896/97 abgerissen). Zur Aufnahme der Leprosen unterhielten Stadt und Stift gemeinsam ein Siechenhaus (1323 erwähnt), das anfangs vom Heiliggeisthospital mitverwaltet wurde. Es befand sich außerhalb der Stadt in Rüttenscheid.
Klerus und Bürger beteiligten sich gemeinsam an der Bruderschaft Unserer lieben Frau (1342), zu der auch Bürger und Bauern aus dem Umland, sowohl Männer als auch Frauen, hinzutraten. Auch an den beiden Pfarrkirchen bestanden Bruderschaften, so die Gertrudis- (1525) und die Johannesbruderschaft (1554).
Die Reformation setzte sich relativ spät durch. 1563 verkündete der lutherische Prediger Heinrich Barenbroich in der Heiliggeist-Kapelle die neue Lehre, die großen Anklang bei den Bürgern fand. Mit Unterstützung des Rats beanspruchte die lutherische Gemeinde das Hospital und das Siechenhaus und gründete eine evangelische Stadtschule (1564). Zwar gab es zeitweilig ein Ringen um die theologische Ausrichtung zwischen Lutheranern und Reformierten, doch setzte sich langfristig die lutherische Richtung durch. Die Äbtissinnen und die Stiftsdamen traten anfangs nicht als entschiedene Gegnerinnen des Protestantismus auf. Dies änderte sich mit der Äbtissin Elisabeth von dem Berg (1605-1614), die für eine streng katholische Erneuerung eintrat. Der katholische Anteil wuchs bis 1802/03 auf rund die Hälfte der Bürgerschaft an.
1291 werden erstmals Juden erwähnt. Trotz Schutzes durch die Äbtissin wurden sie 1328, 1334, 1347, 1495 und 1648 vom Rat aus der Stadt gewiesen. 1652 werden sechs jüdische Familien erwähnt, 1805 19. Als sogenannte »Schutzjuden« unterstanden sie der Äbtissin, die »Schutzbriefe« verkaufte, die Niederlassungs- und Durchzugsrechte gewährten. Den Juden war nur Geldverleih und mobiler Kleinhandel (Trödlerei) erlaubt. Sie wohnten vor allem im Stiftsbezirk um die Münsterkirche herum, um sich vor dem Zugriff der Stadt zu schützen. Dort ist für 1683 eine Synagoge bezeugt.
(4) Der Stadtgrundriss änderte sich über Jahrhunderte nicht. Die Stadtmauer umschloss ab 1244 ein nierenförmiges Areal mit einer Fläche von etwa 920 mal 520 Metern, 37 ha ausmachend. Zwei sich rechtwinklig kreuzende Straßenachsen teilten das Stadtgebiet in vier Teile und führten zu vier Toranlagen: das Kettwiger Tor (1288 zum ersten Mal erwähnt), Viehofer Tor (1315), Grindberger (später Steeler) Tor (1322) und Limbecker Tor (1323).
Das Zentrum des Stadtareals bildete die Stiftsimmunität bzw. Burgfreiheit um die Münsterkirche herum, die selbst mit einer Mauer vom übrigen Stadtgebiet abgetrennt war. Zum Stiftsbezirk gehörten neben der Münsterkirche die vorgebaute Kirche St. Johannis, die Quintinskapelle, der Äbtissinnenbau mit Verwaltungsräumen, die Wohnhäuser der Stiftsdamen und der Kanoniker (Kurien), die Wohnungen der Ministerialen und anderer Stiftsbediensteter, eine Viehweide und der Friedhof (ab dem 19. Jahrhundert Burgplatz) mit einer Beinhauskapelle.
Bei dem Äbtisinnenbau an der Ostseite des Münsters handelte es sich um die eigentliche Residenz, faktisch einem fast 60 m langen Gebäudetrakt, dessen Baugeschichte bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht (1883 abgerissen). Trotz des wohl für repräsentative Zwecke dienenden Kaiser-Saals mit 23 m Länge ähnelte der Äbtissinnenbau eher einem Gutshof als einer fsl.en Residenz. Das größte profane Gebäude E.s war die 1738-1742 errichtete Jesuitenresidenz an der Südseite des Friedhofs.
Bei den privaten Bauten dominierten kleine Holz- und Fachwerkgebäude, oft zweigeschossig, mit Stroh gedeckt oder mit Schiefer verkleidet. Eine Ausnahme stellte das aus Stein gebaute Rathaus an der Südseite des Marktes dar (1301 erstmals erwähnt, existierte aber schon im späten 13. Jh.). Nach mehreren Umbauten zeigte es sich wohl in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts als massiver Steinbau mit hohen Staffelgiebeln an West- und Ostseite.
Der Markt am Rathaus war der zentrale Ort der Bürgerschaft: Hier fand der Wochenmarkt statt, Fleisch- und Brothalle sowie Verkaufsstände waren um den Platz eingerichtet, auch im Rathaus waren Verkaufsräume für Tuche untergebracht. Am Marktplatz befanden sich die Waage und die sogenannte Fontäne zur Wasserversorgung, daneben aber auch die Gertrudis- bzw. Marktkirche. In dieser fanden die Ratswahlen und größere Versammlungen statt.
Die Marktkirche spielte auch eine Rolle für die Prozessionen, die häufig zwischen Münster- und Marktkirche stattfanden, wie z.B. die Lichtmessprozession mit der Goldenen Madonna (2. Februar). Im späten Mittelalter waren die Bürger an nahezu allen Prozessionen der Stiftsgeistlichkeit beteiligt. Es gab aber auch Prozessionen, die allein von der Bürgerschaft organisiert wurden, wie z.B. die Sakramentsnacht am Freitag nach Fronleichnam.
Auf der ältesten bekannten Darstellung E.s, einer für die Stiftskirche geschaffenen Altartafel des Kölner Malers Bartel Bruyn, entstanden zwischen 1522 und 1525, ist im Hintergrund das Panorama der Stadt zu erkennen. Auf einer Darstellung im Städtebuch von Georg Braun und Franz Hogenberg (1581), dem ältesten Stich der Stadt Essen, erscheint die Stadt von der Ostseite. Diese Perspektive diente vielen folgenden Darstellungen der Stadt als Vorlage.
Im 18. Jahrhundert begann die Mauer zu verfallen, zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden deren Steine für die Straßenpflasterung verwendet. Der letzte Mauerrest, der Heckingsturm, wurde 1865 abgerissen.
(5) Hinsichtlich einer überregionalen Bedeutung stand E. hinter Dortmund zurück. In erster Linie beschränkten die E.er Kaufleute ihren Handel auf die nähere Umgebung. Zwar gab es aus E. stammende Kaufleute, die in den Städten der Hanse aktiv waren, E. war seit Mitte des 14. Jahrhunderts auch Mitglied des Städtebundes. Doch im Vergleich zu Dortmund spielte die Stadt dort keine bedeutende Rolle und ließ sich regelmäßig von Dortmund auf den Hansetagen vertreten.
Hervorzuheben ist die gewerbliche Nutzung des direkten Umlandes der Stadt. Das sogenannte Weichbild (Wigbeld), das im Umkreis von etwa einem Kilometer um den Mauerring liegende Areal, das unter städtischem Recht stand, wurde von Gräben, Teichen, Gärten und - etwas entfernter - Feldern und Wiesen der Stadtbewohner eingenommen. Typisch für dieses Areal waren die zahlreichen Wassermühlen (nur eine auf dem Stich von Braun/Hogenberg zu sehen), im Spätmittelalter immerhin 32 Mühlen, vornehmlich im Besitz des Stiftes. Die Stadtgemeinde nutzte die Wasserenergie verstärkt für das produzierende Gewerbe. Am Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts gab es weitere 23 Mühlen, die hauptsächlich dem Büchsengewerbe zuarbeiteten. Das landschaftsprägende Element der Mühlen war auch Ausdruck der zunehmenden Emanzipation der Stadt von der Herrschaft der Äbtissin.
In den unternehmerischen Initiativen der E.er Kaufmannsfamilien im 18. Jahrhundert (und vor allem nach der Säkularisation im 19. Jh.) ist ein großer Teil des wirtschaftlichen Erfolges der Stadt im Industriezeitalter angelegt. Erzlager und Kohlenflöze gehörten zwar zum Lehnsbestand der Fürstäbtissin, doch der Impuls zur Förderung der Bodenschätze ging von Kaufleuten, Bauern oder auch Beamten aus, die als sogenannte Gewerke gewinnberechtigte Teilhaber an Bergwerken wurden. Die letzte Fürstäbtissin Maria Kunigunde (1776-1803) war zwar an der Förderung von Wirtschaft und Industrie interessiert, doch reichten ihre Reformbestrebungen nicht so weit, um z.B. die alten Zunftrechte abzuschaffen. Sie trat aber als private Unternehmerin auf, die sich an zwei Eisenhütten beteiligte (Neu-E. auf Stiftsgebiet, St. Antony auf dem Gebiet des Vest Recklinghausen). Die 1758 gegründete Hütte St. Antony bildete im frühen 19. Jahrhundert - unter Beteiligung E.er Kaufleute - den Grundstein für den ersten Eisenhüttenkonzern im Westen Deutschlands (Gute Hoffnungshütte AG, an deren namensgebender Hütte, gegründet 1782 in Oberhausen-Sterkrade, die Fürstäbtissin Maria Kunigunde ab 1793 beteiligt war).
(6) Die Entwicklungslinien von Stadt und Stift E. sind eng miteinander verbunden und geprägt durch eine fortwährende Geschichte äußerer und innerer Abwehrkämpfe. Zwar besaß das Stift im 11. Jahrhundert eine herausragende Stellung als ottonisches Hausstift, doch musste es sich seit dem 12./13. Jahrhundert zunehmend der Einflussnahme mächtiger Nachbarn erwehren.
Nach innen musste die Äbtissin sich mit einer selbstbewusster werdenden Bürgerschaft auseinandersetzen, die trotz vielfältiger Bemühungen nicht die vollständige Emanzipation von der Landesherrin erreichte. Zwischen Stadt, Stift und den Machtansprüchen umliegender Landesherrn entstand eine Gemengelage unterschiedlicher Interessen mit wechselnden Frontlinien. Anfang des 16. Jahrhunderts beispielsweise verpflichteten sich Stadt und Stift zu gegenseitiger Unterstützung bei etwaigen Angriffen des Vogtes. Andererseits wandte sich die lutherische Stadtgemeinde ab dem 17. Jahrhundert an den brandenburgischen Vogt gegen das katholische Stift, so dass es für die Äbtissin immer schwieriger wurde, sich gegen das mächtige Preußen zu behaupten.
Das Stift galt als einer der herausragenden Frauenkommunitäten des deutschen Sprachraums. Die Fürstäbtissinnen selbst residierten häufig außerhalb des Stiftsbezirks. Die Äbtissin Anna Salome von Salm-Reifferscheidt verlegte ihren Wohnsitz 1665 ganz nach Schloss Borbeck, das sie zuvor ausgebaut und mit einer Gartenanlage ausgestattet hatte. Andere Äbtissinnen verbrachten wegen auswärtiger Pfründe wenig Zeit in E. In der Stadt selbst war von einem »adligen Glanz« oder dem Status als Residenzstadt wenig zu spüren.
(7) Archivalien zur Geschichte von Stadt und Stift Essen befinden sich in folgenden drei Institutionen: 1. Das Haus der Essener Geschichte/Stadtarchiv verfügt über Quellen zur Stadtentwicklung ab dem 13. Jahrhundert, darunter so bedeutsame wie die Mauerbaurechnung von 1347 und die Stadtrechnungen. 2. Das Münsterarchiv in Essen (Gruppe A) bewahrt Urkunden und Akten des Essener Frauenstiftes seit dem 13. Jahrhundert auf. 3. Die Abteilung Rheinland des Landesarchiv NRW (vormaliges Hauptstaatsarchiv Düsseldorf) verwahrt die Urkunden und Akten der ehemaligen Territorien und Herrschaften sowie der Klöster und Stifte des nördlichen Teils der preußischen Rheinprovinz, darunter auch das Frauenstift Essen.
Büscher, Franz: Die Statuten der früheren Gilden, Ämter und Zünfte binnen der Stadt Essen, in: Essener Beiträge 8 (1884) S. 3-84. - Schröter, Hermann: Städtische Gesetze und Verordnungen des 15. und 16. Jahrhunderts, in: Essener Beiträge 20 (1900) S. 137-170. - Schroeder, Ferdinand: Das Essener Stadtschreiberbuch des 15. und 16. Jahrhunderts, in: Essener Beiträge 22 (1902) S. 29-201. - Schaefer, Heinrich, Arens, Franz: Urkunden und Akten des Münsterarchivs, in: Essener Beiträge 28 (1906) S. 1-348. - Büscher, Franz: Die Satzungen und Statuten der Stadt Essen. 1473, 1590, 1668-85, in: Essener Beiträge 43 (1926) S. 197-245. - Bettecken, Winfried: Stift und Stadt Essen. »Coenobium Atsnide« und Siedlungsentwicklung bis 1244, Münster 1988 (Quellen und Studien. Veröffentlichungen des Instituts für kirchengeschichtliche Forschung des Bistums Essen, Bd. 2) (darin Urkunde von 1244 in der einzig erhaltenen niederdeutschen Form des 15. Jh.). - Das Hauptstaatsarchiv und seine Bestände, Reichskammergericht Teil 3, bearb. von Wolfgang Antweiler und Brigitte Kasten, Siegburg 1989 (Veröffentlichungen der Staatlichen Archive des Landes Nordrhein-Westfalen, Reihe A, 9), S. 113-159. - Lux, Thomas: Essener Stadtrechnungen des 14. und 15. Jahrhunderts, Diss. Phil. Essen 1993.
(8)Ribbeck, Konrad: Geschichte der Stadt Essen, 1. Teil, Essen 1915 (mehr nicht erschienen). - Jahn, Robert: Essener Geschichte. Die geschichtliche Entwicklung im Raum der Großstadt Essen, Essen 1952, 21957. - Bechthold, Gerhard: Das alte Essen. Grafische und malerische Darstellungen aus fünf Jahrhunderten, Frankfurt 1975. - Bonczek, Willi: Essen im Spiegel der Karten. Historische Karten und Stiche vom Mittelalter bis zur Neuzeit, bearb. durch das Stadtvermessungsamt Essen, Essen 1975. - Schröter, Hermann: Geschichte und Schicksal der Essener Juden, Essen 1980. - Die Mauer der Stadt. Essen vor der Industrie 1226 bis 1865, hg. von Jan Gerchow, Ruhrlandmuseum Essen, Essen/Bottrop 1995. - Essen. Geschichte einer Stadt, hg. von Ulrich Borsdorf, Bottrop/Essen 2002. - Küppers-Braun, Ute: Macht in Frauenhand. 1000 Jahre Herrschaft adliger Frauen in Essen, Essen 2002, 4. Aufl. 2008. - Gründerjahre. 1150 Jahre Stift und Stadt Essen, hg. von Ulrich Borsdorf, Heinrich Theodor Grütter und Oliver Scheytt, Essen 2005. - Kersken, Hartwig: Die Essener Stadtrechtsurkunde von 1243/44: Herrschaft, Siedlungsentwicklung und Bürgergemeinde im 13. Jahrhundert, in: Essener Beiträge 121 (2008) S. 7-71. - Aus der Nähe betrachtet. Regionale Vernetzungen des Essener Frauenstiftes in Mittelalter und früher Neuzeit, hg. von Jens Lieven und Birgitta Falk, Essen 2017 (Essener Forschungen zum Frauenstift, 13). - Bernicke, Petra: »… in nostram protectionem, gubernationem et correctionem suscipimus …«. Studien zur Entwicklung der kleinen Frauenkonvente in Essen unter der Herrschaft der Äbtissinnen, Münster/Dortmund 2019.