Residenzstädte im Alten Reich (1300-1800)

Zurück zur Liste

Blankenberg

Blankenberg

(1) B. liegt ca. 30 km westlich von Bonn am Unterlauf der Sieg und verfügte im Mittelalter über eine Anbindung an die Köln-Leipziger-Straße. Burg B. nimmt einen langgestreckten Bergsporn ein, an dem in südöstlicher Richtung das als Talsiedlung entstandene B., die spätere Altstadt, liegt, der sich auf leicht ansteigendem Gelände die Neustadt B. anschließt. Hinweise auf eine Vorgängersiedlung fehlen. Die urkundliche Ersterwähnung B.s 1171 bezieht sich auf einen Hof (curia et domus), der sich jedoch nicht eindeutig lokalisieren lässt. Keimzelle der Siedlung B. bildete die um 1170 von den Grafen von Sayn angelegte, 1181 erstmals schriftlich belegte Burg.

Die Gründung der auf allodialem Besitz der Benediktinerabtei Siegburg gelegenen Burg B. steht im Kontext der 1172 erfolgten Übernahme der Kölner Domvogtei sowie der Vogteien über die Bonner Stifter St. Cassius und Dietkirchen durch die Grafen von Sayn. Mit ihrem territorialen nach Nordwesten gerichteten Vorstoß avancierten die im Neuwieder Becken auf ihrer Stammburg in Sayn ansässigen Grafen im Sieggebiet und im rheinischen Westerwald zu Konkurrenten der Ldgf.en von Thüringen, die in diesen Regionen über umfangreichen Allodialbesitz (u.a. die Burgen Altenwied, Neuerburg sowie Alt- und Neu-Windeck) verfügten. Als Konkurrentin trat die zweite in diesem Raum dominierende Dynastenfamilie, die Grafen von Berg, Inhaber der von den Ldgf.en von Thüringen zu Lehen gehenden Burg Neu-Windeck, auf. Unter Graf Heinrich III. (†1246/47) entwickelte sich B. zu dem bevorzugten Aufenthaltsort der Grafen von Sayn und überflügelte sogar die namengebende Burg Sayn. Von den 42 von Heinrich III. (1202-1246/47) überlieferten Urkunden sind sieben in B. ausgestellt worden. Auf Burg B. verstarben 1208 der Kölner Erzbischof Bruno von Sayn und sein Neffe, Graf Heinrich III. Bedingt durch die Erbteilung nach dem Tod Heinrichs III. gelangte B. 1247/48 an dessen Neffen Heinrich von Heinsberg, der sich nun Herr zu Heinsberg und B. nannte. Seine Rolle als saynischer Herrschaftsmittelpunkt büßte B. zugunsten des östlich gelegenen Hachenburgs ein. Bis zum endgültigen Übergang an das Territorium der Grafen bzw. seit 1382 Herzöge von Berg 1469 diente B. mehrfach als Pfandobjekt (u.a. 1363 an Berg, 1372-1377 an Kleve und 1451-1468 unter kurkölnischer Verwaltung). Im 14. und 15. Jahrhundert wurde B. gelegentlich von den Landesherren aufgesucht (1315 Gottfried von Heinsberg, 1397 Herzog Wilhelm I. von Berg, 1449 Herzogin Sophie und Sohn Wilhelm von Berg, 1476 Herzog Wilhelm IV.). Auch nach dem Verlust der Residenzfunktion hatte B. als Hauptort des »Landes B.« noch bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts eine Sonderstellung neben den älteren bergischen Herrschaftsgebieten inne. Im 18. Jahrhundert sank B. als kleinste unter den bergischen Städten zu einer Landgemeinde herab.

(2) 1248 wird zwischen den Mauern der alten und der neuen Stadt B. unterschieden. Die in Spornlage über dem Siegtal errichtete Burg bildete mit der sich östlich anschließenden, als Altstadt bezeichneten Talsiedlung (1,6 ha) und der vor 1245 auf dem leicht ansteigenden Höhenrücken entstandenen, südöstlich vorgelagerten Neustadt (5,17 ha) eine fortifikatorische Einheit. Alt- und Neustadt besaßen eigenständige Befestigungsanlagen; Teile der altstädtischen Mauer haben sich sowie der Alt- und Neustadt trennende Graben erhalten, ebenso wie die noch annähernd vollständige, im Süden durch eine Zwingeranlage verstärkte Mauer der Neustadt. Zur Neustadt gehörten das abgegangene Kölntor im Südwesten und das noch bestehende Katharinentor an der Südostseite sowie die Wechselpforte. Mehrere parallele Straßen führen auf die in Nord-Süd-Richtung verlaufende, sich am Südende zu einem Markt verbreiternde Hauptachse der Neustadt zu. Oberhalb des Marktes liegt die aus einer Klosterkirche hervorgegangene Pfarrkirche St. Katharina. Aussagen zur Binnenstruktur der bereits im 17. Jahrhundert wüst gefallenen Altstadt B., deren Areal bis heute landwirtschaftlich genutzt wird, sind nicht möglich. 1245 verlieh Graf Heinrich III. von Sayn B. das Wetzlarer Stadtrecht (überliefert als deutschsprachiges Inserat in der 1450 von Herzog Gerhard von Jülich-Berg ausgestellten Bestätigungsurkunde). Das von 1451 überlieferte, mit 8,2 cm Durchmesser große Stadtsiegel dokumentiert eindrucksvoll die Stellung der saynischen Gründungsstadt. Das Siegelfeld zeigte über einen mit Kleeblattbogen ausgesetzten Stichbogen einen fünftürmigen, zinnenreichen Wehrbau, darin unter dem ausgesparten Feld vor einem Sternenhintergrund ein König mit Krone, Zepter und Reichsapfel. In der Stadtrechtsurkunde von 1245 ist von Schultheiß, Schöffen sowie Zoll, einem Wochenmarkt sowie von dem Stadt und Burgbann einschließenden Gerichtsbezirk die Rede. Das von dem Landgericht unabhängige Stadtgericht, dem der vom Landesherrn eingesetzte Schultheiß vorsaß, wurde 1555 aufgehoben und mit dem Landgericht Dondorf vereinigt. Von einem Bürgermeister ist erstmals 1363 die Rede. 1451 nahm der Kölner Erzbischof Dietrich von Moers die Huldigung durch Bürgermeister, Schultheiß, Schöffen, Rat und Bürgerschaft entgegen. Dem Magistrat, dessen Mitglieder sich aus der Oberschicht rekrutierten, oblag im Gebiet der Stadt und des Burgbanns die niedere Gerichtsbarkeit. Der Magistrat wurde 1805 endgültig abgeschafft. Lassen sich bis zur zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts noch zahlreiche in B. ansässige Burgmannen nachweisen, so bevorzugten die Landesherrn später die Vergabe von Mannlehen im Land B., deren Empfänger nicht als Burgmannen verpflichtet wurden. Zu den Amtsträgern bzw. Bediensteten des Stadt- und Landesherrn zählten neben Schultheiß, Schöffen und Richter (1245) auch Truchsess (1339), Amtmann (1364), Kellner (1376) und Rentmeister (1398) sowie ein Münzmeister (1375). Als Münzstätte ist B. unter den Herren von Heinsberg zu B. (1302-1361) bezeugt. Während der Verpfändung an Kleve betrieb Herzog Adolf ebenfalls eine Münzstätte. 1440 löste der benachbarte, unmittelbar an der Frankfurter oder Hohen Straße gelegene Ort Uckerath B. als Zollstätte ab. Angaben zur Zahl der Haushalte sind für das Spätmittelalter nicht überliefert. Nach den Wirren des Dreißigjährigen Krieges werden in B. lediglich 18 Haushalte erwähnt. 1773 lebten in der Stadt 470 Personen; 1821 nur noch 249 Einwohner.

Zur Ergänzung des 1245 eingerichteten Jahr- und Wochenmarkt bewilligte Herzog Wilhelm von Jülich-Berg 1668 den Bürgern von B. vier weitere Jahrmärkte zur Finanzierung der städtischen Befestigungsanlagen. Mit Ausnahme der Ende des 17. Jahrhunderts bezeugten Wollweberzunft lassen sich für B. keine Zünfte nachweisen. Der Handel spielte in der kleinen Stadt, deren Gewerbe neben der Versorgung der Städter auf die zeitweise als Residenz dienende landesherrliche Burg und das nähere Umland ausgerichtet war, keine große Rolle. Zu den Erwerbszweigen gehörten dem nur schwach ausgeprägten Textilgewerbe u.a. Ackerbau und Weinbau (1376). 1379 wurden Tuchscherer aus B. in Bonn erwähnt.

(3) 1248 verfügte der Kölner Erzbischof die Abspaltung B.s von der Mutterpfarre in Uckerath und erhob die St. Katharinenkapelle des Zisterzienserinnenklosters B. zur Pfarrkirche. Dem 1247 erwähnten Zisterzienserinnenkloster B., das zwischen 1259 und 1262 nach Zissendorf bei Hennef verlegt wurde, ging das von Mechthild von Landsberg, der Gattin Graf Heinrichs III. von Sayn, gestiftetes Prämonstratenserinnenkloster De Pace Dei voraus. Ein Geistlicher ist für B. bereits 1215 nachweisbar, wobei unklar ist, ob er für die gottesdienstliche Versorgung der Burgkapelle zuständig war. Ein erster Hinweis auf den in der Burgkapelle befindlichen, dem Hl. Georg geweihten Altar datiert in das Jahr 1347. Das Patronatsrecht übte seit 1248 bis zum Übergang an die Herzöge von Jülich-Kleve-Berg 1582 die Äbtissin von B. bzw. Zissendorf aus. Angehörige jüdischen Glaubens, die 1331 in B. bezeugt sind, wurden 1349 im Zuge des Pestpogroms vertrieben. 1526 ist ein jüdischer Geldwechsler in B. nachweisbar. 1560 entstanden im südöstlichen Teil des Hzm.s Berg Täufergemeinden, 1565 kam es zur Inhaftierung von Täufern auf Burg B. Ein reformierter Prediger wirkte 1578 in B. Im Zuge der Gegenreformation 1635/36 hielten sich zeitweise Jesuiten auf der Burg B. auf.

(4) Die mächtige, typologisch als Abschnittsburg anzusprechende Burg B. mit der Hauptburg im Nordwesten und der sich nach Südosten anschließenden Vorburg gehört zu den bedeutendsten Landesburgen der Grafen von Sayn. Mitte des 15. Jahrhunderts wurde die Burg durch eine polygonale Bastion und den für die Verteidigung mit Feuerwaffen eingerichteten runden St. Georgsturm an der Südseite verstärkt. Die im Dreißigjährigen Krieg von den Schweden eingenommene Burg wurde 1676 geschleift. Durch das Wüstwerden der Altstadt ist ein landwirtschaftlich genutzter Raum zwischen Burg und der Neustadt entstanden. Baulich ist die Neustadt durch Fachwerkbauten des 18. Jahrhunderts geprägt. Oberhalb des Marktplatzes der Neustadt liegt inmitten eines eigenen Areals, das eventuell mit dem Immunitätsbezirk des Klosters identisch ist, die aus der Klosterkirche hervorgegangene Pfarrkirche St. Katharina.

(5) Außer der Funktion als wichtiger Landesburg zur Sicherung des westlichen Teils des saynischen Herrschaftsgebietes, als zeitweilige Residenz der Grafen von Sayn (bis 1247/48) sowie gelegentlicher Aufenthaltsort der nachfolgenden Landesherren (Herren von Heinsberg und B. sowie Grafen bzw. Herzöge von Berg) und als Amtssitz ist über die Stadt-Umland-Beziehungen B.s. nicht viel bekannt. Die gewerbliche Tätigkeit der Bevölkerung war vornehmlich auf das nähere Umland und den Bedarf der Burgbewohner ausgerichtet. Wirtschaftlich stand B. im Schatten des bereits um 1200 als vollausgebildete Stadt anzusprechenden Siegburg. Unter den Grafen bzw. Hzg.en von Berg war B. die kleinste der bergischen Territorialstädte. Informationen über die Beteiligung von B.er Bürgern am Fernhandel fehlen.

(6) B., im letzten Viertel des 12. Jahrhunderts als wichtiger Eckpfeiler zur Sicherung des Westteils des Herrschaftsgebiets von den Grafen von Sayn gegründet, avancierte unter Heinrich III. und seiner Gattin Mechthild zum bevorzugten Herrschaftsmittelpunkt und überflügelte die am Südostrand des Neuwieder Beckens gelegene Stammburg Sayn. Infolge einer Erbteilung nach dem Tod Heinrichs III. gelangte B. 1247 an dessen Neffen aus dem Haus Heinsberg, wurde von dem Kerngebiet des Territoriums der Grafschaft Sayn getrennt und bildete fortan den Hauptort einer eigenständigen kleinen Herrschaft. Der damit verbundene Bedeutungsverlust von B. wurde durch weitere Verpfändungen im Spätmittelalter (u.a. an Berg, Kleve, Erzstift Köln) beschleunigt. 1469 fiel B. endgültig an die Herzöge von Jülich-Berg. Schließlich büßte das »Land B.« auch seine Sonderstellung gegenüber den älteren Bestandteilen des Territoriums Berg ein und fungierte vornehmlich als Vorort eines Amtes. Die strategisch günstige, für die Verkehrserschließung jedoch nachteilige Lage von Burg und Stadt B. auf einem Bergsporn abseits des Fernhandelswegs sowie die Nähe zu der wirtschaftlich prosperierenden Abteistadt Siegburg hatte einschneidende Folgen für die urbane Entwicklung des Ortes. Der bereits im Spätmittelalter einsetzende Bedeutungsverlust (Fehlen der Residenzfunktion seit dem 15. Jahrhundert und Stagnation der wirtschaftlichen Entwicklung) bedingte schließlich zu Beginn des 19. Jahrhundert das Absinken von B. zu einer Landgemeinde.

(7) Archivalien befinden sich im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW) (Grafschaft Sayn), im Landesarchiv NRW, Abteilung Rheinland (Jülich-Berg).

Kaeber, Erich: Quellen zur Rechts- und Wirtschaftsgeschichte der rheinischen Städte. Bergische Städte II: Blankenberg, Bonn 1911 (Publikationen der Gesellschaft für rheinische Geschichtskunde, 29). - Sukopp, Theodor: Urkunden und Akten des Klosters Merten aus dem Archiv Schramm in Neuss, Essen 1961 (Inventare nichtstaatlicher Archive, 7). - Urkundenbuch der Herrschaft Sayn. Die älteren Grafen von Sayn (bis 1246), die Linie Sayn-Sayn (bis 1606) und die Linie Sayn-Wittgenstein, Bd. 1, hg. von Albert Hardt, Wiesbaden 2012.

(8) Die Kunstdenkmäler des Siegkreises, bearb. von Edmund Renard, Düsseldorf 1907 (Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz, 5, 4). - Fischer, Helmut: Stadt Blankenberg. Burg, Stadt und Kirche in Vergangenheit und Gegenwart, Hennef 1964. - Naedrup-Reimann, Johanna: Weltliche und kirchliche Rechtsverhältnisse der mittelalterlichen Burgkapellen, in: Die Burgen im deutschen Sprachraum. Ihre rechts- und verfassungsgeschichtliche Bedeutung, hg. von Hans Patze, Bd. 1, Sigmaringen 1976 (Vorträge und Forschungen, 19), S. 123-154. - Blankenberg, bearb. von Helmut Fischer, Bonn 1979 (Rheinischer Städteatlas, Lieferung V, Nr. 26). - Fischer, Helmut: Blankenberg. »Ein kleines Städtlein auf dem Berge«, Siegburg 1995. - Halbekann, Joachim J.: Die älteren Grafen von Sayn, Wiesbaden 1997 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen, 6, 1). - Friedhoff, Jens: Territorium und Stadt zwischen Ruhr und Sieg 1200-1350, in: Düsseldorfer Jahrbuch 69 (1998) S. 11-125. - Bohn, Thomas: Gräfin Mechthild von Sayn 1200/03-1285, Köln, Weimar, Wien 2002 (Rheinisches Archiv, 140). - Kolodziej, Axel: Herzog Wilhelm I. von Berg 1380-1408, Neustadt a.d. Aisch 2005 (Bergische Forschungen, 29). - Friedhoff, Jens: Burg - Residenz - Stadt. Die Residenzorte der Grafen von Sayn im Hoch- und Spätmittelalter, in: Von der Burg zur Residenz, Braubach 2009 (Veröffentlichungen der Deutschen Burgenvereinigung e.V., Reihe B: Schriften, 11), S. 47-57. - Hillen, Christian: Hennef-Zissendorf-Zisterzienserinnenkloster, in: Nordrheinisches Klosterbuch. Lexikon der Stifte und Klöster bis 1815, Teil 2: Düsseldorf bis Kleve, hg. von Manfred Groten, Georg Mölich, Gisela Muschiol und Joachim Oepen, Siegburg 2012 (Studien zur Kölner Kirchengeschichte, 37, 2), S. 511-516. - Friedhoff, Jens: Hachenburg, Blankenberg und Sayn. Burgen, Städte und Talsiedlungen als Herrschaftsmittelpunkte der Grafen von Sayn, in: Nassauische Annalen 125 (2014) S. 67-106.

Jens Freidhoff