(1) Das Benediktinerkloster S. wurde vom Kölner Erzbischof Anno II. 1064 auf dem Siegberg (auch Michaelsberg), einem Vulkankegel im Südosten der Kölner Bucht, gegründet. Um das Kloster entstand eine Siedlung (in frühen Quellen Sigeburch, Sigeberg oder Siegeburgh), die zur Stadt wurde und gemeinhin als »Abteistadt« gilt, Stadtherr war der Abt.
Die von den Ideen der cluniazensischen Reform getragene Abtei entfaltete in den ersten zwei Jahrhunderten ihres Bestehens eine besondere spirituelle Wirkung. Zeugnis dessen war das schnelle Wachstum (mit 120 Mönchen im Jahr 1121 als Höchstwert). Die Heiligsprechung des hier beigesetzten Erzbischof Annos 1183 lockte Scharen von Pilgern nach S., was die entstehende Stadt sehr förderte. Ab 1250 verlor der mittlerweile reich ausgestattete Konvent in geistlich-intellektueller Hinsicht, eine Schrumpfung setzte ein. 1348 gab es nur noch 25 Mönche.
Gegenüber den Hzg.en von Berg als Schirmvögten der Stadt betonten die Äbte die Reichsunmittelbarkeit, ein Anspruch der spätestens mit dem 1676 geschlossen Erbvergleich aufgegeben werden musste, als S. ins bergische Territorium eingegliedert wurde.
(2) Die Siedlung zu Füßen des Michaelsbergs, wie der Siegberg nach der Gründung des Klosters genannt wurde, entwickelte sich nach der Verleihung des Markt-, Zoll- und Münzrechts durch König Heinrich IV. an das Kloster 1069 und der Etablierung eines Friedensbannbezirks zum Schutz des Marktes 1071 zur Stadt. Der Siedlungskern um den Marktplatz wurde mit einer Wall-Graben-Anlage geschützt, die Ersterwähnung als opidum datiert aus dem Jahr 1182. Um die Mitte des 13. Jahrhunderts wurde die Stadtmauer erbaut, die vier Tore besaß und die etwa 50 m über der Stadt liegende Abtei mit einschloss. Bereits im 14. Jahrhundert erfuhr sie eine Erweiterung im Bereich des Mühlenviertels.
Im 14. Jahrhundert entstanden Spezialmärkte für Eisen und Leder, für Kleingeflügel gab es den Hühnermarkt. An der vom Markt abgehenden Kirchgasse errichtete die Stadt mehrere Verkaufshallen. Wochenmarkt war donnerstags, Jahrmärkte fanden spätestens seit 1183 am Himmelfahrtstag, am Servatiustag (ab 1461 Verlegung auf Fronleichnam) und am Matthäustag statt. Ab 1600 kam der Nikolaustag als vierter Jahrmarkt hinzu.
Gewerblich war S. seit Ende des 12. Jahrhunderts von der Tuchproduktion geprägt, Weber und Tuchhändler sind für diese Zeit belegt. Fleischhauer, Löher, Bäcker, Schneider, Weinschröder, Leinenweber, Glaser und Fassbinder schlossen sich zu Zünften zusammen. Außerordentlich bedeutsam waren die Töpfer in der außerhalb der Stadtmauern befindlichen Siedlung Aulgasse. Ihnen gelang um 1300 ein technischer Durchbruch. Sie stellten Steinzeugkeramik her, die Flüssigkeiten problemlos hielt. Diese Neuerung setzte eine Massenproduktion in Gang, die Handwerker brannten 60000 bis 120000 Stücke pro Jahr; charakteristisch war die schlanke Gestalt der sogenannten S.er »Schnellen«, schmal-hoher, sich nach oben hin verjüngender Krüge. In der Renaissance trennte sich der Zweig der Luxuskeramik von der Massenware. Adlige und wohlhabend bürgerliche Kreise aus ganz Europa fragten »guten S.er Ton« nach, der Export reichte bis in die Kolonien der europäischen Mächte (1963 wurden vor der Westküste Australiens im Wrack eines 1629 gesunkenen Großseglers der niederländischen Ostindien-Kompanie S.er Töpfe und Kannen entdeckt).
Der 1283 erstmals erwähnte Stadtrat stand in starker Abhängigkeit vom Abt, dem von ihm entsandten Schultheißen und des Schöffenkollegiums. Die Schöffen waren Amtsträger des Abtes, verwahrten das städtische Siegel, sprachen Recht. Dem Stadtrat und den Bürgermeistern fiel lediglich eine unterstützende Funktion zu.
Zur Ausweitung ihrer Kompetenzen schlossen sich die Bürger mit Herzog Wilhelm II. von Berg (reg. als Graf ab 1360, als Herzog 1380-1408) zusammen und gingen gegen den Abt vor, der daraufhin die Stadt 1403 in Brand schießen ließ. Einziger Erfolg bestand in der förmlichen Anerkennung des Stadtrates durch den Abt. Das Kräfteverhältnis zwischen Kloster und Stadt blieb bis zur Säkularisation unverändert.
Bei der Finanzierung war die Stadt an den Stadtherrn und den Vogt gebunden. Sie beanspruchten die Hälfte der Akzise auf Nahrungsmittel, Handwerksprodukte oder auf Handelsgeschäfte. Ab dem ausgehenden 16. Jahrhundert setzte ein wirtschaftlicher Verfall ein. Mehrere Kriege mit Belagerungen, länger andauernde Einquartierungen, Epidemien und Stadtbrände führten zu einer Abwanderung der Töpfer nach Altenrath bei Troisdorf und in den Westerwald, wovon sich die städtische Wirtschaft nicht mehr erholte. 1650 wurden nur noch 100 Bürger (und somit Bürgerhaushalte) gezählt, für Teile des 18. Jahrhunderts kann S. als unbedeutend angesehen werden. 1805 umfasste die Bürgerschaft jedoch wieder 1400 Personen, womit vermutlich das Niveau des 15. Jahrhunderts erreicht wurde.
(3) Im Rahmen der Siedlungsentstehung wurde im 12. Jahrhundert eine Kirche für die Bevölkerung errichtet. Diese Pfarrkirche trug die Form einer Emporenbasilika, das Patronat lag beim Abt. Der Fund von Steinplattengräbern aus fränkischer Zeit sowie die Ausgrabung frühromanischer Mauerreste deuten darauf hin, dass schon vor der Abteigründung durch Erzbischof Anno II. eine Kirche am selben Platz gestanden haben dürfte. Ein Beleg für einen früheren Bau ist zudem das Servatius-Patrozinium. Das Pfalzgrafengeschlecht der Ezzonen, das bis 1060 den Michaelsberg beherrschte, stellte auch die Vögte des Servatiusstiftes Maastricht.
Im letzten Viertel des 13. Jahrhunderts baute man den romanischen Chor in einen hochgotischen Hauptchor mit zwei niedrigeren Nebenchören um, wahrscheinlich nach Plänen der Kölner Dombauhütte. Zum gotischen Neubau des Langhauses kam es zu Beginn des 16. Jahrhunderts ebenfalls unter Kölner Beteiligung. Beim Stadtbrand 1647 wurde der Turm zerstört und 1654 wiederaufgebaut, nun mit »Welscher Haube«. Seit dem ausgehenden Mittelalter sind zahlreiche Kapellen nachgewiesen, sie standen an den drei S.er Hospitälern und an St. Servatius. Im 18. Jahrhundert folgte der Bau der barocken Nepomukkapelle auf dem Alten Friedhof, der Wegekapelle an der Mühlenstraße und der Marienkapelle an der heutigen Ringstraße. Es existierten zahlreiche Bruderschaften zur Verehrung von Hl.en. Die Liebfrauenbruderschaft der Schuhmacherzunft, die Bruderschaft der Schneider zu Ehren Gottes, Marias sowie der Hl. Anno und Antonius oder die Benignusbruderschaft der Wollwerber. Neben der Schule in der Abtei, die den Klosternachwuchs heranzog, wurde 1594/95 eine Lateinschule in der von Augustinerinnen verlassenen Klause nahe des Marktes gegründet. Nach dem zwischenzeitlichen Eingehen der Schule übernahmen Minoriten 1654/55 den Unterricht.
Für wenige Jahrzehnte versuchte die Reformation in der Gemeinde Fuß zu fassen, als Träger des neuen Gedankenguts erwiesen sich vornehmlich die Mitglieder der Wollweber- und Gerberzunft. Gegen reformatorisch gesonnene Personen ging Abt Hermann I. von Wachtendonk 1572 mit Unterstützung des Hzg.s von Berg vor, unter dem Druck des Stadtherrn löste sich die Gemeinde 1576 auf, die meisten Mitglieder zogen nach Köln, die in S. verbliebenen Lutheraner verarmten.
Vor den Toren der Stadt existierte seit dem 13. Jahrhundert eine jüdische Gemeinde, die in der Frühphase ihres Bestehens mehreren Verfolgungswellen ausgesetzt war, so 1287 (Tod von 20 Juden) und 1349. Einige Juden traten als Geldverleiher auf, als Schuldner erscheinen u.a. die Stadt S. und der Erzbischof von Köln. Im frühen 15. Jahrhundert verlagerte sich die jüdische Gemeinde (Synagoge und Mikwe sind belegt) in die innerhalb der Stadtmauern gelegene Holzgasse. Zu Mitte des 15. Jahrhunderts wurde die Gemeinde aufgelöst. Im Dreißigjährigen Krieg erfolgte die Wiederansiedlung. Rechtlicher Schutz seitens des Abtes ermöglichte den Juden den Viehhandel, das Metzgerhandwerk und das Beleihen von Pfändern mit zehnprozentigem Zins.
(4) In Matthäus Merians Topographie gibt es eine Darstellung S.s (1646), die die Trennung zwischen der Stadt und der erhöht gelegenen Abtei verdeutlicht. In der Stadtansicht stechen die im Verlaufe des 17. Jahrhunderts abgetragene, zwischen Grimmels- und Kölntor gelegene vogteiliche Burg - auch als Gefängnis genutzt - und das Rathaus hervor. Letztgenanntes Gebäude kaufte der Rat 1437/38 und baute es im 16. Jahrhundert mehrfach um. Das Rathaus beherbergte den Rats- und Tanzsaal, es war Gerichtsort, Gäste- und Zeughaus zugleich.
Einschnitte stellten gleich mehrere Zerstörungen zu Mitte des 17. Jahrhunderts dar. Im Dreißigjährigen Krieg besetzten die Schweden 1632 die Stadt, plünderten und zerstörten die Häuser. Abt Bertram von Bellinghausen befahl den Bürgern, binnen drei Monaten für den Wiederaufbau zu sorgen. 1647 gingen die Stadtkirche sowie nahe Straßenzüge in Flammen auf, die Abteikirche brannte 1649 und erneut 1772. Im Zuge des Wiederaufbaus nahm sie ihr barockes Gepräge an.
Erhalten geblieben sind Teile der Stadtmauer, u.a. der im 19. Jahrhundert so genannte »Hexenturm« am Fuße des Michaelsbergs, und das Johannistürmchen als Teil der Abteibefestigung. An der Ecke Markt/Griesgasse befindet sich das in den 1230er Jahren erbaute Pfarrhaus, später umbenannt in »Haus zum Winter« Es gilt als das älteste erhaltene Profangebäude im Rhein-Sieg-Kreis.
(5) Schon 1125 handelten Kölner Kaufleute auf dem S.er Markt. Im Stadtrechtsvertrag von 1285 nahmen sich S.er und Kölner gegenseitig als Bürger auf, was auf intensive Handelsaktivitäten der Kölner in S. verweist. Für den Vertrieb überregional nachgefragter Erzeugnisse - Textilien und, allen voran, Töpfereiprodukte - zeichneten die Kölner verantwortlich. S., genauer die Töpfersiedlung Aulgasse, kann als verlängerte Werkbank der Kölner Händler gelten, über die die begehrte Tonware vom hansischen Handel aufgenommen wurde. Dabei geht wohl der Erfolg der hochwertig verarbeiteten und aufwendig verzierten Renaissance-Keramik auf Kölner Kunsthandwerker zurück, die nach dem sogenannten Kannenbäckerverbot in der Domstadt ab 1542 nach einem neuen Betätigungsort suchten und ihn in der Aulgasse fanden. Die S.er Händlerschaft blieb in ihrem Aktionsradius beschränkt, Züge von Handwerkern bzw. Kaufleuten nach Hamburg oder in die Niederlande bildeten die Ausnahme. 1389 erhielten die S.er Bürger außerdem das Koblenzer Bürgerrecht, das zuvor schon Abt und Konvent für sich beanspruchen durften. Dabei ging es primär um den Schutz der abteilichen Besitzungen in Bendorf und Güls nahe Koblenz, auf denen Wein heranreifte.
Für das 15., 16. und 17. Jahrhundert sind die Ziele der S.er Stadtboten erhalten. Die Bestimmungsorte administrativer Korrespondenz stecken den Gesichtskreis der städtischen Verwaltung ab, der von Koblenz im Süden bis Düsseldorf im Norden reichte und die nähere Umgebung des Bergischen Landes und des Westerwaldes einschloss. Im 16. Jahrhundert wurde die Residenzstadt Düsseldorf wiederholt angelaufen. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhundert zahlte S. hinter Düsseldorf die höchsten Steuern im Territorium der Herzöge von Berg. Proteste der Äbte waren vergebens.
(6) Die Abwicklung größerer Handelsgeschäfte durch die Kölner Kaufmannschaft verhinderte in S. die Ausbildung eines Patrizierstandes. Die handwerklich geprägte Bürgerschaft brachte gegenüber Abt und Konvent kein ernstzunehmendes politisches Gegengewicht auf. Der Abt (oder seine Vertreter) sprach Recht. Er verdiente an den städtischen Steuern, verschaffte sich gleichzeitig für den auf eigenem Besitz angebauten Wein durch Akzisefreiheit einen Wettbewerbsvorteil. Er erließ die Zunftordnungen, erneuerte Zunftbriefe, empfing Huldigungen der Bürger und nahm - gemeinsam mit dem Konvent und den Bürgern - den Bürgereid ab. Durch den Schultheißen konnte er das Bürgerrecht, Grundlage für die Zugehörigkeit zur Zunft, entziehen. Die Hexenverfolgung der Jahre 1636-1638, vorangetrieben und maßgeblich durchgeführt von auswärtigen Hexenkommissaren, gibt andersherum Aufschluss über den sich auflösenden Rechtsrahmen bei Abwesenheit des Stadtherrn.
(7) Ungedruckte Urkunden und Akten der Abtei verwahrt das Landesarchiv Nordrhein-Westfalen in der Abteilung Rheinland in Duisburg. Quellen zur Stadtgeschichte befinden sich im Siegburger Stadtarchiv, Depositum St. Servatius. Darunter befinden sich Ratsprotokolle, Stadtrechnungen und Geschosszettel aus dem 15.-17. Jahrhundert.
Quellen zur Rechts- und Wirtschaftsgeschichte der rheinischen Städte. Berg. Städte I Siegburg, bearb. von Friedrich Lau, Bonn 1907. - Urkunden und Quellen zur Geschichte von Stadt und Abtei Siegburg, 2 Bd.e, bearb. von Erich Wisplinghoff, Siegburg 1964, 1985. - Protokolle des Siegburger Schöffengerichts, Bd.e 1- 7, 1541-1587, bearb. von W. Günter Henseler und Andrea Korte-Böger, Siegburg 2001-2016.
(8)Schwaben, Philipp Ernst: Geschichte der Stadt, Festung und Abtei Siegburg im Herzogtum Berg, Köln 1826. - Dornbusch, Johann Baptist: Aus dem Leben und Treiben einer alten Siegstadt im 15., 16. und 17. Jahrhundert. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte des Niederrheins, in: Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein 30 (1876) S. 292-317. - Heinekamp, Rudolf: Siegburgs Vergangenheit und Gegenwart, Siegburg 1897. - Roggendorf, Hermann Josef: Das Heimatbuch der Stadt Siegburg, 3 Bd.e, Siegburg 1964-1967. - St. Anno und seine viel liebe statt. Beiträge zum 900jährigen Jubiläum, hg. von Gabriel Busch, Siegburg 1975. - Linn, Heinrich: Juden an Rhein und Sieg, Siegburg 1983. - Herborn, Wolfgang: Die wirtschaftliche und soziale Bedeutung und die politische Stellung der Siegburger Töpfer, in: Heimatblätter des Rhein-Sieg-Kreises 54/55 (1986/87) S. 7-41. - Treptow, Otto: Untersuchungen zur Topographie der Mühlenstraße, in: Finanzamt Siegburg, hg. von Andrea Korte-Böger, Siegburg 1987, S. 15-42. - Von der städtischen Lateinschule zum Anno-Gymnasium. 400 Jahre Anno-Gymnasium Siegburg (1597-1997), hg. von Heinz Immekeppel, Siegburg 1997. - Krause, Peter H.: Belagert, erobert, geplündert. Siegburger Kriegszeiten von 1583 bis 1714. Ein militärhistorischer Überblick, Siegburg 1998. - Oben auf dem Berg. Die Geschichte der Abtei und des Michaelsbergs in Siegburg, hg. von Andrea Korte-Böger, Niederhofen 2008.