(1) W., der Name ist slawischen Ursprungs, verdankt seine Entstehung der verkehrsgünstigen Lage an der Peene, dem westlichen der drei Arme des Oderdeltas. Die Peene trennt das Festland, auf dem W. liegt, von den Inseln Usedom und Wollin. Der auf einer hochwassergeschützten Anhöhe befindliche Ort liegt etwa sechs Kilometer von der Ostsee entfernt. Erstmals erwähnt wird W. im frühen 10. Jahrhundert Bereits unter den Slawen dürfte W. eine größere Bedeutung gehabt haben, denn bei der Christianisierung Pommerns hielt sich Bischof Otto von Bamberg, der sich als Missionar auf die heidnischen Zentren fokussierte, 1124 und 1128 hier auf. Seit der Eroberung durch den pommerschen Herzog Wartislaw I. 1124 gehörten die Siedlung und die sich vermutlich auf einer Insel im Peenestrom befindliche Burg zu Pommern. 1295 wurde das Herzogtum entlang einer Nord-Süd-Achse geteilt in die Linien Pommern-Stettin und Pommern-W., benannt nach den Hauptresidenzen. W. war fortan bis 1625 (Tod des letzten W.er Hzg.s Philipp Julius) bzw. 1637 (Abzug der Behörden) Residenzstadt. Während der Regierung Bogislaws X. (reg. 1478–1523), der alle pommerschen Lande in seiner Hand vereinigte, blieb W. Nebenresidenz. Unter Herzog Philipp I. (reg. 1532–1560) wurde W. zum Sitz des Hofgerichts, das 1641–1665 und endgültig 1680 nach Greifswald verlegt wurde. Ab 1630, bestätigt durch den Westfälischen Frieden, bis 1815 befand sich W. wie ganz Vorpommern unter schwedischer Herrschaft. Mehrmals weilte in den 1650er Jahren die schwedische Kg.sfamilie in W. Die Stadt blieb bis 1675 bzw. 1679 Sitz des Gouverneurs von Schwedisch-Pommern (danach in Stettin). Im Großen Nordischen Krieg wurden 1713 Stadt von russischen Truppen weitgehend zerstört, das bereits 1675 beschädigte Schloss weiter vernichtet. Der Wiederaufbau verlief zögerlich, zumal nach dem Übergang Ostpommerns an das Reich 1720 W. Grenzstadt wurde und auf Veranlassung Friedrich des Großen von Preußen die Swine, der mittlere der zwischen Usedom und Wollin gelegenen drei Arme des Oderdeltas, 1729–1745 schiffbar gemacht wurde, um dem Stettiner Hafenverkehr einen schnelleren Zugang zur Ostsee unter Umgehung des schwedischen W. zu ermöglichen. Hierdurch geriet W. wirtschaftlich ins Hintertreffen, erst die Etablierung der Werften im späten 18. und vor allem im 19. Jahrhundert führte zu einem Aufschwung. 1815 fiel W. wie ganz Schwedisch-Pommern an Preußen.
(2) Bereits in slawischer Zeit dürfte W. eine größere Siedlung gewesen sein, wohl als Marktflecken zu verstehen. Spätestens 1257 erlangte W. Stadtrecht, 1282 das lübische Recht durch Herzog Bogislaw IV. (reg. 1295–1309). Faktisch stand der Rat stets unter der Botmäßigkeit des Fürsten, der sich durch einen 1255 erstmals genannten Vogt vertreten ließ. Die Befugnisse des städtischen Rates waren sehr eingeschränkt. Überhaupt hatten die Fürsten vornehmlich ein Interesse an dem in W. erhobenen »Fürstenzoll«, der vom (bis 1747) regen Verkehr auf der Peene erhoben wurde. Zusammengenommen verhinderte dies eine Entfaltung der Selbständigkeit und der weitergehenden wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt. So konnte sich W. trotz seiner ausgesprochen günstigen Verkehrslage nicht zu einem bedeutenden Fernhandelsort entwickeln. Das Gewerbe umfasste Warenherstellung und Dienstleistungen für den Hof und dessen Amtsträger, ferner die typischen Gewerke der Nahrungsmittelverarbeitung, Bekleidungsherstellung und des Hausbaus sowie Schiffbau und Fischerei und auch Landwirtschaft.
Die Einwohnerzahl ist nicht zu ermitteln, sie dürfte größenordnungsmäßig bei etwa 2500 bis 3000 Personen gelegen haben. Nur für 1766, also während der Phase wirtschaftlicher Stagnation, sind genaue Angaben möglich (3074 Bewohner). Flächenmäßig gehörte W. zu den kleineren Städten Pommerns, bereits im Spätmittelalter wurden Vorstädte angelegt (Fischervorstadt, Bauern- oder Bauwiek und Kronwiek). Die rund bis leicht oval angelegte Stadt war von einer Mauer umgeben (in Resten erhalten), drei Tore (Bauwieker, Stein- und Wassertor) ermöglichten den Zugang. Noch im 18. Jahrhundert wurde die Mauer als Grenze des Stadtraums festgelegt.
(3) 1128 ließ der Pommernmissionar Otto von Bamberg an der höchsten Stelle inmitten des Siedlungsplatzes eine hölzerne Kirche mit Petrus-Patrozinium errichten, die vermutlich recht bald durch einen Steinbau ersetzt wurde. Bis 1400 wurde dieser durch eine dreischiffige Basilika ersetzt. Diese war nicht nur Pfarrkirche der Stadt, sondern zugleich Hofkirche der Herzöge von Pommern-W. Spätestens seit dem 15. Jahrhundert fungierte sie als Grablege der fsl.en Familie (wohl im Chor). Die Gruft unter dem Altar wurde 1560 angelegt und beherbergte die letzten drei Herzöge von Pommern-W. und vier Hzg.innen
Als weitere geistliche Einrichtungen sind die außerhalb der Stadtmauer gelegene St. Georgs- oder Jürgenkapelle des seit ca. 1380 belegten Leprosoriums zu nennen und vor allem die Kapelle des von Herzog Wartislaws IX. von Pommern-W. (reg. 1417–1457) in Erinnerung an seine Palästinareise gestifteten St. Gertrudhospitals, das der Versorgung von Pilgern und Reisenden diente. Die zwölfeckige Gertrudkapelle mit außergewöhnlichem Sterngewölbe wurde um 1420 errichtet und beherbergt als Endpunkt des Leidensweges Christi eine Nachbildung des Hl. Grabes in Jerusalem. Ein Kloster gab es in W. nicht, die nächstgelegenen befanden sich fünf Kilometer östlich W.s in Krummin auf der Insel Usedom und in Eldena, ca. 30 km westlich von W. Entlang der Peene gab es weitere Kapellen, die vermutlich zugleich als Seezeichen dienten. Im Schloss befand sich eine Marienkapelle
Nachdem die evangelische Lehre in den 1520er Jahren bereits breit aufgenommen worden war, wurde die Reformation in Pommern 1534/35 förmlich eingeführt. Durchgesetzt wurde dies von Herzog Philipp I. von Pommern-W. (reg. 1532–1560), der selbst in Wittenberg studiert hatte, zusammen mit seinem Onkel Barnim IX. von Pommern-Stettin (reg. 1531–1569). Gemeinsam holten sie den aus Wollin in Pommern stammenden Luther-Vertrauen Johannes Bugenhagen nach Pommern. Klösterliches Eigentum wurde säkularisiert und zu großen Teilen in hzl.es Eigentum überführt. W. wurde zum Sitz des ersten Generalsuperintendenten für Vorpommern.
(4) Architektonisch wurde die Stadt vor allem durch die imposante St. Petri-Kirche dominiert, deren Bau besonders von den Hzg.en Wartislaw VIII. (reg. 1394–1415, allein ab 1405) und seinem Bruder Barnim VI. (reg. 1394–1405) gefördert wurde. Die Burg bzw. das Schloss lagen vor der Stadt auf einer Insel im Peenestrom. Erste Wallanlagen bzw. Bauten dürften bis ins frühe 12. Jahrhundert zurückreichen. Ein erster Steinbau wurde ab 1298 bis 1330, nach der ersten Teilung des Hzm.s 1295, geschaffen. Der Umbau zum größeren und repräsentativen Schloss begann unter Bogislaw X. (reg. 1478–1523) ab 1496. Weiter vergrößert und besonders ausgeschmückt wurde es unter Herzog Philipp I. ab 1536 und unter dessen dritten Sohn Ernst Ludwig 1576/77 zu einem der bedeutendsten Renaissanceschlösser Norddeutschlands. Der letzte W.er Herzog, Philipp Julius (1584–1625), ließ weitere Ausbauten und Verschönerungsarbeiten vornehmen. Im Schwedisch-Brandenburgischen Krieg 1674/75 wurde das Schloss 1675 schwer zerstört, woraufhin zentrale Einrichtungen der Landesregierung in andere Orte verlegt wurden. 1798 verkaufte die schwedische Regierung die Ruine. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Schloss komplett abgetragen.
Seit dem 14. Jahrhundert gab es auf dem Marktplatz ein Rathaus. In den Jahren 1512 und 1628 und vor allem 1713 werden Zerstörungen durch Stadtbrände erwähnt. Der heutige Bau weist romanische, gotische und besonders barocke Spuren auf. Letztere stammen aus der Zeit nach der weitgehenden Zerstörung W.s 1713, dem Wiederaufbau 1718–1723. Zum Rathausbau von 1713 gehörte die Stadtwaage in einem offenen Laubengang. Die barocke Veränderung ist in der gesamten Fassade zum Markt erkennbar. Der Laubengang wurde verschlossen und dem Gebäude ein Turm mit Uhr angefügt. In der Burgstraße hat sich ein Wohnhaus des 16. Jahrhunderts erhalten (Nr. 9). Der weitaus größte Teil der heute erhaltenen alten Bebauung stammt aus dem 18. Jahrhundert
(5) W. nahm zwar am Fernhandel teil, war zudem Mitglied der Hanse, doch spielte die Stadt keine bedeutende Rolle. Bezeichnend ist, dass W. sich auf den Hansetagen von Greifswald vertreten ließ. Eine eigenständige Umlandpolitik vermöchte W. nicht zu entfalten, war aber mit anderen pommerschen Städten auf den Landtagen vertreten, stand jedoch hinter den Vorstädten Stralsund, Greifswald und Anklam zurück. Auf Wunsch der Stände verblieb nach Tod des letzten Hzg.s Philipp Julius 1625 die Regierung noch bis 1637 in W., ehe sie nach Stettin verzog.
(6) Trotz seiner verkehrsgünstigen Lage stand W. als Stadt stets im Schatten der Herzöge Zeugnisse ihrer Präsenz waren die große Petrikirche, die Gertrudenkapelle und die Burg, die ab 1496 und weiter im 16. Jahrhundert zur großen Schlossanlage ausgebaut wurde. Aus der Anwesenheit des Hofs dürfte die Stadt vorwiegend ihren wirtschaftlichen Nutzen gezogen haben. Selbst in der wirtschaftlichen Schwächephase in der Mitte des 18. Jahrhunderts hatte W. (immerhin) etwas über 3000 Einwohner. Unter den Kriegen des 17. und frühen 18. Jahrhunderts hatte W. enorm zu leiden. Das heutige Stadtbild stammt zu weiten Teilen von dem Wiederaufbau nach der weitgehenden Zerstörung 1713.
In W. ist der Begründer der Romantischen Kunst Philipp Otto Runge (1777–1810) geboren worden.
(7) An einschlägigen Beständen sind zu nennen das Landesarchiv Greifwald, hierin Rep. 38b (Wolgast Archiv), Rep. 40 I, Nr. 20 (Pommersche Urkunden 1401–1590, Inventar des königlichen Provinzialarchives zu Stettin), Nr. 44 (Privilegienbuch der Stadt Wolgast 1282–1629), Nr. 53 (Bündnis Pommern mit dem Reich 1338–1428), Nr. 104 (Regierungszeiten pommerscher Herzöge 1224–1637), Rep. 40 III, Nr. 62 b- (Chronik von Thomas Kantzow), Nr. 79 (Gründung der Universität Greifswald), Nr. 82/12 (Verfassung und Verwaltung der Stadt Wolgast 1282–1779). Ferner ist das Archiv der Wolgaster St. Petrikirchgemeinde zu nennen. Hinzuweisen ist noch auf Stadtarchiv Greifswald, Manuskript 32 (Geografisch-historische Nachrichten von Wolgast und Umgebung von Petrus Müller).
Merian, Matthäus: Topographia Germaniae, Bd. 13: Topographia Electoratus Brandenburgici et Ducatus Pomeraniae, 1652, Faksimile der Erstausgabe Kassel/Basel 1965. – Heyden, Hellmuth: Protokolle der pommerschen Kirchenvisitation 1535–1555, 3 Bde., Köln/Wien 1961–1964 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Pommern, Reihe 4, Quellen zur pommerschen Geschichte, 1–3).
(8)Bethe, Hellmuth: Die Kunst am Hofe der pommerschen Herzöge, Berlin 1937. – Bethe, Hellmuth: Die Baugeschichte des Wolgaster Schlosses, Stettin 1938 (Baltische Studien, N.F., 40), S. 87–95. – Heyden, Hellmuth: Zur Geschichte der Reformation in Pommern, politische Motive ihrer Einführung 1534/35, in: Heyden, Hellmuth: Neue Aufsätze zur Kirchengeschichte Pommerns, Köln/Graz 1965 (Veröffentlichung der Historischen Kommission für Pommern, 12), S. 1–34. – Buske, Norbert, Bock, Sabine: Wolgast. Herzogliche Residenz und Schloß, Kirchen und Kapellen, Hafen und Stadt, Schwerin 1995. – Schmidt, Roderich: Wolgast – Residenz und Begräbnisstätte der pommerschen Greifen, in: Pommern, Kultur und Geschichte 34,3 (1996) S. 32–48. – Pommern. Geschichte, Kultur, Wissenschaft. 3. Kolloquium zur Pommerschen Geschichte, 13.–14. Okt. 1993, hg. von Horst Wernicke und Ralf-Gunnar Werlich, Greifswald 1996. – Festschrift 750 Jahre Stadt Wolgast 1257–2007. Geschichte und Geschichten aus unserer Stadt, hg. von der Stadt Wolgast, Red. Rainer Höll, Wolgast 2007.