Residenzstädte im Alten Reich (1300-1800)

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Ronneburg (Pils Rauna)

Ronneburg (Pils Rauna)

(1, 2) R. liegt südlich der Raune, einem linken Nebenfluss der Livländischen oder Treidener Aa. Nach diesem Fluss ist die Ortschaft benannt. Die Ordensstadt und -residenz Wenden war in westlicher Richtung 23 km entfernt. Nach der Teilung Livlands zwischen den Bf.en von Riga und den Schwertbrüdern im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts gehörte das Gebiet um R. zum später »Lettische Seite« genannten Teil des entstehenden Erzstifts Riga. Eine städtische Siedlung, zunächst als Hakelwerk bezeichnet, entstand zu Füßen einer ebfl.en Burg, die angeblich 1262 auf Anregung von Erzbischof Albert Suerbeer am Handelsweg von Riga nach Pleskau angelegt worden sein soll. Urkundlich erwähnt wird die erzbischöfliche Burg erstmals 1381, als sich Erzbischof Johannes Waltari von Sinten dort aufhielt. Residenz der Erzbischöfe wurde die dort errichtete Burg erst nach 1418, seitdem diese wieder ständig im Lande weilten. Dazu gehörte auch die Tätigkeit der ebfl.en Kanzlei. Die Verwaltung des Erzstifts wurde von den beiden Stiftsvögten geleitet, von denen der für die Lettische Seite zuständige in R. gesessen haben dürfte. R. war auch Sitz eines der zahlreichen regionalen Ämter (Burgsuchungen), in die das Erzstift gegliedert war und die in ihrer räumlichen Zuständigkeit in der Regel den Kirchspielen entsprachen. Die Leitungsfunktionen endeten nach 1561, als Erzbistum und Erzstift infolge des großen livländischen Krieges (1558–1583) zu bestehen aufhörten. Während dieses Krieges hat die Herrschaft mehrmals gewechselt, ehe 1582 das eigentliche Livland, und damit R., zu Polen-Litauen kam. 1621/29 wurde das Land unter Gustav II. Adolf schwedisch, 1710 infolge des großen Nordischen Krieges unter Peter d. Gr. russisch.

Das Hakelwerk wird urkundlich erst 1471 erwähnt. Da in der Forschung teilweise die Errichtung der Kirche aus baugeschichtlichen Gründen schon für das 13. Jahrhundert angenommen wird, muss schon zu dieser Zeit eine Siedlung bestanden haben, zumal wenn auch der Baubeginn der ebfl.en Burg in dieser Zeit erfolgt sein soll. Erst nach der ersten Erwähnung des Hakelwerks wurde die Siedlung ein Städtchen, dem Rigisches Recht verliehen wurde. Darüber ausgestellte Urkunden sind im Verlauf der Koadjutorfehde um 1556 verloren gegangen, so dass sie von König Sigismund III. Wasa von Polen bestätigt werden mussten. Während der Kriege des 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts wurde das Städtchen so stark zerstört, dass es in dieser Form nicht weiter bestanden hat.

R. entstand an einem Handelsweg, der es ermöglichte, die Burg mit Wirtschaftsgütern zu versorgen. Das Städtchen, dessen Wirtschaftsgeschichte weitgehend unerforscht ist, wird neben einem Handel wenigstens auch die zur Versorgung der Burg benötigten Handwerker beherbergt haben. Für weite Phasen der frühen Neuzeit ist bekannt, dass die Bewohner vorwiegend agrarisch tätig waren.

(3) Bereits die im späten 13. Jahrhundert angelegte Burg des Ebf.s dürfte über eine Burgkapelle verfügt haben. Sie befand sich im Südflügel des Haupthauses an dessen östlichem Ende neben dem im Osten offenen Burghof. Ob diese Kapelle auch für die Bewohner ihrer Umgebung zuständig war, ist fraglich. Dieses kann allenfalls nur für die ersten Jahre gegolten haben, falls die Pfarrkirche schon im 13. Jahrhundert bestanden haben sollte, wie Teile der Forschung annehmen. Demgegenüber wird eine Errichtung um die Mitte des 14. Jahrhunderts angenommen, da sie ähnliche Bauelemente wie die etwa um diese Zeit entstandene, nur einen halben Kilometer entfernten Burg aufweist (Tuulse). Erstmalig erwähnt wird das Kirchengebäude 1442, Pfarrgeistliche 1391. 1680 hat es noch einen spätmittelalterlichen Altar mit geschnitzten Bildnissen gegeben. Während des großen Nordischen Krieges wurde die Kirche 1702 von russischen Truppen zerstört, 1713 wiederaufgebaut.

Ob und inwieweit bereits das frühe Auftreten Luthers zu einer Reformbewegung in R. geführt hat, ist nicht bekannt, dürfte auch wenig wahrscheinlich sein, da R. Sitz eines Ebf.s war. Auch als Wilhelm Markgraf von Brandenburg-Ansbach, ein jüngerer Bruder Herzog Albrechts in Preußen, nicht nur Koadjutor, sondern 1535 selbst Erzbischof von Riga geworden war, änderte sich die altgläubige Konfession wegen dessen Schwankens in der Bekenntnisfrage nicht sogleich. Erst als der Landtag von Wolmar 1558 beschloss, die lutherische Lehre für ganz Livland verbindlich zu erklären, wird die Reformation auch in R. eingezogen sein.

(4) In R. gab es zwei herausragende Gebäude, die das Bild der Siedlung beherrschten, nämlich die auf einer Anhöhe liegende Burg, die Anfang des 16. Jahrhunderts von Erzbischof Jaspar Linde mit Turm und militärischen Außenanlagen sehr verstärkt wurde, sowie die Stadtpfarrkirche. Repräsentativen Charakter hatten die in der Chronistik am Ausgang des Mittelalters erwähnten Bilder der Erzbischöfe, auch wenn diese nicht zu besonderen Anlässen auf Prozessionen außerhalb der Burg gezeigt wurden. Von einem Rathaus oder anderen kommunalen Gebäuden ist nichts bekannt.

(5) Seit R. von den Ebf.en als ihre wichtigste Residenz genutzt wurde, war der Ort Mittelpunkt der ebfl.en Verwaltung. R. spielte jedoch keine Rolle bei der Gestaltung der gesamtlivländischen Politik der konföderierten Mächte, da sich Landesherren und Stände zu Landtagen an neutralen Orten trafen, die nicht Residenz eines der Landesherren waren.

(6) Als Kleinstadt, die erst spät ein Stadtrecht bekommen hat, war R. in starkem Maße dem Zugriff des Ebf.s ausgesetzt. Dessen Hof hatte die Siedlung in erster Linie mit dem Lebensnotwendigen zu versorgen. Das Gesinde des Hofes wird aus dem Hakelwerk oder anderen benachbarten Siedlungen angeworben worden sein. Welche Sprache diese Menschen gesprochen haben, ist wie vieles nicht überliefert.

(7) Ein Stadtarchiv hat sich nicht erhalten, auch das Archiv des Landesherrn ist schlecht überliefert. Wichtig ist die preußische Mitüberlieferung im Historischen Staatsarchiv Königsberg in Berlin. Die folgenden Urkundenbuchausgaben sind zu benutzen: Liv-, Est- und Kurländisches Urkundenbuch, I, Bde. 1–12 (1853–1910); II, Bde. 1–3 (1900–1914). – Livländische Güterurkunden (1908–1923).

(8)Mettig, Constantin: Baltische Städte, Riga 21905 (ND Hannover-Döhren 21960), S. 373–378 – Löwis of Menar, Karl von: Burgenlexikon für Alt-Livland, Riga 1922, S. 104. – Tuulse, Armin: Die Burgen in Estland und Lettland, Dorpat 1942 (ND Wolfenbüttel 2008), S. 206–208 u. ö. – Thomson, Erik, Thomson, Hildegard: Dome, Kirchen und Klöster im Baltikum, Frankfurt a. M. 1962, S. 113 f., Tf. 31. – Murbach, Ernst: Die Burgen in Estland und Lettland, in: Beiträge zur Geschichte der baltischen Kunst, hg. von Erich Böckler, Gießen 1988, S. 57–91, hier 77. – Baltisches historisches Ortslexikon, Bd. 2: Lettland (1990), S. 517 f. – Vītola, Tatjana: Raunas pils rekonstrukcijas mēģinājums [Rekonstruktionsversuch der Burg Ronneburg], in: Ose, Ieva: Latvijas viduslaiku pilis [Lettlands mittelalterliche Burgen], Bd. 1: Pētījumi par Rigas arhibīskapijas pilim [Untersuchungen zu den Burgen des Erzbistums Riga], Rīga 1999, S. 241–257. – Jähnig, Bernhart: Art. „Ronneburg“, in: Höfe und Residenzen I,2 (2003), S. 494 f. – Jähnig, Bernhart: Erzbistum Riga (ecclesia Rigensis), in: Die Bistümer des Heiligen Römischen Reiches von ihren Anfängen bis zur Säkularisation, hg. von Erwin Gatz, Freiburg i.Br. 2003, S. 623–630. – Caune, Andris, Ose, Ieva: Latvijas 12. gadsimta beigu – 17. gadsimta vācu pil‚u leksikons [Lexikon der deutschen Burgen Lettlands vom Ende des 12. bis zum 17. Jahrhundert], Rīga 2004. – Torklus, Christina v.: Die Formierung der mittelalterlichen Kirche Livlands, Bd. 3: Anhang, Bonn 2012, S. 495–497.

Bernhart Jähnig