Arbeiten mit Handschriften in der klassischen Kultursprache Indiens

In Ruinenstätten und verlassenen Höhlenklöstern entlang der nördlichen der beiden alten "Seidenstraßen" in Ostturkistan, der heute zur Volksrepublik China gehörenden Provinz Xinjiang, wurden in den letzten beiden Jahrzehnten des 19. und den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts von russischen, englischen, französischen, japanischen, schwedischen und vier deutschen Expeditionen archäologische Grabungen durchgeführt. Dabei wurde eine große Anzahl von Manuskripten in zahlreichen verschiedenen Sprachen entdeckt, zu einem erheblichen Teil in Sanskrit, der klassischen Kultursprache Indiens. Ein großer Teil dieser Hand­­schriften gelangte in die nach einem der Hauptfundorte benannte "Turfan-Sammlung" in Berlin und wurde zum Forschungsgegenstand der "Turfanforschung". Wie sich bei der Bearbeitung der Handschriften herausstellte, beinhalten diese neben "wissenschaftlicher Literatur" (Grammatik, Metrik, Astronomie, Medizin) und anderen Texten vor allem buddhistische Sanskrit-Texte, die überwiegend zum Kanon der Sarvāstivādin gehören, einer buddhistischen Schule des "Hīnayāna", die vom Nordwesten Indiens aus entscheidend zur Ausbreitung des Buddhismus in Zentral- und Ostasien beigetragen hat.  Inzwischen wurden viele der Texte editiert und zum Teil auch übersetzt. Die Katalogisierung der Sanskrithandschriften dieser "Turfan-Sammlung" ist ein ebenfalls in Göttingen ansässiges Projekt der Akademie der Wissenschaften (Katalogisierung der orientalischen Handschriften in Deutschland: Sanskrithandschriften aus den Turfanfunden).

Karte von Ostturkistan. Aus: A. v. Le Coq, Auf Hellas Spuren in Ostturkistan, Leipzig 1926, p. 20 (Zum Vergrößern auf die Karte klicken)
Bild: Karte von Ostturkistan

Das in der Göttinger Arbeitsstelle entstehende Sanskrit-Wörterbuch der buddhistischen Texte aus den Turfan-Funden ist ein zweisprachiges (Sanskrit-Deutsch) Wörterbuch, das die lexikographische Erschließung dieser frühen buddhistischen Literatur zum Ziel hat. Durch die Ausführlichkeit der Zitate sowie die bis auf wenige Ausnahmen vollständige Aufnahme von Wortschatz und Belegstellen der ausgewerteten Texte erhält das Wörterbuch sowohl den Charakter einer speziellen Konkordanz wie auch den einer allgemeinen Phraseologie des buddhistischen Sanskrits der kanonischen Sarvāstivāda-Texte. Die im Wörterbuch berücksichtigten Texte dürften einen Großteil der gängigen Phrasen des buddhistischen Sanskrits enthalten. In den maßgeblichen Wörterbüchern des klassischen Sanskrit von O. Böthlingk und R. Roth (erschienen 1855-1875 und 1879-1889) und M. Monier-Williams (erschienen 1899) ist buddhistisches Textmaterial nur sehr spärlich vertreten; dasselbe gilt auch für andere Sanskrit-Wörterbücher. Das Wörterbuch des "Buddhist Hybrid Sanskrit" von F. Edgerton (erschienen 1953) beschränkt sich auf einen Teil des Wortschatzes der buddhistischen Sanskrit-Literatur unter dem Gesichtspunkt der Laut- und Formenlehre und berücksichtigt vornehmlich Abweichungen vom klassischen Sanskrit. Darüber hinaus waren zur Zeit der Veröffentlichung dieser Wörterbücher die im SWTF erfaßten Texte größtenteils noch nicht zugänglich. Daher leistet das SWTF einen bedeutsamen Beitrag zur indischen Lexikographie.

 Das Wörterbuch erscheint in Lieferungen zu 80 Seiten; es wird 27 Lieferungen in 4 Bänden umfassen, die im Jahre 2015 abgeschlossen vorliegen werden. Band I (Vokale), Band II (k-dh) und Band III (n-m)wurden 1994, 2003 und 2008 veröffentlicht (Herausgeber: Heinz Bechert† und Klaus Röhrborn; Wissenschaftliche Mitarbeiter (in alphabetischer Reihenfolge): Andreas Bock-Raming, Sven Bretfeld, Jin-il Chung, Siglinde Dietz, Jens-Uwe Hartmann, Petra Kieffer-Pülz, Michael Schmidt, Georg von Simson). Vom vierten Band an wird Jens-Uwe Hartmann als Herausgeber des Wörterbuchs tätig werden. Eine Beispielseite findet sich hier.

Das Projekt wird gefördert mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie und des Landes Niedersachsen; die Veröffentlichung steht unter dem Patronat der Union Académique Internationale, Brüssel.

Aus dem Text des Mahāparinirvāṇasūtra (Überlieferung vom Lebensende des Buddha): Der Buddha äußert sich über seine Lehre. Aus: E. Waldschmidt u.a., Sanskrithandschriften aus den Turfanfunden, Bd. 2 (1968), Tafel 58: SHT 399 Bl. 180 (Zum Vergrößern auf die Abbildung klicken)
Bild:Der Buddha äußert sich über seine Lehre.

Neueditionen einschlägiger Texte und andere relevante Materialien sind regelmäßig in Beiheften erschienen. Im Rahmen der im Jahre 1973 gegründeten "Kommission für buddhistische Studien" wurden vier internationale interdisziplinäre Symposien zur Buddhismusforschung durchgeführt, deren Ergebnisse jeweils in den Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen veröffentlicht worden sind; die Verhandlungen des zweiten und des dritten Symposions standen in engstem Zusammenhang mit der Erschließung und Einordnung der kanonischen buddhistischen Überlieferungen aus den Turfan-Funden.


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