Residenzstädte im Alten Reich (1300-1800)

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Varel

Varel

(1) V. liegt auf einem Geestsporn, der sich ursprünglich bis weit in den heutigen Jadebusen hineinzog. Dieser Geestsporn ist durch die Sturmfluten des Mittelalters und der frühen Neuzeit immer wieder verändert worden. Archäologische Funde belegen zwar, dass das Gebiet, auf dem sich später die Stadt V. erstreckt, seit der Bronzezeit besiedelt war, doch hat sich der eigentliche Siedlungsplatz immer wieder verschoben, so dass von einer Siedlungskontinuität nicht gesprochen werden kann. Dennoch wird auf dem hochwassergeschützten Geestrücken bereits im Hochmittelalter ein Ort von zentraler Bedeutung existiert haben. Die ersten schriftlichen Zeugnisse verweisen ins 12. Jahrhundert Die V.er Kirche wird als eine der Rüstringer Sendkirchen der Diözese Bremen erwähnt. Als erstes erscheinen in der schriftlichen Überlieferung 1124 »curiae Varlae«, also Höfe oder Vorwerke, des Klosters Rastede zu V. Wo diese Anlagen genau zu lokalisieren sind, ist unbekannt. Bis 1314 war V. offenkundig auch der Hauptort der Rüstringer Landesgemeinde, die von »iudices« (Richtern) geführt wurden, bis V. in dieser Funktion durch Bant (heute Stadtteil von Wilhelmshaven) abgelöst wurde. Im 14. Jahrhundert bildete sich für das V.er Viertel eine eigene Häuptlingsherrschaft heraus, die nach kurzer Zeit in die Abhängigkeit der Oldenburger Grafen geriet. So öffneten 1386 die Häuptlinge Ilies und Wymer zu V. dem Oldenburger Grafen Konrad II. ihre Wehrkirche mit befestigtem Kirchhof, der auch das Steinhaus der V.er Häuptlinge umfasste. Ein Grund für die Annäherung an die Oldenburger mag u.a. in den Zerstörungen durch Sturmfluten gelegen haben, die den Bewohnern Rüstringens die Lebensgrundlagen nahmen. 1428 gab Häuptling Sibet seine Ansprüche auf V. auf und beschenkte sein Patenkind, den Grafen Moritz von Oldenburg, mit V. und weiteren Kirchspielen. 1465 erneuerte Häuptling Hajo diese Abtretung, V. wurde seitdem durch einen gfl.-oldenburgischen Vogt verwaltet. Um 1500 wurden die Burg und auch der Kirchspielsort durch Graf Johann V. der Ältere von Oldenburg mit Wall und Graben gesichert und weiter ausgebaut. Ab 1526 diente die Anlage vorwiegend als Witwensitz, so für die Gf.in Anna von Anhalt-Zerbst (†1531) und Charlotte Amelie de la Trémoille (1680-1706, †1732) oder 1536 als Morgengabe für Sophia von Sachsen, der Ehefrau Graf Antons I. von Oldenburg. Von 1577 bis 1647 gehörte die Herrschaft V. zur Delmenhorster Linie des Oldenburger Gf.enhauses, die sich in V. durch Amtleute vertreten ließ.

1651 ließ Graf Anton Günther seinen einzigen, aber illegitimen Sohn Anton zum Freiherrn von Aldenburg und edlen Herrn von V. erheben. Zwei Jahre später erlangte dieser den Reichsgrafenstand. Zusammen mit der Herrlichkeit Kniphausen wurde V. 1663 zu einer Herrschaft vereint. Diese blieb auch nach Tod Anton Günthers 1667 und dem Erbgang der eigentlichen Grafschaft Oldenburg an den König von Dänemark bestehen, wenn auch 1693 die dänische Oberherrschaft über V. im »Aldenburger Traktat« anerkannt werden musste. Die Enkelin Anton von Aldenburgs, Charlotte Sophie, heiratete 1733 in die geldrisch-englische Adelsfamilie Bentinck ein, so dass diese nach Erhebung zu Reichsgrafen Herren von Kniphausen und V. wurden (als solche bis 1854). Da sich diese mit wenigen Ausnahmen im 18. Jahrhundert nicht in V., sondern in den Niederlanden aufhielten, entwickelte sich V. in dieser Zeit nicht zu einer typischen Residenzstadt, doch wurde der Ort wirtschaftlich gefördert. 1802 machten sie zudem den in der Nähe V.s am Südufer des Jadebusens gelegenen Ort Dangast nach englischem Vorbild zum Badeort. Stadtrecht erhielt V. erst 1856.

(2) Wirtschaftlich blieb V. bis Anfang des 19. Jahrhunderts so gut wie vollständig ländlich und von einer starken Handwerkerschaft geprägt. Im 17. und 18. Jahrhundert gab es mehrere Zinngießer und Kupferschläger. Die große Einwohnerschaft (1769 2111 Einwohner) weist V. als zentralen Ort aus. Die unterste Organisationsform bildete das Kirchspiel V., dass neben dem Ort auch die umgebenden Landgemeinden aufnahm und mit geringen Rechten versehene Kirchgeschworene als Gemeindevertretung kannte. Ratsähnliche Strukturen und Zusammenschlüsse der Handwerker in Zünften oder Innungen sind für das Spätmittelalter und die frühe Neuzeit nicht nachzuweisen. Durch seine verkehrsgünstige Lage am Übergang von der Geest zur Marsch und seinem Zugang zum Jadebusen gewann die Küstenschifffahrt über das V.er Siel im 18. und 19. Jahrhundert an Bedeutung, insbesondere durch den Getreide- und Stückguthandel mit England. Durch seine zeitweise unklare politische Lage während der Kontinentalsperre (Neutralität unter der Kniphauser Flagge) gewann der Seehandel Auftrieb. Der enge Kontakt ins frühindustrialisierte England bewirkte im frühen 19. Jahrhundert einen kontinuierlichen Ausbau einer innovativen, d.h. maschinell gestützten Weberei.

(3) Die um 1150 erbaute Kirche, auf dem Geestrücken zusätzlich erhöht auf einer Wurt gelegen, war die Hauptkirche des westlichen Teils der Rüstringer Landesgemeinde, Up-Rüstringen. Dieser umfasste ursprünglich das Viertel Bant, die Friesische Wehde und V. Archäologische Ausgrabungen belegen, dass die Holzkirche um 1200 zu einer Granitquaderkirche ausgebaut wurde. Die Kirche gehörte neben Aldessen, Langwarden und Blexen zu den vier Sendkirchen Rüstringens im Bistum Bremen. Sie war Teil einer burgähnlichen Anlage, die sich im Spätmittelalter mit einem Steinhaus zum Mittelpunkt der V.er Häuptlingsherrschaft entwickelte. Mit dem Übergang der Herrschaft an die Grafen von Oldenburg im 14./15. Jahrhundert wurde die V.er Kirche von Seiten der Oldenburger besonders ausgestattet. Graf Gerd (1430-1500) ist mit einem Gemälde im Chor als Stifter dargestellt. Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts war die Bevölkerung V.s lutherisch geprägt. Unter der Delmenhorster Line der Oldenburger Grafen wurde die Schlosskirche repräsentativ ausgestattet. Mit dem Altar, der Taufe und Kanzel, geschaffen 1613-1618 in der Werkstatt Ludwig Münstermanns, der u.a. 1607-1612 auch am Oldenburger Schloss gearbeitet hatte, besitzt V. wichtige Zeugnisse des norddeutschen Manierismus. Um 1650 wurden ein Gf.enstuhl und eine kleine Kapelle in Verbindung mit dem Schloss für die Grafen von Aldenburg eingerichtet. Einzelne Mitglieder der Gf.enfamilie von Aldenburg-Bentinck ließen sich im 17./18. Jahrhundert (so Graf Anton I. [1633-1680], seine Mutter Elisabeth von Ungnad [1640-1683] und Anton II. [1681-1738] von Aldenburg und ihre Gattinnen) und frühen 19. Jahrhundert (wie Charlotte Sophie von Bentinck [1715-1800] oder Wilhelm Gustav Friedrich Reichgraf von Bentinck [1761-1835]) in einer Gruft im Altarraum der Schlosskirche bestatten.

Als karitative Einrichtung war das 1669/1671 durch eine Stiftung Antons I. von Aldenburg ins Leben gerufene (und heute noch bestehende) Waisenstift bedeutsam, dessen Vorstand aus einem Vertreter der Landesherrschaft und dem Pastor der Schlosskirche gebildet wurde.

Anfang des 18. Jahrhunderts mehren sich Hinweise zum Schulwesen. Eine Kantorenschule war vermutlich bereits seit dem Spätmittelalter der Kirche angegliedert. Die jüdische Gemeinde sowie das Waisenstift unterhielten seit dem Ende des 17. und im 18. Jahrhundert eigene Schulen.

Nach Aufgabe der Festungsstadt Christiansburg (siehe unter 4) siedelten von dort die ersten Juden nach V. über. Durch weiteren Zuzug entstand hier die bis Ende des 18. Jahrhunderts größte jüdische Gemeinde im Oldenburger Land (1769 90 von insgesamt 2111 Einwohnern V.s). Ihr Friedhof liegt etwas östlich des alten V. in Hohenberge, einem seit dem 17. Jahrhundert besiedelten Gebiet (heute als Streek-Hohenberge ein Stadtteil V.s).

(4) Zentrales Element der Bebauung ist der Schloss- und Kirchplatz und der angrenzende Marktplatz. Eine Befestigung mit Wall und Graben hat es genauso wie eine Abgrenzung des Siedlungsgebiets nur kurzfristig im 16. Jahrhundert gegeben, V. bewahrte seinen ländlichen Charakter bis ins frühe 19. Jahrhundert In der Zeit nach dem Tod Graf Anton Günthers 1667 versuchte der erbende König von Dänemark (seit 1673 Christian V.) seine Landesherrschaft auch in diesem, Anton I. von Aldenburg zustehenden Teil der Oldenburger Grafschaft durchzusetzen. Nach dessen Ableben 1680 wurde die Herrschaft bis 1693 vom dänischen König beschlagnahmt, da Antons einziger Sohn Anton II. (1681 geboren) noch unmündig war. In diese Zeit fällt der Bau der Christiansburg (1681-1694) in der Nähe des V.er Hafens. Die Anlage wurde jedoch nie fertiggestellt, da es immer wieder zu Wassereinbrüchen kam und die rechtliche Stellung ungesichert war. Das Vorhaben hatte keine weiteren städtebaulichen Auswirkungen. Durch den Stadtbrand von 1751, die Verlegung des Wohnortes der Bentinckschen Familie in die Niederlande sowie den Ausbau V.s im Bereich des Hafens und der Manufakturen im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert hat sich ältere Bausubstanz nicht erhalten. Als Ausnahme kann der auf 1671 datierte Backsteinbau des Waisenhauses gelten, der eine niederländisch anmutende Sandsteingliederung aufweist.

1656-1659 wurde die im Ort liegende Burg unter den Grafen von Oldenburg-Delmenhorst zu einem Schloss ausgebaut. Nach dem Brand von 1751 wurde es nicht wieder aufgebaut (1871 endgültig abgebrochen). 1669/1671 erhielt der Ort die Stiftung eines Waisenhauses. Diese Bautätigkeit ging auch mit einem Anwachsen der Hausstellen einher. Vom wirtschaftlichen Aufschwung des späten 18./frühen 19 Jahrhunderts zeugen mehrere noch existierende bemerkenswerte Bürgerhäuser.

(5) Der V.er Hafen erhielt seit dem späten 18. Jahrhundert durch den Englandhandel und vor allem durch die besondere Stellung V.s während der Kontinentalsperre überregionale Bedeutung. Durch den Rohstoffhandel konnten sich insbesondere in der Metallverarbeitung Manufakturen und frühindustrielle Betriebe etablieren. Überörtliche Bündnisse konnte V. aufgrund der starken Stellung der Landesherren nicht eingehen. V. besaß als Kirchspielsort und Sitz eines Amts eine gewisse Zentralität. Unter den Grafen von Oldenburg-Delmenhorst wurde seit 1577 das Kirchspiel durch einen Amtmann geleitet, an dessen Stelle seit 1657 ein adeliger Drost trat. Zu dessen Hauptaufgaben gehörten die Gerichtspflege und die Repräsentation der Herrschaft. Gerichtlich wurde mit dem Aldenburger Traktat 1693 als Berufungsinstanz das landesherrliche Kanzleigericht in Oldenburg festgelegt.

(6) In der Vormoderne konnte sich V. nicht zu einer Stadt ausbilden, eine kommunale Selbstverwaltung fehlte weitgehend. Doch besaß V. als Residenzort im 17. und frühen 18. Jahrhundert Bedeutung. Von 1577 bis 1667 gehörte V. verwaltungsmäßig zur Grafschaft Oldenburg-Delmenhorst, unter deren Herrschaft Schloss und Kirche repräsentativ ausgebaut wurden. Mit der Übernahme V.s 1654/1656 durch den illegitimen Sohn Graf Anton Günthers von Oldenburg, Anton I. von Aldenburg, wurde der Ort zum Sitz eines kleinen Hofes, was die Sozialstruktur des Ortes veränderte. Schloss und Kirche mit Grablege wurden unter den Grafen von Aldenburg-Bentinck erweitert, zudem errichteten sie ein Waisenhaus und ein Seebad. Der Hafen erhielt im späten 18. Jahrhundert durch den Englandhandel überregionale Bedeutung und war Motor für das spätere wirtschaftliche Prosperieren.

(7) Die schriftliche Überlieferung befindet sich im Niedersächsischen Landesarchiv, Abteilung Oldenburg (Best. 20, 21, 120-122). Umfangreiche Quellen (u.a. Karten und Firmenarchive) liegen zudem im Heimatmuseum Varel, wo auch Teile des Stadtarchivs verwahrt werden.

(8)Jürgens, Ado: Wirtschafts- und Verwaltungsgeschichte der Stadt Varel, Varel 1908. - Wagner, Ernst: Aus Varels Vergangenheit, Varel 1909. - Henk, Paul: Allgemeine und gemeindepolitische Geschichte der Stadt Varel, Varel 1920. - Sello, Georg: Östringen und Rüstringen, Oldenburg 1928, bes. S. 145f. - Janssen, Wilhelm: Städtebauliche Entwicklung von Varel, Oldenburg 1982. - Janssen, Wilhelm: Burg und Schloss Varel. Die baugeschichtliche Entwicklung von einer Wehrkirche zur reichsgräflichen Residenz, Oldenburg 1989. - Schaer, Friedrich-Wilhelm: Verwaltungs- und Beamtengeschichte der Herrschaft Jever, Varel und Kniphausen, Oldenburg 2001 (Veröffentlichungen der Niedersächsischen Archivverwaltung, 42), S. 66-92. - 150 Jahre Stadtrechte Varel 1856 bis 2006. Beiträge zur Vareler Stadtgeschichte, hg. von der Stadt Varel und dem Heimatverein Varel e.V., Varel 2006.

Antje Sander