Residenzstädte im Alten Reich (1300-1800)

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Sachsenhagen

Sachsenhagen

(1) Der Ort S. entstand nördlich einer 1240/50 von Herzog Albrecht von Sachsen errichteten Wasserburg, deren Sinn die Sicherung der von den Askaniern angelegten Rodungssiedlungen im Dülwald gegen die konkurrierenden Grafen von Roden-Wunstorf und Holstein-Schaumburg war. Dieses geschah in einem Gebiet, in welchem infolge von Schenkungen des Edelherrn Mirabilis 1167 an das Mindener Moritzkloster und den Bischof zu Minden letzterer eine dominierende Position gewonnen hatte. Folge war, dass 1253 Herzog Albrecht von Sachsen die Burg an den Bischof von Minden übertragen, von ihm zu Lehen nehmen und zwei in S. befindliche Burgmannshöfe an ihn abtreten musste. In diesem Vertrag wird die Burg erstmals erwähnt.

1297 heiratete Graf Adolf VI. zu Holstein-Schaumburg eine sächsische Herzogstochter und erhielt als Pfand für das Heiratsgut die Besitzungen des Hzg.s in S. Da das Pfand nicht eingelöst wurde, gelangte es dauerhaft in schaumburgischen Besitz. 1407 erhielt S. von den Grafen zu Holstein-Schaumburg das Flecken- und 1650 durch die Ldgf.en von Hessel-Kassel das Stadtrecht. S. war die kleinste städtische Siedlung Schaumburgs. Von 1571 bis 1596 waren Schloss und Amt S. an die Herren von Mengersen verpfändet. 1595 bis 1601 residierte hier Ernst zu Holstein-Schaumburg, der später in Schaumburg regierende Graf 1623 bis 1663 war S. zunächst Residenz Graf Hermann zu Holstein-Schaumburgs (†1634), sodann Witwensitz seiner überlebenden Frau Katharina Sophia (†1665). Bei der Landesteilung 1647 kam S. an die Landgrafschaft Hessen.

(2) 1407 verlieh Graf Adolf IX. von Schaumburg dem Ort das Fleckenrecht. Nach einem Fleckenstatut von 1561 gab es ein Ratskollegium aus sechs Männern. 1607 errichteten die Einwohner ein Rathaus mit einem Ratskeller. Zur Stadt erhoben wurde S. 1650 unter hessischer Herrschaft. An der Stadtverfassung oder Gerichtsbarkeit änderte sich nichts. 1549 umfasste der Ort 63 und 1651 92 Haushalte, bis dahin war er vollkommen landwirtschaftlich geprägt. Von älteren Gf.en- oder Gogerichten ist nichts bekannt, die Niedergerichtsbarkeit wurde weitgehend vom Amt S. ausgeübt, etwa seit 1560 hatte der Flecken innerhalb der Befestigung und vor den Toren die Niedergerichtsbarkeit inne. Vor 1651 gab es auch ein Landgericht mit Kriminalgerichtsbarkeit. 1806 wurde durch die Franzosen die städtische Gerichtsbarkeit aufgehoben und später nicht wiederhergestellt. Mit dem Stadtprivileg wurden auch drei Jahrmärkte bewilligt. Eine Burgmühle wird 1391 erstmals genannt, 1750 eine Windmühle. Es bestand Mahlzwang in der herrschaftlichen Mühle. Im 18. Jahrhundert gab es in S. eine Glockengießerei und eine Apotheke (seit 1709). Sonst spielte Handwerk in der fast ausschließlich landwirtschaftlich geprägten Stadt nur eine geringe Rolle, Zünfte lassen sich nicht nachweisen. Ein Kataster von 1682 verzeichnete vier Schmiede und vier Bäcker, drei Leineweber und drei Schneider, zwei Schuster und je einen Kramer, Kürschner, Rademacher und Schreiner. 47 von 79 Haushalten hatten das Braurecht.

(3) 1391 ist eine Burgkapelle bezeugt, die 1609 bei einem Feuer zerstört wurde. Die Burgkapelle mit ihrem Bezirk gehörte zunächst (bis zur Reformation) zum Kirchspiel Lindhorst, die Siedlung dagegen zum Kirchspiel Bergkirchen. 1656 wurde die Stadt zu einem eigenen Pfarrbezirk erhoben, 1671 wurde eine städtische Kirche (gotische Saalkirche) gebaut.

1750 lebten drei jüdische Familien mit zehn Personen in S. Sie unterhielten zusammen mit den Bergkirchener Juden einen eigenen Begräbnisplatz und eine Synagoge.

(4) Die Wasserburg ist seit der Mitte des 13. Jahrhunderts belegt. 1595/97 wurde die Anlage als repräsentative Residenz für Graf Ernst zu Holstein-Schaumburg ausgebaut, bevor er zum Regenten Schaumburgs wurde. Neben dem Treppenturm wurde ein Wohnhaus, das sog. Amtshaus, im Renaissancestil errichtet, es diente später als Sitz des Amtmanns. Etwas später wurde das auf 1607 datierte Rathaus am Marktplatz als zweistöckiges Gebäude aus Bruchsteinen errichtet. 1619 brannte S. bis auf das Schloss und fünf Häuser fast vollständig nieder. Die Burganlage verfiel im 17. Jahrhundert, um 1750 bestanden nur noch Bergfried und Amtshaus. 1663/71 wurde eine gotische Hallenkirche mit dreischiffigem Langhaus in der Siedlung errichtet. Am Ortsrand entstand um 1600 die kleine Siedlung Kuhlen.

(5) Zum Amt S. gehörten außerdem Auhagen, Bergkirchen, Düdinghausen, Lindhorst, Schmalenbruch, Wiedenbrügge, Wiedensahl und Wölpinghausen. In Wiedensahl hatte das Kloster Loccum bis 1650 konkurrierende Gerichtsrechte. Nach der Stadterhebung 1650 war S. auch in den Landständen vertreten. Die Teilung Schaumburgs nach dem Aussterben der Grafen zu Holstein-Schaumburg 1640 führte 1647 zur einer Teilung des Amtes: S. und die Dörfer Kuhlen, Düdinghausen und Auhagen fielen als verkleinertes Amt S. an Hessen-Kassel, der Rest wurde mit dem Amt Hagenburg vereinigt und kam an das weiterhin selbständige Schaumburg-Lippe. Mit der Teilung wurde S. zum nördlichsten Grenzort einer Exklave Hessen-Kassels

(6) S. ist die kleinste und unbedeutendste städtische Siedlung Schaumburgs. Der in seiner Entstehungszeit askanische Besitz konnte gegen die starke Konkurrenz der Mindener Bischöfe nicht zu einem geschlossenen Herrschaftsbezirk ausgebaut werden und blieb daher auf lokale Bedeutung beschränkt. Die Burg diente der landesherrlichen Familie nur kurzzeitig im 17. Jahrhundert als Residenz bzw. als Witwensitz und blieb sonst ein Amtssitz.

(7) Niedersächsisches Landesarchiv Bückeburg: Orig. Dep. 28 (Urkunden der Stadt Sachsenhagen) und Dep. 28 (Stadt Sachsenhagen), L 1, F 3, H 1, H 2, H 7, H 120d, H 121d. NLA Bückeburg S 1 C Nr. 93 (Ortslage ca. 1650), NLA Bückeburg S 1 C Nr. 240 (Gemarkungen um 1700).

(8)Schmidt, Günther: Die alte Grafschaft Schaumburg. Grundlegung der historischen Geographie des Staates Schaumburg-Lippe und des Kreises Grafschaft Rinteln, Göttingen 1920 (Studien und Vorarbeiten zum Historischen Atlas von Niedersachsen, 5). - Korthöber, Otto: Der Raum Sachsenhagen und der nördliche Kreis, in: Landkreis Grafschaft Schaumburg, hg. in Zusammenarbeit mit der Kreisverwaltung, Oldenburg 1967, S. 267-276. - Munk, Heinrich: Sachsenhagen. Burg - Flecken - Stadt, Sachsenhagen 1984. - Historisch-Landeskundliche Exkursionskarte für Niedersachsen. Blatt Stadthagen, bearb. von Dieter Brosius, Hildesheim 1985, S. 46f. - Schneider, Karl Heinz: Sachsenhagen, in: Historisches Handbuch der Jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Bd. 2, hg. von Herbert Obenaus, Göttingen 2005, S. 1328-1331. - Geschichtliches Ortsverzeichnis für Schaumburg, hg. von Gudrun Husmeier, Bielefeld 2008 (Schaumburger Studien, 68), S. 493-498.

Stefan Brüdermann