(1, 2) Von 1529 bis zum Aussterben der Edelherren (ab 1530 Gf.en) von Diepholz 1585 diente neben Diepholz und der Burg Auburg der Ort L. immer wieder als Aufenthaltsort der drei regierenden Herren, Johann VI. (1510-1545), Rudolf IX. (1545-1560) und Friedrich II. (1560-1575 unter Vormundschaft, selbständig 1575-1585). Zudem war L. 1529-1537 Witwensitz der Eva von Regenstein, der überlebenden Frau Herrn bzw. Grafen Friedrich I. (†1529). Nach Tod des letzten Grafen ging die gesamt Grafschaft an die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg über, die L. 1596 zum Sitz eines Amtes machten. 1457 wird L. als Wigbold bezeichnet, 1530 als Flecken, 1624 als Städtlein. Belegt ist die Verschriftlichung des (wohl älteren) Fleckenrechts 1611.
L. liegt etwa 15 km genau südlich von Diepholz, etwa fünf Kilometer südöstlich des Dümmers; nächstgelegener größerer Ort ist Osnabrück, etwa 35 km südwestlich L.s. Erstmals erwähnt wird L. 1248, als sich die Bischöfe von Minden und Osnabrück auf die Errichtung der gemeinsamen Burg Stu[ren]berg einigten (wohl am Rande des Verkehrswegs Osnabrück-Bremen auf einer Lehminsel inmitten mooriger Niederungen), in deren Umfeld eine Siedlung entstehen sollte; in der Nähe des späteren Südtores gibt es bis heute den Flurnamen »Stürenberg«. Genauer fassbar wird L. als Sitz einer nicht mit der älteren Burg identischen Grenzburg der Diepholzer Edelherren gegenüber den Bf.en von Minden, deren Errichtung in die Zeit 1308-1316 fallen dürfte; archäologisch sind Fundamente ebenfalls ins das 14. Jahrhundert zu datieren. Erst 1349 wird der Name Lewenforde für die neue Burg urkundlich genannt, soviel wie »Löwenfurt« bedeutend (Furt nimmt Bezug auf den befahrbaren Weg durch die Moorniederung); der Löwe findet sich auch im ältesten Siegel der »Civitas« (so die Umschrift) von 1555, der auch im Wappen der Edelherren von Diepholz erscheint. Der Siedlungsgrundriss wird durch eine nord-südlich verlaufende, leicht gekrümmte Längsstraße, der Hauptstraße, mit schmalen Querstraßen geprägt. Es gab zwei Tore, die »Stürmanns-Pforte« im Süden und die »Marler Pforte« im Norden. 1518 scheiterte eine Belagerung durch Truppen des Mindener Bf.s (anders als 1457), was eine zu diesem Zeitpunkt existierende Befestigung nahelegt. Eine gewisse Bedeutung im Rahmen der Landesherrschaft hatte L. als Sitz eines Amts (erster Amtmann sicher 1403 erwähnt) und als Stelle zur Erhebung eines Wegezolls.
Ansässig war die Burgmannenfamilie von der Horst, in L. belegt ab dem späten 14. Jahrhundert, jedoch bereits im späten 13. Jahrhundert in bfl.-osnabrückischen Diensten tätig. Vorher, bereits 1316, erscheint ein Burgmann aus der Familie Go(e)s
1457 wurden in der Diepholz-Mindener-Fehde Flecken und Burg von bfl.-mindener Truppen eingeäschert. Im Dreißigjährigen Krieg 1642 weitgehend zerstört, wurde die Burg bzw. der Amtssitz instandgesetzt (erst 1671 beendet), die Siedlung hingegen langsamer.
1463 wird in einer Urkunde zwischen Burgmannen, Bürgern und Einwohnern unterschieden, 1492 das erste Mal ein Bürgermeister erwähnt (durchgehend erst seit dem frühen 17. Jh.).
Genauere Aussagen erlaubt das 1611 verschriftlichte Fleckenrecht, das zunächst die Selbständigkeit der Siedlung von der Rechtsprechung des Amts vorsah; Gericht und Arrest lagen bei Bürgermeister und Rat, der zudem für die Tore zuständig war, für die Ordnung innerhalb des Fleckens, seiner Feldmark und seiner Holzung, für wirtschaftliche Streitigkeiten, Schuldsachen, Kauf- und Ehesachen und für kleinere Vergehen wie Schlägereien. 1621 wurde in einer Ordnung die Aufnahme von Zugezogenen geregelt (frei und ehelich Geborenen gestattet, Leibeigene brauchten eine Entlassung ihres vormaligen Herrn, finanzielle Ausstattung durch Zahlung eines Bürgergeldes nachzuweisen). Neben dem Bürgermeister und dem aus vier Herren bestehenden Rat sah das Fleckenrecht ein »Zwölfer« genanntes Gremium vor, wohl eine Art erweiterter Rat. Der Bürgermeister wurde vom Amtmann aus einer gemeindlichen Vorschlagsliste bestimmt und vereidigt, der Bürgermeister wählte sich daraufhin vier Ratsherren hinzu. Im Laufe des 17. und des frühen 18. Jahrhunderts verloren die Fleckensgremien ihre Zuständigkeiten Schritt für Schritt an das landesherrliche Amt.
L. war so gut wie weitgehend von der Landwirtschaft geprägt. Nur indirekt belegt sind eine Kirchmeß und ein Krammarkt, die im Dreißigjährigen Krieg zum Erliegen kamen. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts blühte die Leinwand- und Garnproduktion in Hausarbeit, exportiert wurde teilweise bis nach Nordamerika. Zudem gab es Schuhmacher (1800 elf häusliche Kleinbetriebe). Die Braugerechtigkeit war nicht eingeschränkt, 1721 gab es 13 Haushalte, in denen gebraut wurde; 1689 daneben noch zwölf Brennereien. Ein gewisses Prosperieren mag ersichtlich werden aus dem Umstand, dass L. bei der Landbede 1560 unter Graf Rudolf IX. mit 80 Talern an zweiter Stelle (zusammen mit Willenberg und Barnstorf) hinter der Stadt Diepholz stand, die 150 Taler zu leisten hatte; die Einziehung in L. hatte allerdings der Diepholzer Burgmann Otto von Rahden vorzunehmen. Vereinzelte Beschlüsse der Stände besiegelte in der Regel Diepholz allein, gelegentlich zusammen mit L. (nur 1568 alle vier gfl.-Diepholzer Flecken zusammen).
(3) Ursprünglich waren die Einwohner L.s nach Burlage, einem Klosterort fünf Kilometer nördlich L.s, eingepfarrt. Eine Kapelle wurde in L. erst 1463 erwähnt (entstanden im Rahmen des Wiederaufbaus nach Zerstörung des Orts 1457?). Die Existenz eines »Kirchherrn« (Priesters) 1497 belegt die Selbständigkeit der L.r Pfarre. Als Patrozinium werden die 11000 Jungfrauen oder die 10000 Ritter angegeben. Über die Einführung der Reformation ist nichts bekannt. Im 17./18. Jahrhundert erlebte die Kirche mehrere Zerstörungen sowie Reparaturen und Anbauten, die die ältere Bausubstanz völlig verdrängten (im 19. Jahrhundert durch Neubau ersetzt).
Eine Lehrtätigkeit des Pastors ist für 1592 belegt, 1622 erteilte der Küster einfachen Unterricht. Im 18. Jahrhundert gab es eine kleine jüdische Gemeinde, der Friedhof wurde 1732 angelegt. Die Juden hatten kein Bürgerrecht, sie unterstanden dem Schutz der Landesherrschaft, einer betrieb eine Tabaksmanufaktur.
(4) Im Ort besaß die am nördlichen Rand liegende Burg, bei der es sich im ausgebauten Zustand um eine zweiteilige Wasserburg handelte, die über vermutlich zwei Zugbrücken zu erreichen war, eine dominierende Stellung. Die Hauptverkehrsstraße führte unmittelbar an ihr vorbei. Nach der Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg wurde ca. 1670 anstelle der Burg der nach seiner späteren Nutzung sogenannte Amtshof ohne Befestigungswerke errichtet, allerdings gab es einen durch Wirtschaftsgebäude eingefassten Vor- und Hinterhof. Schräg gegenüber befand sich die kleine Kirche. Aus der Mehrzahl landwirtschaftlicher Anwesen dürften die vier Burgmannenhöfe der Familien von der Horst (gelegen dem Amtshof gegenüber an der Einmündung der Pastorenstraße an der Hauptstraße), von Bardewisch, von Grapenhorn und von Stemshorn durch ihre Größe herausgeragt haben, von ihrer Bauart mit Fachwerk entsprachen sie den anderen Häusern. L. ist in der Topographie Merians 1654 wiedergegeben worden, sie zeigt vor allem den einschiffigen Kirchenbau. Die älteste Ansicht L.s wurde angefertigt für einen Reichskammergerichtsprozess 1593 zur Klärung strittiger Grenzfragen zwischen der nun zum Herzogtum Braunschweig-Lüneburg gehörenden Grafschaft Diepholz und dem Bistum Minden (Karte von Heinrich Geißler), die als Besonderheit eine Windmühle wiedergibt (Mühlenstandort bis weit ins 20. Jh.).
(6) Das höfische Leben der Grafen von Diepholz, das sich eventuell in L. entfaltet haben mag, ist bisher nicht untersucht worden. Ebenso lassen sich keine Aussagen zu Beziehungen zwischen Fleckensgemeinde und Hof machen. Von daher ist die residenzstädtische Qualität fraglich. Im späten 16. Jahrhundert findet sich in Gerichtsakten die Legende, ein Graf von Diepholz habe in L. ein Jagdhaus errichtet; vielleicht handelt es sich hierbei um einen Reflex auf die tatsächlichen Gegebenheiten des 16. Jahrhunderts, aber auch dieses muss fraglich bleiben.
(7) Lemförde hat ein eigenes Samtgemeindearchiv, das vornehmlich Akten des 18.-20. Jahrhunderts umfasst, daneben vereinzelt ältere Bestände seit dem 17. Jh. (landesherrliche Verordnungen, Fleckenprivileg 1611, Protokolle der Bürgerschaftsversammlungen und Bürgermeisterakten des 18. Jahrhunderts, auch Länderei-Verzeichnis 1700-1719). Landesherrliche Sachen aus der Braunschweig-Lüneburger Herrschaft finden sich im Niedersächsisches Landesarchiv, Abteilung Hannover, Bestände Celle Br. 73, Hann. 72 Diepholz, Hann. 74 Diepholz, Hann. 88b, Nr. 3679-3722 (betr. Amtshaus und Windmühle). Im Kreisarchiv Diepholz finden sich Postsachen des 18. Jahrhunderts. Das Pfarreiarchiv befindet sich in der Pfarrei in Lemförden, die Akten der Superintendentur im Niedersächsischen Landesarchiv, Abteilung Hannover. Die Überlieferung des Grafenhauses setzt in nennenswertem Umfang erst 1560 ein. - Als Quelle ist eine Beschreibung durch den Lemförder Amtmann Heinrich Horstmann (†1678) zu nennen, die Grundlage für spätere Darstellungen war: Bericht von dieses Ambts Zustände und Gelegenheit als Eine historische Nachricht […] dem Hause und Fleckens Lemförde angehenden Kriegssachen (Niedersächsisches Landesarchiv, Abteilung Hannover, Hann. 74 Dieph. Nr. 24). - Manecke, Urban Friedrich: Topographisch-statistisch-historische Beschreibung der Grafschaften Hoya und Diepholz auch des Amtes Wildeshausen, 3 Bde., 1798 (als Ms. in: Niedersächsische Landesbibliothek, Ms. XXIII, 740). - Diepholzer Urkundenbuch, hg. von Wilhelm von Hodenberg, Hannover 1842. - Hoogeweg, Hermann, Krumbholtz, Robert: Westfälisches Urkundenbuch, Bd. 6: Die Urkunden des Bistums Minden vom Jahre 1201-1300, und Bd. 10: Die Urkunden des Bistums Minden vom Jahre 1301-1325, Münster 1898, 1940.
(8)Heise, Otto: Geschichtliches aus dem Amt Lemförde, in: Archiv des Historisches Vereins für Niedersachsen 1849, ersch. Hannover 1851, S. 68-149. - Stölting, Hermann: Geschichtliches aus der Grafschaft Diepholz, Diepholz 1899. - Gade, Heinrich: Historisch-geographisch-statistische Beschreibung der Grafschaften Hoya und Diepholz, 2 Bde., Hannover 1901. - Kinghorst, Wilhelm: Die Grafschaft Diepholz zur Zeit ihres Überganges an das Haus Braunschweig-Lüneburg. Beiträge zur Geschichte der Grafschaft Diepholz im sechzehnten Jahrhundert, Diepholz 1912. - Fricke, Karl: Zur Geschichte Lemfördes, in: Heimatblätter für die Grafschaft Diepholz, 11. Folge, Hefte 4, 5, 6, 1959-1960. - Guttzeit, Emil Johannes: Das Amtshaus Lemförde, in: Heimatblätter für die Grafschaft Diepholz 9. Folge, Nr. 5 vom 25. Okt. 1952. - Moormeyer, Willy: Die Grafschaft Diepholz, Göttingen 1938 (Studien und Vorarbeiten zum Historischen Atlas Niedersachsen, 17). - Husen, Ludger von, Meyer, Horst: Flecken Lemförden. Eine 750jährige Gemeinde zwischen Dümmer und Stemweder Berg, hg. vom Flecken Lemförde, Diepholz 1998.