(1) H. (früher Bergh) liegt im östlichen Teil der niederländischen Provinz Gelderland, hier im südlichsten Teil, im Übergangsgebiet zwischen »Achterhoek« und Liemers, etwa fünf Kilometer nördlich Emmerichs und etwa 20 km südöstlich Arnheims.
H. diente von etwa 1250 bis zum Weggang bzw. zur Flucht Willems IV. van den Bergh 1567 als Wohnort der Familie van den Bergh. Danach wurde die H.er Burg nur noch zeitweise von der Familie als Wohnstätte genutzt, die ab 1600 die Wohnburg Boxmeer bevorzugte.
Aufgrund einer zu einem unbekannten Zeitpunkt vorgenommenen brüderlichen Teilung oder Abspaltung innerhalb der Grafen von Zutphen vermochten die Herren van den Bergh in der Folge eine eigene Herrschaft aufzubauen, das »Land von B.«. Dieses blieb bestehen, auch wenn seit 1127 die Grafschaft Zutphen über eine Personalunion zur Grafschaft Geldern gehörte, eine Verbindung, die bis zum Ende des Alten Reichs bzw. bis zur Besetzung der Niederlande durch die Franzosen 1795 nicht mehr gelöst werden sollte. Um 1250 errichteten die Herren, die sich seit dem frühen 12. Jahrhundert »de Monte« nannten, in H. eine Burg, das heutige »Huis Bergh«.
Einen dynastischen Wechsel gab es 1416, als die ältere Familie, das erste Haus van den Bergh, in männlicher Linie ausstarb und über eine Tochter die Herren van der Leck nachfolgten, die den Namen van den Bergh annahmen. 1486 wurden die Herren von Bergh von Maximilian I. als Herrscher der Niederlande zu Grafen erhoben, zur Ausbildung einer richtigen Grafschaft kam es jedoch nicht. Mit dem kinderlosen Tod Oswalds III. van den Bergh 1712 starb auch dieses Haus aus. Testamentarisch hatte er die Herrschaft einem entfernten Verwandten (einem Enkel seiner Tante), Franz Wilhelm von Hohenzollern-Sigmaringen, vermacht mit der Auflage, Namen und Wappen des Hauses Bergh weiterzuführen, was dieser auch umsetzte (Linie Hohenzollern-Bergh). Nach dem Tod dessen Sohns 1781 fiel die Herrschaft für kurze Zeit zurück an Hohenzollern-Sigmaringen, die sich um diese Fernbesitzung nicht intensiver kümmerte. 1795 wurde das Land von B. wie die ganzen Niederlande von den Franzosen besetzt.
(2) Der sich um die Burg bildenden Siedlung verlieh Wilhelm I. van den Bergh 1379 Stadtrecht, doch wirkte sich dieses nicht nachhaltig auf die Entwicklung des Orts aus. H. stand wirtschaftlich und kulturell völlig im Schatten des nur fünf Kilometer südlich gelegenen Emmerichs, das als Hafenstadt am Rhein und Bildungszentrum überregional bedeutsam war.
Die Erhebung zur Stadt hatte keine größeren Folgen. Handel und Handwerk erfuhren hierdurch keine Stimulierung, der herrschaftliche Hof bzw. der Haushalt versorgte sich nach Ausweis der Rechnungen auf dem nahen Emmericher Markt, von wo auch Handwerker und spezialisierte Fachleute bezogen wurden. Einwohner H.s werden so gut wie nie als Lieferanten erwähnt. Höchstwahrscheinlich gab es aber in H. eine Herberge.
Bereits zu Zeiten der Verleihung des Stadtrechts war H. vollständig von einer wohl älteren, aus Graben und Umwallung bestehenden Befestigung umgeben. Immerhin gab es ein Rathaus, auf dem sich die »Geërfden«, die Inhaber einer Haus- oder Wohnstelle zu Erbrecht nicht nur der Stadt, sondern des »Landes von Bergh«, versammelten.
Es gab drei ungefähr nord-südlich verlaufende Straßen, deren älteste die östlich verlaufende »Kellenstraat« ist, benannt nach den Kellen, soviel wie Hütten meinend. Es gab zwei Tore, das »Oudste Poort« im Nordosten und das »Molenpoort« im Südosten (benannt nach der Bannmühle, die Willem II. van den Bergh ca. 1440 außerhalb der Stadt errichten ließ, 1570 abgebrannt), jeweils auf der der Burg abgewandten Seite. Vom Oudste Poort führte die ostwestlich ausgerichtete »Hofstraat« direkt, nur zwei leichte Kurven beschreibend, zur Burg.
1568 wurde H. von ständischen Truppen belagert und eingenommen, danach als Quartier genutzt, 1570-1578 stand es unter spanischer Kontrolle, woraufhin dort wiederum eine ständische Garnison stationiert war. Durch Belagerungen und Einquartierungen litt H. sehr. Erst 1599 nahmen die Herren von Bergh wieder Besitz von H.
(3) Direkt neben der Burg befindet sich die »St. Pancras en Joriskerk« (St.-Pankratius und Georgs-Kirche), die, gegründet 1259 als Schlosskapelle, in mehreren Bauphasen während des Spätmittelalters vergrößert wurde. Kirchlich war der Ort H. zur St. Oswaldkirche in Zeddam (fünf Kilometer nördlich H.s) eingepfarrt. Erst 1399 wurde die Schlosskirche zur Pfarrkirche umgewandelt, H. wurde eigenständige Kirchengemeinde. Zugleich ließ Frederik III. van den Bergh auf der Westseite (zum Schloss hin) eine Kapelle anbauen. Unter Willem II. van den Bergh, gen. der Reiche, wurden drei Chorapsiden angebaut, zugleich wurde ein Grabkeller für die herrschaftliche Familie angelegt; 1450 wurde der 1447 vollendete Bau geweiht. Willem II. stattete die Kirche mit zahlreichen Liturgica reich aus. Sie verfügte über mehrere Altäre, u.a. dem Hl. Antonius und Hl. Sebastianus geweiht, den Schutzheiligen der zwei H.er Bruderschaften. Einen hölzernen Glockenturm ließ Graf Oswald 1496 errichten (1821 abgebrochen). Die Reformation konnte erst unter der Besetzung durch die Ständischen nach 1568 und auch dann nur in Ansätzen eingeführt werden, da die Herren von Bergh katholisch blieben und auf der spanischen Seite standen. Nachhaltig wurde die Reformation erst um und nach 1600 durchgesetzt, jedoch nur einem kleinen Teil der Bevölkerung. Da die Herren von B. die Gegenreformation unterstützten, blieb die Mehrheit der Einwohnerschaft bei dieser Konfession. Während der Französischen Besetzung 1672-1674 wurde die Kirche für den katholischen Ritus genutzt, die Reformierten mussten in das Rathaus ausweichen. Danach zogen die Reformierten wieder ein, während die Katholiken sich in die (neue) Schlosskapelle und die »Huiskerk« oder »Schuurkerk« (Hauskirche, Scheunenkirche) im Norden H.s zurückzogen.
Aus Anlass der Geburt Johan Baptists von Hohenzollern-Bergh am Johannistag (24. Juni) 1728 wurde die Johannis-Gilde gegründet.
(4) Westlich der Stadt liegt die Burg, eine der größten Wasserburgen der Niederlande. Ihre Befestigung bildete mit der der Stadt eine Einheit; man musste durch die Stadt, um regulär in die Burg gelangen zu können. In der Stadt gab es herrschaftliche Häuser: Die alte Münze wurde zum Wohnhaus umgebaut, vor 1473 wurde die Neue Münze gegenüber der St. Pankratius und Georgskirche errichtet (heute Muntwal 1-3); im 17. und 18. Jahrhundert wohnten hochrangige Amtsträger wie die Landdrosten in dem Haus. Daneben bestand das »Gasthaus« zur Unterbringung von Armen und Pilgern, eine Stiftung Willems II. van den Bergh. Es bestand bereits 1444, wurde jedoch um 1450 an den heutigen Platz (Gasthuisplein 2-4, Ecke Kellenstraat) verlegt, als Besonderheit ist ein Dachreiter zu erwähnen. Dem Gasthaus angeschlossen war eine Kapelle. Das Gelände westlich der Burg (also auf der der Stadt abgewandten Seite) wurde im 15./16. Jahrhundert als Garten genutzt, 1461 erscheint die Bezeichnung »Nieuwe Gaarde« (so viel wie Neuer Garten bedeutend). 1560 wurde hier die Kaatsbaan errichtet, wo Hofangehörige dem Ballspiel frönen konnten. Graf Oswald III. van den Bergh (1646-1712), obwohl in Boxmeer wohnend, ließ einen großen Park mit 40 Statuen anlegen (»De Gaarde«). Westlich dessen gab es einen weiteren Park, heute genannt »De Plantage«.
H. verfügte bereits im Spätmittelalter über ein Rathaus in der Kellenstraat, das 1531 durch einen mehrgeschossigen, repräsentativen Neubau (»Raethuys«) im Renaissancestil an der Hofstraat (Nr. 1) ersetzt wurde, der an der Ostseite einen Treppenturm erhielt liegt. Es diente nicht nur dem Stadtrat, sondern auch als Versammlungshaus der Geёrfden (Inhaber der Erbstellen) des »Landes van Bergh«. Im Keller gab es ein Gefängnis, zudem übernahm man die 1526 gegossene Glocke des alten Ratshauses.
H. kennt eine zeitgenössische Darstellung im Kartenwerk Jacob van Deventers von 1560 und im Atlas von Theodorus Bücker von 1727. Etwas weniger genau ist die darauf aufbauende Karte von Johann Heinrich Hottinger von 1785. Den Übergang vom Schloss zur St. Pancras-en-Joriskerk zeigt eine Gravur von Jan de Beijer aus dem Jahr 1743.
(5) H. spielte in der Verfassung der Gft./Hzm. Geldern keine Rolle. Anders als Doetinchem, Groenlo, Lochem und Doesburg war es nicht in den Landständen vertreten, hatte auch kein (indirektes) Stimmrecht. Eigenständige zentrale Funktionen für das Umland besaß H. als Stadt nicht, sondern kamen ihr nur durch den Sitz der Herren von B. zu, die von H. aus das »Land zu B.« beherrschten; bezeichnend ist aber, dass das Gericht der »Geёrfden« auf dem Rathaus von H. tagte. 1346-1582 ließen die Herren von Bergh in H. Münzen prägen.
(6) Die am Rhein gelegene Stadt Emmerich beherrschte als Hafenstadt und Markt sowie als Bildungszentrum die Region derart, dass das kleine H. so gut wie keine Entwicklungschancen hatte. Die Existenz einer Herberge in H., die man eigentlich für die Unterbringung von Gästen des herrschaftlichen Hofs brauchte, ist nicht gesichert, aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit anzunehmen. Dass es eine Nachfrage nach Unterkunftsmöglichkeiten gab, belegt das Gasthaus (Armenhaus), das als Pilger- und Reisendenherberge diente. Der Ort ist bis ins 16. Jahrhundert hinein sehr von der anwesenden Herrschaftsfamilie geprägt worden, weswegen man H. als Residenzstadt ansprechen kann. Beispielsweise ging das »Gasthuis« auf eine Stiftung der Herren zurück. Bezeichnend ist jedoch, dass Einwohner von H. in den Rechnungen der Herren von B. nicht als Lieferanten oder (spezialisierte) Handwerker erscheinen, der Hof griff durchgehend auf Leute aus Emmerich zurück.
(7) Die städtische Überlieferung befindet sich im Gemeentearchief ’s-Heerenbergh (als Depositum im ECAL in Doetinchem), die herrschaftliche im »Archief Huis Bergh« im Haus »De Munt« in ’s-Heerenberg. Zu Fragen der Denkmäler und Baulichkeiten kann man sich an das »Erfgoedcentrum Achterhoek en Liemers« (ECAL) in Doetinchem wenden. Über das ECAL erhält man auch Zugang zum Stadtarchiv und zum Hausarchiv, letzteres auch im Internet erreichbar (www.huisbergh.nl/archief/). Das Gerichtsarchiv der Landdrostei findet sich im »Gelders Archief« ebenfalls im ECAL. Beachtenswert ist die herrschaftliche Rechnungsüberlieferung.
Schilfgaarde, Anthonie Paul van: Het Archief van het Huis Bergh. Mit einem Vorwort von Jan Herman van Heek, 9 Bd.e, Nimwegen 1932, mit einem Bd. Supplement 1932-1957 (addenda, corrigenda et delenda), 1957 (Bronnen van het Algemeen Historisch Archief, 4).
Scholten, Frans: De steden van Achterhoek en Liemers. Bredevoort, Doesburg, Doetinchem, Groenlo, Lochem, Zutphen alsmede Borculo, Eibergen, ’s-Heerenberg, Laag-Keppel, Lichtenvoorde, Terborg en Zevenaar. Redaktion von Jan Werner, Alphen aan den Rijn 2006.
(8)Schilfgaarde, Anthonie Paul van: Het Huis Bergh, Maastricht 1950. - Dalen, Antonius Gerardus van: Gilden en schutterijen in de graafschap Bergh. Een stuk sociale geschiedenis in een landelijke Gelderse gemeente (Bergh en omgeving), Zutphen 1971. - Dalen, Antonius Gerardus van u.a.: Bergh. Heren, land en volk, Nimwegen 1979. - Grolle, J.J.: De muntslag van de Heren van den Bergh ca 1320-ca 1440, in: Jaarboek voor munt- en penningkunde 80 (1993) S. 103-164.