(1) H. wurde auf einer Landzunge zwischen der mittleren Lippe und der von Süden her einmündenden Ahse gegründet. Es lag verkehrsgünstig am Nordrand des Hellweggebiets. Die Lippe war auf der Höhe H.s schiffbar, ein Flussübergang führte nach Norden ins Münsterland. Der Ort entstand 1226 auf Geheiß Graf Adolfs I. von Altena-Mark (um 1199-1249). Seitdem gehörte er ununterbrochen zur terra der Grafen von der Mark, auch als diese 1391 mit den Gebotsbereichen der Grafen (ab 1417 Hzg.e) von Kleve und 1521 der Herzöge von Jülich, Berg und Ravensberg vereinigt wurde. Seit 1609/66 waren die Lande Kleve-Mark die westlichsten Teile des brandenburg-preußischen Staats.
Während des 13. und 14. Jahrhunderts nahmen die Grafen von der Märk häufig Quartier in H. Ein gfl.er Hof bzw. die gegen Ende des 13. Jahrhunderts begonnene Burg im Nordosten des Ortes waren bis 1391 ein bevorzugter Wohnsitz, allerdings keine feste Residenz. Ebenso wenig entwickelte sich dort vor 1400 eine Zentralverwaltung. Nach der Vereinigung der Mark mit der Grafschaft Kleve 1391 und der anschließenden Verlagerung des Hauptsitzes dorthin war H. nur noch während der Regentschaften der Grafen Dietrich (1393-1398) und Gerhard (1437-1461) Sitz märkischer Herrscher und ihrer Verwaltung.
Zentralbehörden wurden erst in preußischer Zeit nach H. verlegt, das zudem als Festung (bis 1763), dann als Garnisonsort (bis 1806) diente. Mit der 1767 eingerichteten Kammerdeputation, die 1787 zur Kriegs- und Domänenkammer erhoben wurde, erhielt es eine eigene märkische Landesbehörde, bis sich Preußen 1818 für Arnsberg als Sitz der Bezirksregierung entschied.
(2) Vor der Gründung H.s befanden sich auf der Landzunge bereits zwei Siedlungen: eine im Westen am Ahseübergang und eine andere, nämlich die Domanialsiedlung des ortsherrlichen Wirtschaftshofs, im Nordosten. Etwa zwei Kilometer östlich davon lagen Dorf und Burg Mark (1198) sowie - fünf Kilometer entfernt - die vor 1190 erworbene Burg Nienbrügge und ein wohl um 1210 entstandenes oppidum gleichen Namens.
H. entstand unmittelbar nachdem Graf Friedrich von Isenberg wegen der Tötung des Kölner Ebf.s Engelberts I. von Berg 1225 geächtet worden und es Graf Adolf I. von der Mark gelungen war, Lehen und Allode des Isenbergers an sich zu ziehen. Das friedlos gelegte Nienbrügge ließ Adolf 1226 zerstören; die Einwohner übersiedelte er nach H. Einer verfälschten Gründungsurkunde zufolge, die auf das Jahr 1213 datiert ist, deren echter Kern aber zu 1226 passt, stellte Adolf I. den Einwohnern H.s die Wahl ihres Stadtrechts frei. Obgleich ihnen damals ausdrücklich eingeräumt wurde, sich für das Soester Recht zu entscheiden, übernahmen sie später, möglicherweise 1239/43, Lippstädter Rechtsgewohnheiten, wie eine Bestätigungsurkunde Graf Eberhards II. von 1279 belegt.
Der zwischen den beiden bereits vor 1226 bestehenden Siedlungen einsetzende Aufbau H.s folgte lippischem Vorbild: Von der Furt im Westen her fächerte man auf etwa elliptischer Grundfläche drei Längsachsen auf, die nach 250 m im Süden durch eine vierte ergänzt wurde. Sie wurden mehrfach durch Nord-Süd-Straßen geschnitten. Zwischen den beiden mittleren Achsen wurde Platz für Markt und Kirche ausgespart. Der Ausbau schritt rasch voran, ohne zur Bildung einer selbständigen Neustadt zu führen.
Eine erste Befestigung entstand um 1243; gegen Ende des 13. Jahrhunderts nahmen die Stadtmauer und die gräfliche Stadtburg Gestalt an. Bereits um 1320 erreichte H. seine in vorindustrieller Zeit größte Ausdehnung. Während der zweiten Hälfte des 17. und zu Beginn des 18. Jahrhunderts ersetzte man die spätmittelalterliche Befestigung durch eine Bastionäranlage. 1763 ließ König Friedrich II. von Preußen die Festung schleifen. Die Einwohnerzahlen schwankten beträchtlich (um 1330 etwa 3000, 1618 1000, 1635 300, 1763 1694 und 1798 3065).
Bürgermeister und Ratsleute begegnen bereits in der verfälschten Stadtrechtsurkunde. Sicher nachweisbar sind sie und die Stadtschöffen 1263. Der Rat begegnet erstmalig 1279; er wurde jedes Jahr zunächst von der gesamten Bürgerschaft, später dann von »Kurherrn«, eigens bestellten Wahlherrn, bestimmt. Der sitzende Rat hatte zwölf Mitglieder. Anfangs gab es nur einen, seit 1370 zwei Bürgermeister. Zwischen Rat und Gemeinde vermittelten vom Rat eingesetzte Worthalter. Der geschäftsführende Teil des Rats bestand seit Beginn des 16. Jahrhunderts aus den zwei Bürgermeistern, zwei Kämmerern und zwei »Fiscimeistern«, Steuermeistern, die für die Einziehung der städtischen Steuern zuständig waren. Seit 1592 wohnten Richtleute, die Vorsteher der Zünfte, den Sitzungen bei. 1718 ersetzte man den jährlich wechselnden Rat durch einen unter ständiger Kontrolle der Regierung stehenden Magistrat mit sieben Mitgliedern.
Zwar wurde H. 1331 von der Rechtsprechung auswärtiger Gerichte eximiert; die Gerichtsbarkeit der Grafen blieb jedoch bestehen. Es waren mehrere Gerichte ansässig: Das bereits im zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts nachweisbare landesherrliche Stadt- sowie das unter dem Vorsitz des Amtmanns tagende landesherrliche Brüchtengericht für Stadt und Feldmark, das Freigericht mit je einem Stuhl vor dem Norden- und dem Ostentor sowie das städtische Rats- und das Appellationsgericht (als zweite Instanz für mehrere Städte und Ämter). Stadt- wie Ratsgericht wurden 1753 durch ein staatliches Landgericht für Stadt und Amt H. ersetzt.
Die Grafen von der Mark waren sowohl Stadt- als auch Landesherren von H. Das wachsende Selbstbewusstsein der Bürger führte im 14. und 15. Jahrhundert zu einer wachsenden Distanzierung von den Grafen, zumal H. in der Lage war, den Stadtherren manche Privilegien abzukaufen. In der frühen Neuzeit erstarkte die fürstliche Landeshoheit allmählich, erreichte unter dem »Großen Kfs.en« Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1640-1688) mit der Zurückdrängung der Zünfte einen ersten Höhepunkt und kulminierte in den Reformen der Jahre 1714-1718 unter König Friedrich Wilhelm I. (1713-1740), durch die jegliche kommunale Selbständigkeit beseitigt wurde. Als wesentliche landesherrliche Amtsträger begegnen während des Spätmittelalters der Stadtrichter und (wohl seit dem ersten Drittel des 14. Jh.s) der Amtmann (Drost) des Amts H. (1258).
Schon bald nach der Gründung setzte eine lebhafte wirtschaftliche Entwicklung ein: Bereits vor 1235 wurden Münzen geprägt, Handwerk wie Handel blühten auf. In erster Linie wurden Leinen, Tuche, Leder, Waffen und Bier produziert und auf Wochenmärkten vertrieben. Der Leinenhandel war seit dem späten 13. Jahrhundert das Rückgrat der Stadtwirtschaft. Die Zünfte, allen voran die vier sog. »geschworenen Ämter« (»Wüllner« [Wollweber], Schmiede, Bäcker, Fleischhauer), gewannen großen Einfluss auf den Rat der Stadt. Seit dem 15. Jahrhundert (ab 1417 ?) war H. Mitglied der Hanse. Während des 16. und 17. Jahrhunderts erlebte H. eine Stagnation.
(3) 1254 wird erstmals die Georgskapelle auf dem Markt erwähnt; eine eigene Pfarrkirche besaß H. damals noch nicht, das kirchlich zu dieser Zeit von der Kirche St. Pankratius in Mark abhängig war. Die den Hll. Georg und Laurentius geweihte Stadtkirche (heute Pauluskirche), deren Ausbau wohl um 1275 begann, erhielt erst 1337 Pfarrrechte. 1296 wurde die Burgkapelle St. Agnes fundiert; 1734-1739 erfolgte der Bau der Lutherkirche. Klöster und Stifte waren das Zisterzienserinnenkloster Marienhof (um 1270), das 1290 nach Kentrop verlegt wurde; das aus dem Nordenspital (1281) hervorgegangene freiweltliche Damenstift (1407); das Franziskanerobservantenkloster St. Agnes auf Teilen des Burggeländes (1455) sowie das Augustiner- (1322-1400) und das Beginenhaus (vor 1472/1490), dessen Bewohnerinnen später Terziarinnen der Franziskanerobservanten wurden. Geistliche bzw. karitative Stiftungen waren das Westenhospital (1319), das St. Antonius-Gasthaus (1404/06), das Leprosenstift vor dem Westentor (vor 1419) und das reformierte Waisenhaus (1655/56).
Die Lehre Luthers wurde erstmals 1533 verkündet. Eingeführt wurde die Reformation aber erst 1553, wobei zunächst das lutherische, ab 1585 das reformierte (calvinistische) Bekenntnis überwog. Die Katholiken begingen ihre Gottesdienste bei den Franziskanern, die seit 1638 Pfarrpflichten wahrnahmen.
Juden sind seit 1348 belegt; 1350 wurden sie vertrieben. Erneuten Zuzug gab es im 15. und zu Beginn des 17. Jahrhunderts 1798 lebten 63 Juden in H.
(4) Von den Kirchen, Kloster- und Stiftsbauten abgesehen, sind als bedeutendere Bauten das Gildehaus (1290) sowie das spätgotische (Alte) Rathaus auf der Westseite des Marktplatzes (15. Jh.) zu nennen. Hinzu kommen die Burg am Nordenwall, die ab 1462 als Rentei diente, sowie einige Adelshöfe aus der Mitte des 15. Jahrhunderts 1299 hielt Graf Eberhard II. in H. einen feierlichen Hoftag ab; 1349 veranstaltete Engelbert III. ein großes Turnier. Eine Darstellung H.s als Kupferstich findet sich in Matthäus Merians der Ältere »Topographia Westphaliae« 1647.
(5) H.s Weichbildraum erstreckte sich zunächst nur südlich, erst seit 1243 auch nördlich der Lippe. Außerhalb des Berings befanden sich zwei Mühlen; das Außengelände diente den Wüllnern als Bleiche. Ende des 14. Jahrhunderts wurde die Feldmark von einer Landwehr umgeben. H. war frühzeitig Umschlagplatz im Handelsverkehr und erfüllte Nahmarktfunktionen, trieb allerdings auch in den Hanseraum hinein Handel. Als Prinzipalstadt der märkischen Städte des Kölner Drittels (1469-1572) gehörte H. nicht nur der Hanse an, sondern zählte - neben Iserlohn, Kamen, Lünen, Schwerte und Unna - auch zu den so genannten sechs Hauptstädten der Grafschaft Mark. Der märkische Landtag trat in H. oder Unna zusammen.
(6) Die Phase, in der H. Funktionen einer Residenz erfüllte, dauerte mit Unterbrechungen vom 13. Jahrhundert bis 1461. Freilich nahmen die Grafen von der Mark bis 1398 häufig auch Aufenthalt in der etwa drei Kilometer östlich gelegenen Burg Mark (heute im Stadtteil H.-Uentrop). Davon, dass die Stadt- bzw. Landesherren bestrebt waren, die Stadt rechtlich, politisch und wirtschaftlich zu fördern, zeugen neben den ihr verliehenen Rechten auch die zahlreichen Bauten jener Zeit. Der nahezu völlige Verlust der Archivalien des Alten Archivs im Jahr 1944 erschwert die Erforschung der Beziehungen zwischen Hof und Stadt erheblich.
(7) Die wenigen erhaltenen Teile des Alten Archivs finden sich im Nordrhein-Westfälischen Landesarchiv, Abteilung Westfalen, in Münster, Bestand D 208u/Stadt Hamm/Urkunden.
Die Stadtrechte der Grafschaft Mark, Bd. 2: Hamm, bearb. von Alfred Overmann, Münster 1903 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, 1, 2). - Verzeichnis der Bestände des Staatsarchivs Münster zur Geschichte des Kreises Unna und der Stadt Hamm vor 1920, bearb. von Volker Buchholz, Typoskript, Münster 1972. - Die Stadt Hamm in Archivalien des Staatsarchivs Münster, bearb. von Volker Buchholz, Typoskript, Münster 1974. - Hamm, bearb. von Heinz Stoob, in: Westfälischer Städteatlas, Lfg. 1, Nr. 7, hg. von Dems., Dortmund 1975. - Hamm. Entwicklung des Stadtgrundrisses vom Mittelalter bis zur Gegenwart, bearb. von Karl Wulf, Hamm 1981. - Westfalia picta. Erfassung westfälischer Ortsansichten vor 1900, Bd. 4: Kreis Soest, Kreis Unna, Stadt Hamm, bearb. von Jochen Luckhardt u.a., Bielefeld 1989, S. 55-96.
(8) Art. »Hamm«, in: Westfälisches Städtebuch, hg. von Erich Keyser, Stuttgart 1954 (Deutsches Städtebuch, 3, 2), S. 164-172. - 750 Jahre Stadt Hamm, hg. von Herbert Zink, Hamm 1976. - Zeitspuren. Die Anfänge der Stadt Hamm, hg. von Georg Eggenstein und Ellen Schwinzer, Bönen 2001. - Ribhegge, Wilhelm: Die Grafen von der Mark und die Geschichte der Stadt Hamm im Mittelalter, Münster 2002. - Reininghaus, Wilfried: Art. »Hamm in Westf.«, in: Handbuch der Historischen Stätten: Nordrhein-Westfalen, hg. von Manfred Groten u.a., Stuttgart 32006, S. 419-422.