Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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MERSEBURG C.3.

I.

Auf einem am westl. Saaleufer aufragenden Bergrücken liegt die bfl. Res. in enger Verzahnung zur Kathedralkirche. Die an dieser Stelle bereits vor 968 bestehende Burg schützte einen wichtigen Saaleübergang und eine südl. am Berghang sowie in der Niederung lokalisierte Ansiedlung. In SpätMA und Früher Neuzeit berief man sich aufgrund einer falschen Etymologie (zu Mars) auf Julius Cäsar als Gründergestalt. - D, Sachsen-Anhalt, Reg.bez. Halle, Landkr. M.-Querfurt.

II.

Als Mersiburc wird der Ort erstmals im Hersfelder Zehntverzeichnis des 9. Jh.s als civitas erwähnt (später auch Merseburg, Merseburch, Mersapurac, Mersburg, Mersiburg, Mersaburg, Meresburg, Marsburg). Die Burg M. kam unter Heinrich I. durch Heirat an die Liudolfinger. Heinrich war es auch, der den Platz vermutl. durch Bau eines Palastes und 931 durch die Gründung der Stiftskirche St. Johannis, die Keimzelle des Domes, aufwertete. Die später als Königspfalz (955: regalisaula; 968: regia domus) bezeichnete Anlage gehörte zu den rechtl. herausgehobenen, wirtschaftl. leistungsfähigsten und bis zum Ende des 12. Jh.s beliebtesten kgl. Pfalzen in Sachsen. 69 Königsaufenthalte und 26 Hoftage sind bis 1252, als → Wilhelm von Holland letztmals in M. einen kgl. Tag abhielt, überliefert. Die genaue Lage der Königspfalz auf dem Burgberg ist archäolog. noch nicht gesichert, dürfte aber im Bereich des heutigen Schlosses zu suchen sein. Die Bischofsres. schließt funktional, wahrscheinl. auch topograph., an diese Pfalz an, ohnedaß Einzelheiten aus schriftl. Quellen bekannt wären. Die Forschung geht von einer Usurpation des Pfalzgeländes im Interregnum aus. Neuere archäolog. Untersuchungen stehen noch aus.

Bereits vor der Bistumsgründung bestand eine nichtagrar. Siedlung außerhalb der Burg. Markt-, Münz- und Zollrechte wurden bei der Wiedereinrichtung des Bm.s 1004 bestätigt. Die Stadt wuchs in südl. Richtung, integrierte dadurch mehrere Siedlungskerne und griff im 12. Jh. aufs gegenüberliegende Saaleufer über (Saalebrücke erstmals 1188 erwähnt). Die durch Bf. Ekkehard 1218/19 errichtete Stadtmauer schrieb bis in die Neuzeit die Ausdehnung des Stadtraumes fest. Die Herrschaft über die Stadt M. hatten die Bf.e unbestritten inne. Ein bfl. Schultheiß tritt 1273 in Erscheinung. Rat und Gemeindesind urkundl. nicht vor 1289 greifbar. Ein Aufstand der Stadt gegen Bf. Friedrich von Hoym (1357-82) scheiterte 1362. Zu Beginn des 15. Jh.s ist erneut zu beobachten, wie sich die Stadt von der bfl. Herrschaft zu emanzipieren suchte. Wohl im Sog von → Halle trat M. 1426 der Hanse bei. In den folgenden Auseinandersetzungen um die Jurisdiktion setzten die Bf.e sich aber letztl. durch. Die Bischofsburg wurde in diesen Jahren zur Festung gegen die Stadt ausgebaut (Baumaßnahmen der Hohen Mauer um 1430 und Ausbau der Nordseite um 1450). Erst nach dem Ende dieser Phase des Gegensatzes wandeltesich die bfl. Festung zur Res. und öffnete sich zur Stadt, die zur Residenzstadt wurde.

III.

Die noch heute existierende Residenzarchitektur ist geprägt durch die tiefgreifende Erneuerung der Anlage unter dem Bistumsadministrator Georg I. von Sachsen in den Jahren von 1605 bis 1608. Ältere Baubestandteile sind dadurch zerstört oder stark überformt. Weniger Res. als bfl. Aufenthaltsort war vor der Mitte des 13. Jh.s ein nur aus Urk.n bekanntes Gebäude, das im Bereich der Martinikurie vermutet wird. Das erste Bischofsschloß lag im Bereich des heutigen Ostflügels des Schlosses und wird der Initiative (Errichtung um 1260?) von Bf. Heinrichvon Wahren (1244-65) zugeschrieben. Genaueres ist über diesen Bau des 13. Jh.s nicht bekannt; dem Chronisten Brotuff galt er im 16. Jh. als unscheinbar. Baumaßnahmen in den Jahren 1430 und 1450 betrafen die Befestigung der Domfreiheit gegen die Stadt. Bfl. Festung und Stadt standen somit topograph. in einem Spannungsverhältnis. Erst unter Bf. Thilo von Trotha (1466-1514) werden Ansätze zu einer repräsentativen Residenzarchitektur erkennbar. Der bfl. Gestaltungswille (erkennbar an Bauinschriften und Wappentafeln) griff nunmehr auch auf die Stadt selbst über. Wohl seit dem Ende der 1470er Jahrekam es zur Errichtung einer Dreiflügelanlage, deren vierter Flügel der Dom bildete. Die Baumaßnahme wurden von den Nachfolgern Thilos im 16. Jh. fortges. Den Abschluß dieser Bauphase bildete wohl 1537 unter Sigismund von Lindenau (1535-44) die Erneuerung des südl. Teils des Westflügels als bfl. Kanzlei. Die Architekten und Baumeister dieses spätgot. Baus sind nicht bekannt. Laufende Bauforschungen im Zuge der Renovierungsarbeiten dürften neue Erkenntnisse bringen. Der heutige Bau wurde in den Jahren von 1605 bis 1608 unter dem Architekten Melchior Brenner aus → Dresden unterEinbeziehung der älteren Bausubstanz errichtet. Die Bildhauerarbeiten führte die Werkstatt des Simon Hoffmann aus Freiberg aus.

Sources

Siehe die Angaben im Art. B.3. Merseburg, Bf.e von

Art. »Merseburg«, in: Dehio, Kunstdenkmäler, Sachsen-Anhalt, 2, 1998, S. 529-566. - Brotuff, Ernst: Chronica und Antiquitates des alten Keiserlichen Stiffts der Roemischen Burg Colonia und Stadt Marsburg an der Salah in Obern Sachssen [...] sampt einem ordentlichen Cathalogo aller Bischoffe und Administratorn zu Marsburg, Leipzig 1557. - Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Sachsen, Heft 8: Kreis Merseburg, bearb. von Heinrich Otte, JohannesBurkhardt und Heinrich Küstermann, Halle 1883. - Herzog, Erich: Die ottonische Stadt. Die Anfänge der mittelalterlichen Stadtbaukunst in Deutschland, Berlin 1964 (Frankfurter Forschungen zur Architekturgeschichte, 2), S. 45-53. - Koch, Alfred: Veste über den Wassern. Die Hochseeburg und die Königs- und Bischofsbauten in Merseburg. Nach den Ergebnissen der Ausgrabung in der Altenburg, Halle 1933. - Moebius, Georg: Neue Merseburgische Chronica(1668), hg. vom Verein f. Heimatkunde, Merseburg 1914. - Neuss, Erich: Art. »Merseburg«, in: Handbuch der historischen Stätten Deutschlands, 11, 1987, S. 322-327. - Pretzien, Gustav: Das Merseburger Schloß, Merseburg 1933. - Pretzien, Gustav: Art. »Merseburg (Stadtkreis)«, in: Deutsches Städtebuch, 2: Mitteldeutschland, 1941, S. 606-609. - Rademacher, Otto: Aus Merseburgs alter Geschichte, 8 Hefte, Merseburg 1906-13. - Ramm, Peter: Pfalz undSchloß zu Merseburg, 3. Aufl., Merseburg 1997. - Schlesinger, Walter: Merseburg. Versuch eines Modells künftiger Pfalzbearbeitungen, in: Deutsche Königspfalzen, 1, 1963, S. 158-206. - Schubert, Ernst/Ramm, Ernst: Die Inschriften der Stadt Merseburg, Berlin u. a. 1968 (Die deutschen Inschriften 11, Berliner Reihe 4).