WURZEN C.3.
I.
civitas Vurcine (Fälschung des 11. Jh. zu 961); urbs Vurcin, Vurzin (zu 981, 1015, 1017; 1012-1018); Worczin (1154); Wurzin (1219); Wurczen (1411); Wurzen (1539). Der Name ist altsorb. Ursprungs (*Vorcin-, *Vurcin) und wird zumeist als Patronymikon, als »Sitz oder Männer eines Vorca« erklärt. Mögl. erscheint aber auch die Ableitungaus der Wurzel *vruk, *Vorc-, »knurren, murren«, was sich viell. auf geograph. Besonderheiten beziehen könnte, wie dem »Gurgeln des Muldeflusses«. Burg und Stadt liegen auf einem Porphyrsporn östl. der Mulde. Nach S begrenzt das Rietschketal die originäre Stadtflur. 995 fällt der Burgward W. an das Bm. Meißen, das hier 1144 ein Stift einrichtet. Nach der Resignation des letzten kathol. Bf.s i. J. 1581 wird das Stiftsterritorium der kfsl. Administratur unterstellt. Heute Stadt im Muldentalkreis. Nebenres./Res. der Bf.e vonMeißen seit 995/1487-1581. - D, Sachsen, Reg.bez. Dresden, Muldentalkr.
II.
Bereits am 29.6. 961 wird W. in einer kgl. Urk. als befestigter Ort Vurcine bezeichnet, als Kg. Otto I. anläßl. der Errichtung eines Ebm.s in → Magdeburg dem dortigen St. Moritz-Kl. die Landschaft Neletici zur Einziehung des Kirchenzehnten übereignet. Während der Gau unter der Hoheit des Reiches stand, gehörte er kirchenpolit. seit 968 zum neugegründeten Bm. → Merseburg. Mit dessen Auflösung fällt er 981 an → Magdeburg zurück. Schon Ende des 10. Jh.s (mittels einer Urkundenfälschung?)spätestens aber zu Beginn des 11. Jh.s kann jedoch das Hochstift Meißen in landesherrl. Positionen in einen größeren Besitzkomplex um W. einrükken, als 1017 die Unstimmigkeiten mit dem wiedereingerichteten Bm. → Merseburg durch kgl. Schiedsspruch beseitigt werden. Dieser erklärt die Mulde zur Grenze. Zur Absicherung und eigenständigen Verwaltung des Territoriums errichtet der Bf. hier 1144 ein Kollegiatstift um die in ihrem Grund noch roman. Stiftskirche St. Marien. Erstmalig ist dabei von einem Territorium Wurczinense die Rede. Den aktiven Landesausbauseitens der Bf.e bezeugt der für den meißn. Raum älteste erhaltene Ansiedlungsvertrag flandr. Bauern in Kühren nordöstl. von W. aus dem Jahre 1154.
In W. dürfte etwa zur gleichen Zeit der regelmäßige Markt angelegt worden sein, durch den die frühstädt. Entwicklung ausgenutzt werden sollte. Die Verwaltung oblag einem Vogt, der auf der Burg seinen Sitz hatte. Im Verlauf des 13. Jh.s versuchten die Mgf.en von Meißen die Bf.e aus ihrer landesherrl. Position zu verdrängen und machten ihnen die Obergerichtsbarkeit streitig, ehe ein Magdeburger Schiedsgericht 1284 das Land endgültig den Bf.en sicherte. Trotzdem hielten sie sich vorwiegend in Stolpen auf, wo sie der Umklammerung durch die Mgf.en von Meißen/Hzg.e von → Sachsenzunächst weniger intensiv ausgesetzt waren. Als schließl. Bf. Johann von Salhausen dem Druck der Hzg.e von → Sachsen nicht mehr gewachsen war, wich er ab 1487 zunehmend nach W. aus und errichtete hier das stattl. Schloß. Der Stiftskirche, die nunmehr fakt. als Ersatz-Domkirche fungierte, wurde 1503, auch als symbolisches Zeichen der veränderten Perspektive, der Westchor als zukünftige Bischofsgrablege angefügt. Deutlich sind die Anleihen bei der → albertin. Fürstenkapelle am Meißner Dom zu spüren. Mit dieser Verlagerung der Res. muß auch das bfl. Archiv nach W.gelangt sein, welches schließl. in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges nach → Dresden in die Sakristei der Kreuzkirche verbracht worden ist.
Schon 1539 kommt der erste evangel. Prediger Johann Hoffmann aus Thammenhain in die Stadt und verkündet an der Wenzelskirche. Schließl. tritt Bf. Johann IX. von Haugwitz am 20. Okt. 1581 resigniert zurück und übereignet das Hochstift förml. dem Domkapitel, welches es fakt. der kfsl. Verwaltung unterstellt, indem stets ein → Wettiner zum Administrator bestellt werden muß.
Schon die frühe Ersterwähnung verweist auf die strateg. Bedeutung des Ortes innerhalb des Burgwardssystems; Schutz und Sicherung der Hohen Straße, die hier an einer Furt die Mulde querte, dürften vorrangige Aufgabe gewesen sein. Im Anschluß an die alte Handelsroute muß sich bereits im 9./10. Jh. eine erste kaufmänn. Siedlung gebildet haben (wofür das Patrozinium einer Jacobskirche spricht), die sich in den bes. Strukturen der »Altstadt« nachvollziehen läßt. Ebenso bilden sich auf dem Hochplateau gegenüber in der Siedlung Crostigall städt. Strukturen heraus. Die eigentl. Rechtsstadterrichten die Bf.e indes wohl noch vor 1200 im Suburbium vor der Domfreiheit innerhalb eines kleinen Bezirks um den Markt herum mit nur wenigen sich anschließenden Gassen, der mit einem Mauerring mit drei Toren umgeben wird. Die späteren Gewohnheiten verweisen auf das Magdeburger Recht. Nachdem Bf. Rudolf 1413 auch den Pfahlbürgern das Bürgerrecht verliehen hat, kann die Stadt 1481 die Hohe und Niedere Gerichtsbarkeit über das Weichbild der Stadt pfandweise erwerben, ehe ihr 1579 der Kauf gelingt.
III.
In die frühma. ovale Ringburg, die sich an slaw. Vorgänger anschließt, wird im 12. Jh. eine steinerne Anlage hineingebaut. Ledigl. Abschnittsgrabenreste östl. des Schlosses zeugen von diesem Entwicklungsabschnitt. Ansonsten ist die Anlage durch den Schloß-, Dom-, und Häuserbau des späten 15. Jh.s völlig überformt. Das vermutl. Areal der Vorburg, welches die Marienkirche aufnahm, liegt südl. des Kernbereiches der Burganlage. Darauf wird zw. 1491-97 das Schloß auf rechteckigem Grdr. unter Bf. Johann VI. von Salhausen errichtet. Vorbild für das neueWohnschloss war auch hier die fsl. Albrechtsburg in → Meißen. Es handelt sich um einen dreigeschossigen Bau. Zwei diagonal stehende Türme flankieren die Anlage, deren verbindende Wendelsteine v. a. den spätgot. Stil repräsentieren. Sie sind im Inneren als sog. Zellengewölbe ausgeführt, mit Ausnahme der Haube, die sternförmig gearbeitet ist. Die Hauptfassade liegt im W mit einem Wappenmotiv Johanns von Salhausen aus Sandstein am Portal. Das Erd- sowie das Obergeschoß weisen den gleichen Grdr. mit jeweils einer großen zentralen Halle, die sich zu kleineren Sälen hin öffnet, auf. 1508wird das Schloß nochmals um einen Wirtschaftstrakt, dem sog. Kornhaus erweitert, ehe ein Brand 1519 die Arbeit zunichte macht. Unter Bf. Johann von Schleinitz erfolgt der Wiederaufbau. 1631 brennen erneut die Türme aus. Zunächst wird der SW-Turm zw. 1670-73 wiederhergestellt, der andere erst im 18. Jh.
Sources
Schöttgen, Christian: Historie der Chur-Sächsischen Stiffts-Stadt Wurtzen, Leipzig 1717 (mit Urkundenanhang) - Thietmari Merseburgensis Episcopi Chronicon, 1935. - CDSR II, 1-3, 1864-67.
Literature
Blaschke, Karlheinz: Wie unsere Städte entstanden: Die Stadt Wurzen, in: Der Rundblick 23 (1976) S. 168-169. - Bönhoff, Leo: Die Burgwarde Wurzen und Püchau und das Wurzener Land in ihren politischen und kirchlichen Beziehungen, in: Mitteilungen des Wurzener Geschichts- und Altertumsvereins 1, Heft 2, S. 1-44; 2, Heft 1, S. 1-26. - Bönhoff, Leo: Die Stiftungsurkunde des Wurzener Kollegiatstiftes, in: Beiträge zur sächsischen Kirchengeschichte 27, S. 1-15. -Fiedler, Almut: Die Entwicklung des Burg-Stadt-Verhältnisses in den westelbischen meißnischen Bischofsstädten Wurzen, Mügeln und Nossen von seinen Anfängen bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts, ungedr. Diss. phil. Dresden 1985. - Gurlitt, Cornelius: Amtshauptmannschaft Grimma. Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreiches Sachsen, Heft 20, Dresden 1897.