WENDEN C.5. (Cēsis)
I.
Der dt. Name W. leitet sich von dem Volksstamm der W., wohl einer Gruppe der kurländ. Liven, ab, die nach dem Zeugnis der livländ. Chronik Heinrichs von Lettland zuerst von dem kurländ. Fluß Windau, dann durch die Kuren aus der Gegend des späteren → Riga vertrieben wurden, sich im 12. Jh. auf einem kleinen Burgberg, dem späteren »Nußberg« im Schloßpark zu W., unter den einheim. Letten ansiedelten und sich 1206 von einem dt. Missionar taufen ließen. - (Stadtrand-)Burg und Stadt, 77 km nordöstl. von → Riga, 2 km vom linken Ufer derLivländischen Aa. - Nebenres. und Hauptres. des Meisters des Deutschen Ordens in Livland. - LV.
II.
Nachdem der Schwertbrüderorden 1207 in der erstmaligen Teilung der eroberten Gebiete in Livland mit Bf. Albert von Riga das Land links der Livländ. Aa erhalten hatte, ließen sich Ordensbrüder sogleich in der Burg der W. auf dem Nußberg, nach chronist. Urteil das kleinste damals in Livland bestehende Kastell, nieder. An ihrer Spitze standen, nachdem ihr erster Vorsteher Wickbert wg. Untauglichkeit abgesetzt worden war, zwei der milit. und polit. tüchtigsten Ordensangehörigen, die als Meister der Schwertbrüder in W. bezeichneten Berthold (1208-17) und Rudolf vonKassel (1218-34). Die die neue Schutzherrschaft militär. tatkräftig unterstützenden W. überstanden erfolgreich mit den Brüdern in ihrer hölzernen Feste 1210 und 1218 Belagerungen durch Esten und Russen. Bald nach 1210 errichtete der Orden auf dem daneben gelegenen Berg eine weitere Burg, der der Nußberg fortan als Vorwerk diente. Das am Fuße der Burg gelegene Dorf brannte 1221 nieder, danach entstand im S und O der Vorburg eine neue, 1224/27 als Hakelwerk erwähnte Siedlung, in der sich dt. Kaufleute niederließen.
Nachdem der Schwertbrüderorden 1237 in den Deutschen Orden inkorporiert worden war, sind bis zur Mitte des 14. Jh.s einige Komture in W. mit großen zeitl. Unterbrechungen nachweisbar, nach 1350 erscheinen nur noch Vögte, die auch zuvor schon in wenigen Fällen zu belegen sind. Ihre Einsetzung mag damit zusammenhängen, daß W. seit Goswin von Herreke (1345-59) häufiger von den Ordensmeistern aufgesucht und vermutl. ihrer unmittelbaren Verwaltung unterstellt wurde. In der ersten Hälfte des 15. Jh.s steht es unter deren Aufenthaltsorten an zweiter Stelle nach der Meisterres. → Riga,wenn auch mit weitem Abstand. Allerdings fanden schon damals die wichtigsten Beratungen des livländ. Ordens außerhalb → Rigas statt, die unregelmäßigen Gespräche der Ordensmeister mit Gebietigern häufig in Wolmar, v. a. in W., die regelmäßigen Kapitel fast ausschließl. in W.; Ordensmeister verließen → Riga allein zur Teilnahme an den ordensinternen Versammlungen in Wenden. Und sie bezogen mit ihrem Rigaer Konvent üblicherweise ihre Einkünfte aus der ihnen direkt zugeordneten Vogtei W.; zu ihrem dortigen Kammergut gehörten die Kirchspiele W., Arries, Wolmar, Trikaten,Burtneck, Ermes und Helmet. Nur in außergewöhnl. Notlagen behielten sie vorübergehend zur Unterhaltung des Rigaer Ordenshauses weitere Gebiete für sich ein, etwa Segewold, Rositten oder Karkus; 1421 werden die Vogteien W. und Karkus als die zwei einträglichsten Gebiete im Ordensterritorium hingestellt, 1534 wurde Karkus endgültig dem Meistergebiet zugeschlagen. W. hatte nach dem Visitationsbericht von 1451 einen überdurchschnittl. großen Konvent, wenn er auch an die in → Riga und Fellin bei weitem nicht heranragte. Nach derselben Quelle war die W.er Burg in Bezug aufLebensmittel- und Waffenvorräte das am besten versorgte Ordensschloß, es zählte mit → Riga, Fellin und → Reval zu den vier Burgen, deren Besitz im Falle interner Konflikte über die Herrschaft im ganzen Land entschied. Als der Papst die Rigaer Bürgerschaft 1428 ihres Treueides gegenüber dem Orden entbunden hatte und die Lage des Ordensmeisters in der Stadt gefährdet erschien, verlegte er konsequenterweise seinen Sitz für ein Jahrfünft nach W., so daß ihm die dortige Ordensburg als Ausweichquartier und als Nebenres. diente.
Als der Orden → Riga wg. des zunächst erfolgreichen Aufstandes der Bürger mit der Belagerung und dem Abbruch seines dortigen Schlosses Anfang der 1480er Jahre für etwa ein Jahrzehnt gänzl. aufgeben mußte, zog sich der Ordensmeister erneut nach W. zurück, aber jetzt auf Dauer. Denn trotz der erneuten Unterwerfung → Rigas 1491 blieb W. fortan bis zum Untergang der livländ. Ordensherrschaft 1561 sein neues »Haupthaus« oder »Hauptschloß«. Ein Ordensgebietiger setzte 1532 die mögl. Einnahme des W.er Schlosses durch einen Feind mit dem Verlust ganz Livlands gleich,dann würden die Ordensbrüder vom Feind aus dem Land gejagt werden. Zwar machte sich zuweilen eine Neigung für die bedeutende Burg Fellin mit einem großen Ordenskonvent und ansehnl. Einkünften bemerkbar; so soll Ordensmeister Wolter von Plettenberg 1534 seine Hofhaltung mit all seinen in W. befindl. Sachen nach Fellin zu verlegen beabsichtigt haben, und der hochbetagte Ordensmeister Johann von der Recke (1549-51), der vor seiner Wahl viele Jahre lang die Komturei Fellin innegehabt hatte, hielt sich größtenteils in Fellin auf, ohne daß allerdings diese Vorliebe von seinen Nachfolgern nachgeahmtworden wäre. Die Ordensmeister weilten seit dem Ende des 15. Jh.s vornehml. in ihrer W.er Burg, über Wochen und Monate hinweg ununterbrochen, sie verzichteten auf ihre früheren zu Inspektionszwecken durchgeführten Umzüge durch das gesamte Ordensterritorium und suchten nur noch andere Burgen ihres Kammergutes auf wie Rujen, Burtneck und Trikaten im W.er Gebiet oder Tuckum in Kurland; für Landtagsverhandlungen der livländ. Landesherren und Stände war Wolmar der bevorzugte Ort.
Die Entwicklung der bürgerl. Siedlung W., die sich der Burg im S anschmiegte und im 14. Jh. durch eine in Resten noch erhaltene Mauer mit vier Pforten und drei Türmen umspannt wurde, war durch die Lage an der vom Fernhandel genutzten Straße → Riga - → Dorpat - Pleskau begünstigt. Der städt. Charakter ist urkundl. für das frühe 14. Jh. belegt, mit der Erwähnung von Bürgern (1314) und v. a. von Ratmannen (1323) und Bürgermeistern (1365). W. übernahm wie fast alle livländ. Städte das Rigische Recht; im 16. Jh. wurde seine Rechtsverfassung vorbildl. für anderelivländ. Städte, so erhielten etwa die Bürger von Goldingen 1538 alle Rechte der Bürger von W. und Wolmar vom Ordensmeister verbrieft. W. schloß sich der Hanse an und beteiligte sich an deren Vertragsabschlüssen oder stützte sie mit finanziellen Hilfsleistungen, wobei es öfter den Rat von → Riga mit der Wahrnehmung seiner Vertretung auf den Hansetagen beauftragte. Denn W. gehörte mit Pernau, Narva, Fellin und Wolmar zu den »kleinen Städten« oder den »Städtchen« Livlands, die sich in Handels- und Wirtschaftsangelegenheiten in den Schutz und Schirm der drei großen Städte→ Riga, → Reval und → Dorpat begaben. Einige Land- und Städtetage Livlands fanden in W. statt; von ihren Herbergen in der Stadt aus begaben sich die bevollmächtigten Vertreter auf das Ordensschloß zu den Verhandlungen mit dem Ordensmeister und seinen Gebietigern. Die Kaufmannschaft profitierte im 16. Jh. erhebl. vom Rußlandhandel, als Stapelplatz für den Handel über Marienburg nach Pleskau und Nowgorod, durch den Salz und Heringe aus dem W, Wachs und Pelzwerk aus dem O eingeführt wurden; 1471 hatten Nowgoroder und Pleskauer Kaufleute eine Warenniederlageerrichtet. Die Stadt schloß sich 1524/25 der Reformation an, nachdem der Ordensmeister die Predigt des luther. gesinnten Priesters Bernhard Brüggemann hatte erlauben müssen; in der Folge nahm die evangel. Gemeinde die außerhalb der Stadtmauern gelegene Katharinenkapelle in Besitz.
Die zw. 1283 und 1287 von Ordensmeister Wilhelm von Nindorf mit dem Ebf. von → Riga errichtete und dotierte St. Johanniskirche diente den Ordensmeistern seit Johann Freitag von Loringhoven (1483/85-94) als Grablege. Für die erste Hälfte des 16. Jh.s sind Wohnhäuser und Grundstücke in und vor der Stadt im Besitz von Hofpersonal und adligen Räten der Ordensmeister belegt. Einige Male wurden Kanzleiangehörige von diesen zur Belohnung für ihre Dienste mit Häusern belehnt, zuweilen mit dem Recht auf Naturalleistungen oder der Pflicht zur Beherbergung von Amtsträgern des Ordensoder ausländ. Gesandten. Adlige Bedienstete des Ordensmeisters erbauten sich mit Erlaubnis des Ordensmeisters Heinrich von Galen (1551-57) ein Badehaus vor der Stadt.
Im Untergang des livländ. Ordensstaates während des livländ. Krieges (1558-82) wurde die Stadt 1560 von den Russen geplündert, ein Jahr später mußten Burg, Stadt und Vogtei vom letzten Ordensmeister Gotthard Kettler an Polen abgetreten werden, das seinen Besitz trotz einer erfolgreichen Belagerung und kurzen Besetzung der Burg durch die Russen 1577 zu behaupten wußte und ihn im Friedensschluß von 1582 endgültig bestätigt erhielt. Die nachklingende Bedeutung des Ortes zeigte sich darin, daß der poln. Kg. ihn anschl. zum Sitz eines kathol. Bm.s und einer livländ. Wojewodschaft bestimmte.
III.
Die Gestalt der vom Schwertbrüderorden errichteten Burg ist wg. der späteren Bautätigkeit schwer zu bestimmen, auf sie wird wohl die erst vom Deutschen Orden nach 1237 vollendete Kapelle, die Bebauung des daneben gelegenen Gebietes und die unregelmäßige Parchammauer im O und S zurückgehen, so daß der Grundplan den natürl. Bedingungen angepaßt wurde.
Umfassende Umbau- und Erweiterungsarbeiten erfolgten, bedingt durch die gesteigerte Bedeutung der Burg seit der zweiten Hälfte des 14. Jh.s, um 1400, wurden allerdings nicht in allen Punkten vollendet. Von der alten Anlage blieben nur die als Konventskirche genutzte Kapelle in der Ostecke und der anschließende längere, wohl als Kapitelsaal genutzte Raum bestehen, alles übrige wich dem großen, mit drei Flügeln angelegten Konventshaus, an dessen Westecke ein mächtiger viereckiger Turm erstand, dessen Ausbau nicht mehr zustande kam. Der für festl. und hochrangige Zusammenkünfte undVersammlungen gedachte, neben dem Turm gelegene große Saal sollte ursprgl. mit drei Jochen überdeckt werden, blieb dann jedoch ebenso wie die Turmkammer ungewölbt und wurde nur mit einer Holzdecke eingekleidet. Allein der neben dem Festsaal gelegene größte, zweischiffige Raum des Ostflügels, der Remter, wurde in dieser Bauperiode mit schlichten, von Hausteinformen beherrschten Kreuzrippengewölben ausgestattet. Speisesaal und kleiner Remter vervollständigten das Innenraumensemble. Neben der Errichtung des Hauptgebäudes wurde der Wehrgürtel ergänzt, indem das System der drei mitWirtschaftsgebäuden wie Schmiede und Ställen ausgestatteten Vorburgen und der Parchame in der im wesentl. bis zum Ende der Ordenszeit bestehenden Form ausgebaut wurde, woran sich der städt. Wehrgürtel anschloß.
Die zweite große Bauperiode W.s unter Ordensmeister Wolter von Plettenberg (1494-1535), ausgelöst durch die Verlegung der Meisterres. hierher, verstärkte einerseits im Hinblick auf die modernen Feuerwaffen die Wehranlage und steigerte andererseits den künstl. Ausdruck der Innenräume. Dem Hauptgebäude wurden an den diagonal gelegenen Ecken außerhalb der Mauern zwei große Türme angeschlossen, darunter der südliche, als »Langer Hermann« bekannt gewordene Hauptturm, von denen aus die Zugänge zum Schloß mit flankierendem Feuer gesperrt werden konnten; die für Kanonen bestimmten breitenSchießscharten und die Kammern mit Rauchröhren für Hakenbüchsen belegen die wehrtechn. Reaktion auf die Einführung der Feuerwaffen. Der bereits um 1400 begonnene Westturm wurde mit dem Bau des runden oberen Teiles abgeschlossen. Dabei wurde die im unteren Stock liegende sog. Meisterkammer, in der der Ordensmeister etwa Gesandte zu Verhandlungen empfing, mit einem dekorativen, netzgewölbeartigen Sterngewölbe mit 69 Schlußsteinen gedeckt, für das auf der Grundlage des Rippendreistrahls ein in Livland einzigartiges reiches System geschaffen worden ist. Ebensolche Sterngewölbe erhielten auch derneben der Meisterkammer gelegene Festsaal, dessen Länge in vier Gewölbejoche geteilt wurde und dessen Fensterprofile aus Ziegelstein gemauert wurden, und der kleine Remter. Insgesamt erreichte damit der in diesem letzten großen Bauunternehmen des livländ. Ordens aus dem Ziegelgebiet eingedrungene leicht dekorative Baustil seinen Höhepunkt. Die Vorburg wurde, nachdem an ihrer Ostecke bereits in der zweiten Hälfte des 15. Jh.s ein für Feuerwaffen bestimmter Turm errichtet worden war, mit einem zweiten mas- siveren an der im Falle einer Belagerung bes. gefährdeten Westseite ergänzt.Ein Ordensgebietiger hielt allerdings am Ende der Regierungszeit Plettenbergs die gesamte Wehranlage von Stadt, Vorburg und Schloß gegenüber einem mit Feuerwaffen wohl gerüsteten Feind für gefährdet und empfahl für zusätzl. Baumaßnahmen den Einsatz eines belagerungserfahrenen ausländ. Kriegsbaumeisters.
Bei der Belagerung der Burg 1577 wurde der westl. Flügel von den Verteidigern in die Luft gesprengt. Der gründl. Verfall der Anlage setzte in der zweiten Hälfte des 17. Jh.s ein. Ausgrabungen und Erhaltungsmauerungen begannen in der 1. Hälfte des 19. Jh.s, der gefährdete Westturm wurde 1914 in seinen oberen Teilen repariert und mit einem Kegeldach versehen. Die archäolog. Untersuchungen der letzten drei Jahrzehnte haben neben den seit jeher bekannten drei Flügeln auch einen Westflügel nachgewiesen.
Sources
Akten und Recesse der livländischen Ständetage, 1-3, 1907-38. - Livländische Chronik, 1955. - Liv-, Est- und Kurländisches Urkundenbuch I,1-12, 1853-1910, II,1-3, 1900-14. - Livländische Güterurkunden, 1-2, 1908-23.
Literature
Apala, Zigrida: Archäologische Zeugnisse aus der Burg Cēsis/Wenden zur Zeit des Livländischen Krieges, in: Wolter von Plettenberg und das mittelalterliche Livland, hg. von Norbert Angermann und Ilgvars Misāns, Lüneburg 2001 (Schriften der Baltischen Historischen Kommission, 7), S. 199-228. - Chronologie, 1879. - Burgenlexikon für Alt-Livland, 1, 1922. - Baltisches historisches Ortslexikon, 2, 1990. - Neitmann 1993. -Neitmann, Klaus: Rat und Ratsgebietiger Wolters von Plettenberg. Beobachtungen zum Regierungs- und Verwaltungsstil des Ordensmeisters, in: Wolter von Plettenberg und das mittelalterliche Livland, hg. von Norbert Angermann und Ilgvars Misāns, Lüneburg 2001 (Schriften der Baltischen Historischen Kommission, 7), S. 85-111. - Tuulse 1942. - Ligers, Ziedonis: Geschichte der baltischen Städte. Von ihren Anfängen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, Bern1948.