Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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TORGAU C.2.

I.

Torgua (vor 1004 zu 966); Torguo (973); Turgua (1004); Thurgowe (1119); Thurugowe (1181); Torgowe (1234); Turgowe (1252); Turgow (1350); Turgow (1362); Thurgaw (1406); Torgaw (1485) - der altsorb. Ortsname geht auf *torg und Suffix -ov auf Markt, Marktort zurück und bezieht sich auf einen Handelsplatz, der imFalle von T. mit einer Elbfurt und späteren Brücke bezogen ist. - rechteckiges steiles Porphyrplateau am westl. Elbufer, ursprgl. slaw. Burg, dann Burgwardort? (HONB II, 2001, S. 512.) Häufige Aufenthalte der → Wettiner zur Jagd (13.-14. Jh.), Winterres. und Prinzenhof (Anfang 15. Jh.), Nebenres. der albertin. Wettiner (Ende 15. - Mitte 17. Jh.) - in der Neuzeit Sitz des Amtmannes, 1952-1990 Kreisstadt im Bezirk Leipzig, seit 1991 Große Kreisstadt T. - D, Sachsen, Regbez. Leipzig, Landkr. T.-Oschatz.

II.

Der Ort entwickelte sich aus einer slaw. Burg auf einem Hochplateau westl. der Elbe an der Kreuzung der Salzstraße aus → Halle und der Verkehrsverbindung von → Merseburg, → Naumburg und → Leipzig, die sich östl. von T. in Richtung → Schlesien (Niedere Straße) und Frankfurt (Oder) wieder teilten. Die in den Rathauskomplex eingebundene roman. Nikolaikirche weist durch ihr Patrozinium auf die ursprgl. Bedeutung als Handelsplatz hin. 973 schenkte Ks. Otto II. aus dem Gau Nisizi dem → MagdeburgerErzstift den Kleingau Neletiki ubi Turguo stat, doch bereits um 1063/66 unterstand das T.er Gebiet dem Bm. → Meißen, bei dem es auch verblieb. 1119 werden erstmalig die Marienkirche (später Stadtkirche) und der Markt urkundl. erwähnt, wohl im Schutze vor der Burg gelegen. Ab 1131 gehörte T. den Wettinern, die es durch Vögte verwalten ließen. Die Burgmannsiedlung lag nordwestl. der Burg. Bedingt durch die Straßenkreuzung, den Markt und eine Kaufmannssiedlung kam es im Verlaufe des ausgehenden 12. bis beginnenden 13. Jh. zu einer vermutl. mehrphasigenplanmäßigen Stadterweiterung im westl. Teil des Hochplateaus und zur Anlage eines Viereckmarktes mit gerader Straßenführung. Die Anlage wurde durch vier Stadttore und einen Mauerring (1333 Ersterwähnung) geschützt. Mitte des 13. Jh.s verfügte T. über Stadtrecht, die niedere Gerichtsbarkeit (1375) und das Obergericht (1379). Neben dem Handel mit landwirtschaftl. Produkten und Tuchen wurde auf dem Markt bes. mit Salz und einheim. Bier als Exportprodukt gehandelt.

Mit der Schaffung einer Kanzlei in T. zu Beginn des 15. Jh.s und dem festen Turnus eines 17-wöchigen Aufenthaltes des wettin. Hofes in T. lt. Hofordnung von 1456 kam es zu einer Zunahme der Bevölkerung, die im Dienste des Hofes stand. Neben Zuzug gebildeter bürgerl. Kräfte für die Verwaltung erhielten auch T.er Bürger Ämter am Hof. Von Spannungen zw. den Einw.n und dem höf. Personal ist nichts überliefert.

III.

Die Anfänge eines befestigten Mittelpunktes an der Stelle des heutigen Schlosses Hartenfels reichen bis in die slaw. Zeit zurück. 1964 wurden bei Schachtarbeiten zw. dem Flügel D und dem Eingang zum Kleinen Wendelstein die Reste einer Befestigung entdeckt. Diese bilden den Ausgangspunkt für die Entwicklung der Burg, die die Wettiner bis um 1400 vorrangig bei Jagdaufenthalten in der T.er Heide aufsuchten. Erst danach entfaltete sich T. als Nebenres., die v. a. im Winter aufgesucht wurde. Damit einher gingen umfangr. Um- und Ausbauten, die die ursprgl. Ausmaßeder Jagdburg völlig verunklarten.

Der Vollender der → Meißner Albrechtsburg, Konrad Pflüger, errichtete in den Jahren 1482/85 den sog. Albrechtsbau, der nun Hartenfels gen. wird. Die planer. Vorarbeiten lagen in den Jahren 1468/69 bei Arnold von Westfalen. 1471 kontrollierte er die Arbeiten am alten Wendelstein am Flügel B, der nach einem Brand 1791 schlicht wieder aufgebaut wurde. Der Albrechts-Bau oder Flügel D gen. umfaßte im Erdgeschoß den Küchentrakt und in den Obergeschossen Räume für die Verwaltung sowie einen Festsaal. Der dazugehörige Wendelstein zeigt im Inneren spätgot. Portale und als oberen Abschlußein Netzgewölbe.

Zw. 1533 und 1540 entstand nach Plänen von Konrad Krebs aus → Coburg der Johann-Friedrich-Bau (Flügel C) mit seinem einmaligen Großen Wendelstein als dem repräsentativsten Teil der Schloßanlage. Dieses auf einer quadrat. Grundplatte ruhende und von Pfeilern getragene Gehäuse ist stark gegliedert und reichl. mit Ornamentschmuck verziert. Der Baumeister hat sich mit einem Bildnis im Schlußstein verewigt. Ursprgl. waren der Große Wendelstein, der Schöne Erker, die doppelte Loggia und die Galerie farbig gefaßt und teilw. vergoldet. In diesem Bau befanden sich die kfsl.Repräsentationsräume wie der ca. 600 m2 große Festsaal, zwei weitere kleine Säle, Wohnräume für Gäste, die Prälatenstube sowie der Spiegelsaal. Die fein gegliederte Fassade zeigt zum Innenhof die typ. Vorhangbogenfenster wie auf der Albrechtsburg in → Meißen. Um 1540 erfolgte der Ausbau von Flügel B mit rundem Turm, um hier die Wohngemächer der Familie einzurichten. Nach dem Tode von Baumeister Krebs 1540 übernimmt die Fortführung der Arbeiten Andreas Günther und nach dessem Ableben 1542 setzt die Arbeiten Nickel Grohmann fort. Das Amtszimmer des Kfs.en ziert ander Hofseite der Schöne Erker vom Jahre 1544. Zwei Medaillons mit Darstellungen der Lukretia und der Judith weisen im Zentrum des Erkers auf die Tugenden. Laubengänge stellten die Verbindung zum Flügel C her. Der linke Teil des Flügels wurde als Schloßkirche konzipiert und 1543/44 unter Verwendung abgebrochener got. Bauteile aus der Lichtenburg bei Prettin im Typus einer Saalkirche als erster protestant. Kirchenbau errichtet. Martin Luther weihte die Kirche 1544. Der rechteckige Grdr. beachtet die Symmetrie der Fensterachsen an der Hoffront. Im Inneren tragen Wandpfeiler die spätgot.Einwölbung und die umlaufenden Emporen.

1623 wies Kfs. Johann-Georg die Baumeister Hans Steger und Andreas Schwarz an, einen neuen Schloßflügel zu errichten. Der Johann-Georg-Bau (Flügel A) schloß die großzügige und unregelmäßige Vierflügelanlage ab. Durch den Flügel A führt der neue Hauptzugang mit steinerner Brücke über den Bärengarten (1425 Ersterwähnung) in den Innenhof. Der Portalbogen zeigt das große kursächs. Wappen mit allen Besitzungen der Wettiner.

Mit der Aufgabe der Res. in T. gingen der Verlust der histor. Raumaufteilung und zahlr. Architekturdenkmale einher. Nach der Plünderung im Siebenjährigen Krieg wurde das Schloß Arbeits- und Zuchthaus. Zu Beginn des 19. Jh.s erfolgte der Umbau als preuß. Garnison und verblieb in dieser Nutzung bis 1905. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Schloß zu Wohn- und Gewerbezwecken genutzt. Seit 1991 laufen umfangr. Restaurierungsarbeiten am gesamten Komplex.

1505 bestallte Kf. Friedrich der Weise Lukas Cranach d. Ä. zum Hofmaler. Er hat wesentl. zur Ausstrahlung des T.er Hofes beigetragen. Die Cranach-Werkstatt übernahm 1545 die Farbgestaltung der Schloßfassade, wobei Reste am Schönen Erker sich erhalten haben. Etwa zeitgl. mit Lukas Cranach ist der erste Hofnarr mit den Namen Claus Narr belegt, dessen Possen seit dem 16. Jh. publiziert wurden und der als Prototyp eines Hofnarren gilt.

1408 ließ Mgf. Friedrich der Streitbare von Meißen mit dem Ausbau der Burg zur Nebenres. auch Gebäude zur Unterbringung der Verwaltung errichten. Innerhalb des Burgkomplexes entstand ein Kanzleihaus, das aber in den Jahren um 1535 außerhalb des Schloßareals einen Neubau erhielt. Östl. der Marienkirche wurde in Art und Struktur eine Art Regierungsviertel im Stile der Renaissance, bestehend aus Kornhaus, Schösserei und Kanzlei, errichtet und somit Verwaltung und kfsl. Hofhaltung getrennt. Die Gliederung des Kanzleihausgiebels ist mit der des Flügels C des Schlosses ident. und weist ihn somitopt. als Teil der Res. aus. Nur in dem der Öffentlichkeit zugängl. ersten Obergeschoß betrieb man erhöhten gestalter. Aufwand in Bezug auf Holzbalkendecken und Rundbogenportale aus Sandstein. Alle anderen Räume waren funktional gegliedert.

Sources

CDSR I,B, 1-4, 1899-1941. - HONB II, 2001, S. 512. - Urkundenbuch der Stadt Torgau, hg. von Karl Knabe, Torgau 1896.

Blaschke, Karlheinz: Die geschichtliche Entwicklung der Stadt Torgau von den Anfängen bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts, in: Die Denkmale der Stadt Torgau, hg. von Peter Findeisen und Heinrich Magirius, Leipzig 1976, S. 13-37. - Harksen, Sibylle: Beziehungen zwischen dem Torgauer und dem Dessauer Schloß, in: Sächsische Heimatblätter 8 (1962) S. 384-388. - Henze, Ernst: Geschichte der ehemaligen Kur- und ResidenzstadtTorgau, Torgau 1925. - Hoppe 1996. - Knabe, Karl: Das Amt Torgau, in: Publikationen des Altertumsvereins zu Torgau 1 (1887) S. 1-34. - Knabe, Karl: Historisch-statistische Nachrichten von dem kursächsischen Amt Torgau, in: Programm des Gymnasiums zu Torgau, Torgau 1887, S. 1-17. - Lissner, Eberhard: Zur Geschichte des Schlosses Hartenfels in Torgau, Torgau 1985 (Schriftenreihe des Kreismuseums Torgau, Schloß Hartenfels, 2). - Mielsch, Rudolf: Theaterund Musik am Hofe der sächsischen Kurfürsten in Torgau, in: Sächsische Heimat 4 (1920/21) S. 275-277. - Mielsch, Rudolf: Torgau, Dresden 1936 (Geschichtliche Wanderfahrten, 46). - Schirmer, Uwe: Untersuchungen zur Herrschaftspraxis der Kurfürsten und Herzöge von Sachsen. Institutionen und Funktionseliten (1485-1513), in: Das kurfürstliche Kanzleihaus zu Torgau. Erkenntnisse zur Bau- und Nutzungsgeschichte Torgau 2001 (Schriften des Torgauer Geschichtsvereins, 2), S. 47-74. - Streich 1989. -Streich 1990. - Thulin, Oskar: Schloß und Schloßkirche in Torgau, Berlin 1963. - Vogt, Heinz-Joachim: Archäologische Untersuchungen im Altstadtbereich von Torgau, in: Ausgrabungen und Funde 37 (1992) S. 46-53. - Vogt, Heinz-Joachim: Torgau, in: Corpus archäologischer Quellen zur Frühgeschichte auf dem Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik (7. bis 12. Jahrhundert), hg. von Joachim Herrmann und Peter Donat, 4. Lfg.,Bezirke Cottbus, Dresden, Karl-Marx-Stadt, Leipzig, Berlin 1985, S. 315-316. - Zunker, Jürgen: Ergebnisse der bau- und farbarchäologischen Untersuchungen am Nordflügel des Schlosses Hartenfels in Torgau, in: Historische Bauforschung in Sachsen, hg. vom Landesamt für Denkmalpflege, Dresden 2000, S. 224-237 (Arbeitsheft 4, Landesamt für Denkmalpflege).