NEUHAUS C.3.
I.
Nyenhus (ca. 1165), Nienhus, Nienhusen, Nova Domus, Nyenhuiss (1445), Neuenhauß (1589), Newehaus (1618) - Stadtteil von Paderborn - Hochstift Paderborn - Wasserschloß - Hauptres. der Bf.e von Paderborn 1275-1802. - D, Nordrhein-Westfalen, Reg.bez. Detmold, Kr. Paderborn.
II.
N. liegt im Mündungswinkel von Lippe, Pader und Alme auf eher sumpfigem Gelände. Schon 1036 ist dort ein Oberhof bezeugt. Im 13. Jh. kam es vermehrt zu Auseinandersetzungen zw. den Bf.en und der Stadt → Paderborn und 1274 zum endgültigen Bruch mit der Stadt. Der Grund des Streites ist nicht ganz klar. Möglicherw. ging es um die Gerichtsbarkeit über Bäcker und Bierbrauer. Es kam in → Soest zu einem Rechtsspruch, den die Bürger gewannen. Bf. Simon I. zur Lippe (1247-77) residierte daraufhin gelegentl. in Salzkotten und N. N. bot sich alsRes. an, da es dort bereits einen bfl. Hof gab, der zudem in der Nähe der Hauptstadt lag. Darüber hinaus war dieser Platz durch den Zusammenfluß von Lippe, Pader und Alme ausgezeichnet für eine Befestigung geeignet. Im Febr. und im Dez. 1275 stellte Bf. Simon schon Urk.n in N. aus. Simons Nachfolger, Bf. Otto von Rietberg (1277-1307), übernahm N. als Res. Bf. Heinrich von Spiegel (1361-80) entschloß sich, aus N. eine bleibende Res. zu machen. Gleichzeitig verzichtete er auf das Palastgrundstück in → Paderborn. Die endgültige Verlagerung der Res. von → Paderborn nach N.war damit abgeschlossen. Im 15. Jh. war das Schloß zwar offizielle Res. der Paderborner Bf.e, diente aber überwiegend nur als milit. Stützpunkt, so etwa unter dem Kölner Erzbf. Dietrich von Moers während der Soester Fehde (1444-49). Schloß N. war seit dem Beginn der Ämterbildung im Fsm. Paderborn im 13. Jh. Sitz einer Amtsverwaltung, der ein Amtmann oder Droste vorstand. Die Amtsrechnungen der Jahre 1445-47 belegen ca. 30 Bedienstete, die dauerhaft im Schloß oder im dazugehörigen Vorwerk lebten.
Der dem Schloß vorgelagerte Ort erhielt von Bf. Simon III. (1463-98) Freiheiten, die ihm aber noch keine Selbstverwaltung gewährten. 1588 erhält der Ort Weichbildrechte, 1620 wird er zum Residenzflecken, entwickelt sich aber aufgrund der Nähe zu → Paderborn nicht zu einer größeren Siedlung. Ein Grundrißplan von 1675 zeigt neben der rechteckig eingefaßten Schloßgräfte die Pfarrkirche, die offenbar noch eine wehrhafte Ummauerung hatte. Der Plan läßt auch die ma. Wachstumsphasen erkennen. Die Hauptverkehrsachsen verlaufen durch die drei Stadttore, während der Straßenzug vom»Lippetor« bis zum »Elsertor« (Almetor) den Ort in zwei etwa gleich große Bauernschaften unterteilte.
III.
Das heutige Schloß N. ist in mehreren Bauphasen entstanden, von denen die älteste ins 14. Jh. zurückreicht. Die einzelnen Bauabschnitte tragen die Namen der Bf.e unter denen sie entstanden sind. Dementsprechend gibt es in chronolog. Reihenfolge Haus Spiegel (14. Jh.), Haus Braunschweig, Haus Köln, Haus Kerrsenbrock und Haus Fürstenberg (alle 16. Jh.). Von den drei Bauten Braunschweig, Köln und Kerssenbrock sind der erste mit Sicherheit und die beiden anderen wahrscheinl. unter Leitung des Baumeisters Jörg Unkair aus → Tübingen entstanden. Beim BauBraunschweig handelt es sich um das erste gesicherte Werk Unkairs. Der Baumeister des Hauses Fürstenberg war der aus Wewelsburg stammende Hermann Baumhäuser. Alle wichtigen Bauphasen sind durch Wappen dokumentiert, die älteren allerdings nur in chronikal. Überlieferung. Am Schloß sind zudem 87 unterschiedl. Steinmetzzeichen erhalten. Einige dieser Steinmetzzeichen finden sich auch in → Petershagen, der Res. der Bf.e von → Minden, die ebenfalls von Jörg Unkair errichtet wurde. Die 1547 durch den Schmalkaldischen Krieg unterbrochenen Bauarbeiten in → Petershagengaben Bf. Kerssenbrock die Möglichkeit, die freigewordenen Steinmetze unmittelbar nach N. zu holen.
Schon 1205 soll es an dieser Stelle ein zum »Wohnen geeignetes Bauwerk« gegeben haben, wie eine Anfrage des Domkapitels von Le Mans vermuten läßt. Spuren davon haben sich aber nicht erhalten. Gobelinus Person spricht zum Jahre 1277 von Novum castrum, möglicherw. war dort kurz vor oder nach der Umsiedlung Bf. Simons I. von → Paderborn nach N. 1275 ein neues »befestigtes« Haus entstanden. Der älteste, heute erhaltenen Teil, unter Bf. Heinrich von Spiegel (1361-80) entstanden, ist ein zweigeschossiger Wohnblock, der aber vermutl.hauptsächl. als Zufluchtsort diente und von weiteren Häusern umgeben war. Dieser Bau bildet den Westflügel der heutigen Anlage. Über 100 Jahre lang fanden keine einscheidenden Veränderungen statt, dann beginnt unter Bf. Hzg. Erich von Braunschweig-Grubenhagen (1509-32) die bedeutendste Bauperiode der Res. Vermutl. war das für Verteidigungszwecke gut geeignete Haus Spiegel für die gestiegenen Wohn- und Repräsentationsbedürfnisse der Fbf.e nicht mehr ausreichend. Bis zum Ende des Fsm.s enthielt Haus Braunschweig die wichtigsten Gemächer und Räume. So waren in ihm der Thronsaal und diePrivaträume des Bf.s zu finden. Hermann von Wied (1532-46), auch Ebf. von → Köln, verband 1534 oder 1536 die Häuser Spiegel und Braunschweig durch einen weiteren Trakt, den »Kölnischen Hof« zu einer rechtwinkligen Flügelanlage. Bf. Rembert von Kerssenbrock (1547-68) ließ danach im O rechtwinklig zum Haus Braunschweig einen weiteren Teil anbauen, dadurch entstand eine Dreiflügelanlage mit zwei ungleich langen Seitenflügeln. In diesem Neubau befanden sich u. a. Wirtschaftsräume und Kammern für die Bediensteten. Der SO-Treppenturm wird in jüngster Zeit ebenfalls in die Bauphase unterKerssenbrock um 1548 dat.
Seinen zweiten baugeschichtl. Höhepunkt erreichte das Wasserschloß unter Bf. Dietrich von Fürstenberg (1585-1618), der gleich nach seiner Wahl den Bau des Nordflügels begann. 1591 wurde der Trakt fertiggestellt und wirkte mit seinen fünf Zwerchhäusern, dem großen Zwerchhaus an der Hofseite, den durch Lisenen gegliederten Fensterachsen mit dreiteiligen Fenstern und mit den prächtigen Turmportalen beispielgebend für nachfolgende Bauten der Weserrenaissance. Die Neu- und Umbauten unter Dietrich von Fürstenberg dienten v. a. auch den in der zeiten Hälfte des 16. Jh.s gestiegenen Ansprüchender bfl. Repräsentation. Zur repräsentativen Ausgestaltung des Residenzschlosses gehört u. a. der einzige erhaltene Kamin aus der Zeit Dietrichs von Fürstenberg mit der Darstellung der Aktäonsage im Friesrelief aber auch die Gestaltung der Hoffassade am neu entstandenen Nordflügel, die einen bes. prunkvollen Schmuck aufweist. Neue Rekonstruktionen haben ergeben, daß der Blick des den Hof betretenden Besuchers bewußt auf die Fassade mit ihrem symbol. Bauschmuck gelenkt wurde. Darunter befanden sich Wappen und Büsten der Familie Fürstenberg, die Tugenden Barmherzigkeit und Gerechtigkeit und eineSkulptur der Lucrezia. Der Neptunbrunnen im Innenhof verwies mit seinen mytholog. Darstellungen am Brunnenbecken auf die geograph. Lage des Schlosses am Zusammenfluß dreier Flüsse und symbolisierte gleichzeitig Überfluß und Reichtum. Die Bedeutung N.' für die Bf.e von Paderborn zeigt sich auch in den schriftl. Quellen. Bereits im 15. Jh. beginnt die Chronistik die Geschichte des Residenzortes niederzulegen, im 17. Jh. wird »nachgewiesen«, daß N. das von Drusus i. J. 11 von Chr. gegen die Sigambrer errichtete Kastell Aliso gewesen sei. Ebenso wird über eine Burg aus dem 10. Jh. berichtet.Auch die Grablege Fbf. Dietrichs von Fürstenberg im Paderborner Dom, ein noch zu Lebzeiten von dem Bildhauer Heinrich Gröninger errichteter 13 m hoher und bis zu 7 m breiter prunkvoller Epitaph, demonstriert die Bedeutung des Residenzbaus. Auf der Abschlußplatte sind die drei wichtigsten Bauwerke abgebildet, die unter Fürstenberg entstanden sind, darunter links das Schloß N.
Sources
SA Münster, Fürstentum Paderborn, Amt Neuhaus, Kornrechnungen, Amt Neuhaus, Rechnungen; Kanzlei III; Geheime Kanzlei; Hofkammer. - Westfälisches Urkundenbuch, 1, 1847; 5, 1894; 10, 1978-86.
Literature
Becker, Walter: Schloß Neuhaus, das ehemalige Wohngebäude der Paderborner Bischöfe, Paderborn 1970. - Drescher, Gerhard: Die Steinmetzzeichen am Neuhäuser Schloß, in: Schloß Neuhaus, 1994, S. 30-43. - Graen, Monika: Residenz Schloß Neuhaus, München und Zürich 1992 (Kleine Kunstführer des Weserrenais- sance-Museums Schloß Brake, 7). - Hansmann, Wolfgang: Baumeister und Steinmetzen des Neuhäuser Schlosses (1524-1734). Ein Beitrag zurBaugeschichte des Schlosses, in: Schloß Neuhaus, 1994, S. 44-91. - Lange, Helmar: Das Residenzschloß Neuhaus bei Paderborn, eine bau- und kunstgeschichtliche Betrachtung. Der Baumeister Jörg Unkair, seine Werke und Bedeutung, Diss. Univ. Bochum 1978. - Pavlicic, Michael: Der bischöfliche Haupthof Neuhaus, in: Die Warte 50 (1986) S. 5-8. - Pavlicic, Michael: Neuhäuser Schloß- und Stadtansichten aus früheren Jahrhunderten, Tl. 1: Die Abbildungen des 16. und 17. Jahrhunderts, in: Schloß Neuhaus, 1994, S. 7-20.- Rade, Hans Jürgen: Die Bewohner des Schlosses Neuhaus nach den Rechnungen des Amtes Neuhaus von 1445-1447, in: Schloß Neuhaus, 1994, S. 21-29. - Soenke, Jürgen: Jörg Unkair. Baumeister und Bildhauer der frühen Weserrenaissance, Minden 1958. - Wurm, Franz Friedrich/Michels, Paul/Middeke, Joseph: Schloß Neuhaus. Geschichte von Schloß und Ort, Paderborn 1936.