MARIENWERDER C.3. (Kwidzyn)
I.
Insula sancte Marie, Mergenwerder, Merginwerder u. ä. - Stadt an der Weichselniederung im Deutschordensland Preußen. Seit 1254 Kathedralort des Bm.s Pomesanien, 1285-1527 Sitz des Domkapitels. Burg auf einer Anhöhe südl. der Stadt bis 1254 im Besitz des → Deutschen Ordens, bis etwa 1360 Haupt-, später Nebenres. der Bf.e von Pomesanien. - PL, Wojewodschaft Pomorskie.
II.
Die Gründung M.s fällt in die Anfangsjahre der Eroberungszüge, die der → Deutsche Orden seit 1231 mit Unterstützung zahlr. Kreuzfahrer in das Preußenland unternahm. Anstelle einer pruß. Befestigung errichtete der Orden die Burg 1233 auf einem vor einer Hochfläche stehenden Bergrücken über der Niederung der Flüsse Liebe und Weichsel und sicherte sich so die strateg. wichtige Verkehrsverbindung für seine weiteren Züge entlang von Weichsel und Nogat.
Die 1234 nördl. der Burg begründete Stadt wurde wohl während der Kämpfe des Ersten Prußenaufstandes (ab 1242) vernichtet. Nach der Teilung der Diöz. Pomesanien gingen die Burg und die weitgehend unbewohnte Stadt 1254 in den Besitz des pomesan. Bf.s über, der M. zum Kathedralort des neuen Bm.s bestimmte. Aufgrund der anhaltenden Kämpfe mit den heidn. Prußen weilten die ersten Bf.e aber zumeist außerhalb Preußens; die Aufsicht über Burg und Stadt überließ der Bf. der bedeutendsten Vasallenfamilie des Stifts (Stange). Die Neubesiedlung M.s erlitt um 1270 schwere Rückschläge, als die Stadt inden Kämpfen des Zweiten Prußenaufstandes (1260-73) zweimal niedergebrannt wurde; die Bewohner konnten sich auf die befestigte Burg flüchten.
Das 1285 am Dom zu M. gestiftete Domkapitel erhielt vom Bf. etwa 1310/15 ein Gebiet im NW der Stadt und errichtete dort eine eigene Burg, an deren Ostflügel seit etwa 1342 anstelle der Stadtpfarrkirche ein großer Dombau angeschlossen wurde. Die Ausweitung der Kapitelsbesitzungen in und um M. führte während des 14. Jh.s wiederholt zu Auseinandersetzungen mit der Gemeinde. Sie waren Anlaß für die Erneuerung der Stadthandfeste 1336 und zwangen den pomesan. Bf. als Stadtherren 1393 und 1399 erneut zur Vermittlung. Trotz der alles überragenden Domburg blieb M. das gesamte MA über aber einevom Bf. kontrollierte Stadt. Die Jurisdiktion innerhalb der Stadtmauern war einem vom Bf. eingesetzten Schulzen vorbehalten, an der Spitze des Schöffengerichts stand der bfl. Vogt. Die wirtschaftl. Notlage der Gemeinde infolge der wiederholten Verwüstungen der Stadt 1414, 1460, 1478 und 1521 verhinderte den Erwerb bfl. Rechte durch die Bürgerschaft und eine Emanzipation aus der stadtherrl. Kontrolle.
Mit dem Ausbau des Schlosses in → Riesenburg zur neuen bfl. Res. seit den zwanziger Jahren des 14. Jh.s verlor die Burg im S M.s ab etwa 1360 zwar zunehmend an Bedeutung, doch sind regelmäßige Aufenthalte der Bf.e noch bis in die zweite Hälfte des 15. Jh.s bezeugt. Spätestens aus den Belagerungen M.s 1479/80 und 1520/21 scheint das Schloß jedoch schwere Schäden davongetragen zu haben. Mit der Säkularisierung des Stifts ging die Ruine 1527 in den Besitz Hzg. Albrechts über, der Bf. Paul Speratus von Pomesanien als Ausgleich für dessen Wiederherstellungsarbeiten am Dom 1539 gestattete,vom Schloß 100 000 Mauersteine abbrechen zu lassen. Nach einem großen Brand M.s im folgenden Jahr überließ der Hzg. dem Bf. zum Wiederaufbau des vor der Stadt gelegenen Malzhauses weitere Mauersteine und Ziegel. 1586 erhielt die Stadt von hzgl. Visitatoren die Erlaubnis, die verbliebenen Steine zum Bau einer neuen Schule zu verwenden. Weitere Abbrucharbeiten und die Aufschüttung der Gräben erfolgten bis ins 19. Jh. und ließen von der Anlage kaum noch sichtbare Spuren zurück.
III.
Nach den 1929-32 durchgeführten Grabungen scheint der → Deutsche Orden den pruß. Vorgängerbau, eine durch Holz-Lehm-Mauern umfaßte ovale Befestigung, zunächst an einigen Stellen verstärkt zu haben, bevor die pruß. Befestigungen (wohl noch in der Mitte des 13. Jh.s) durch vorgesetzte Steinmauern in einem mehr rechteckigen Grdr. verstärkt und später abgetragen wurden. Die Ost- und Westmauern hatten eine Länge von 29, die südl. und nördl. von etwa 50 m. Die Zwingeranlage im O wurde durch einen vor die Mauer gesetzten Torturm gesichert. Ander Südwestecke befand sich ein Bergfried, nach S ließen sich Reste einer Parchammauer nachweisen. Die Vorburg im O, die wohl durch einen Turm von gut 14 m Durchmesser gesichert wurde, war durch einen tiefen, teilw. natürl. Graben vom Haupthaus getrennt, über den eine Brücke mit massiven Pfeilern führte.
Wohl erst in bfl. Zeit wurde an der Südfront ein mit Gewölben unterkellertes und beheizbares Gebäude errichtet, das vermutl. zweistöckig war. Von seinen Räumlichkeiten werden im 14. und 15. Jh. ein Refektorium, ein Winterrefektorium, eine bfl. aula, eine Kapelle, die wohl kein eigenständiger Bau war, sowie die stubella maior des Bf.s als Ausstellungsorte von Urk.n erwähnt.
Sources
Regesta historico-diplomatica Ordinis S. Mariae Theutonicorum, 1-2, 1948-73. - Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin, XX. Hauptabteilung (historisches SA Königsberg): Urkunden (bes. Schiebladen XXII, XXIII und L), Ordensbriefarchiv, Ordensfolianten (bes. Nr. 115 und 116), Ostpreußische Folianten (bes. Nr. 119 und 132), Etatsministerium (bes. Abt. 94, 95 und 128). - Urkundenbuch Pomesanien, 1885-87. - Preußisches Urkundenbuch, 1-6, 1882-2000.
Literature
Heym, Waldemar: Das »Altschlößchen« in Marienwerder. Eine Burg Alt-Preußens, eine Burg des Deutschen Ritter-Ordens, eine Burg des Bischofs von Pomesanien, in: Zeitschrift des Historischen Vereins für den Regierungsbezirk Marienwerder 69 (1933) S. 1-28. - Töppen, Max: Geschichte der Stadt Marienwerder und ihrer Kunstbauten. Mit einem Plane der Stadt sowie mit Grundrissen und Aufrissen der Domkirche und des Domschlosses auf vier Tafeln in Steindruck, Marienwerder 1875, S. 1-7 und 48-51. -Wernicke, Erich: Marienwerder. Geschichte der ältesten Stadt der reichsdeutschen Ostmark, Marienwerder 1933.