KIEL C.7.
I.
Civitas Holsatiae (1242); civitas Kyl (1259); der stadt tome Kyle (1318); in castro nostro Kyl (1322); Kil (1470); Kiell (1586). Stadt und Burg, seit dem 16. Jh. Schloß.
Vom 13. bis 15. Jh. schauenburg. Res. am Ufer der tief eingeschnittenen, gleichnamigen Förde, seit dem 15. Jh. wiederholt Witwensitz. Im 16. Jh. Gottorfer Nebenres., nach der Abtretung von Schloß → Gottorf 1713 an die dän. Krone zeitweilig Hauptres. der reg. Hzg.e und nachmaligen russ. Großfs.en, 1773 an Dänemark, 1865 an Preußen. 1880-1918 Stadtres. des Prinzen Heinrich von Preußen.
K. seit 1665 Universitätsstadt, 1867 Flottenstützpunkt des Norddeutschen Bundes, 1871 Reichskriegshafen. Seit dem Zweiten Weltkrieg Schleswig-Holsteinische Landeshauptstadt. - D, Schleswig-Holstein, kreisfr. Stadt.
II.
Die Stadt, benannt nach dem »Kiel«, der alten Bezeichnung der keilartig sich verjüngenden Förde (Laur 1967, S. 130), wurde 1242 mit lüb. Recht begabt und verdankt ihre Gründung dem von Gf. Adolf IV. von Schauenburg (reg. 1225-39) und seinen Söhnen nach dem Sieg über die Dänen 1227 in Ostholstein planvoll beendeten Siedlungswerk. Wie im zwei Jahre jüngeren Neustadt/Holst. folgt die regelmäßige, noch heute in ihren Hauptlinien ablesbare Grundrißkonzeption mit zentralem vierseitigem Marktplatz, dem Rathaus und Stadtpfarrkirchezugeordnet sind, und je zwei von den Marktecken rechtwinklig abgehenden Straßen, einem im ostdt. Kolonisationsgebiet weit verbreiteten Schema. Die auf drei Seiten von Wasser umschlossene Lage auf einer natürl. Halbinsel im Bereich der Innenförde bot günstige Voraussetzungen für den Schutz vor Angriffen von außen. Auf der höchsten Stelle (ca. 10 m ü.d.M) der nach N ungesicherten schmalen Landbrükke entstand eine landesherrl. Burg, auf der dem Meer abgewandten Seite der Halbinsel ein Franziskanerkl., in dem Adolf IV. 1261 nach Übergabe der Regierungsgeschäfte an seine Söhne als Mönch starb undin dessen Kirche er auch beigesetzt wurde. Ein um die Mitte des 14. Jh.s in kommemorativer Absicht gesetzter Grabstein hat sich - sekundär aufgestellt und in der bildl. Wiedergabe unzuverlässig überarbeitet - im stark veränderten Nordflügel der ehemaligen Klausur, dem heute einzigen baul. Rest des Kl.s, erhalten.
Von 1272 an regierte in Kiel Gf. Johann II. von Schauenburg. Nach seinem Tode (um 1321) fiel die Burg zunächst an die Plöner Linie, mit deren Aussterben 1390 an die Rendsburger Linie der Schauenburger. Mit dem Herrschaftswechsel an das Haus der Oldenburger 1460 besiegelten der dän. Kg. und die Ritterschaft des Landes im Anschluß an den Vertrag von Ripen, demzufolge → Schleswig und Holstein künftig in Personalunion mit Dänemark verbunden sein sollten (up ewig ungedeelt), zu K. den polit. folgenreichen Zusatz der »Tapferen Verbesserung«, die die Macht derStände bes. hervorhob. Unter den Hzg.en Friedrich I. und Adolf von Schleswig-Holstein-Gottorf erlebte die K.er Res. ihre eigentl. Blütezeit. In zwei großen Bauabschnitten wandelte sich im 16. Jh. die ma. Burg zum zeitgemäßen Renaissanceschloß, das v. a. von Adolf durchaus in Konkurrenz zu → Gottorf gefördert wurde und daraufhin wiederholt als fsl. Witwensitz diente.
III.
Von der relativ bescheidenen schauenburg. Burg aus der Gründungszeit der Stadt, deren Spuren im Rahmen von Ausgrabungen 1960-62 durch Carl-Heinrich Seebach nachgewiesen werden konnten, wissen wir wenig. Gf. Johann II. bekundete nach seiner Rückkehr aus Vertreibung und Gefangenschaft 1317 seinen Willen, »weder einen Turm in der Burg, noch eine Brücke von der Burg, noch irgendwelche neue Gebäude, außer- oder innerhalb der Stadt [...] erbauen oder konstruieren [zu] lassen« (Seebach 1965, S. 13). Indirekt ist hieraus auf einenfrühen Burggraben zu schließen, der den landesherrl. Ansitz und - bei der von Seebach vermuteten Lage im nördl. Außenbereich - auch die Stadt mit beschützte. Um 1500, unter der Regierung Hzg. Friedrichs I. von Schleswig-Holstein, begann eine anspruchsvolle Umgestaltung. Damals entstand das sog. »Neue Haus«, dessen Längsseiten zum oberen Schloßplatz und zur Stadt hin zeigten. Das Vorhandensein einer Fürsten- und einer Jungfrauenstube, wie es im Übergabeprotokoll von 1512 festgehalten ist, sowie eines großen Treppenturms und eines Tanzsaales im zweiten Obergeschoß lassen jetzt auf einenrepräsentativen frühneuzeitl. Wohnbau schließen, der die ma. Burg vollständig ersetzt haben dürfte und dem zw. 1558 und 1569 unter Hzg. Adolf von Schleswig-Holstein-Gottorf noch ein stattl. Erweiterungsbau hinzugefügt wurde.
Dieser aus vier parallelen Giebelhäusern bestehende mächtige Baukörper mit zwei polygonalen Treppentürmen auf der Hofseite und zwei hochsitzenden Erkertürmchen vor den Kanten der Wasserseite, bestimmte fortan die Silhouette der Residenzstadt entscheidend mit. Ähnl. dem nahezu zeitgl. unter Hzg. Johann Albrecht I. von Mecklenburg erneuerten Schweriner Schloß (→ Schwerin) war die Dachzone rings von Zwerchhäusern mit plast. aufwendig gestalteten Renaissance-Schaugiebeln umgeben. Das Innere enthielt im Keller die Schloßküche, im Erdgeschoß die hzgl. Kanzlei, die Räume desAmtmannes sowie die Burg- oder Hofstube und darüber die fsl. Prunkgemächer einschließl. der zwei Geschosse einnehmenden Schloßkapelle, die sich über die gesamte Tiefe des nördl. Hauses erstreckte und mit ihren nach O gerichteten hohen Spitzbogenfenstern auch an der seeseitigen Fassade in Erscheinung trat. Ihre Gewölbe ruhten auf drei schlanken kannelierten Steinsäulen, die - wie im Falle der 1568-70 von Herkules Oberberg für Hzg. Adolfs Schwägerin Dorothea von Sachsen-Lauenburg, Wwe. Christians III. von Dänemark, umgebauten Sonderburger Schloßkapelle - zwei Schiffe voneinander schieden.Entlang der Wände verlief eine steinerne Empore, deren Brüstung mit 24 vergoldeten Alabasterreliefs bibl. Szenen geschmückt war. Auf der nördl. Seite des Raumes standen Kanzel, Beichtstuhl und Orgel, während unter den großen bleiverglasten Ostfenstern der ebenfalls mit Alabasterreliefs versehene Altaraufsatz einen Blickfang bildete. Im östl. Bereich der Südwand war zu ebener Erde als abgeschlossener, beheizbarer Raum der mit silbergefaßten Ledertapeten ausgeschlagene Fürstenstuhl eingebaut, der rückwärtig unmittelbar mit den anschließenden Wohngemächern kommunizierte. Diese nahmen die beidenmittleren Häuser ein, in denen seeseitig das Appartement des Hzg.s und hofseitig das der Hzg.in untergebracht war. Das zweite Obergeschoß enthielt außer Gästezimmern und Wohnräumen für den Hofstaat v. a. das sog. Stammgemach der Hzg.in Christine († 1604 zu Kiel), das einen gegen Ende des 16. Jh.s auf Leinwand gemalten genealog. Abriß des Hessischen Landgrafenhauses, dem die Gemahlin Hzg. Adolfs entstammte, als fortlaufenden Fries auf drei Wänden vor Augen führte. Der Zyklus mit insgesamt 50 Gestalten, deren umfangr. Tituli, in richtiger Reihenfolge gelesen, eine Ahnenreihe von Karl demGroßen bis auf Philipp den Großmütigen und seinen Sohn Wilhelm, dem ältesten Bruder Christines, ergaben, erinnert an vergleichbare Bildprogramme auf den Schlössern von → Güstrow und → Königsberg, deren Dynasten verwandtschaftl. mit dem Hause Gottorf verbunden waren.
Das unter Friedrich I. entstandene »Neue Haus«, das noch auf den beiden ältesten Stadtansichten von 1585 und 1588 im Städtebuch von Braun und Hogenberg ausgemacht werden kann, wich nach einem Teileinsturz 1685 zwei rechtwinklig aneinanderstoßenden, äußerl. schlichten Flügeln, für die der seit 1691 in → Rendsburg ansässige, aus dem Tessin zugewanderte Architekt Domenico Pelli vor 1695 die Entwürfe geliefert hatte. Sie schlossen hermet. den Hof nach S und W zur Stadt hin ab und vervollständigten die hzgl. Res. zu einer respektablen Dreiflügelanlage von freilich weiterhin asymmetr.Zuschnitt. Ein großes Treppenhaus an der Nahtstelle zum stehengebliebenen Wasserflügel erschloß seitdem in angemessener Weise das Innere, während ein monumentales Doppelsäulenportal in der Sichtachse der vom Markt auf die Res. zuführenden Schloßstraße als barocker Blickpunkt den bislang fehlenden repräsentativen urbanist. Bezug zum Gemeinwesen herstellte.
Die Nordseite öffnete sich seit dem 17. Jh. auf einen entlang der Uferlinie angelegten geräumigen Schloßgarten, der bereits in seiner ältesten überlieferten Gestalt (Danckwerth 1652) nach formellem Plan mit einem geometr. Wegenetz rings um ein zentrales Lusthaus konzipiert worden war, bevor er um 1700 beträchtl. erweitert und mit Terrassen und Parterren, Statuen und Springbrunnen prachtvoll neu inszeniert wurde. 1839 in einen Landschaftsgarten engl. Prägung umgewandelt und nach 1876 teilw. von dem im Zweiten Weltkrieg zerstörten neuen Kollegiengebäude der Universität (Martin Gropius undHeinrich Schmieden) überbaut, ist er inzw. zu großen T.en der modernen Verkehrsführung zum Opfer gefallen. Allein die Standorte der zu Ende des 19. Jh.s hier errichteten nationalpolit. Denkmäler für die Gefallenen des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 (Heinrich Moldenschardt und Rudolf Siemering, 1879) und Ks. Wilhelm I. (Adolf Brütt, 1896), die noch immer auf die beiden zu Ende des 17. Jh.s entstandenen, gegeneinander leicht verschwenkten gärtner. Hauptachsen bezogen sind, lassen etwas erahnen von der einstigen künstl. Komplexität der als öffentl. Stadtgrün mittlerweile banalgewordenen Anlage.
Das Schloß, dessen Wasserflügel 1763 durch Ernst Georg Sonnin unter Aufgabe der ursprgl. Dachzone mit ihren Renaissance-Giebeln durchgreifend erneuert worden war, brannte 1838 und erneut 1938 in Teilen aus und wurde am 4. Jan. 1944 bei einem der Luftangriffe auf K. so schwer getroffen, daß ein Wiederaufbau nicht mehr in Frage kam. Die Ruine ist 1960/61 abgetragen worden und durch einen Neubau über den histor. Fundamenten ersetzt worden, der seit kurzem wieder zur Disposition steht.
Sources
Chronicon Holtzatiae, 1862. - Hector/Hoyningen gen. Huene 1977. - Hector/Hoyningen gen. Huene 1983. - Spangenberg 1614.
Literature
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