HEIDELBERG C.1. / C.2.
I.
Heidelberch (urkundl. 1196), Heidelberc, Heidelberg als Name einer Burg, zu deuten als Heidelbeerberg. Die Stadt wurde angelegt im Bereich des Taltrichters, in dem der Neckar aus dem südl. Odenwald in die Oberrheinebene eintritt, und nahm von Anfang an eine zentralörtl., ab ca. 1350 die Hauptstadtfunktion für die 1356 definitiv zum Kfsm. aufgestiegene Pfgft. bei Rhein ein. Die Höhenburg auf der Granitterrasse des Jettenbühls (195 m) wurde im Zuge der Stadtanlage in die Ummauerung einbezogen.Sie (oder die ältere Burg auf der Molkenkur) diente seit ca. 1180 Pfgf. Konrad I. zumindest zeitw. als Res., nach der Übernahme der Pfgft. durch das Haus Wittelsbach 1214 als Nebenres., verwaltet von einem Viztum. Von 1353-1720 war H. Res. von Kurpfalz. - D, Baden-Württemberg, Reg.bez. Karlsruhe, kreisfr. Stadt.
II.
H. ist gelegen auf dem Südufer des Neckars an der Grenze des Altsiedellandes zum spät besiedelten Buntsandsteinodenwald in einem Bereich tekton. Brüche und wenig fruchtbarer Böden, der in vor- und frühgeschichtl. Zeit nahezu siedlungsleer blieb. Seit der Römerzeit trafen hier Überlandverbindungen von → Mainz und → Worms bzw. von → Speyer und → Straßburg her am Brücken-, später Fährübergang der Bergstraße über den Neckar zusammen. Durch das Neckartal und den Kraichgau gab es Verbindungen nach Mitteldtl. bzw. über Wimpfennach Ulm. Im Zuge der Stadtentstehung wurde der Flußübergang flußaufwärts verlegt, bezeugt 1217 als Fähre, 1284 als Brücke. Auf dem Nordufer dominierte der seit prähistor. Zeit kontinuierl. als Kult- und Befestigungsplatz genutzte Heiligenberg die Stadt, auf dem Südufer der Königstuhl, dessen Ausläufer für zwei Burgenbauten genutzt wurden.
Diese entstanden wie die Stadt auf vom Hochstift → Worms lehnrührigem Grund, außerdem noch im 12. Jh. eine protourbane Siedlung auf dem Schwemmkegel des Klingenteichbachs im Bereich der Peterskirche, die bis um 1400 einzige Pfarrkirche blieb. Östl. dieses Burgweilers wurde am Anfang des 13. Jh.s die Altstadt im Umfang von 650 × 350 bzw. (östl.) 200 m planmäßig angelegt. Stadt und Schloß blieben stets eng aufeinander bezogen. 1392 erfuhr die Stadt nach Auflassung des Dorfes Bergheim und Zwangsumsiedlung seiner Bewohner eine Erweiterung auf den nahezudoppelten Umfang nach W. Außerhalb blieb eine sich am Weg zum Schloß bildende Sondergemeinde, bewohnt von herrschaftl. Bediensteten, die Burgfreiheit. Die obere Burg auf der Molkenkur diente wohl vorwiegend milit. Zwecken; eine Pulverexplosion zerstörte sie 1538. Wiewohl H. noch im 13. Jh. die zentralörtl. Funktion des Raums auf Kosten von → Ladenburg an sich zog, verfügte es über keine weiter ausstrahlende Wirtschaftskraft; Fernhandel fehlte. Ein Messegründungsversuch war vergebens. Der Markt entwickelte sich am Abzweig der zur Neckarbrücke führenden Steingasse von derHauptstraße. Dort wurde auch eine innerstädt. Kapelle mit Hl.-Geist-Patrozinium errichtet, an der um 1400 das Stift entstand, im Tausch versehen mit der ursprgl. Bergheimer Pfarrpfründe. Indessen hatte die junge Stadt schon sehr bald den Sitz des zuständigen Landdekans im Archidiakonat des Stiftspropstes von St. Cyriakus zu Neuhausen der Diöz. → Worms für sich gewinnen können.
Chronikal. ist der Burgweiler H. erstmals während der 1180er Jahre faßbar. Funde belegen eine höher gestellte Einwohnerschaft. 1203 ist ein Schultheiß bezeugt. Sehr rasch bildete sich danach die Stadtgemeinde heraus: 1217 burgenses, um 1220 cives, die auch ein Siegel führten, also eine handlungsfähige Bürgergemeinde. Ein Schöffengremium wird 1246 gen., ab 1287 war die Bezeichnung »Rat« gebräuchl. Die Bürger waren vermutl. von Anfang an frei, blieben jedoch der Herrschaftsgewalt des Pfgfn. stets unmittelbar unterworfen. Dieser behielt sichauch die Zustimmung zur Ein- und Absetzung von Ratsmitgliedern und der beiden Bürgermeister vor. Neben zehn Zünften gab es einen außerzünft. Bereich aus Ratsfamilien, dessen hofnahe Oberschicht die Selbstverwaltungsaufgaben wahrnahm. Um 1400 hatte H. ca 5500 Einw. Die soziale Verflechtung mit der Res. äußert sich auch in der Mitgliedschaft von Angehörigen des Rats in der Bruderschaft des Hofgesindes. Dem entsprach die Hinordnung auf die Bedürfnisses des Hofes als des wichtigsten Wirtschaftsfaktors. Ihm gesellte sich die 1386 gegründete Universität hinzu, die stets hofnah blieb,dokumentiert am Familiarenstatus ihrer Lehrer. Trotz der wirtschaftl. Vorteile, die sie bot, entwickelte sich das Verhältnis der Stadt zu ihr spannungsreich, wie um obrigkeitsfeindl. Tendenzen ein Forum zu geben.
III.
Möglicherw. diente seit dem letzten Viertel des 12. Jh.s die obere Burg bereits als zeitweilige pfgfl. Res., bevor nach 1200 die untere Burg entstand und sie darin ablöste. Ihr dürfte die erste urkundl. Erwähnung 1225 gegolten haben; erst 1303 sind beide Burgen zusammen bezeugt. Auf der nach W und O steil, nach N zur Stadt flacher abfallenden Terrasse entstand ein viell. turmloses Mauerrechteck von ca. 60 × 80 m Seitenlänge. Die Hangseite war durch eine Schildmauer geschützt; in diese war ein Torturm eingestellt. An der Ostseite gab es anden Bering angelehnte Binnenbauten. Talseits bestand schon etwa 1235 als Vorgänger des Gläsernen Saalbaus ein palasartiger Repräsentationsbau. Spätestens im 14. Jh. gab es westl. davon einen weiteren Wohnbau und die der Gottesmutter geweihte Burgkapelle, die erstmals 1343 erwähnt wurde. Dort lag wohl das 1388 bezeugte Briefgewölbe. In diesem Bereich dürfte auch die 1458 so bezeichnete aula unica quae regalis dicitur zu suchen sein. Kg. Ruprecht hat in eher benachteiligter Lage neben dem Tor den nach ihm benannten Saalbau errichten lassen; sein Erdgeschoßwar jedoch ausweisl. der herald. geschmückten Gewölbeschlußsteine nicht vor 1413 fertiggestellt. Das am Obergeschoß angebrachte Relief eines Reichsadlers, der die Wappenschilde von Pfalz und → Bayern in den Fängen hält, weist auf den Bauherrn; es wird Madern Gerthener zugeschrieben. Weit mehr als Manifestation herrscherl. Anspruchs kann der 1398 begonnene, wohl erst 1441 vollendete neue (dritte) Bau der Heiliggeistkirche gelten; der Schlußstein ihres Chorhaupts zeigt den Reichsadler. 1400 wurde sie mit 12 Pfründen ausgestattet und 1413 unter Vereinigung mitder Universität zur Stiftskirche erhoben. Die Bestattung des Königspaares im 1410 bereits vollendeten Chor bedeutete die Transferierung der pfgfl. Grablege von Schönau bzw. → Neustadt nach H. Das im weichen Stil der Parlerzeit ausgeführte Doppelgrabmal Ruprechts und seiner Gemahlin Elisabeth von Zollern zeigt das Paar lebensgroß im Hochrelief. Nur Pfgf. Friedrich I. ließ sich ausnahmsweise bei der Franziskanerkirche in einer eigens errichteten Grabkapelle bestatten.
1503 wurde berichtet, es habe auf dem Schloß vier Wohnbauten aus Stein gegeben, deren jeder einen Kg. mit Gefolge hätte herbergen können, luxuriös ausgestattet mit Wandbehängen, Himmelbetten und allem Nötigen. In einem nicht mehr lokalisierbaren Saal wurde als Ausdruck geschichtsbewusster Herrschaftslegitimation um 1500 eine mit Versen versehene Portraitreihe von 20 Wittelsbachern mit ihren Gemahlinnen in Wandmalerei angelegt. In jene Zeit fällt die Neubefestigung mit den heute noch das Erscheinungsbild prägenden Turmbauten und der äußeren Wallmauer; im O wurde der Zwischenraum zum altenWall aufgefüllt, um Geschützstellungen zu schaffen. Als Baumeister könnte Lorenz Lechler in Frage kommen, der danach auch die Brunnenhalle mit antiken Spoliensäulen und wohl auch den Frauenzimmerbau (1510-20) und den westwärts den Graben übergreifenden sog. Bibliotheksbau (nach 1520) errichtete. Ersterer enthielt eine Hofstube, letzterer eine Herrentafelstube; beide weisen noch traditionelle Einzelformen auf, sind aber zugleich frühe Beispiele für eine neuzeitl. Schloßarchitektur, die über Erker mit dem sie umgebenden Natur- und Kulturraumkommuniziert. Später kamen der Ludwigsbau und die Ökonomiebauten (mit erhaltenem Backofen und Küche) im O und S hinzu, weiterhin die Aufstockung des Ruprechtsbaus, der Umbau des Glockenturms, die Errichtung des Zeughauses daneben und der Neubau des Torturms. Den Belangen zeitgemäßer Befestigung diente die riesige, finanziell sehr aufwendige Ausweitung der Anlage um mehr als ein Drittel ihrer ursprgl. Fläche durch den Nordwall, den Dicken Turm und den Stückgarten.
Mit Kfs. Friedrich II. begann die Renaissancebautätigkeit, zunächst ab 1546 mit dem Gläsernen Saalbau mit Arkaden über drei Geschosse als regionaler Variante eines Versuchs zur Wiedergewinnung der antiken Architektursprache; zu danken ist er entweder dem Schloßbaumeister Hans Engelhardt oder dem Straßburger Jakob Heyder; der namengebende, ehem. mit venezian. Spiegeln verkleidete und stuckierte Festsaal im oberen Geschoß ist verloren. Kurz darauf, aber in frappierendem konzeptionellem Fortschritt begann Ottheinrich daneben 1557 den nach ihm benannten Bau mit der erstenPalastfassade der Renaissance in Dtl. Ihre dreigeschossige Großordnung wandelt das klass. Schema ab und folgt eher niederlän.-manierist. als ital. Geschmack. Die Bauplastik wird dem fläm. Bildhauer Alexander Colin verdankt, insbes. die 16 Nischenfiguren. Aus der Programmatik der Fassade spricht die auf pfgfl. Tradition und reformator. Gesinnung bauende Herrschaftsauffassung des Bauherrn. Der eigentl. Baukörper dahinter folgt traditioneller Bauweise; jedoch ist das Hauptgeschoß in den Kaisersaal und die Wohngemächer des Fs.en aufgeteilt. An der Transformation der Festung in ein Wohnschloß hatteauch der um 1590 aufgeführte Faßbau teil, die Vollendung brachten der Friedrichs- und der Englische Bau. Ersteren errichtete nach 1601 Hans Schoch unter Integrierung eines Kapellenbaus in nachgot. Formensprache. Die Gestaltung beider Längsseiten als Schaufassaden, die Sebastian Götz mit einem herrschaftslegitimierenden Figurenprogramm schmückte, brachte die Abkehr von der zum Hof orientierten Randhausbebauung. Anlaß für die Errichtung des Englischen Baus auf dem Nordwall bot die Heirat Kfs. Friedrichs V. mit Elisabeth Stuart 1612. In nur zwei Jahren in palladian. Ordnung als zum Tal geöffneteLoggienarchitektur errichtet, dürfte er dem Nürnberger Ratsbaumeister Jakob Wolff d. J. zu danken sein. Dem Dicken Turm wurde damals ein Rundsaal mit Belvederecharakter aufgesetzt. Eine umfangr. Ausweitung nach O erfuhr die Schloßanlage mit der Schaffung des manierist. Hortus Palatinus auf drei Terrassenebenen durch Salomon de Caus; seine Vollendung verhinderte der Dreißigjährige Krieg. Auch der Stückgarten wurde gärtner. neu gestaltet. Zuvor hatte nur der unter Ottheinrich angelegte Herrengarten in der Vorstadt (im Bereich der Plöck) zur Verfügung gestanden.
An herrschaftl. Bauaktivitäten in der Stadt war 1463 die Errichtung eines Kanzleigebäudes am Burgweg vorausgegangen. 1581/83 umgebaut und 1689 zerstört, diente es auch dem Rat, dem Hofgericht, später der Verwaltung der geistl. Gefälle und dem Kirchenrat. Nahebei lag das Grießhaus, in dem im 16. Jh. gemünzt wurde. Ein Marstallgebäude lag im Bereich der heutigen Jesuitenkirche. Das heute »Marstall« genannnte Gebäude am Neckarufer entstand im 16. Jh. als Zeughaus, daneben die Heuscheuer.
Sources
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Literature
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