GRIMMA C.2.
I.
Grimme (1200); Grymme (1220); Grimmis (unflektiert!) (1230); Grimma (1231); Grymm (1243) - HONB I, 2001, S. 357. Stadt - Mgft. → Meißen, Kfsm. Sachsen - wettin. (Neben-)Res. (Anfang 13. Jh. bis Ende 16. Jh.), Witwensitz (15. Jh.), Amtssitz (um 1200 bis 19. Jh.) - landesherrl. Niederungsburg, am westl. Ufer der Mulde gelegen. - D, Sachsen, Reg.bez. Leipzig, Muldentalkr.
II.
G. entstand in Nähe des Burgwards Nerchau am Übergang der Straße von → Merseburg nach → Meißen an der Mulde. In unmittelbarer Nähe der alten Furt existierte eine slaw. Siedlung. Sie entwickelte sich unter Einfluß der Mgf.en von → Meißen vor 1200 zur Marktsiedlung. Um 1200 wurde sie planmäßig erweitert und umgestaltet, so daß von einer Neuanlage gesprochen werden darf. Der fast quadrat. (Neu-)Markt, auf den das Rathaus gesetzt wurde, verdrängte bezügl. der Bedeutung den älteren Markt (Baderplan). Im Zuge der Erweiterungentstanden in Nachbarschaft des (Neu-) Marktes das mgfl. Schloß, eine Marktkirche (St. Nikolai) und wohl bald auch die Muldenbrücke (Ersterwähnung 1292). Die ältere Frauenkirche in Nähe des Baderplans wurde nach 1230 zur Stadtkirche ausgebaut. Schon um 1220 werden die Mgf.en von → Meißen G. magdeburg. Stadtrecht verliehen haben. Ende des 13. Jh.s war die Stadtverfassung ausgebildet. Es existierte ein Rat, an dessen Spitze scultetus, magister civium, consules et scabini standen (1292). 1241 wird das Hospital (hl. Elisabeth) erwähnt. Um 1240 gründeten dieTempler ihr Hospital zum Hl. Kreuz (1311 an die Johanniter). Zw. 1243 und 1250 verlegten Zisterzienser-Nonnen ihr Kl. von → Torgau nach G. (und vor 1291 weiter nach Nimbschen). 1287 siedelten sich Augustinereremiten an. Eine jüd. Gemeinde ist für das späte 14. und frühe 15. Jh. nachweisbar. Die Wirtschaft G.s - die Bürger verfügten bis zum 14. Jh. über keine eigenen Grundstücke außerhalb der Stadtmauern - beruhte ursprüngl. auf Handel und Gewerbe. Die Stadt besaß das Stapelrecht für Holz (Muldenflößerei). Neben dem Holzhandel blühte der Handel mit Tuch und Salz. Das Gewerbe wurde durchdie Tuch- und Leinwandproduktion geprägt. Im 15. Jh. entwickelte sich ein bescheidenes Ackerbürgertum. Während der Reformation wurden in G. luther. Schriften gedruckt. G. partizipierte vom Verkehr nach → Böhmen, in die Lausitzen und in das nahe Erzgebirge. Besucher des städt. Marktes hatten Brücken- und Marktzoll an den Rat zu entrichten. Der rege Transitverkehr bezahlte an den landesherrl. Schösser Geleitsgeld. Amtsverwaltung und Schösserei hatten ihren Sitz auf dem G.er Schloß. Während die Vögte und späteren Amtleute selten aus der unmittelbaren Umgebung G.s stammten,rekrutierten sich Schreiber und Schösser im 15. Jh. aus der G.er Oberschicht.
III.
Der Schloßbau begann um 1200. Reste des Baus aus jener Zeit haben sich kaum noch erhalten. Einziges Zeugnis ist ein an der Nordseite des Hauptbaues stehendes prachtvolles Rundbogenfenster, in das drei Säulen mit vier Spitzbogen eingesetzt sind. Über ihnen befindet sich eine Steinplatte, die durch ein vierpassiges Fenster durchbrochen ist. Die Knäufe sind kelchförmig gebildet, die Basen besitzen Eckblätter. Das Fenster entstand zu Beginn des 13. Jh.s und dürfte zu dem Palas gehört haben, den Mgf. Dietrich der Bedrängte (1197-1221) errichten ließ. Der Palaswurde wohl vor 1218 fertiggestellt, denn in dem Jahr ließ der Mgf. im Schloß eine dem hl. Oswald geweihte Kapelle errichten. In ihr wurde bis in die Reformationszeit Messe gelesen.
Einen gründl. Umbau erfuhr das Schloß zw. 1391 und 1402 unter Mgf. Wilhelm I. (1349-1407). Der den Bau leitende Steinmetz war Peter von Weinberg. Der heute noch erkennbare fast quadrat. Grundriß des Schlosses stammt aus jener Zeit. Mittels kräftiger Mauern wurde der langg. Ostflügel entlang der Mulde mit dem Westflügel und dem quadrat. Wohnturm im NW verbunden. Der Wohnturm besaß 13,5 m Seitenlänge und hatte eine Mauerstärke von 2,6 m. Der heute nicht mehr erhaltene Wohnturm war ein Bau aus der Zeit Wilhelms gewesen. Der Zugang in den durch Gebäude, Mauer und Turm umfaßten Schloßhof war vonder südl. Stadtseite her mögl. Nach N, W und S legte sich ein Graben vor, nach O bildete die Mulde die Sicherung. Neben → Leisnig gehörte G. Ende des 14. und zu Beginn des 15. Jh.s zur wichtigsten Res. des Mgf.en Wilhelm I. In ihr sind 1389 und 1391 auch Turniere gehalten worden. Wilhelm I. starb in G. 1407. Zw. 1499 und 1522 ordnete Kfs. Friedrich III. der Weise (1486-1525) erneut umfangr. Umbauten an. So setzte man auf das östl., an der Mulde gelegene Hauptgebäude ein zusätzl. Stockwerk auf, wobei auch die Schloßkapelle um ein Stock erhöht und eine Empore eingerichtet wurde. Dervon Wilhelm I. gestiftete Altar erhielt in der Kapelle einen anderen Platz. Das neue Obergeschoß bekam Vorhangbogenfenster mit Sitznischen im Inneren und einen reich verzierten Giebel im N. Auch der Treppenturm des Ostflügels wurde zu dieser Zeit erbaut. Den westl. Seitenflügel ließ Kfs. Friedrich seit 1499 zum sog. Kornhaus ausbessern und erweitern. In ihm lagerte die Amtsverwaltung fortan das Zinsgetreide, welches zuvor außerhalb des Schloßhofes aufbewahrt worden war. Auch der Westflügel erhielt zur Stadtseite hin repräsentative Vorhangbogenfenster.
G. (Stadt, Schloß, Amt) gehörte zweimal zum Leibgedinge fsl. Wwe.n. In G. residierte 1428-42 Katharina von Braunschweig-Lüneburg, die Gattin des Kfs.en Friedrich I. des Streitbaren (1381-1428), und 1464-86 Margaretha von Österreich, die Gemahlin Friedrichs II. des Sanftmütigen (1428-64). Im 15. und zu Beginn des 16. Jh.s hielt sich der wettin. Hof oftmals längere Zeit in G. auf. Auf dem Schloß wurde u. a. 1443 Hzg. Albrecht der Beherzte, der Stammvater der albertin. Linie, geboren. Landtage fanden in G. 1440, 1451 und 1458 statt. 1531 verhandelten je 16 Vertreter der ernestin. undalbertin. Stände in G., um Differenzen zw. den beiden wettin. Linien auszuräumen (Grimmaischer Machtspruch). Das Schloß verwüsteten 1643 die Schweden. Seither wurde es nicht mehr als Res., sondern als Rent- und Gerichtsamt genutzt.
Sources
ThHStAW, Ernestin. Gesamtarchiv, Reg. Bb 1338-1453 [Jahres- und Baurechnungen des Amtes G., 1442-1546, seit 1482 fast geschlossen, zuvor mit Lücken]. - Urkundenbuch der Stadt Grimma und des Klosters Nimbschen, hg. von Ludwig Schmidt, Leipzig 1895 (CDSR II,15).
Literature
Blaschke, Karlheinz: Stadtgrundriß und Stadtentwicklung. Forschungen zur Entstehung mitteleuropäischer Städte. Ausgewählte Aufsätze. Unter Mitarbeit von Uwe John, hg. von Peter Johanek, Köln u. a. 1997 (Städteforschung. Reihe A: Darstellungen, 44), S. 100-102. - Ermisch, Hubert: Kurfürstin Katharina und ihre Hofhaltung, in: NASG 45 (1924) S. 47-79. - Gurlitt 1897, S. 114-116. - Lorenz, ChristianGottlob: Die Stadt Grimma im Königreich Sachsen historisch beschrieben, Tl. 1-3, Leipzig 1856-70. - Magirius, Heinrich: Markgraf Wilhelm als Bauherr. Architektur »um 1400« in der Mark Meißen, in: Landesgeschichte, 1997, S. 123-156. - Naumann, Horst: Die Orts- und Flurnamen der Kreise Grimma und Wurzen, Berlin 1962 (Deutsch-Slawische Forschungen zur Namenskunde und Siedlungsgeschichte, 13), S. 88-90. - Naumann, Horst: Die Straßennamen der Stadt Grimma. Ein Lexikon zur Stadtgeschichte mit Städtplänen von1850 und 1925, Beucha 1997. - Quirin, Heinz: Art. »Grimma«, in: Handbuch der historischen Stätten Deutschlands, 8, 1965, S. 128-131. - Schirmer, Uwe: Das Amt Grimma 1485-1548. Demographische, wirtschaftliche und soziale Verhältnisse in einem kursächsischen Amt am Ende des Mittelalters und zu Beginn der Neuzeit, Beucha 1996 (Schriften der Rudolf-Kötzschke-Gesellschaft, 2). - Schmitt, Reinhard: Archivalische Quellen zum Leben und Wirken des spätgotischen Baumeisters Hans Zinkeisen, in: Burgen und Schlösserin Sachsen-Anhalt 6 (1997) S. 112-147. - Streich 1989, pass.