ELTVILLE C.2.
I.
Alta villa (um 1060); Eldevile (um 1060); Eltivile (1148); Altevile (1151); Eltevile (1252); Eltvil (seit 14. Jh.); Eltfel (15. Jh.). - Burg und Stadt am Mittelrhein. - Erzstift Mainz; Ebf.e von Mainz. - Burg in der südwestl. Ecke der Stadt; in den Jahren 1337-71 Haupt-, dann Nebenres. - D, Hessen, Reg.bez. Darmstadt, Rheingau-Taunus-Kr.
II.
E. liegt am rechten Ufer des Mittelrheins auf einer Lößbank am Rande des klimat. begünstigten Rheingaus, nur 12 km flußabwärts von → Mainz entfernt. Die verkehrsgeograph. günstige Lage in Verbindung mit den erzbfl. Rechten in E. und im Rheingau wurden bestimmend für die Residenzfunktion des Ortes. Ort und Kirche sind wohl schon im 7./8. Jh., viell. durch kgl. Schenkung, an die Mainzer Ebf.e übergegangen.
Die Entwicklung des Ortes wurde im Verlauf des Mainzer Bistumsstreites zw. Ebf. Balduin von Trier, Verweser von Kurmainz (1328-37), und Ebf. Heinrich III. von Virneburg (1328-46) wesentl. gefördert. Kg. → Ludwig der Bayer hat dem Dorf 1332 das Stadtrecht von Frankfurt und einen Wochenmarkt verliehen. Ein weiteres Wochenmarktprivileg hat Ebf. Heinrich III. von Virneburg der Stadt 1346 erteilt. Neben dem älteren Schöffenkollegium ist freilich erst in der zweiten Hälfte des 15. Jh.s ein Rat als Selbstverwaltungsgremium nachweisbar. 1525 wurden 263 Herdstellen gezählt, so daß dieEinwohnerzahl schätzungsweise 1000 betragen haben dürfte.
Wirtschaftl. prägend war der Weinbau. Ein landesherrl. Rheinkran diente zum Verladen der Fässer. Zentralörtl. Funktionen hatte die Kleinstadt zudem als Amtssitz, Münzstätte (nur 1349-65) und Oberhof des Gerichts im Rheingau (1324-1515). Im 15. Jh. wurde E. Sitz des Vitztums des Rheingaus und eines Landschreibers. Die Kirche St. Peter und Paul, Mittelpunkt einer Altpfarrei, ist 1353-1434 neu errichtet worden (seit 1438 stand die Pfarrei einem Kanoniker des Petersstifts in → Mainz zu, der aber in E. residieren mußte). Kirchl. gehörte E. zum Archidiakonat des Propstes von St.Moritz in → Mainz, Landkapitel Rheingau.
Mit dem Neubau der Burg, die möglicherw. in das 12. Jh. zurückreicht, wurde im Zuge des Mainzer Stiftsschismas 1328-37 von dem Mainzer Bistumsadministrator und → Trierer Ebf. Balduin von Luxemburg um 1330 begonnen. Nach einem Brand 1339 hat sein Nachfolger Heinrich III. von Virneburg die Burg bis 1344/45 vollendet, worüber zahlr. Baunachrichten vorliegen. Neuerl. Baumaßnahmen hat Ebf. Johann II. von Nassau (1397-1419) durchführen lassen. Um 1500 ist die Burg schließl. nochmals durch Berthold von Henneberg (1484-1504) repräsentativ umgestaltet worden.
Von allen Mainzer Ebf.en haben sich Heinrich III. von Virneburg (1328-53), der seit 1346 vom Papst abgesetzt war, und sein Gegenspieler Gerlach von Nassau (1346-71), welcher erst 1353 vom Bm. Besitz ergreifen konnte, am häufigsten in E. aufgehalten. Sie haben insgesamt 727mal in E. geurkundet und damit den Rang von E. als ihrer Hauptres. unterstrichen. Dies beleuchtet die Bedeutung der von → Mainz aus schnell erreichbaren Burg in Krisenzeiten ebenso wie die Tatsache, daß das Domkapitel die Stadt im 15. Jh. mehrfach aufgesucht hat, wenn in → Mainz Unruhenausbrachen. Zusätzl. Schutz boten die nahe E. gelegenen Burgen Scharfenstein und Frauenstein. Als überregional bedeutsamer Versammlungsort ist die Kleinstadt E. allerdings vom Mainzer Kfs.en kaum genutzt worden. Die nach E. benannten Verträge vom 26. Mai 1349 sicherten die Herrschaft Ks. → Karls IV. im Reich (Thronverzicht → Günthers von Schwarzburg, Ausgleich mit den → Wittelsbachern).
E. hat anfangs als »Gegenresidenz« (Gerlich 1988, S. 66), dann als Nebenres. der Mainzer Ebf.e eine wichtige Rolle gespielt, die allerdings seit dem 15. Jh. von derjenigen → Aschaffenburgs noch übertroffen wurde. Die aus den Jahren 1447-50 erhaltenen Kellereirechnungen lassen den Alltag auf der Residenzburg deutl. werden. In E. sind bis 1650 folgende Mainzer Ebf.e verstorben: Heinrich von Virneburg (unsicher, 1353); Johann von Luxemburg-Ligny (1373); Konrad III. von Dhaun (1434); Adolf II. von Nassau (1475); Sebastian von Heusenstamm (1555).
In E. hat Ebf. Adolf II. von Nassau den Frühdrucker Johannes Gutenberg am 17. Jan. 1465 zum bfl. Hofmann ernannt. Aufenthalte Gutenbergs in E. sind denkbar, aber nicht sicher belegt (dazu zuletzt Klötzer 1998 mit weiteren Literaturnachweisen). Zweifellos hat E. als früher Druckort eine Rolle gespielt. Die Brüder Bechtermünz aus → Mainz haben 1467-76 in der Residenzstadt E., zeitweilig unter Verwendung von Typen der Offizin Gutenbergs, eine Drukkerei betrieben. Im 15. Jh. sind außerdem ein Seidensticker und ein Büchsenmeister in E. ansässig, dievornehml. für den ebfl. Hof gearbeitet haben werden. Weniger deutl. ist der Zusammenhang der Adelshöfe in E. mit der Residenzfunktion des Ortes.
III.
Die Burg, eine unregelmäßig viereckige Anlage, liegt am südwestl. Ortsrand und ist in die Stadtbefestigung einbezogen. Mauer, Zwinger und Trockengraben sicherten die Anlage gegen die Stadt. Die älteste Ansicht von Stadt und Burg zeigt eine Ölbild von 1573 (»Riß des Rheingaues von Walluff bis Rüdesheim«, abgebildet in: Der Rheingaukreis, Abb. 3). Beherrschendes Bauelement der Burg ist der quadrat., fünfstöckige Wohnturm, an den zwei Flügel anschließen, die die Ost- und Südseite der Burg bilden. Die Bauten auf der Ostseite dienten wohl alsWirtschaftsgebäude. Kelter und Stallungen lagen außerdem vor der Burg. Im Westflügel hat sich die Küche befunden. Die Südseite der Burg bildete der zweistöckige Palas. Der eigentl. Wohnbau dürfte aber der Wohnturm gewesen sein.
Der quadrat. Wohnturm ist eine für den mittelrhein. Burgenbau des SpätMA charakterist. Baulösung (vgl. Boppard, Oberlahnstein, Andernach, aber auch → Aschaffenburg) und wurde unter Ebf. Heinrich III. von Virneburg errichtet (Wappenschlußstein im vierten Obergeschoß). Die ersten beiden Geschosse weisen Kamine und Wappendarstellungen auf. Bes. repräsentativ ist das erste Stockwerk (sog. Grafenkammer) mit Wandschränken und dekorativer Malerei ausgestattet. Ob sich der Bautyp und die Ausgestaltung dieses Wohnturms tatsächl. am Papstpalast von Avignon orientiert hat, wie jüngstbehauptet worden ist (Herrmann 1995, S. 45f.), bedarf weiterer Diskussion.
Die Wohnverhältnisse beleuchtet ein Notariatsinstrument von 1350, das ausgestellt wurde in turri castri Elteuil in camera habitationis [...] Heinrici archiepiscopi Maguntini ante lectum eiusdem domini Moguntinensis. Ein Inventar von 1465 verzeichnet insgesamt 21 Gemächer, die dem Ebf., aber auch Gf.en und Domherren sowie diversen Bediensteten (Schneider, Kellerer, Koch, Kaplan, Speisemeister, Schenk, Hofmeister, Faßbinder) und bestimmten Funktionen (Kanzlei, Silberkammer) dienten.
Von der Zerstörung der Burgananlage 1635 ist der Wohnturm weitgehend verschont geblieben. E. ist deshalb der am besten erhaltene Residenzbau der Ebf.e von Mainz aus dem MA.
Sources
Die Inschriften des Rheingau-Taunus-Kreises, gesammelt und bearb. von Yvonne Monsees, Wiesbaden 1997 (Deutsche Inschriften, 43). - Regesten der Erzbischöfe von Mainz I,1-2, II,1, 1913-58.
Literature
Bünz 2003. - Christ 1997, bes. S. 39-41 [Res. E.]. - Dehio, Kunstdenkmäler, Hessen, 1982, S. 199- 203. - Einsingbach, Wolfgang/Kremer, Hans: Eltville am Rhein, 4. Aufl., Neuss 1989 (Rheinische Kunststätten, 129). - Eltville am Rhein. 650 Jahre Stadt. Geschichte - Kultur - Landschaft, Eltville 1982. - Falck, Ludwig: Eltville und die Mainzer Stiftsfehde, 1328-1337, Wiesbaden 1983. -Falck 1993. - Gerlich, Alois: Art. »Eltville«, in: LexMA III, 1986, Sp. 1861f. - Gerlich, Alois: Eltville als Mainzer Residenz. Werden - Bauten - Ausstattung, in: Mainzer Zeitschrift 83 (1988) S. 55-66. - Gutenberg in Eltville oder wie sich die Buchdruckerkunst die Welt eroberte (Ausstellungskatalog), Eltville 2000. - Heinemann, Hartmut: Leben in der Kleinstadt Eltville zur Zeit Gutenbergs, Eltville 1995. - Herrmann, Christofer: Wohntürme desspäten Mittelalter auf Burgen im Rhein-Mosel-Gebiet, Espelkamp 1995 (Veröffentlichungen der Deutschen Burgenvereinigung. A, 2). - Klötzer, Wolfgang: Frankfurt am Main, Gutenberg und Eltville. Eine Spurensuche, Eltville 1996. - Kratz, Werner: Eltville. Baudenkmale und Geschichte, 2 Bde., Eltville 1962. - Matheus, Michael: Hafenkräne. Zur Geschichte einer mittelalterlichen Maschine am Rhein und seinen Nebenflüssen von Straßburg bis Düsseldorf, Trier 1985 (Trierer Historische Studien, 9). -Mathy, Helmut: Eltville und die Kurmainzische Herrschaft im Rheingau, Eltville 1978. - Milani, A.: Die Burg zu Eltville. Eine baugeschichtliche Studie, in: Nassauer Annalen 56 (1936) S. 9-136. - Milani, A.: Über hohe Gäste in der Burg der Erzbischöfe und Kurfürsten von Mainz zu Eltville, in: Nassauer Heimatblätter 36 (1935) S. 1-19. - Der Rheingaukreis, bearb. von Max Herchenröder, München 1965 (Die Kunstdenkmäler des Landes Hessen). - Sante, GeorgWilhelm/Struck, Wolf-Heino: Art. »Eltville«, in: Hessisches Städtebuch, 1957, S. 100-104. - Struck, Wolf-Heino: Art. »Eltville«, in: Handbuch der historischen Stätten Deutschlands, 4, 1967, S. 106f.