Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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BREMERVÖRDE C.3.

I.

Vorde (1112, 1122), Vorden (1154), Vorte (1219), Brehmer Vöhrde (1643) - Gräftenburg - Erzstift B. - Ebfl. Res. bis 1645/48. - D, Bremen.

II.

B. liegt in der Mitte zw. Weser und Elbe linksseitig einer Furt durch die Oste und an einem der Durchgänge durch das große Moorgebiet, das sich nach S hin bis zur Hamme erstreckt. Durch den Ort führte im MA auch der Landweg zw. → Bremen und Stade, Buxtehude bzw. Hamburg hindurch. Von der See und Elbmündung her war die Oste bis B. schiffbar.

Grabungsbefunde weisen auf eine Besiedlung schon in sächs. Zeit hin; in der Zeit Karls des Großen legten fränk. Truppen die sog. Brunesburg an. Wohl um 1000 wurde die Furt durch die sog. alte oder untere Burg, eine kleine Wasserburg, geschützt. Hzg. Lothar von Süpplingenburg ließ dann - viell. erst im Zuge der Auseinandersetzungen um die Gft. Stade 1123/24 - die Burg Vörde (castrum) erbauen und richtete hier eine Zollstätte ein (1125 Zollbefreiung der Bremer). Vorübergehend war Ebf. Hartwig im Besitz der Anlage (1154), verlor sie jedoch 1167 an Hzg. Heinrich denLöwen. Zur ebfl. Burg wurde Vörde nach einer vorherigen Eroberung durch List erst wieder durch den Stader Vertrag von 1219. In der Folgezeit, nach dem endgültigen Erwerb der Gft. Stade 1236 und nach einer zunehmenden Verselbständigung von → Bremen erst recht im 14. Jh., diente es bis zur Reformation als ebfl. Res. und Mittelpunkt des Bremer Territoriums, das dementsprechend um 1500 als caput castrorum sowie residentia archiepiscopi, in medio terrae situatam bezeichnet werden konnte. Etl. Ebf.e lebten undstarben an diesem Ort, so Gerhard II. 1259, Giselbert von Brunckhorst 1306 und Johann Grand 1307. Während der Stiftsfehde nach dessen Tod und auch noch nach Regierungsantritt von Ebf. Jonas von Lund wurde Vörde bis 1310 vom Ritter Heinrich von Borch gehalten, der nach der Übergabe nicht von weiteren Fehdeaktionen abließ und von 1311-16 fünf Jahre im Kerker der Burg zubringen mußte. Eine vorübergehende Verpfändung von Vörde an den Koadjutor Johann von Lüneburg konnte später wiederum rückgängig gemacht werden, so daß der Nachfolger des Jonas, Burchard Grelle wiederum dort residieren konnte undeine Reihe von Urk.n in B. ausstellte. Von erneuten Verpfändungen blieb jedoch Vörde im weiteren 14. Jh. nicht verschont, das u. a. 1362 Hzg. Magnus von Braunschweig, 1376 Gf. Adolf von Holstein, vor 1381 dem Rat von Stade und 1381 dem Hamburger Propst Bernhard von Schaumburg überlassen wurde. Nachdem Ebf. Otto II. von Braunschweig (1395-1406) sich wieder häufig in B. aufgehalten hatte, zogen die Nachfolger anderweitige Aufenthaltsorte vor. Ein Verfall der Res. im 15. Jh. wird durch die Aussage von Ebf. Johann Rode (1497-1511) deutlich, der die Burg nach dem Tode des gleichzeitigen Bf.s vonMünster Heinrich von Schwarzburg (1463-96) als totaliter ruinosum bezeichnete, sie aber seinerseits wiederherstellte. Der Versuch einer Neuordnung und Neubelebung der Herrschaftsrechte im Erzstift und speziell im Amt Vörde zu Beginn des 16. Jh.s läßt sich aus dem registrum bonorum wie dem sog. Vörder Register erschließen. Damals ist auch erstmals ein Rentmeister für das Amt nachzuweisen. Spätestens unter Johann kamen dem Vörder Amtmann Befugnisse für das ganze Erzstift und die Stellung eines Landdrosten zu. Ebenso ist eine Münzprägung am Ortnachzuweisen. In der Zeit von Johanns Nachfolgern war B. wieder der bevorzugte Aufenthaltsort im Erzstift Bremen. Mit dem Dreißigjährigen Krieg setzte dann eine wechselvolle Geschichte und Besetzung von B. ein. Der Frieden von 1648 überließ das Land Schweden. Festung und Amt B. wurden dem Gf.en Wrangel überlassen.

Die Siedlung in Vörde, die sich im frühen MA bildete und mit der Errichtung der größeren Burg im 12. Jh. wuchs, erscheint zu Beginn des 14. Jh.s als Marktflecken und besaß eine am Hamburger Stadtrecht orientierte Ordnung. Von bleck, oppidum, weckbelde oder auch suburbium ist um 1500 für Vörde die Rede, das 1576 bzw. 1653 als Flecken bzw. Städtlein bezeichnet wird, nach 1500 700 Feuerstellen umfaßte und 1600 auf 1600-1700 Einw. geschätzt wird. Er besaß eine St. Liborius-Pfarrkirche (Pfarrer 1282erwähnt) und ein Heiligen-Geist-Hospital (1499). Wirtschaftl. profitierte B. vom Handel (u. a. Ochsentrift); ein Jahrmarkt wurde 1582 von Bevern hierher verlegt. Das dem Ebf. unterstehende Gericht wurde um 1500 von einem Stadtvogt wahrgenommen. Im Dreißigjährigen Krieg wurde der Platz mehrfach in Mitleidenschaft gezogen (1627 großer Brand) und 1645 völlig zerstört.

III.

Über die frühe Baugeschichte der Res. ist wenig bekannt. Von Ebf. Giselbert († 1306) wird jedoch berichtet, daß er im Zuge weiterer Befestigungsmaßnahmen einen Turm in Vörde errichten ließ. Das Aussehen der Hauptburg des Bremer Erzstifts in der frühen Neuzeit läßt sich aus Ansichten erschließen. Es handelte sich um den Typus der sog. Gräftenburg mit einer von einer Graft unter Ableitung des Wassers der Oste umgebenen, aus mehreren Gebäuden bestehenden Hauptburg um einen inneren Hof, deren Eckturm wohl dem Bergfried entsprach, und einer ebenfallswasserumflossenen Vorburg. Die Anlage insg., zu der u. a. eine Kirche, ein wohl noch in der Mitte des 16. Jh. entspr. umgestaltetes Zeughaus mit Treppenturm davor und auch ein Wein- und Bierkeller gehörten, war stattl. und verfügte im Inneren u. a. über einen langen Saal (1567/68 Malerarbeiten). Das Vorhandensein eines großen Tiergartens, eines Lustgartens, von Reit- und Rennbahn sowie Ballhaus außerhalb kam höf. Bedürfnissen entgegen. Eine Mühle und ein Obst- und Küchengarten zur Versorgung gehörten ebenfalls dazu. Inventare von 1542, 1549 und 1566 geben Hinweise auf die Ausstattung u.a mitLebensmittelvorräten und Munition. Die ca. 1642 gestochene Darstellung von B. in Merians »Topographia Germaniae« läßt ebenso wie das Blatt zur Beschießung von 1645 am Bau Elemente der Weserrenaissance erkennen. Nach den Zerstörungen der Burg von 1645 und der Verlegung der Landesverwaltung nach Stade 1652 erfolgten noch 1672/73 Bauarbeiten. Jedoch wurden das Schloß und die Befestigungen 1682 abgebrochen. Beim Neubau der Kreisverwaltung wurden die Grundmauern der alten Anlage am Osteufer wieder sichtbar, deren Umrisse ansonsten noch durch die Gräben und Wälle deutl. werden. Erhalten istals Vorwerksgebäude der Burg die 1610 erbaute, ehemalige ebfl. Kanzlei, ein zweigeschossiger Winkelbau aus Backstein (heute Pachmann-Museum).

Sources

Chroniken der deutschen Städte, 37: Bremen, 1968. - Johannis Rode, 1926. - Quellen des 16. bis 18. Jahrhunderts zu Baudenkmalen im Niedersächsischen Staatsarchiv in Stade. Ein sachthematisches Inventar, bearb. von Heike Talkenberger, Göttingen 1993 (Veröffentlichungen der niedersächischen Archivverwaltung, 49). - Das Vörder Register, ein im Königlichen Archiv zu Stade verwahrtes Lagerbuch [...], hg. von Wilhelm von Hodenberg, Celle 1856 (Bremer Geschichtsquellen, 2).

Bachmann, Elfriede/Brandt, Rainer: Bremervörde. Bilder aus der Geschichte einer Stadt, Bremervörde 1987. - Geschichte des Landes zwischen Elbe und Weser, 1995. - Görges, Wilhelm/Spehr, Ferdinand: Vaterländische Geschichten und Denkwürdigkeiten der Lande Braunschweig und Hannvover, neu hg. von Franz Fuhse, Bd. 3, Braunschweig 1929. - Lehe 1926. - Lemke, Johann:Geschichte von Bremervörde in Stadt und Land, Bremervörde 1938. - [Superintendent] Meyer [in Zeven]: Geschichte der Burg zu Vörde, in: Stader Archiv. NF 3 (1913), S. 1-24. - Rüther, Eduard: Burgenbau und Burgennamen zwischen Elb- und Wesermündung, in: Jahrbuch der Männer des Morgenstern 30 (1940) S. 74-109.