Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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BRAUNSCHWEIG C.1. / C.7.

I.

Brunesguik (1031); Bruneswic (1129); Bruneswich (1134); seit Ende des 16. Jh.s Braunschweig. 1175 civitas. - B. war Hauptstadt des Hzgt.s B. und Lüneburg 1235-1918. Unter Hzg. Heinrich dem Löwen und seinen Söhnen Pfgf. Heinrich und Otto IV. ist B. eher als »Herrschaftsmittelpunkt« zu bezeichnen (Geschichte Niedersachsens 2,1, 1997, S. 399) denn als Res. Herrschaftssitz war die Burginsel Dankwarderode, zusammen mit der Stiftskirche St. Blasiusund mehreren Adelshöfen ein ummauerter Bezirk innerhalb der Stadt B., der durch das Burgtor verschlossen werden konnte. Als Res. diente die Burg den Hzg.en von B. bis zum Ende des 14. Jh.s, danach wurde die nahegelegene Burg → Wolfenbüttel zum Residenzort ausgebaut, ohne daß die Hzg.e ihre Rechte an der Burg Dankwarderode aufgaben. Die Stiftskirche St. Blasius blieb die Grablege der Dynastie. - D, Niedersachsen, Reg.bez. B., Kreis B.

II.

Die -wiek-Endung des Ortsnamens B. gilt als Hinweis auf einen Fernhandelsplatz und/oder einen lokalen Markt unter grundherrl. Schutz. Die durch Ausgrabungen bis ins 10. Jh. datierte Kaufmannssiedlung auf dem erhöht liegenden, westl. Okerufer war begünstigt durch die Flußschiffahrt vom Harz bis nach → Bremen und profitierte zugl. vom Durchgang der W-O-Straße über die Okerniederung (späterer Damm und Langedammstraße) im SW des Siedlungsplatzes. Die Fernverbindung von Aachen/ → Köln, → Soest und→ Minden über den durch die Burg Dankwarderode geschützten Okerübergang in Richtung Königslutter, Helmstedt und → Magdeburg war bis in die Neuzeit der Lebensnerv der Stadt. Die von S nach N durch die Stadt fließende Oker bildete die Diözesangrenze zw. den Bm.ern → Hildesheim und → Halberstadt. Die Stiftskirche St. Blasius unterstand den Bf.en von → Hildesheim.

Die wehrhafte, erhöhte Lage der Burginsel war im 10. Jh. von dem in Ostfalen und Friesland begüterten sächs. Grafengeschlecht der Brunonen als Herrschaftsort in Besitz genommen und im 11. Jh. weiter ausgebaut worden (Brun II., † vor 1017). Die enge Verwandtschaft mit dem sal. Königshaus begünstigte die Ausweitung der Herrschaft. Um 1030 wurde die Kollegiatkirche St. Blasius in unmittelbarer Nähe der Burg erbaut, 1038 von Bf. Godehard von → Hildesheim geweiht. Im östl. benachbarten »Herrendorf« (später »Altewiek« gen.) war schon 1031 eine Kirche geweiht worden. AlsBurgherr auf Dankwarderode wurde Gf. Liudolf gen.; nach dessen Tod 1038 schenkte seine Gemahlin Gertrud I. († 1077) der Kollegiatkirche Güter und kostbare Reliquiare. Kg. Heinrich IV. belehnte ihren Sohn Ekbert I. († 1068) mit der Mgft. → Meißen, die aber 1086 unter Ekbert II. († 1090) zusammen mit den fries. Gft.en (1089) wieder verloren ging. Die Schwester Ekberts II., Gertrud II. († 1117), erbte und vererbte die brunon. Eigengüter ihrer Tochter Richenza († 1141), die Gemahlin Ks. Lothars III. von Süpplingenburg († 1137) wurde. Über deren Tochter Gertrud († 1143), die mit Hzg.Heinrich dem Stolzen († 1139) verh. war, gelangten die ehem. brunon. Besitzungen an Heinrich den Löwen. Er fand neben der Burg und der Stiftskirche St. Blasius auch das Kolligiatstift St. Cyriakus jenseits der Okerniederung vor und das auf dem rechten Okerufer auf einen Hügel gebaute Marien bzw.- Aegidienkl., das Gertrud II. 1115 gestiftet hatte. Es wird angenommen, daß schon Lothar III. die um die Kirchen St. Ulrici und St. Jakob gelegenen Kaufmannssiedlungen planmäßig ausgebaut und die spätere Altstadt mit Marktrechten ausgestattet hatte. Seit 1142 nahm Heinrich der Löwe von B. Besitz; 1144urkundete er erstmalig in B. 1166 errichtete er das bronzene Löwenstandbild im Burghof. Gleichzeitig ließ er die Stadtteile um die Burg unter Einschluß des neubesiedelten Hagen im NO mit Mauern und Gräben umwallen. 1173 wurde der Neubau der alten brunon. Stiftskirche begonnen, wenig später auch die Burg Dankwarderode zu einer Pfalz, möglicherw. in Anlehnung an das Vorbild Goslars, erweitert. Der Sturz Heinrichs des Löwen, der Verlust der Hzgt.er → Sachsen und → Bayern 1180 und die Verbannung nach England 1182-85 und 1189 sowie sein Tod 1195 in B. unterbrachen undverzögerten die Weiterentwicklung dieser Vorhaben. Die Söhne Heinrichs des Löwen, Pfgf. Heinrich und Otto IV., haben die zusammenwachsenden Stadtteile B.s nur mit einigen Privilegien begabt. Obwohl sich beide gelegentl. in B. aufhielten, kann von einer Res. nicht gesprochen werden. Die memoria mag hier als religiöser und spiritueller Beweggrund einiges Gewicht gehabt haben.

Hzg. Otto das Kind (1227-52) bestätigte um 1227 der Altstadt B. im sog. Ottonianum und dem Hagen in den Jura et libertates Indaginis die auf ältere Rechtssetzungen zurückgehenden Gewohnheitsrechte. 1231 wurden in der Altstadt erstmals consules erwähnt, gleichzeitig wird ein eigenes Stadtsiegel verwendet, das den Burglöwen als Zeichen des Stadtherrn zeigt. Ein gemeinsamer Rat der »Weichbilde« Altstadt, Neustadt und Hagen tritt 1269 in Erscheinung, die beiden anderen Stadtteile Altewiek und Sack kamen erst 1325 dazu.

Ks. → Friedrich II. erhob 1235 auf dem Reichstag zu → Mainz die welf. Eigengüter Ottos des Kindes als Reichslehen zum Hzm. B. und → Lüneburg, den Hauptorten seiner Herrschaft. In beiden war er wechselnd präsent; die Ausstellungsorte der Urk.n zeigen jedoch B. als bevorzugten Aufenthaltsort. Seine Söhne Albrecht I. (1252-79) und Johann (1252-77) teilten 1267 die Hzgt.er. Albrecht erhielt B., Johann → Lüneburg. Entsprechend erfolgte auch die Urkundenausstellung in ihren jeweiligen Res.en. Hzg. Albrecht II. (1279-1318) bevorzugte weiterhin B. alsAusstellungsort von Urk.n, jedoch zeigt die vermehrte Nennung → Wolfenbüttels seit etwa 1300 die Tendenz an, die Res. aus B. zu verlegen. Sein Nachfolger Otto der Milde (1318-44) schien sich wieder mehr nach B. als Res. zu orientieren, er ist daneben eher in → Göttingen als in → Wolfenbüttel präsent. Nach seinem Tod teilten seine Brüder Magnus I. und Ernst die braunschweig.-götting. Herrschaft. Aufgrund von Verpfändungen und Abtretungen von Gerichtsvogtei, Münze, Zöllen, Mühlen, Fischerei, Wildbann, Judenzins u. a. konnte die Stadt B. in der Huldigungsordnung von1345 wesentl. herrschaftl. Rechte für sich in Anspruch nehmen. Dafür sicherte der Rat den Landesherren für deren Bestätigung der Privilegien den Huldigungseid zu. Die Hzg.e erhielten sich auch in Krisenzeiten das Eintrittsrecht in die Stadt und den Zugang zur Burg. Auch die personelle Besetzung des Stiftskapitels blieb in den Händen der einzelnen dynast. Linien. Jedoch verlor B. (bis 1671) den Charakter einer landesherrl. Res.

III.

Die heutige Burg Dankwarderode ist nach den Zerstörungen von 1944 im wesentl. nach den Plänen des Stadtbaurats Ludwig Winter (1843-1930) wiedererrichtet worden. Dieser hatte 1887-1906 auf Veranlassung des Prinzregenten Albrecht von Preußen eine Rekonstruktion im Sinne des Historismus verwirklicht, indem er in den Maßen des verbliebenen Baubefunds einen zweigeschossigen roman. Palas mit je einem Saal in jedem Stockwerk baute. Die sich nach O anschließende zweigeschossige Doppelkapelle St. Georg und St. Gertrud wurde in diesem Neubau nicht wiedererrichtet. Dernicht mehr rekonstruierbare Zugang vom oberen Saal des Palas in die obere Kapelle und in das Nordquerhaus der Stiftskirche wurde durch einen von Pfeilern getragenen Fachwerkübergang ersetzt, in den einer der alten Kapellentürme eingefügt wurde. Der untere sog. Knappensaal der Burg dient seit 1963 als Ausstellungsraum ma. Kunst dem Hzg.-Anton-Ulrich-Museum.

Sources

Scriptores rerum Brunsvicensium, 1-3, 1707-11. - Urkundenbuch der Stadt Braunschweig, hg. von Ludwig Hänselmann (Bde. 1-3), Heinrich Mack (Bd. 4) und Manfred R. W. Garzmann (Bde. 5, 6), Braunschweig 1873-1998.

Barth, Inga-Verena: Der Sonderfall Braunschweig: Besaß Heinrich der Löwe eine Residenz?, in: MRK 7,2 (1997) S. 19-41. - Braunschweig. Das Bild der Stadt in 900 Jahren. Geschichten und Ansichten, hg. von Gerd Spies, Bd. 1: Moderhack, Richard: Braunschweigs Stadtgeschichte, Braunschweig 1985. - Geschichte Niedersachsens, 2,1, 1997. - Hucker 1990. - Oexle, Otto Gerhard: Die Memoria Heinrichs des Löwen, in: Memoria in derGesellschaft des Mittelalters, hg. von Dieter Geuenich, Otto Gerhard Oexle, Göttingen 1994 (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, 111), S. 128ff. - Weinmann 1991. - Die Welfen und ihr Braunschweiger Hof, 1995.