Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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BAR-LE-DUC C.7.

I.

Der Name der Burg dürfte von dem langgestreckten, der eigentl. Hochebene vorgelagerten Felsplateau (Barrum/Bar) am Talrand des Ornain herrühren, auf dem sie errichtet wurde. Zunächst wurden noch Barrivilla (1088) und Barrum castrum (1091) unterschieden, bevor sich dann für Festung und Talsiedlung der Name Bar (1145) durchsetzte. Vom frühen 13. Jh. an war die Burg Hauptres. der Gf.en und späteren Hzg.e von Bar. Als Herkunftsbezeichnung der Gf.en findet sich seit dem späten12. Jh. gelegentl. auch der Name »Bar-le-Duc«. Die an die Burg anschließende Oberstadt (la Halle) galt Hzg. René I. 1445 als chief des Hzm.s. Gleichwohl trat Bar, nachdem die Hzm.er Bar und Lothringen seit 1431 in Personalunion verbunden waren, als Res. hinter → Nancy zurück, behielt aber seine Bedeutung als administrativer Mittelpunkt des Barrois (Sitz der Rechnungskammer). - F, Dep. Meuse.

II.

Das in das Plateau Barrois eingeschnittene enge Tal des Ornain, eines Zuflusses der Marne, das sich erst zur Champagne hin allmähl. weitet, stellt eine natürl. O-W-Verbindung dar. Hier verlief bereits in röm. Zeit eine Straße von → Toul nach Reims. Auf sie stieß im MA auf der Höhe von B. ein Bündel von Wegen, die im NO nach St-Mihiel und → Verdun, im SW nach St-Dizier und weiter nach Troyes führten. Mit einer Brücke über den Ornain ist hier spätestens seit dem 11. Jh. zu rechnen. - Das auf der südl. Talseite vor den steilen Hängen derHochebene parallel zum Fluß aufragende Felsplateau erhebt sich bis zu 45 m über dem Talgrund. Es ist nur von einer Seite zugängl. und läuft nach W zu in einen gut 100 m breiten Sporn aus, der sich leicht befestigen ließ. Die milit. günstige Lage war für die Siedlungsgeschichte bestimmend. Nachdem das Plateau bereits einmal in kelt. Zeit besiedelt worden war, wurde es wohl in den krieger. Wirren des 3.-6. Jh.s erneut befestigt, worauf der spätere fränk. pagus Barrensis (674) hinzudeuten scheint. Um 970 errichtete dann Hzg. Friedrich von (Ober-)Lothringen auf dem Bergsporneine Burg, in deren Schutz auf dem gegenüberliegenden rechten Ufer, an der Stelle des einstigen röm. vicus Caturiges, wieder eine Siedlung entstand. 1088 begründete Gf.in Sophie von Bar in dieser villa ein Priorat des Kl.s St-Mihiel, dem die einzige Pfarrkirche Notre-Dame inkorporiert wurde. Zw. dieser Siedlung, die unbefestigt blieb, und dem Burgberg entwickelte sich ein bourg, dessen Zentrum das vor 1105 errichtete Spital St-Denis bildete. Die ummauerte Burgsiedlung wurde möglicherw. noch im 13. Jh. nach O um eineneuve ville längs des Burgberges erweitert, die 1368/71 ebenfalls mit einer Mauer befestigt wurde. In ihrer wirtschaftl. Entwicklung blieb die dreigeteilte Unterstadt freilich hinter der Oberstadt zurück. Zur Festungsstadt ausgebaut nahm sie den größeren Teil des Felsplateaus ein und deckte so den natürl. Zugang zur Burg. Hier siedelten sich die Hoflieferanten, Hofhandwerker und die gfl. Amtleute an. Verkehrsgeograph. ungünstig und exzentr. zum alten Siedlungskern gelegen, wurde die Oberstadt von den Gf.en durch den Vorbehalt des Marktrechtes unddie Einrichtung von Jahrmärkten gezielt gefördert. 1231 noch als neuve ville bezeichnet, erhielt sie bereits 1234 eine Freiheit, die eine eigene Gerichtsbarkeit, die Aufhebung der Kopfsteuer und 13 vom Gf. benannte Schöffen vorsah, die unter sich den Bürgermeister wählten. Auf Initiative der Bürger gestattete der Gf. 1315 die Errichtung eines Kollegiatstifts St-Pierre. Die privilegierte Stellung der Oberstadt führte wiederholt zu sozialen Spannungen und Konflikten mit der Unterstadt. Erst 1392 gestand der Hzg. der Unterstadt drei Märkte für Dinge des tägl. Bedarfs zu.Die Oberstadt hatte freilich bes. Belastungen durch Wachtdienst und den Unterhalt der umfangr. Befestigungen zu tragen und war durch ihre exponierte Lage stärker krisenanfällig. Sie behielt aber noch bis zum Dreißigjährigen Krieg ihren bes. Status als Quartier der Oberschicht und der landesherrl. Beamten, ja entwickelte im 16. Jh. mit ihren stattl. Bürgerhäusern im Renaissance-Stil sogar einen ausgesprochen aristokrat. Charakter. Erst dann setzte der Bedeutungsverlust gegenüber der Unterstadt ein, der den Bauzustand der Renaissance bis heute weitgehend konserviert hat.

III.

Die Außenmauern der Burg umschlossen auf einer annähernd trapezförmigen Grundfläche von 70-100 m Breite und 200 m Länge das Carré der Hauptburg und eine Vorburg, die im 13. Jh. nach O den Anschluß zur Oberstadt herstellte, von der sie ein breiter Halsgraben trennte. Der Grdr. der Hauptburg deckt sich in etwa mit der Burg des 12. Jh.s, von der sich nur das roman. Hauptportal im W erhalten hat. An der nördl. Längsseite erstreckte sich der gfl. Wohntrakt (donjon) mit der salle de parement und eigenerKapelle. An ihn schloß sich eine Flucht großer Säle an, in der die Gerichtssitzungen des bailli stattfanden (salle des assises) und mitunter die Landstände tagten (salle des Etats). An der östl. Schmalseite befand sich die Ende des 10. Jh.s erstmals geweihte Kirche des 1011/22 errichteten Burgstifts St-Maxe. Sie diente den Gf.en und Hzg.en und auch dem bar. Adel seit dem Ende des 13. Jh.s als Grabkirche, wurde in dieser Zeit neu errichtet und später immer weiter ausgebaut. Eine gedeckte Galerie führte vom Wohngebäude auf dieNordempore der Stiftskirche. Die Wirtschafts- und Wohngebäude des Stifts im Anschluß an den Chor und an der südl. Längsseite der Burg bildeten einen eigenen, durch eine Verbindungsmauer abgeteilten Hof. Das Stift, mit 14 Kanonikerpfründen ausgestattet, galt als die vornehmste Kirche des Landes und unterhielt spätestens seit dem 14. Jh. eine bedeutende Schule. - Im 15. Jh. begann der Umbau zum Schloß. Der ursprgl. nicht umbaute Innenhof der Vorburg wurde nach N in der Verlängerung des Wohntrakts durch eine Galerie abgeschlossen, die im Erdgeschoß den Marstall aufnahm. Der Hof selbst wurde unterHzg. René I. als Garten angelegt, dessiné à la façon de Provence. René ließ neue Appartements einbauen, Fenster brechen und die Säle und auch die Stiftskirche u. a. durch den Bildhauer Pietro da Milano ausschmücken. Auf der Stiftsseite der Hauptburg wurde das Archivgewölbe erneuert, dem Hzg. Anton 1523 ein corps de logis für die Rechnungskammer hinzufügte. Nachdem die Stiftsherren bereits seit längerem ihre Wohnung überwiegend am Aufgang zur Burg genommen hatten, errichtete Hzg. Karl III. 1567 auf dieser Seite das sog.Neuf Chastel, einen zweiflügligen Renaissancebau, der die hzgl. Privatgemächer aufnahm. Bis 1583 wurde zudem vor der nördl. Außenmauer der Burg ein Jeu de Paume angelegt. - Von all dem ist im wesentl. nur das Neuf Chastel erhalten geblieben. 1670 ließ Kg. Ludwig XIV. die spätma. Befestigungsanlagen schleifen, verschont wurde nur die dem Tal zugewandte tour d'horloge, die seit 1381 eine Turmuhr trug. Die Stiftskirche wurde in der Revolutionszeit vollständig abgetragen.

Sources

ADM B 492-511 (Comptes généraux du comté puis duché de Bar). - Maxe-Werly, Léon: Charte d'affranchissement de la ville de Bar-le-Duc (1234), in: Bulletin historique et philologique du Comité des Travaux historiques (1896) S. 16-28. - Servais 1-2, 1865-67.

Aimond, Charles: Histoire de Bar-le-Duc, erw. Neuaufl. der Ausg. 1953 durch Albert Bertrand und Jean-Pierre Harbulot, Bar-le-Duc 1984. - Girardot, Alain: Bar-le-Duc, une capitale du roi René, in: Fürstliche Residenzen, 1991, S. 159-188. - Renard, Gabriel: Le château de Bar autrefois et aujourd'hui, in: Mémoires de la Société des lettres, sciences et arts de Bar-le-Duc, 3° sér., 5 (1896) S. 1-306.