Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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ASCHAFFENBURG C.2.

I.

Ascapha (um 700); Ascafabvrg (982); Aschaffenburg (1187). - Burg und Stadt am Untermain. - Erzstift Mainz; Ebf.e von Mainz. - Verwaltungszentrum des Mainzer Oberstifts, Sitz eines Kollegiatstifts und Neben-, zeitweilig auch Hauptres., der Ebf.e von Mainz Mitte 13. Jh. bis 1802. - D, Bayern, Reg.bez. Unterfranken, kreisfreie Stadt.

II.

A. liegt verkehrsgünstig auf einer Hochfläche etwa 25-28 m über dem schiffbaren Untermain, der hier von einer Fernstraße (Brücke wohl bereits seit ca. 989, archäolog. gesichert für ca. 1140) gekreuzt wird. Die Mainzer Rechte in A. reichen bis in das 10. Jh. zurück. Ihr Ausbau ist maßgebl. Ebf. Willigis (975-1011) zu verdanken, der A. zwischen 975 und 982 von Hzg. Otto von Schwaben und dessen Schwester Mathilde geschenkt bekommen hat.

Entscheidend für die Entwicklung A.s wurde das Kollegiatstift St. Peter und Alexander, das zw. ca. 950 und 974 von den Liudolfingern gegr. worden ist und bis zur Säkularisation 1803 bestanden hat. Mit 28 Kanonikaten und 32 Vikarien am Ende des MA hat es zu den wichtigsten Chorherrenstiften des Ebm.s außerhalb der Bischofsstadt gehört. Mehrere Kanonikate dienten zur Versorgung des ebfl. Kanzleipersonals und (seit der Gründung der Universität Mainz 1477) zur Finanzierung einer Professur. Provinzialkonzile und Diözesansynoden, die zw. 1282 und 1455 mehrfach nach A. einberufen wurden, habendort getagt. Die Stiftung einer Prädikatur in der Stiftskirche 1504 durch Ebf. Berthold von Henneberg war durch die Residenzfunktion veranlaßt.

Die Stadtentwicklung - topograph. zw. Burg und Stift - konnte an Markt, Münze und Zoll anknüpfen, die bereits in der ersten Hälfte des 12. Jh.s belegt sind. Das Stadtrecht erhielt der Ort wahrscheinl. von Ebf. Konrad von Wittelsbach († 1200) in den 1180er oder 1190er Jahren (Stadtsiegel nach dem Vorbild von → Mainz seit 1236 belegt, aber älter). Schon 1184 werden zwei Pfarrkirchen gen., von denen Unsere Liebe Frau »intra«, St. Agatha »extra muros« lag. Der Status A.s als einer landsässigen Stadt im Mainzer Oberstift, die wirtschaftl. zunehmend von derResidenzfunktion abhängig war, wurde durch die Albertinische Ordnung 1526 infolge des Bauernkrieges festgeschrieben. Im 16. Jh. war A. eine Mittelstadt mit max. 3000 Einw.n (ohne Geistlichkeit und Hofpersonal).

A. wurde seit dem HochMA zum Kristallisationspunkt der Mainzer Territorialpolitik am Untermain. Die Stadt war als Sitz eines Vizedoms (seit 1122 belegt) und eines Archidiakons (verbunden mit der Stiftspropstei) der weltl. und geistl. Verwaltungsmittelpunkt des Mainzer Oberstiftes bis zur Säkularisation und der Schaffung des Dalbergischen Staates (Fsm. A. 1803-06).

Eine Burg hat bereits im HochMA bestanden. Ebf. Adalbert I. (1111-37) ließ das seit längerem verfallene castrum antiquum 1122 erneuern und den Ort befestigen. Diese Anlage ist jedoch auf dem Stiftsberg zu suchen. An der Stelle des heutigen Schlosses Johannisberg, westl. der Stadt, ist wohl erst im Laufe des 13. Jh., viell. unter Ebf. Siegfried II. von Eppstein (1200-30) eine Burg errichtet worden. Seit 1218 nimmt die Zahl der erzbfl. Aufenthalte in A. merkl. zu. Offensichtl. hat A. durch die Autonomiebestrebungen der Mainzer Bürger seit 1244 als Res. an Bedeutunggewonnen. Mit der Urk. vom 26. Mai 1285 über die im Vorjahr erfolgte Weihe der neuen Johanneskapelle ist die Existenz der Burg gesichert (novam capellam dedicatam in honorem beati Iohannis baptiste in castro Ascaffinburgensi).

Ihre spätma. Gestalt, wie sie durch Ansichten überliefert ist (s. u.) erhielt die Burg wohl durch die Baumaßnahmen der Ebf.e Konrad III. von Dhaun (1419-39) und Dietrich I. von Erbach (1439-59), die A. offenkundig als Res. bevorzugten. Der Schloßbau wurde 1511-15 von Mathis Gothart Nithart, gen. Grünewald, geleitet, der auch als Hofmaler Uriel von Gemmingens und Albrecht von Brandenburgs tätig war. Der ital. Humanist Enea Silvio Piccolomini bezeichnet A. 1457/58 gegenüber dem ebfl. Rat Martin Mayr als »das Refugium deines Mainzers, wo er Erholung sucht von allen Beschwernissen«(Piccolomini, 1962, S. 102). Mit der Rolle des Ebf.s als Kfs. ist es zu erklären, daß dort 1429 und 1447 Fürstentage stattgefunden haben. Ein Inventar von 1463 läßt das zahlr. Personal der kfsl. Hofhaltung erkennen.

Die spätma. Residenzburg ist im Markgräflerkrieg 1552 niedergebrannt und im Zuge des Neubaus durch Ebf. Johann Schweikard von Kronberg (1604-26) weitgehend niedergelegt worden. Seit 1557 wurde ein Gebäudekomplex zw. Burgruine und Stadt als Res. genutzt, das spätere »Alte Schloß« (1766 abgerissen). Ebf. Johann Schweikard von Kronberg (1604-26) verpflichtete sich in seiner Wahlkapitulation 1604, das Schloß A. wiederaufzubauen. Der Neubau wurde 1605 begonnen, 1614 eingeweiht und bis 1618/19 fertiggestellt.

Seit 1289 ist fast kein Jahr vergangen, in welchem nicht der Besuch eines Mainzer Ebf.s in A. nachweisbar wäre. Im 14. und 15. Jh. haben sich die meisten Ebf.e mehrfach jährl. und z. T. für längere Wochen und Monate in A. aufgehalten. Neben Versorgungsgesichtspunkten dürfte die Nähe der Jagdgebiete des Spessarts dafür nicht ohne Bedeutung gewesen sein. In A. sind bis 1650 folgende Mainzer Ebf.e verstorben: Werner von Eppstein (1284); Gerlach von Nassau (1371); Konrad von Weinsberg (in A. oder in Mainz, 1396); Johann von Nassau (1419); Dietrich Schenk von Erbach (1459, Grab in der A.erStiftskirche); Diether von Isenburg (1482); Adalbert III. von Sachsen (1484); Daniel Brendel von Homburg (1582); Wolfgang von Dalberg (1601); Johann Adam von Bicken (1604); Johann Schweikard von Kronberg (1626). A. blieb auch nach der Unterwerfung der Stadt → Mainz und dem Bau der dortigen Martinsburg als Refugium der Ebf.e die wichtigste Nebenres. Hauptres. der Mainzer Ebf.e war A. in der ersten Hälfte des 17. Jh.s (1612 Niederlassung der Jesuiten, 1620 der Kapuziner), nochmals unter Anselm Franz von Ingelheim 1688-95 und endgültig ab 1794 bis zum Ende des Kurstaates.

III.

Von der spätma. Residenzburg ist ledigl. der Bergfried aus dem 14. Jh., der Anfang des 15. Jh.s unter Ebf. Johann von Nassau erhöht worden war, verändert in den vierflügeligen Renaissanceneubau einbezogen worden. Eine Zeichnung des Nürnberger Künstlers Veit Hirschvogel (1485-1553) zeigt den Bauzustand des Schlosses im ausgehenden MA von der Mainseite aus mit der bezeichnenden Beischrift: Das ist Aschennburg, do der bischoff von Mentz hoff helltt (beste Abbildung in: Reber 1990, S. 100). Die Burgwar als Vierflügelbau auf quadrat. oder rechteckigem Grdr. mit unterschiedl. mächtig ausgestalteten Ecktürmen und einem alle Gebäude überragenden Bergfried angelegt. Zahlr. Zwerchhäuser mit spitzen Dächern und Wetterfahnen belebten die Dachlandschaft. Ein Riß von Stadt und Vizedomamt A., angefertigt von Gottfried Masscopp ca. 1575/80, zeigt das niedergebrannte Schloß mit dem hochaufragenden, offenbar unversehrten Bergfried, weiteren Türmen und den zerstörten Wohngebäuden (abgebildet in: Kunstdenkmäler des Königreiches Bayern 3,19, 1918, S. 5). Der Zugang lag, wie beim heutigen Schloß, auf derSüdseite zur Stadt hin, gegen die das Schloß durch einen Halsgraben gesichert war.

Ein Inventar von 1463 nennt insgesamt 22 Räume, doch sind keine sicheren Aussagen über die Raumfolgen möglich. Die dort erwähnte alte und die neue Kammer sowie der große neue Saal mit ihren Hängeleuchtern aus Messing und Hirschgeweih sind als Repräsentationsräume anzusprechen, die wohl in dem mainseitigen Flügel des Schlosses gelegen haben.

Von den Dimensionen her war der von Johann Schweikard von Kronberg 1605 begonnene, streng symmetr. Neubau wohl als kfsl. Hauptres. geplant. Das von dem Baumeister Georg Ridinger errichtete Schloß »gehört zu den bedeutendsten Anlagen der deutschen Renaissance, von größter Wirkung für das ganze 17. Jh.« (Dehio, Kunstdenkmäler, Bayern, 1, 1979, S. 54). Der A.er Schloßbau verdeutlicht den hohen Rang des Mainzer Ebf.s als Kfs. und Reichserzkanzler.

Sources

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Bünz, Enno: Die mittelalterlichen Siegel der Stadt Aschaffenburg, in: Aschaffenburger Jahrbuch 11/12 (1988) S. 79-105. - Bünz 2003. - Christ, Günter: Aschaffenburg. Grundzüge der Verwaltung des Mainzer Oberstifts und des Dalbergstaates, München 1963 (Historischer Atlas von Bayern. Tl. Franken, Reihe 1, 12). - Christ, Günter: Art. »Aschaffenburg«, in: Bayerisches Städtebuch, 1, 1971 S. 59-73. - Christ 1993. -Christ 1997, bes. S. 41-43 (Residenz Aschaffenburg) und S. 84-86. - Dehio, Kunstdenkmäler, Bayern, 1, 1979. - Falk, Franz: Die Heiligthümer in der Schloßcapelle zu Aschaffenburg, in: Der Katholik 60,2 (1880) S. 191-202. - Fischer, Roman: Aschaffenburg im Mittelalter. Studien zur Geschichte der Stadt von den Anfängen bis zum Beginn der Neuzeit, Aschaffenburg 1989 (Veröffentlichungen des Geschichts- und Kunstvereins Aschaffenburg e. V., 32). - Gerlich,Alois: Art. »Aschaffenburg«, in: LexMA I, 1980, Sp. 1101f. - Grimm, Alois: Aschaffenburger Häuserbuch, Bd. 2: Altstadt zwischen Dalbergstraße und Schloß, Mainufer - Mainbrücke - Löherstraße, Aschaffenburg 1991 (Veröffentlichungen des Geschichts- und Kunstvereins Aschaffenburg e. V., 34), S. 423-451 (Schloß Johannisberg). - Hannappel, Martin: Die in Aschaffenburg tagenden Mainzer Provinzialsynoden (1282-1455), in: Aschaffenburger Jahrbuch 4 (1957) S. 441-461. - Die Kunstdenkmäler des Königreiches Bayern, Bd. 3: RegierungsbezirkUnterfranken und Aschaffenburg, 19: Stadt Aschaffenburg, hg. von Felix Mader, München 1918, S. 220-265 (Schloß Johannisberg). - Mossmaier, Eberhard: Die Prädikaturstiftung an St. Peter und Alexander zu Aschaffenburg unter Berücksichtigung des Predigtwesens Südwestdeutschlands. Mit Abdrücken der Stiftungsurkunde von 1504, in: Aschaffenburger Jahrbuch 4 (1957) S. 543-573. - Reber 1990. - Roda, Burkard von/Hemberger, Werner: Schloß Aschaffenburg.Amtlicher Führer, 9. Aufl., München 1997. - Spies, Hans-Bernd: Wann wurde die Kapelle im alten Aschaffenburger Schloß geweiht?, in: Mitteilungen aus dem Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg 2,1 (1987) S. 14-17. - Spies, Hans-Bernd: Aschaffenburgs Aufstieg zur Mainzer Nebenresidenz im 13. Jahrhundert, in: Aschaffenburger Jahrbuch 11/12 (1988) S. 425-436. - Spies, Hans-Bernd: Schloß Johannisburg zu Aschaffenburg und sein Baumeister Georg Ridinger, in: Georg Ridinger: Architektur des SchlossesJohannis- burg zu Aschaffenburg. Faksimiledruck der Ausgabe Mainz 1616, Aschaffenburg 1991, S. 1-20. - Spies, Hans-Bernd: Laurentiustag oder 8. Juli 1552 - wann wurde das alte Aschaffenburger Schloß geplündert und in Brand gesteckt? Beseitigung einer chronologischen Verwirrung, in: Mitteilungen aus dem Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg 3,6 (1992) S. 293-300. - Spies, Hans-Bernd: Burg und Schloß Johannisburg zu Aschaffenburg im Spiegel schriftlicher Quellen, in: Mitteilungen aus dem Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg5,1 (1996) S. 33-43. - Spies, Hans-Bernd: Das »Alte Schloß« in Aschaffenburg - Wandel eines Begriffs, in: Mitteilungen aus dem Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg 6,1 (1999) S. 1-3. - Spies, Hans-Bernd: Schloss Johannisburg in Aschaffenburg: Eindrücke, Vergleiche und Fehlinformationen in Reiseberichten vom späten 15. bis ins frühe 19. Jahrhundert, in: Mainfränkisches Jahrbuch für Geschichte und Kunst 53 (2001) S. 30-59.