Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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GELDERN

I.

G. war seit dem 14. Jh. der bestimmende Faktor am Niederrhein. Seine alles beherrschende Rolle beruhte primär auf geograph. und demograph. Gegebenheiten. G. war das größte der dortigen Fsm.er. Es beherrschte die wichtigsten Flüsse der Niederlande (die Maas, den Rhein/Waal und die IJssel). Im 15. Jh. herrschte der Hzg. von G. über gut 133 000 Einw. und damit über mehr Menschen als die Fs.en von → Kleve oder Berg (nach 1423 → Jülich-Berg). Während der Zeit der Personalunion zw. G. und → Jülich (1393-1423) war die Einwohnerzahlnoch bedeutend höher.

Die niederrhein. Städtelandschaft war von kleinen und mittelgroßen Städten geprägt. G. war das einzige Fsm., zu dem eine Stadt gehörte, die wirkl. zurecht die Bezeichnung »groß« tragen durfte. Nimwegen zählte mehr als 10 000 Einw. Auch sonst waren die gelderischen Städte bevölkerungsreicher als die der benachbarten Territorien. G. entsprach dem demograph. Gesamtbild des Niederrheingebietes, nahm aber die Spitzenposition ein. Es bildete den Übergang zum dichter besiedelten W und SW. Hinsichtl. Bevölkerungszahl und Verstädterung blieb G. hingegen hinter den westl. Nachbarn Hollandoder → Brabant zurück. Diese Regionen zählten mehr Städte mit über 10 000 Einw.n.

Das Fsm. G. war auch das älteste Hzm. am Niederrhein. Bereits seit 1339 durften sich die Fs.en von G. Hzg.e nennen, ein Titel, der → Jülich 1356 zufiel, Berg 1380 und → Kleve erst 1417. Anciennität brachte Prestige, und das konnten die Fs.en immer wieder bei offiziellen Treffen mit benachbarten Landesherren gewinnbringend einsetzen. Dem Hzg. von G. wurde hier meistens der Vorrang eingeräumt.

II.

Am Hofe kamen viele zusammen. v. a. der (niedere) Adel bestimmte sein Gesicht. Geistliche, Gelehrte, Amtsträger und zahllose Bedienstete gaben diesem Gesicht je spezif. Züge. »Der« Hof existierte gleichwohl nicht. Vielmehr muß von einem Geflecht mehrerer Höfe die Rede sein, die in Teilen voneinander unabh. funktionierten. Natürl. verfügte der Hzg. über den größten Hof. Die Hzg.in hatte ihren eigenen Hofstaat, ebenso die männl. legitimen Kinder und Bastarde. Darüber hinaus zeigte sich der Hof in unterschiedl. Gestalt. Es gab einen Alltags-Hof und einen Hoffür bestimmte Gelegenheiten.

Anläßl. von Festen wünschte der Fs. über einen großen Hofstaat zu verfügen. Die Zahl der Höflinge, Funktionsträger und Bediensteten stieg dann kurzfristig stark an. Kern der »Teilhöfe« bzw. der verschiedenen Erscheinungsformen waren immer der Fs., seine Familie und eine festgelegte Gruppe von Höflingen. Sie bildeten quasi die Konstanten des Hofes. Im allg. Sinne fungierte der Hof als unverzichtbare Entourage des Fs.en. Er war ein »Herrschaftsinstrument«. Ohne Hof kein Fs. und keine Macht.

Einbindung der polit. Eliten des Landes war ein wichtiges Ziel bei Hofe. Daraus folgte ein endloser Kampf um Posten und Einfluß. Die fsl. Gnade war ein wesentl. Mittel, den Wettbewerb zu steuern: hier ein Jahrgeld, dort ein Privileg, ein Posten oder ein Amt, nicht zu vergessen dieGeschenke. Solange der Fs. Herr über Ämter und Mittel war, hatte er alle Trümpfe in Händen und war in der Lage, andere an sich zu binden. Solange stand der Fs. aber auch unter dem Druck der Adeligen, Bürger und anderen, seine Macht und sein Ansehen mittels Gnadenerweisen zu demonstrieren.

Die Größe des Hofes wuchs in G. ebenso wie überall sonst in Europa. v. a. das 15. Jh. zeigt eine starke Zunahme der so oder so an den Hof gebundenen Personen. Um 1450 zählte allein die Alltagshofhaltung des Hzg.s nahezu 300 Personen. Die Hzg.in, Katharina von Kleve, konnte über rund 60 Höflinge und Bedienstete verfügen; der junge Erbprinz Adolf hatte ein Gefolge von ca. 25 Personen, das in den folgenden Jahren schnell auf rund 60 Personen anwachsen sollte. Darüber hinaus waren ca. 200 Menschen fest an die unterschiedl. Burgen und Besitzungen des Fs.en gebunden, so daß die Gesamtzahl desHofstaates an die 600 Personen erreichte. Versuche, den Hofstaat, etwa durch Hofordnungen, zu reduzieren, hatten nur wenig Erfolg. Grund dafür war eine ebenso simple wie maßgebl. Formel: Menge war Prestige, Prestige war Kredit, Kredit war Autorität, Autorität war Macht.

Das Anwachsen des fsl. Gefolges belastete die traditionelle Mobilität des Hofes. Die logist. Organisation der Reisen wurde zunehmend komplizierter. Es kann kein Zufall sein, daß das Anwachsen der Kopfzahlen mit der Seßhaftigkeit des Hofes einher ging. Große Teile der Hofhaltung und der Verwaltung tauschten ihre Mobilität gegen eine prakt. permanente Präsenz in der Stadt. Das 15. Jh. zeigt eine Symbiose von Hof und Stadt. Logist. Probleme waren in einer Stadt kleiner als in einer abgelegenen Burg. Stadtverwaltungen, allen voran Arnheim, waren sich sehr wohl der Vorteile bewußte, welche dieAnwesenheit eines Hofes boten. Aktiv arbeiteten sie daher am Ausbau der Infrastruktur mit, die ein seßhafter Hof brauchte. Arnheim entwickelte sich so zur bedeutendsten Res. der Fs.en von G. Der Hzg. selbst allerdings reiste weitherhin umher. Im In- wie im Ausland war seine Anwesenheit erwünscht. Ein »unsichtbarer« Fs., der sich ausschließl. in seinem Stadtpalast aufhielt, war in ma. Vorstellungen undenkbar. Der Fs. war gezwungen, sich zu zeigen und mit seinen Untertanen zu kommunizieren, v. a. mit den Eliten.

Der Hof als Regierungszentrum erfuhr im späten 14. und im 15. Jh. grundlegenden Veränderungen. Neue Formen der Steuererhebung hielten Einzug, namentl. die Sondersteuern. Eine wachsende Schar von Beamten unterstützte die Hzg.e auf allen Ebenen der Territorialverwaltung. Professionalisierung und Bürokratisierung schritten im 15. Jh. fort. Juristen und Universitätsabsolventen übernahmen die Stellen, die bis dahin von Geistlichen besetzt waren. Die Trennung zw. Archivierung und Kanzleitätigkeit, die doppelte Buchführung und die Spezialisierung einzelner Bereiche des Kanzleiwesens waren nureinige der Neuerungen, die sich in Regierung und Verwaltung vollzogen. Die Kanzlei wurde schließl. in den 40er Jahren des 15. Jh.s eigenständig und erhielt einen festen Sitz in Arnheim. Zunächst war die Kanzlei die einzige Einrichtung, die sich aus der direkten Umgebung des Hzg.s löste. Die Finanzverwaltung, die Gerichtsbarkeit und die beratenden Organe blieben dagegen fest bei Hofe verankert. Ihr Entwicklungsprozeß hin zu eigenständigen Institutionen kam nur schleppend in Gang. In dieser Hinsicht hinkte G. den Entwicklungen in den großen westeurop. Monarchien oder in Burgund hinterher.

Von großer Wichtigkeit war der zunehmende Einfluß der Stände. Die Vertretung der Städte und des Adels in den Ständen der vier Landesviertel war mit dem Regierungsbeginn Hzg. Arnolds 1423 bereits eine festes Institution. Die Fs.en aus dem Hause Egmond mußten zunehmend auf die Wünsche der Stände eingehen. Im Rat der Sechzehn (Raad van Zestien) hatten die Stände darüber hinaus lange Zeit einen direkten Brückenkopf bei Hofe. Die Stimme des Rates drang ohne Umwege direkt zum Ohr des Fs.en durch. Für ihn eine neues Geräusch neben den vertrauten Klängen des hzgl. Rates undder persönl. Berater.

Bei Hofe wurden viel Geld und viele Güter umgeschlagen. Die Organisation des alltägl. Lebens war keine leichte Aufgabe. Ein wesentl. Teil der Maßnahmen befaßte sich mit der Versorgung von Menschen und Tieren, dem Anlegen und Auffüllen von Vorräten und der Unterhaltung der hzgl. Burgen und Schlösser. Die wachsende Zahl von Höflingen und Personal sowie die zunehmende Prachtentfaltung bei Hofe belasteten die verfügbaren Finanzen schwer. Die Balance zw. prestigeträchtiger Prachtentfaltung und dem Zwang zur sparsamen Haushaltsführung zu halten war ausgesprochen schwierig. Meistensschlug das Pendel in Richtung Prestige aus. Der Fs. sah sich dem unablässigen Druck seiner Untergebenen (Adlige, ehrgeizige Städter und andere) ausgesetzt, die versuchten, in seine Nähe zu gelangen. Diese Nähe wollte er andererseits aber auch selbst, denn so konnte er die Eliten kontrollieren und an sich binden. Der Hzg. war gezwungen, die Attraktivität des Hofes auf einem hohen Niveau zu halten, sie vorzugsweise sogar noch zu steigern. Die Glaubwürdigkeit seiner Stellung gegenüber anderen Fs.en und seinen Untertanen war eng mit dem Glanz und der Größe seines Hofes verbunden. Die Loyalität desAdels, der Amtsträger und der städt. Führungsschichten war proportional abhängig von der zur Schau gestellten Grandeur. Gerade der permanente Druck, Privilegien, Posten und Geschenke zu verteilen, war eine ständige Gefahr für eine »vernünftige« Finanzplanung. Dem polit. Druck, die Führungsschichten einzubinden, standen Sparsamkeit und finanzielle Umsicht entgegen. Die Forderungen der Stände nach Begrenzung der Ausgaben waren ebenso eindringl. Der Hzg. befand sich also in einer Zwickmühle und es fehlte die Aussicht auf eine strukturelle Lösung dieses Problems. Also blieb es in G. und auchanderswo beim status quo.

Das Ansehen des Hzg.s drückte sich in seiner Hofhaltung aus. Die Größe des Hofes war die eine, die Qualität seiner Mitglieder die andere Seite. Kunst und Kultur spielten dabei eine große Rolle. Der Fs. und die Fs.in konkurrierten mit anderen Fs.en. Sie suchten nach Möglichkeiten, sich zu profilieren. Attraktiv war alles, was neu, was kostbar oder was exklusiv war. Mal entschied sich der Fs. für bes. Luxus, mal für verfeinerte Qualität oder für »Polysensualität«, also für etwas, das Augen, Nase und Ohren zugl. gefiel. Künste und Kunstfertigkeiten standen im Dienste der fsl. Propaganda.Im engeren Kreis fungierten die Künste als Mittel des Amüsements, der Lehre und der Andacht.

Die Künste und Wissenschaften zu fördern, gehörte zum Idealbild eines Fs.en. Die Förderung der Künste war einfach und obendrein relativ billig zu bewerkstelligen. Patronage oder Mäzenatentum waren unverzichtbare Bestandteile der hzgl. Lebensführung. Der Hzg. verlieh bspw. seiner Vorstellung eines princeps litteratus Ausdruck, indem er eigenes Wissen zeigte und Gelehrte in den Kreis bei Hofe oder direkt in die Hofhaltung aufnahm.

Die Hzg.e von G. stellten die Rahmenbedingungen in Form von Geld, Schutz und Posten bei Hofe her. Diese ließen, wenngleich unzureichend, um eine Blüte der Kunst zu bewirken, immerhin ein Umfeld entstehen, in dem Autoren, Sprecher, Musiker, Maler, Goldschmiede und viele andere auskömml. arbeiten konnten. Die Landesherren vergaben Aufträge und forderten so, manchmal ohne sich dessen bewußt zu sein, die Kreativität manches Untertanen heraus. Gelegenheitsdichter fühlten sich aufgrund der anregenden Umgebung bei Hofe dazu beflissen, ihre Gedanken oder Gefühle in wohlgesetzte Worte zu kleiden.Herolde, Sänger und Sprecher überraschten Fs. und Fs.in wiederholt mit einem Lied oder Gedicht. Sofern das Vorgetragene gefiel, konnte der Urheber auf die fortgesetzte Gunst des Hofes, namentl. auf einen Auftrag, im besten Falle sogar auf ein festes Dienstverhältnis hoffen. Die eiserne do ut des-Regel gilt auch hier.

Wie anderswo, haben sich auch in G. die Hzg.innen aktiv um die Arbeit von Sprechern und Dichtern sowie um Handschriften gekümmert. Sie übertrafen die Hzg.e in der Förderung von Kunstformen und Vergnügungen für den kleinen Kreis. Zweifelsohne ergab sich das aus ihrer Stellung. Die Gattinnen hatten nicht oder nur im Ausnahmefall zu regieren. Sie weilten weitaus länger am Hof als die Hzg.e, füllten ihre Tage mit Entspannung und Besinnung. Musik, Lesen, Spielen oder die Unterhaltung durch Vortragskünstler boten ihnen Belehrung und Vergnügen. Papageien, Pfauen, Äffchen und andere Tiere sorgtenfür Ablenkung an ruhigen Tagen. Die Hzg.e begünstigten v. a. solche Kunstformen, die zu allererst und vornehml.der Demonstration von Reichtum und Macht dienten. Die Landesherren - und nicht ihre Frauen - hatten die Herolde im Dienst. Die Fs.en umgaben sich mit Musikern, die laute Instrumente spielten (hauts instruments). Die überwiegende Zahl an Schenkungen von Glasmalerei-Fenstern stammt von den Hzg.en, nicht von den Hzg.innen. Wappenschilder und Banner waren zumeist für den Landesherren bestimmt. Die Löwen blieben als Symbole dem Fürstenhof vorbehalten.

Die Anwesenheit von Juristen, Theologen und Medizinern steigerte das intellektuelle Ansehen des Hofes. Auch hierin wetteiferten die Höfe untereinander. Dank der Gelehrten und aufgrund der guten Ausbildung des Hzg.s und seiner Familie konnte eine intellektuelle Atmosphäre entstehen. Ob die Potentiale tatsächl. auch umgesetzt wurden, hing wesentl. vom Hzg. ab. Arnold von Egmond war wohl der Hzg., der sich am meisten um Wissenschaft und Bildung bemüht hat. Während seiner Regierung konnte eine (bescheidene) intellektuelle Blüte entstehen. Arnold sammelte Bücher nicht nur aus Tradition. Erinteressierte sich wirkl. auch für die Inhalte. Der Fs. und seine Gattin, Hzg.in Katharina von Kleve, erwiesen sich als eifrige Büchersammler und übertrafen darin ihre Nachbarn am Niederrhein bei weitem. Bedeutet das, daß sich unter der Regierung Arnolds der frühe Humanismus ankündigt? Der Petrarca-Text des Hofapothekers, die fsl. Vorliebe für den gelehrten Kirchenvater Hieronymus und die Gedichte des Leibarztes Laurentius van der Wije könnten darauf hindeuten. Die Fakten sind allerdings leider zu mager, als daß man diese Frage positiv beantworten könnte. Deutl. scheint aber zu sein, daß dasintellektuelle Klima zur Zeit Hzg. Arnolds auf einen Humanismus verwies, wie er sich bald - in den 60er Jahren - am Niederrhein im Umfeld von Hzg. Johann I. von Kleve, einem Schwager des Fs.en von G., zeigen sollte.

Der Hof hatte schließl. auch einen internationalen Charakter. Die Verwandschaftsverhältnisse waren vielfältig und verzweigten sich in viele Fürstenhäuser hinein. Der Hzg. und seine Gattin reisten oft und gern zu ausländ. Verwandten oder Bundesgenossen. An fremden Höfen konnten der Fs. und die Fs.in von G. mit eigenen Augen die jeweils neuesten Moden kennenlernen. Abgesandte des Fs.en reisten durch Europa, nach England, Frankreich und Italien. Ihre Berichte werden mehr als nur polit. Botschaften umfaßt haben. Die Gesandten werden über das höf. bzw. städt. Leben berichtet haben, das sieandernorts vorgefunden hatten. Die Kinder des Fs.en erhielten nicht selten einen Teil ihrer Erziehung an einem befreundeten ausländ. Hof. Maria etwa, die älteste Tochter von Hzg. Arnold, lebte bis zu ihrer Hochzeit mit Kg. Jakob II. von Schottland i. J. 1449 am Hof Hzg. Philips des Guten von Burgund. Diener, Musiker oder Maler wechselten regelmäßig den Hof und die Dienstverhältnisse. Der Herold Gelre und die Familien Maelwael und von Limburg sind hier herausragende Beispiele. Der Erstgenannte wechselte vom Hof zu G. zum Hof von Holland. Mitglieder der letztgenannten Familien erfülltenFunktionen an den Höfen von G., Frankreich, Burgund und am Hof des Hzg.s von Berry. Gelehrte waren noch mobiler, da sie gewöhnl. zum engen Hofzirkel gehörten. Manche Juristen (bspw. Johan von Nuwenstein, de Novolapide, aktiv zw. ca. 1404 und 1445) und ein Arzt (Giesbert von Berg, ca. 1400) bekleideten sogar Ämter an verschiedenen Höfen gleichzeitig. Der internationale Charakter wurde des weiteren durch die vielen herumreisenden Musiker, Sprecher und Akrobaten gewährleistet. Ausländ. Gesandtschaften zeigten, daß G. und damit sein Hzg. in Europa etwas zählte. Der Fs.nutzte die Anwesenheit von Gästen und Gesandten, um seinen Höflingen und Untertanen seine Macht zu demonstrieren. Er nahm sie gern in sein Gefolge auf, wenn er in einer Stadt Einzug hielt oder den Vorsitz bei einer öffentl. Zeremonie hatte.

Die offene Atmosphäre bei Hofe förderte den Austausch von Musik, Literatur und anderer Künste. Der Hzg. und die Hzg.in erhielten bemalte Tafelbilder aus dem Ausland, z. B. aus Italien. Sie ließen Bücher in Lat. oder Frz. beschaffen, hergestellt in → Utrecht, im Hennegau oder in Flandern. Diplomat. Missionen, Adlige oder Geistliche brachten Geschenke von ihren Reisen mit zurück nach G. Grabsteine z. B. bestellte der Hof um 1400 in Brügge. Vergleich und Wettstreit untereinander waren Mittel, um den Hof zu G. auf dem Niveau der anderen Höfen zu halten.

Die Lage und die Stellung G.s machten es zu einem idealenVermittlungsort. Der Hof erfüllte auf unterschiedl. Gebieten die Funktion eine Bindegliedes in einer Kette von kulturellen Einflüssen. Generell ist eine Verbreitung neuer Entwicklungen von W nach O wahrzunehmen. Innovationen, ob aus Frankreich oder den Niederlanden stammend, wurden mehr als einmal über den Hof von G. in die Gebiete östl. des Rheins eingeführt. G. bestimmte in der 2. Hälfte des 14. Jh.s den Ton am Niederrhein, was administrative und finanzielle Leistungsfähigkeit betraf. Die »moderne« Organisation undVerwaltungspraxis verdankte G. einem Debakel. 1288 war der Gf. von G. in der Schlacht von Worringen (bei Köln) vernichtend durch den Hzg. von → Brabant geschlagen worden. Gf. Reinald I. von G. kam in derartige finanzielle Schwierigkeiten, daß er 1291 für fünf Jahre sein ganzes Land an seinen Schwiegervater, Gf. Guy (Gwijde/Guido) von Flandern verpfänden mußte. Die kurze Herrschaft des fläm. Gf.en war in verwaltungstechn. Hinsicht ein Segen. Die allg. Verwaltung und die finanzielle Adminstration wurden nach fläm. Modell reorganisiert. Innerhalb von 5 Jahren war G. den anderenTerritorien am Niederrhein um Meilen voraus. Diesen Vorsprung konnte das Land bis weit in das 15. Jh. hinein halten. Früher als die östl. angrenzenden Gebiete hatte G. einen Kanzler. Schon früh tauchen Juristen am Hofe auf. Analog zu Holland erhob G. Sondersteuern, um zusätzl. Einkünfte zu erzielen. G. galt in dieser Hinsicht als Vorbild, namentl. für → Kleve: »In relation to the general institutional evolution as a matter of fact, one can speak of a wave of modernisation, flowing from northwest to southeast along the Rhine« (Schaïk 1993, S. 261).Der Vorsprung schmolz im 15 Jh. dahin. G. geriet sogar ins Hintertreffen, bes. aufgrund interner Kontroversen zw. den Ständen und dem Hof, sowie, noch fataler, durch Spannungen innerhalb der Herzogsfamilie ab den 50er Jahren. Innovationen aus Burgund liefen am Hof völlig vorbei. Sie fielen in → Kleve auf fruchtbareren Boden. In der zweiten Hälfte des 15. Jh.s entwickelte sich in → Kleve eine »modernere« und v. a. leistungsfähigere Verwaltung als in G.

Auf kulturellem Gebiet verbreiteten sich verschiedene »Moden« von W nach O. Ein Beispiel mag dies verdeutlichen. Eine Kantorei gehörte am Ende des 14. Jh.s zum musikal. Leben eines Hofes im W. Flandern, Holland oder → Brabant hatten jeweils ihre eigene Sängertruppe. G. folgte später. Als der Hof unter Arnold von Egmond in den 30er Jahren des 15. Jh.s eine Kantorei installierte, war dies die erste am Niederrhein. Der Hzg. von G. führte so eine neue Mode im O ein. Seine Initiative fand schnell Nachahmer, als erstes im Nachbarland → Kleve.

G. ist in mancher Hinsicht Quelle und Bindeglied in einer Kette von Einflüssen zugl. Wenngleich man kaum von einer spezif. Hofkunst G.s sprechen kann - die Bezeichnung »niederrheinisch« paßt hier eher - scheinen tatsächl. bes. gelderische Maler und Illustratoren um 1400 den Ton anzugeben. G. war zur Zeit Hzg. Willems von Jülich eine Quelle von Kreativität und Innovation auf künstl. Gebiet. Um 1400 dominierten zwei miteinander verwandte Familien, beide aus Nimwegen stammend, die Malerei in G. und weit darüber hinaus: die Familie Maelwael und die Familie von Limburg. Mitglieder beiderFamilien arbeiteten für den Hof von G. und erreichten ein derartig hohes künstl. Niveau, daß sie auch »international« reüssierten. Jan Maelwael und die Gebr. Limburg machten in Frankreich Karriere sowie der unbekannte gelderische Meister, der um 1400 für Hzg. Philip den Kühnen von Burgund einen Reisealtar bemalte. Das Hzm. besaß zu Zeiten Willems und Reinalds von Jülich kulturelle Ausstrahlungskraft. Die Malerei stand offensichtl. auf hohem Niveau und hatte Einflüsse aus den Rheinland (→ Köln), aus dem S (Frankreich) und dem W ( → Brabant) aufgenommen. Die in G.ausgebildeten Maler exportieren ihren Stil an die anderen europ. Höfe. So trugen sie in G. und andernorts zur Entwicklung der europ. Malerei bei.

Von bes. hoher Qualität waren des weiteren die Handschriften. Absolute Spitzenstellung nimmt das Stundenbuch der Hzg.in Katharina von Kleve ein. Dieses Buch ist wahrscheinl. in → Utrecht entstanden (zw. ca. 1430 und ca. 1440).Der Hof von G. war hier ledigl. Auftraggeber, nicht Urheber. Bei dem schönen Gebetbuch der Hzg.in Maria und dem Wappenbuch des Herolds Gelre wissen wir sehr viel sicherer, daß die Handschriften auch in G. entstanden sind. Das Hzm. war das Entstehungsgebiet von Büchern, kostbaren ebenso wie preisgünstigen, künstl. gestalteten wie einfachen. Für all diese Kategorien trat der Hof als Mäzen auf. Aufs neue war das Hzm. eine Zeit lang tonangebend. Adelige und Fs.en beauftragten die Werkstätten und Ateliers kleiner Selbständiger in G. Auf dieseWeise entstand nach Hans Peter Hilger um 1420 in G. ein Missale, das für die Hofkapelle auf der Schwanenburg in → Kleve bestimmt war.

Allerdings konnte das Hzm. G. dieses kreative Talent nicht halten. Die Maler der Generation um 1400 zogen woanders hin. Das bedeutete nun keine völlige Austrocknung des kulturellen Klimas. Der Hof blieb ein Zentrum, wo Werke hoher künstl. Qualität nachgefragt und gebraucht wurden. Die Handschriften des 15. Jh.s bestätigen dies auf eindrucksvolle Weise. Die geograph. Lage hatte übrigens immer einen positiven Einfluß auf das künstl. Umfeld.

G. war mitnichten das zurückgebliebene, zersplitterte Gebiet, daß manche Historiker in dem Hzm. sehen wollen. Was bedeutet auch zersplittert? Der gelderische Flickenteppich aus Gebieten, Herrschaften und Städten, jeweils mit eigenem jurist. Status, war nichts Außergewöhnliches. Das Hzm. → Brabant und die Gft. Holland waren territorial ebenso zersplittert, nur zusammengehalten durch des Rechtstitel des Fs.en. Auch hier personifizierte der Fs. die Einheit des Landes. Der Hzg. bzw. Gf. war unverzichtbarer Faktor für die territoriale Integrität. Das Führen eines großen Hofes und dieNutzung kultureller Errungenschaften dienten dem polit. Ziel von Einheit und Machtentfaltung.

Die Tragik der Geschichte G.s liegt darin, daß seine Fs.en ab der Mitte des 15. Jh.s ihre polit. Rolle nicht mehr überzeugend spielen konnten. Sie gingen in einem Strom von Zwisten und Auseinandersetzungen unter. Die Potentiale eines Hofes und der vorhandenen Kultur wurden zur Erhöhung der landesherrl. Autorität nicht mehr voll ausgenutzt. Darüber hinaus hätten diese Potentiale kaum den abbröckelnden Kredit des Hzg.s aufwiegen können. Hof und Kultur als Mittel der fsl. Politik versagten. In einer solchen Situation konnte G. nur Verlierer sein. Der Sieger kam anderswoher. Er hieß Karlder Kühne von Burgund. Er holte 1473 die Beute G. heim und vollendete damit - jedenfalls fürs erste - die Einheit der Niederlande.

Sources

Die meisten Quellen, v. a. Rechnungen, Briefe und Urk., befinden sich im RA in Gelderland, Arnheim (NL). Die Quellen des Hofes sind vereinigt im »Archief van de graven en hertogen van Gelre, graven van Zutphen«. Inventar: Jenniskens, Antoon H.: Het archief van de graven en hertogen van Gelre, graven van Zutphen, Arnheim 1977. - Gedenkwaardigheden uit de geschiedenis van Gelderland door onuitgegeven oorkonden opgehelderd en bevestigd, hg. von Isaak Anne Nijhoff, 6 Bde., Arnheim u. a. 1830-75.

Gelderland, 2001. - Nijsten, Gerard: Het hof van Gelre. Cultuur ten tijde van de Herzogen uit het Gulikse en Egmondse huis (1371-1473), 2. Aufl., Kampen 1993. - Nijsten, Gerard: In the Shadow of Burgundy: The Court of Guelders in the Late Middle Ages, erscheint bei Cambridge University Press i. J. 2004. - Schaïk, Remigius Wenceslaus Maria van: Taxation, public finances and the state making process in the Late Middle Ages: the casus of the duchy of Guelders' in: Journal of MedievalHistory 19 (1993) S. 251-271.