Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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QUEDLINBURG

I.

Kanonissenstift St. Servatius. Bm. → Halberstadt. Im Jahr 936 durch Otto I. für seine Mutter, Kg.in Mathilde, am Ort einer älteren liudolfing. Burg gegr. Der 922 erstmals bezeugte Ortsname Quidilingaburg besteht aus Personenname Quidila mit 〈burg〉 und leitet sich von ahd. quedan, reden ab; er ist erst später mit dem Hündchen »Quedel« aus dem ostsächs. Sagenschatz vereinigt worden, was jedoch für die Aufnahme eines im Stadttor sitzenden Wachhundes in das Stadtwappen ausschlaggebend gewesen sein dürfte.

Das Immunitätsprivileg stammt aus dem ersten Regierungsjahr Ottos (DO I 1), ab 1216 ist die Äbtissin von Q. als Rfs.in bezeugt, seit 1663 mit Sitz und Stimme auf der Prälatenbank, die Landeshoheit ging jedoch bald darauf an → Brandenburg verloren. Um das Stift bildete sich noch im Verlauf des 10. Jh.s mittels kgl. Schenkungen ein eigenes Territorium heraus, das, einst um reichen Streubesitz erweitert, sich im Kern bis zum Anfang des 19. Jh.s erhielt. Neben einer Funktion als frühe Territorialherrin und Teilhaberin an Regierungsaufgaben ist die Pflege der otton. Memoria dievornehmste Aufgabe von Äbtissin und Konvent.

Zentrum der Herrschaft war Q., ein ehemaliger otton. Königshof an der Bode; die frühotton. Burg sowie die Pfalz und der Wirtschaftshof am Fuße des Berges bei der Kirche St. Wigbert werden 961 der Äbtissin geschenkt (DO I 228), womit die eigentl. Gründungsphase abgeschlossen ist. Stadtherrschaft und Marktprivileg werden noch im 10. Jh. gegeben, der ausgreifende Streubesitz reicht nach O bis jenseits der Elbe in das Slawenland. Der Versuch der aus der Marktsiedlung hervorgegangenen Stadt Q. (seit 1427 Mitglied der Hanse), gegen die Herrschaft des Stiftes die Reichsfreiheit zu erlangen,scheiterte 1477 an Äbtissin Hedwig (1458-1511) aus dem Hause Wettin, die dabei milit. von Truppen ihrer Brüder Ernst und Albrecht unterstützt wurde. Hzg. Georg von Sachsen († 1539) verzögerte die Einführung der Reformation im Stift, der sich u. a. das mit Q. verbundene Kanonissenstift zu Gernrode schon angeschlossen hatte. Erst nach seinem Tode ist Q. unter Äbtissin Anna II., Gf.in von Stolberg-Wernigerode, 1539/40 in ein evangel. freiweltl. Damenstift umgewandelt geworden. 1698 kauften die Kfs.en von Brandenburg die Vogtei Q. 1802 erstmals und 1813 dauerhaft wurde das Stiftsterritorium in denpreuß. Staat integriert, von 1807-13 gehörte es zum Kgr. Westfalen.

Insgesamt gesehen kann festgestellt werden, daß nach dem Ende der unmittelbaren Königsnähe, die v. a. durch die Verwandtschaft der Äbtissinnen bestand, das Stift Q. mehr und mehr in regionale Konflikte und Abhängigkeiten geriet, die seinen Einfluß zunehmend schwinden ließen. Im 16. Jh. beginnt zudem der spürbare wirtschaftl. Niedergang.

II.

Damen kgl. Abstammung hatten bis um 1125 den Abbatiat inne, meist in Personalunion mit demjenigen von → Gandersheim und anderen königsnahen Konventen. Kg.in Mathilde begegnet in den Quellen zwar nicht als »abbatissa«, stand aber von 936 bis zu ihrem Tode am 14. März 968 fakt. dem Stift vor. Es folgten aus der Familie der Ottonen ihre gleichnamige Enkelin als erste Äbtissin († 999), die von vorneherein für dieses Amt bestimmt war, sowie Adelheid I. (999-1044, seit 1039 auch Äbtissin von → Gandersheim), eine Tochter Ottos II. DerenNachfolgerin, Beatrix I. (1044-61), hatte als älteste Tochter Heinrichs III. vermutl. von Beginn an den Doppelabbatiat von Q. und → Gandersheim inne, wie auch ihre jüngere (Halb-)Schwester Adelheid II. (1061-96), die aus der Ehe Heinrichs mit Agnes von Poitou stammte. Einer Eilika, vermutl. einer Billungerin, folgte, viell. um 1103, Agnes I., eine Nichte Heinrichs IV., welche seit 1111 bis zu ihrem Tod 1125 auch dem → Gandersheimer Konvent vorstand. Sie ist die letzte Äbtissin kgl. Herkunft in Q. Der Doppelabbatiat hingegen ist auch in späteren Zeiten bezeugt, etwa beiÄbtissin Adelheid III. von Q. und → Gandersheim (1161-84), die aus der Familie der Sommerschenburger stammte. Mit Anna Amalie von Preußen, einer Schwester Friedrichs des Großen, ist als Äbt. von Q. (1756-87) erneut eine Prinzessin in diesem Amt, die jedoch nur dreimal im Stift weilt. Ihre Nachfolgerin und letzte Äbtissin von Q. ist Sophie Albertine (1787-1802), eine schwed. Prinzessin.

In der Zeit der Äbtissin Agnes II. von Meißen (1184-1203) sind als bis heute hervorragende Kunstgegenstände in Q. die gewebten Wandteppiche mit allegor. Darstellungen entstanden, die auf eine elaborierte Hofkultur hinweisen. Die kirchl. Ämter innerhalb des Konventes sind ebenso vorhanden wie bereits im 12. Jh. eine Ministerialität und die vier Hofämter. Im ausgehenden MA sind die Herren von Ditfurth als Marschälle des Stifts bezeugt, von diesen ging das Amt 1516 an die Stadt Q. über; eine angemessene Untersuchung zum Q.er Hof ist ein Desiderat der Forschung.

Münzprägungen der Äbtissinnen sind bis in das ausgehende 17. Jh. nachzuweisen; ein Versuch der Wiederbelebung durch Äbtissin Anna Amalie von Preußen wird 1759 von ihrem Bruder, Kg. Friedrich II., untersagt (vgl. im Einzelnen Menadier 1915, Lorenz 1922 und Kremer 1924.)

Das Wappen des Stifts ist bis in die zweite Hälfte des 15. Jh.s einem steten Wandel unterworfen und meist auf diejenigen der Äbtissinnen bezogen. Unter Äbt. Hedwig von Sachsen (1458-1511) wurden die beiden kursächs. Schwerter in das Wappen eingefügt und beibehalten. Daß diese in ihrer späteren Form als gekreuzte Messer und daher als Hinweis auf ein an Q. haftendes »Reichsköchinamt« gedeutet wurden, wird von Kremer (Kremer 1924, S. 70) abgelehnt.

Sources

Modernen Ansprüchen genügende Editionen der Urk.n des Stiftes liegen nicht vor. - Antiqvitates Qvedlinburgenses Oder Keyserliche Diplomata, Päbstliche Bullen, Abteyliche und andere Uhrkunden von dem Keyserlichen Freyen Weltlichen Stiffte Qvedlinburg. Sampt einigen alten Siegeln und Nachrichten so hierzu dienlich aus den Abteylichen und Pröbstlichen Archiv zusammengetragen von Friedrich Ernst Kettner, Leipzig 1712. - Codex diplomaticus Quedlinburgensis [...] Curante Antonio Uldarico ab Erath, Frankfurt am Main 1764. - Inventarium diplomaticumhistoriae Saxoniae, 1747. - Urkundenbuch der Stadt Quedlinburg, bearb. von Karl Janicke, Halle 1873 (Geschichtsquellen der Provinz Sachsen und angrenzender Gebiete, 2).

Breywisch, Walter: Quedlinburgs Säkularisation und seine ersten Jahre unter der preußischen Herrschaft 1802-1806, in: Sachsen und Anhalt 4 (1928) S. 207-249. - Bulach, Doris: Quedlinburg als Gedächtnisort der Ottonen. Von der Stiftsgründung bis zur Gegenwart, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 48 (2002) S. 101-118. - Hankel, Hans Peter: Die reichsunmittelbaren evangelischen Damenstifte im Alten Reich und ihr Ende. Eine vergleichende Untersuchung. Frankfurt am Main 1996(Europäische Hochschulschriften. Reihe 3: Geschichte und ihre Hilfswissenschaften, 712). - Fikker, 1, 1861, § 239. - Kremer, Marita: Personal- und Amtsdaten. Die Äbtissinnen des Stifts Quedlinburg. Leipzig 1924. - Lorenz, Hermann: Werdegang von Stift und Stadt Quedlinburg. Quedlinburg 1922 (Quedlinburgische Geschichte, 1). - Lorenz, Hermann: Moritz von Sachsen als Erbschutzherr des Reichsstifts Quedlinburg, in: Sachsen und Anhalt 10 (1934) S. 126-155. -Menadier1815. - Reuling, Ulrich: Quedlinburg: Königspfalz - Reichsstift - Markt, in: Deutsche Königspfalzen, 4, 1996, S. 184-247. - Scheibe, Elisabeth: Studien zur Verfassungsgeschichte des Stifts und der Stadt Quedlinburg, Leipzig 1938. - Schubert, Ernst: Quedlinburg, Stadt und Stätte deutscher Geschichte, in: Der Quedlinburger Schatz wieder vereint, hg. von Dietrich Kötzsche, Berlin 1992, S. 3-19. -Weirauch, Hans-Erich: Die Güterpolitik des Stiftes Quedlinburg im Mittelalter, in: Sachsen und Anhalt 13 (1937) S. 117-181. - Weirauch, Hans-Erich: Der Grundbesitz des Stiftes Quedlinburg im Mittelalter, in: Sachsen und Anhalt 14 (1938) S. 203-295.