Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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ERBACH

C. Fürstenau, Schloß in Steinbach

I.

Im MA stets: Furstenawe, Furstenauwie, Furstenowe oder ähnlich; die Schreibweise F. wurde erst seit dem Ende des 17. Jh. allg. gebräuchlich. Der Name geht vermutlich auf Ebf. Gerhard II. von Mainz (gest. 1305) zurück, der verschiedene Burgen gegen die Pfgf.en errichtete, denen er programmatische Namen wie »Fürsteneck« bzw. »Fürstenstein« gab. F. zählt unter diese Burgen, die als Gegenburgen errichtet wurden. An der mittleren Mümling gelegen, diente die Burg/das Schloß der alten Hauptlinie Reichenberg zu F. seit der Mitte des 14. Jh.s als Sitz und wird von deren Nachkommen, der Linie der Gf.en zu Erbach-F., bis heute bewohnt.

II.

Das Schloß F., ursprgl. eine Kastellburg mit einem steinernen Haus in der Süd-Ostecke der Ringmauer, liegt unterhalb des Zuflusses des Steinbach nahe an der Mümling, die in früheren Zeiten in der sumpfigen Niederung Inseln bildete und so den idealen Platz für eine Wasserburg bot, die in nächster Nachbarschaft zum Lorscher bzw. Mainzer Kl. Steinbach (»Einhardsbasilika«) lag, das in der Reformation durch die Gf.en aufgehoben und als Hospital genutzt wurde.

Der Odenwald war bereits in prähistorischer Zeit besiedelt; jedoch erst seit dem beginnenden MA lassen sich vermehrt Ansiedlungen feststellen. Dabei bot das Mümlingtal den natürlichen Zugang, um von N her das Innere des Odenwaldes zu erreichen. Die Herren von → E. entfremdeten als Lorscher Ministeriale der Abtei den hier interessierenden Raum. Nach der Teilung der Familie in der Mitte des 13. Jh.s war wohl zunächst die Burg Reichenberg über Reichelsheim Sitz der alten Hauptlinie zu Reichenberg, worüber jedoch keine weiteren Nachrichten vorliegen, worauf aber die Namensgebung hindeutet. Nachdem sich von dieser noch im letzten Drittel des 13. Jh.s der Zweig zu → Michelstadt abgespalten hatte, kam es um 1300/07 rasch zu Streitigkeiten um den Reichenberg, der in der Folge an die Pfgf.en zu Lehen aufgetragen werden mußte, so daß bald darauf die Sitze F. und → Michelstadt bezogen wurden.

Die Burg F. lag in unmittelbarer Nähe einer wichtigen W-O-Verbindung, die bei → Michelstadt das Mümlingtal querte und als Teil des alten Weges aus dem Worms-Lorscher Raum über Reichelsheim, Steinbach, → Michelstadt, Amorbach nach Miltenberg an den Main führte; von → Michelstadt zweigte nach N eine durch das Mümlintal ziehende Straße ab, die bis nach Obernburg an den Main führte. Die N-S-Verbindung verlief auf den benachbarten Höhenzügen und führte über Beerfelden südlich durch das Gammelsbachtal an den Neckar. So war die verkehrstechnische Anbindung garantiert und der Absatz der erzeugten Waren (v.a. Erze und Waffen) gewährleistet.

F. lag in der Mark → Michelstadt und gehörte kirchl. zum Ebm. Mainz, Archidiakonat St. Peter und Alexander in Aschaffenburg, Landkapitel Montat, Pfarrei → Michelstadt.

Ob mit der Errichtung der Burg F. auch die Entstehung des Dorfes Steinbach verbunden war oder ob diese nicht vielmehr durch die Kl.gründung initiiert wurde, läßt sich aufgrund der Quellenlage nicht letztgültig beweisen. Jedoch dürften Kl. und Herren von → Erbach den Ausbau des kleinen Ortes begünstigt haben. Eine wirkliche Res.enbildung läßt sich für das Dorf Steinbach jedoch nicht ausmachen; hier hatte die benachbarte Stadt → Michelstadt aufgrund ihrer alten Mittelpunktfunktion in der gleichnamigen Mark eindeutig den Vorrang. Einen Hinweis auf eine Burgkapelle liegt für F. relativ spät für das Jahr 1460 vor. Schenk Philipp III. (gest. 1461) erhielt die Erlaubnis, eine Kapelle zu errichten, auf die er die Einkünfte der zerstörten Kapelle der Burg Tannenberg übertragen durfte, nachdem noch i.J. zuvor lediglich von einem Tragaltar die Rede ist. Die Kapelle sollte der Jungfrau Maria, Johannes dem Täufer sowie den Märtyrerinnen Barbara, Katharina und Margaretha geweiht werden. Erst für das Jahr 1492 ist die Weihe der neuerrichteten Kapelle belegt; Hauptpatrozinium: Hl. Georg. 1495 ist der Altarist Johann Metzler belegt.

III.

Ausgangspunkt der Entstehung F.s und seiner Entwicklung zum Residenzschloß ist die in den letzten Jahren des 13. Jh.s durch den Mainzer Ebf. Gerhard II. errichtete Burg (frühestens 1295), eine reine Wehrburg zum Schutz des Kl.s Steinbach gegen die Pfgf.en auf E. Gebiet, was rasch zu Streitigkeiten führte; so ist bereits 1300 von einem unrehten uberbau die Rede. Jedoch schon bald wurden Angehörige der Schenkenfamilie aus der Reichenberger Linie als Burgmannen eingesetzt; erstmals ist 1317 ein Angehöriger der Familie, Schenk Eberhard gen. Rauch, als Burgmann nachweisbar.

Die Burg F. wird 1310 erstmals namentlich erwähnt, doch wie die weitere urkundliche Überlieferung nahelegt, muß der Baubeginn in die Jahre 1295/99 dat. werden. 1355 ging die Burg durch Verkauf in den realen Besitz der Herren von → Erbach über; 1356 wurde Schenk Konrad Rauch zum Erbburgmann in F. aufgenommen. In diesen Jahren war die Burg bereits ein stattliches Anwesen mit Mühle, Gut und Hof. Bald schon lassen sich erste Baumaßnahmen der → Erbacher feststellen. Die Kernburg, eine trapezförmige Kastellburg mit ca. 12 m hohen Mauern und vier knapp 25 m hohen Ecktürmen sowie einem steinernen Haus in der S-O-Ecke, wurde zu einer Dreiflügelanlage weiterentwickelt, die in ihren Grundformen bis heute erhalten ist. Die neuen Flügel im N, S und O wurden um 1460 nochmals aufgestockt. Gegen 1500 setzte dann der Wandel zum Schloß ein: 1492 entstand ein Kapellenerker an der Ostseite. Wohl 1531-1542 errichtete man einen neuen Hauptturm an der S-O-Ecke (»Roter Turm«), der die repräsentative Wirkung des Schlosses stark erhöhte. Den Abschluß des Wandels zum Renaissanceschloß bildete 1588 die Verbindung der Kernburg mit der Vorburg (heute: Neues Palais), indem Gf. Georg III. (gest. 1605) den trennenden Graben zuschütten und die Westmauer durch einen Schwippbogen von etwa 15 m Breite und 11 m Höhe ersetzen ließ. Der Hauptturm erhielt zeitgl. eine Haube mit Umgang, Kuppel und Ziererkern. In der ehem. Vorburg entstanden unter Ausnutzung der alten Wehrmauern die »Beschließerei« an der N-seite sowie eine größere Kapelle und eine Kanzlei im W, die beide nicht mehr erhalten sind, wobei die Kapelle offenbar an die Kanzlei angebaut war und einen Kirchenraum von 18,5 m auf 9,5 m mit Chor umfaßte; ein Teil der Kanzlei war dem Gf.enstuhl vorbehalten, also der Empore der gfl. Familie mit Sichtverbindung zum Kirchenraum. Der so neuentstandene großzügige Innenhof wurde mit Architekturmalereien ausgeschmückt. Der Funktionswechsel der ersten Vorburg machte den Bau einer zweiten, größeren für die Wirtschaftsfunktionen nötig, die gut erhalten ist. Die Wassergräben konnten im Zeitalter der Artillerie kaum mehr vor Angriffen schützen und wurden bald in eine Parklandschaft integriert, die bis auf das Ostufer der Mümling reichte. Die Anlage hatte beim Tode Gf. Georgs III. 1605 ihre Gestalt erlangt, die bis zum Ende des 18. Jh.s. kaum verändert wurde und in ihren Grundzügen noch heute erhalten ist. Erst zu Beginn des 19. Jh.s kam es zu weitreichenden Bauaktivitäten: Die Gräben wurden zugeschüttet und Anstelle von Kapelle und Kanzlei wurde 1808-1811 das »Neue Palais« errichtet, das die als unbequem empfunde alte Kernburg ersetzte, die erst wieder im ausgehenden 19. Jh. genutzt und restauriert wurde. Die ma. Kernburg der Mainzer Gründung war im wesentlichen überbaut worden, so daß von ihrer Raumaufteilung nichts bekannt ist. Auch ihr Äußeres kann nur erschlossen werden. Die älteste Gesamtdarstellung der Schloßanlage ist erst aus dem Jahr 1759 überliefert. Sie zeigt bereits im großen und ganzen das heute noch bestehende Ensemble (Kernburg, Kanzlei und Kapelle, neue Vorburg mit Wirtschaftsgebäuden und Marstall, Schloßmühle, in der zeitw. auch die gfl. Münze untergebracht war, und Mümlingbrücke sowie ostwärts der Mümling die Orangerie (?) und den 1756 errichteten Gartenpavillon) in einer von Wassergräben durchzogenen, teilw. geometrischen Parklandschaft; eine Brunnenschale aus dem späten 16. Jh., Figurenfrgm.e, Konsol- und Giebelsteine zeugen von den nicht mehr erhaltenen Bauwerken und der Parkanlage Gf. Georgs III. Zwischen 1645 und 1652 wurde Wolf Lautenberger als Hofgärtner in F. eingestellt, der sich um den Lustgarten und den Kräutergarten zu kümmern hatte.

Durch die Arbeit von Falk Krebs sind wir über Architekten, Baumeister und Künstler seit der Mitte des 16. Jh.s recht gut unterrichtet; zuvor weisen die vorhandenen Steinmetzzeichen die tätigen Baumeister aus, darunter Konrad von Mosbach, ein Angehöriger der Baumeisterfamilie Eseler, und der pfgfl. Baumeister Moritz Lechler aus Heidelberg sowie ein Maler Sibmacher, vermutlich der später durch sein Wappenbuch berühmt gewordene Nürnberger Maler Johann Siebmacher. Die Raumaufteilung wurde im wesentlichen im ersten Drittel des 16. Jh.s gestaltet, sieht man von der Anpassung der alten Wehrgebäude an die Wohnbedürfnisse ab, und brachte den Einbau von größeren repräsentativen Wohnräumen durch Eberhard XIII. (gest. 1539), wie sie mit Blick auf die Gf.enerhöhung nötig waren; eine frühere Raumaufteilung läßt sich nicht mehr rekonstruieren. Repräsentationsräume, die durch die Neugestaltung entstanden, sind: der »Rittersaal« im N-flügel, in dessen westlichen Kellerräumen bis ins 20. Jh. die Küche untergebracht war mit einem Rauchfang in einem separaten Anbau vor der Nordringmauer im Graben, und das »Mgfl. Zimmer« im Erdgeschoß des O-flügels, das 1534 für den Besuch Philipps des Großmütigen von Hessen genutzt wurde. Zwischen 1635 und 1644 wurde in den Roten Turm eine Kapelle für die Ehefrau Gf. Georg Albrechts I., Elisabeth Dorothea von → Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfürst, eingebaut. Für 1555 ist der Einbau von Kachelöfen durch einen Heidelberger Hafner überliefert. Für die zweite Hälfte des 16. Jh.s sind erneut Ausmalungen der Wohnräume belegt. In der Folgezeit wurden die Raumgestaltungen und -ausstattungen lediglich dem sich ändernden Geschmack und dem steigenden Anspruch nach Wohnkomfort angepaßt.