Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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WIED UND RUNKEL

A. Wied und Runkel

Die Gft. W., seit 1784 Fsm. (Erhebung von Gf. Johann Friedrich Alexander, Enkel Friedrichs III., in den Reichsfs.enstand), benannt nach dem rechtsrheinischen Nebenfluß W. und gelegen im Bereich des Westerwaldes und des heutigen Lkr.es Neuwied, bestand von Anfang des 12. bis Mitte des 19. Jh.s zwischen verschiedenen Zweigen mehrfach geteilt und wiedervereinigt, entstand ab dem 16. Jh. eine Obergft. mit den Zentralorten Dierdorf und Runkel an der Lahn und eine Niedergft., deren Sitz bis 1653 Burg Altw. war, anschließend bis 1848 die Stadt Neuw.

Die Anfänge der Gft. W. liegen im Dunkeln, das Territorium wie auch das der späteren Gft. → Sayn, die rechts- und linksrheinischen Gebiete der Kölner und Trierer Kfs.en, aber auch die Besitzungen des späteren Hzms. Jülich, des Hauses → Nassau und der Pfgf.en bei Rhein ist auf die einstige salische und staufische Pfgft. (Palatia maior) zurückzuführen, aus dem fränkischen Lotharingien hervorgegangen war. Als eigenständige Gft. erscheint W. erst ab dem Ende dieser Pfgft. als Lehen der Pfgf.en bei Rhein.

Begründer des Hauses Wied ist Meffried, möglicherweise Inhaber der Gaugf. im Engersgau, dessen Familie nördlich der Lahn, aber auch linksrheinisch begütert war. Meffried und sein Bruder Richwin von Kempenich sind 1103 in einer Urk. des Stiftes Münstermaifeld als Zeugen notiert. 1129 erscheint Meffried als Meffridus de Widhe in einer Urk. des Kl.s St. Thomas in Andernach, womit die eigenständige Herrschaft W. dokumentiert ist. Es ist anzunehmen, daß Meffried Eigenbesitz um die spätere Burg Altw., deren Bau wohl zu dieser Zeit begonnen wurde, mit durch den Pfgf. verliehenen Herrschaftsrechten vereinigte. Meffrieds Sohn Arnold (um 1098-1156) war bereits Kanzler Kg. Konrads III. und Ebf. von Köln. Nachfolger Meffrieds wurde sein Sohn Siegfried von W.

Gf. Dietrich von W. (1158-1200), Enkel Meffrieds, erscheint in einer am 26. April 1158 in Sinzig ausgestellten Urk. neben Pfgf. Konrad als Zeuge. Es ist nicht überliefert, ob der Pfgf. Dietrich belehnt hat, hingegen trägt ihm lt. einer Urk. vom 25. Dez. 1190 der Kölner Ebf. ein Lehen zu Olbrück im heutigen Kr. Ahrweiler auf. Darin wird den Söhnen Dietrichs das Erbrecht an dem Lehen zugestanden, um einer möglichen Entfremdung infolge der Heirat seiner Tochter Theodora mit Gf. Bruno von → Isenburg vorzubeugen. Nachfolger Dietrichs war möglicherweise sein Sohn Georg von W. (1197-1219). Georg nahm am Fünften Kreuzzug teil und erscheint in Urk.n an der Seite der Gf.en von → Sayn und der Pfgf.en. Georg starb wie auch sein Bruder Lothar (1219-1243), der ihm in der Herrschaft folgte, ohne Nachkommen, so daß die Herrschaft von den Nachkommen der Töchter Dietrichs Theodora und Isalda übernommen wurde und am 5. März 1243 hat Lothar sein Lehen an Theodoras Söhne Bruno (II.) und Dietrich übertragen, was bereits 1238 durch Pfgf. Otto bestätigt worden war. Mit Lothar starb das erste Gf.enhaus aus und die Hälfte der Herrschaft ging auf die beiden → Isenburger über. Erben der anderen Hälfte wurden die Herren von → Eppstein, deren Anteil aber bereits 1306 von den Gf.en von → Virneburg gekauft wurde.

Das zweite Gf.enhaus ist mit den Nachkommen Brunos (II.) von → Isenburg bestimmt, so daß von der Mitte des 13. bis zur Mitte des 15. Jh.s die Gf.en von W.- → Isenburg Inhaber der Gft. waren, die auch weiterhin Lehen der Pfälzer Kfs.en blieb.

1462 starb Wilhelm II. von W.-Braunsberg→ Isenburg ohne männlichen Erben und die Gft. fiel an Dietrich IV. von R., der mit einer Nichte Wilhelms, Anastasia von W.- → Isenburg, verheiratet war. Pfalzgraf Friedrich hatte schon 1460 Friedrich IV. von R., den ältesten Sohn Dietrichs, für seine treuen Dienste mit der halben Grafschaft W. belehnt. 1473 erhielt Friedrich dann aus der Hand Pfgf. Friedrichs die gesamte w.ische Gft. als Lehen, 1477 erneute durch Pfgf. Philipp. Damit wurde Friedrich IV. (gest. 1487) zum Stammvater des dritten und letzten Gf.enhauses W.-R. Von seinen vier Söhnen übernahm 1488 zunächst Wilhelm III. die Herrschaft, der zudem die Gft. → Moers erwerben konnte. Wilhelm starb 1526 ohne legitime männliche Erben, so daß sein Bruder Johann III. die Gft. W. übernahm, → Moers fiel über seine Tochter Anna an die Gft. → Neuenahr. Seine beiden jüngeren Brüder Hermann und Friedrich waren seit 1515 Ebf. von Köln (Hermann) und Bf. von Münster (Friedrich). Nach Johanns Tods teilten seine Söhne Johann IV. und Philipp die Gft. W. in eine sog. »obere« und eine »untere« Gft. Diese Teilung war von Dauer, denn diese wurde stets unter den beiden ältesten Söhnen erneuert. So teilte auch Friedrich III., der 1653 die Stadt Neuw, gründete und damit die Linie W.-Neuw. etablierte, 1640 mit seinem Bruder Moritz Christian die Gft. nach diesem Prinzip. Moritz Christian gilt als Begründer der jüngeren Linie W.-R., die 1726 zudem in den Besitz der Gft. Kriechingen kam.

Die Belehnung durch die Pfgf.en hatte bis ins 18. Jh. Bestand, zuletzt 1721 durch Kfs. Carl Philipp, wiewohl die Gft. überlieferungsbedingt feststellbar seit Einführung der Reformation wie ein reichsunmittelbares Fsm. behandelt wurde. Die Gft. gehörte zum Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreis, die Gf.en waren als Mitglieder der westfälischen Gf.enbank am Reichstag vertreten. 1791 wurde mit Christian Ludwig auch die Linie Wied-Runkel gefürstet.

Johann Friedrich Alexanders Sohn Friedrich Karl war der letzte regierende Fs. zu W. Durch seine Weigerung, dem Rheinbund beizutreten, wurde das Fsm. 1806 auf Druck Napoleons aufgelöst und dem Hzm. → Nassau zugeschlagen. 1815 gelangten schließlich die w.ischen Territorien an Preußen.

Einer der bedeutendsten Vertreter des Hauses W. ist Hermann V. von W. (1477-1552), ab 1515 Ebf. und Kfs. von Köln und ab 1532 Ebf. von Paderborn. Sein Versuch, mit Unterstützung der Landstände im Ebm. Köln die Reformation einzuführen, scheiterte am Widerstand von Domkapitel und Ks.

Sources

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