WALDBURG
Die Truchsessen von W. verfügten in Oberschwaben über mehrere Herrschaftssitze bzw. Res.en, denn zum einen setzte sich ihr Besitz aus mehreren Herrschaften mit bestehenden ma. Herrschaftssitzen zusammen, zum anderen führten mehrere Teilungen dazu, daß seit 1429 bis zu sechs (um 1700) gleichzeitig selbständige Herrschaftskomplexe entstanden. V.a. seit dem späten 15. Jh. wurden mehrere ältere Burgen durch Um- oder Neubau als Res.en gestaltet. Gemeinschaftliche Repräsentation und die Verwendung aufeinander Bezug nehmender Repräsentationsformen in den W.er Zweigen rechtfertigen es, von einer Residenzlandschaft zu sprechen, obschon die Territorien von zahlr. fremden Herrschaften getrennt und durchsetzt waren. Ihren Zusammenhalt wahrten die W.er u. a. durch den gemeinsamen Besitz an der W. Ohne einem Zweig dauerhaft als Wohnsitz zu dienen, wurde sie im 16. und 17. Jh. mit einer die Einheit der Familie betonenden Austattung versehen und bis in die Neuzeit hinein nach Zerstörungen als Symbol der Familientradition neu aufgebaut. Die zahlr. Burgen, Schlösser und Grablegen dienten zudem der Markierung der Erstreckung von Herrschaft und Einflußgebiet. Die Erbteilung des Jahres 1429 führte, nachdem zuvor bes. Waldsee und Trauchburg wichtige Res.orte gewesen waren, mit Schloßneubauten zur Entfaltung von Scheer und Wolfegg als Res.en. Mit der Aufspaltung des georgischen Stammes in W.-Wolfegg und W.-Zeil am Ende des 16. Jh.s rückte Zeil durch ein großes neues Renaissance-Schloß in diese Reihe. Die Entstehung mehrerer weiterer Äste führte zur Adaption weiterer Herrschaftssitze in Wurzach, Waldsee, Kißlegg, Dürmentingen und zum Neubau von Neutrauchburg. Die W.er Res.en hielten meist Abstand zu Städten. Die Schlösser Wolfegg, Zeil und Dürmentingen liegen an Dörfern. Die Schlösser in den Städten Scheer, Waldsee und Wurzach und im Marktort Kißlegg liegen oberhalb bzw. außerhalb der spätma. bzw. frühneuzeitlichen Siedlungen, Trauchburg in beträchtlicher Entfernung zur Stadt Isny. Für den Untersuchungszeitraum ohne oder von sehr geringer Bedeutung waren die teils bereits verfallenen oder an andere Familien gelangten Burgen Winterstetten, Warthausen, Rohrdorf und die im Bauernkrieg 1525 zerstörte Burg Linden.
Repräsentative Grabmäler gab es in fast allen als Res. genutzten bedeutenden Herrschaftssitzen: in der Abtei St. Georg (Isny) in der Herrschaft Trauchburg, in den Stiftskirchen von Waldsee, Wolfegg und Zeil, in den Pfarrkirchen von Scheer, Kißlegg und Wurzach sowie Herzbestattungen in den Loretokapellen von Dürmentingen und Wolfegg. Hinzu kamen Grabmäler in res.losen Orten in eigenen Herrschaften (Bildepitaphien für Truchseß Christoph (1551-1612) und seine Frau Anna Maria von → Fürstenberg (gest. 1611) und ihre Kinder in Herbertingen) sowie außerhalb der eigenen Herrschaften im Einflußgebiet der W.er, v.a. in kirchlichen Institutionen in Konstanz, Dillingen und Salzburg). Zu erwähnen sind weiter W.er Wappen in fremden Herrschaften, sei es bei kognatisch verwandten Familien (Allianzwappen, Wappenscheiben), sei es in kirchlichen Institutionen (v.a. Domkapitel, Abteien).
Religiöse Stiftungen machten die W.er Herrschaft in ihren Territorien bes. sichtbar. Hervorzuheben sind unter den karitativen Stiftungen die Leprosen- bzw. Siechenhäuser von Wolfegg, Wurzach, Kißlegg und Dürmentingen. In Wolfegg und Zeil stifteten die W.er Kollegiatstifte, in Wurzach ein Kl. Die Pfarrkirchen ihrer Res.orte waren durch W.er Stiftungen geprägt und wiesen Herrschaftsemporen auf. Die intensive Stiftung von in der Landschaft oder Städten errichteten Kapellen hatte einen ersten Höhepunkt im SpätMA, einen zweiten im Zeitalter der Gegenreformation. Die W.er stifteten in deren Verlauf u. a. zahlr. Loretokapellen (Scheer 1628, Kißlegg 1656, Dürmentingen 1668/70, Neutrauchburg 1686, Wolfegg 1688); Truchseß Johann von W.-Wolfegg (1598-1644), Bf. von Konstanz 1627-1644, 1629 in Wolfegg zum Bf. geweiht, war 1643 in Loreto. Bemerkenswert sind schließlich mehrere Eremitagen des 17. und 18. Jh.s (W., Scheer, Dürmentingen).
Der städtische Hausbesitz der W.er ist zwar nicht systematisch untersucht, festgehalten aber werden kann, daß die W.er in mehreren Städten, eigenen wie fremden, zeitweilig Häuser eigentümlich oder zur Miete besaßen und auch nutzten. In Isny (bis 1381) und Ravensburg besaßen die W.er im SpätMA eigene Häuser. In Saulgau kaufte Truchseß Eberhard zwei Häuser und lag 1443/44 wg. der städtischen Abgaben im Konflikt mit der Stadtgemeinde. In Mengen bewohnte die Wwe. Truchseß Wilhelms d.J. von 1577 bis zu ihrem Tod i.J. 1589 das sog. Truchsessenhaus, welches 1610 Mgf. Joachim von Brandenburg als Gast sah. Im 16. Jh. bestand auch in Augsburg Hausbesitz, wo Kard. Truchseß Otto von W. Bf. war. In Überlingen und v.a. in Konstanz wohnte während des Krieges Truchseß Wilhelm Heinrich (1580-1652). In Konstanz lebte später der von Untertanen und Habsburgern aus Scheer verdrängte Truchseß Maximilian Wunibald (1647-1717).
W., Tann und Neutann:
Die W. liegt, etwa 15 östlich von Ravensburg, im Altorfer Wald auf einem steilem Moränenhügel und bietet als höchster Punkt der Region (ca. 800 m) eine weite Sicht auf Alpen und Bodensee. Zugehörig ist die gleichnamige Herrschaft. Das im 16. Jh. unter Wahrung der Erscheinung als wehrhafte Burg alten Stils adaptierte Schloß ist die Stammburg der Truchsessen von W. Seit 1429 (in unterschiedlichen Anteilskonstellationen) gemeinschaftlicher Besitz der Nachkommen Truchseß Johanns II. von W., diente sie seit dem Umbau im 16. Jh. vornehmlich als Symbol der Einheit und Tradition der Familie und war wohl nur mehr als Jagdres. zeitw. bewohnt. 1528 verkaufte Wilhelm d.Ä. (1469-1557) den jakobinischen Anteil an der W. an Georg III. (1488-1531). Nach der Plünderung durch die Schweden 1632 (1646 war sie ganz öde) und einem Feuer 1724 wurde sie rasch wieder hergestellt. Unten am hohen Hügel lag ein Dorf mit Pfarrkirche, das als Res.ort ohne Belang war, wenn an der Dorfkirche auch frühneuzeitliche Epitaphien von Angehörigen einer Amtsträgerfamilie der W.er erhalten sind.
Der Kern der Burg stammt aus dem 12. bis frühen 13. Jh., die Anlage evtl. aus dem späten 11. Jh. Charakteristisch ist der hoch aufragende rechteckige Palas, an den an der Torseite hohe Umfassungsmauern und ein Wehrgang anschließen. Über das Tor führt der Wehrgang zur hochragenden Schloßkapelle. Zur Hofseite hin stehen ein niedriges Wohngebäude und der Zwinger. Die Neubauten des 16. Jh.s orientierten sich stilistisch am Altbestand. Die in der älteren Literatur erwogene Zerstörung im Bauernkrieg ließ sich bei der jüngsten Untersuchung im Mauerwerk nicht nachweisen.
Der im Kern erhaltene Palas erreichte ca. 10 m Höhe. Um 1313 erfolgte die Vergößerung des heutigen Kapellenturmes auf die heutige Größe, um 1400 die Aufstockung eines Geschosses am Kapellenturm und die Aufstokkung des Palas auf die heutige Höhe in Steingeschossen. Der Zwinger ist spätma.
Im wesentlichen in den 1550er und 1560 Jahren erfolgte unter Truchseß Georg IV. (1523-1562) und Truchseß Jakob V. (1546-1589) eine um 1625 abgeschlossene Umgestaltung. Der Palas erhielt ein Renaissanceportal mit flachen Pilastern und Bogenschluß mit Blattmuster, das Gemäuer wurde verputzt und mit Architeckturmalerei an Fenstern und Portalen versehen. Im Innern wurde der Palas durch je zwei massive Querwände in je drei Einheiten unterteilt (Mittelflur mit je einem großen bzw. zwei kleinen Räumen), wobei der große Seitenraum im ersten Obergeschoß als Rittersaal, die kleinen Räume im darüberliegenden Geschoß als Stube-Kammer-Einheit gestaltet wurden. Der Rittersaal weist eine reiche Wand- und Deckentäfelung in den Formen der Renaissance auf, mit vorgesetzten Wandpilastern auf Sockel mit dorischem Kapitäl, kräftigem Gesimse und Kassettendecke. Über der Tür steht die Jahreszahl 1568. Die Wandtäfelungen der übrigen Räume sind teilw. erhalten. Die barocken Öfen stammen aus Kißlegg und wurden 1898 eingebaut. Für die vertikale Erschließung wurde ein Wendeltreppenturm an der Nordseite angebaut, an der Westseite ein Abortturm. Nach der regelmäßigen Neubefensterung blieben von den ma. Lichtschlitzen nur im Erdgeschoß Reste erhalten. Auch der Kapellenturm wurde neu befenstert und mit Gewölben versehen. Die Kapelle, erstmals 1337 erwähnt, wurde 1577 neu geweiht. An der Südseites des Hofes entstanden neue Wirtschafts- und Dienergebäude über dem Zwinger, die Ringmauer wurde erweitert, die Verbindungsmauer zwischen Palas und Kapellenturm erhielt den Verbindungsgang auf der Mauerkrone und eine gemalte Wappenreihe zur Hofseite (Dreigenerationen-Ahnenprobe Georgs IV. und seiner Ehefrau). 1686 erhielt der Palas sein heutiges Dach, 1720/21 folgte eine Erneuerung der Wirtschaftsgebäude; auch die Innenwände im Erdgeschoß wurden neu aufgeführt, das Dachwerk erneuert. Im Kapellenturm erhielt um 1728 die rechteckige Kapelle ihre heutige zweigeschossige Form mit geschweifter Empore, Stukkatur und großen Außenfenstern; der Hochaltar stammt von etwa 1500, die übrige Ausstattung aus den 1730er Jahren. Im vierten Obergeschoß des Kapellenturms gab es im 18. Jh. zeitw. eine Eremitenklause. Das Aussehen der Anlage hat sich mit Ausnahme des Daches (Sattel statt Walm) seit der Renovierung des 16. Jh.s kaum verändert. 1794-1798 erfolgten umfangr. Renovierungsarbeiten (Ringmauer, Neueindeckung der Mauerkronen), vor wenigen Jahren eine erneute Renovierung mit baugeschichtlicher Analyse.
Wesentliche Repräsentationsfunktion innerhalb der Anlage übernahm die erwähnte Ahnenprobe über dem Burgtor. Im Rittersaal zeigt eine Serie von Gemälden des 17. Jh.s für die Familiengeschichte wesentliche Momente: Enthauptung Konradins (ein Bild dieses Themas findet sich im Inventar von Schloß Scheer von 1672), Heinrich Truchseß von W. teilt Peter von Aragon den letzten Willen Konradins mit, Belagerung Roveredos mit siegreichem Zweikampf Truchseß Johanns von W.-Sonnenberg, ksl. Belehnung der W. mit dem Truchsessenamt, Truchseß Georg III. empfängt bittstellende Bauern, Verteidigung von Konstanz 1632 und Lindau 1647 gegen die Schweden durch Truchseß Maximilian Willibald, Ahnenporträts mit Ehefrauen bis Ende des 18. Jh.s. Bedeutsam sind weiter eine detailreiche Ansicht der W. von 1625 und die vermutlich frühneuzeitliche Geweihsammlung. Da Mobilien zwischen den Sitzen der W.er fluktuierten, ist die ursprgl. Zuordnung von Gegenständen der Innenausstattung nicht stets sicher.
Die herausragende Rolle der W. für das Selbstverständnis der W.er wird erhellt durch den Vergleich mit zwei Burgen, welche auf die genealogischen Vorfahren der W.er, die Herren von Tanne bzw. Tanne-W. verwiesen. Die Burg Tanne (Tann bzw. Alttann) in der Nähe von Wolfegg gelangte im 13. Jh. durch Erbgang an die Schmalegg, am Anfang des 14. Jh.s aber wieder an die W.er, verfiel aber. Die 1318 erstmals urkundlich erwähnte und etwa 1 km von Alttann gelegene Burg Neutann wurde von den Schmalegg-Winterstetten vermutlich als Ersatz für die Burg Tanne (Tann bzw. Alttann) erbaut. Von 1581 bis zum Verkauf i.J. 1653 und erneut seit 1681 war Neutann im Besitz der W.er. 1718 widmete Truchseß Ferdinand Ludwig von W.-Wolfegg-Wolfegg (1678-1735) das Schloß, einen schlichten dreigeschossigen Rechteckbau mit steilem Satteldach, um und stiftete es als 1733 eröffnetes Spital.
Trauchburg, Neutrauchburg und Rimpach:
Das im 18. Jh. verfallene Schloß Trauchburg (Alt-Trauchburg) liegt etwa 10 km südöstlich von Isny. Truchseß Johann I. von W. erwarb Veste und Herrschaft Trauchburg 1306. Res. war Trauchburg nur bisweilen. Für die 1335 durch Erbteilung entstandene und 1386 erloschene ältere Trauchburger Linie war Trauchburg zwar von Bedeutung, Res.ort indes war eher die den W.ern erbeigene Stadt Isny. Truchseß Otto II. von W. aber verkaufte 1365 der Gmd. der zur Reichsstadt aufsteigenden Stadt seine Herrschaftsrechte und 1374 auch das truchsessische Stadthaus; Veste und Herrschaft Trauchburg verkaufte er 1374 an Truchseß Johann II. von W. In der in Isny gelegenen und unter der Vogtei und Obrigkeit der W.er stehenden Abtei St. Georg (reichsunmittelbar seit 1781) lag eine W.er Familiengruft. 1534 kam es in der Abtei zu einem Bildersturm, 1546 beim Ausbruch des Schmalkaldischen Krieges zur Plünderung. Wichtig wurde Trauchburg nochmals im 15. Jh. als Hauptbesitz des durch die Erbteilung von 1429 begründeten jakobinischen Stammes der W.er. Seit dem Erwerb des Erbes des 1511 erloschenen eberhardinischen Stammes aber residierte der jakobinische Stamm hauptsächlich in Scheer, in Dürmentingen und auf dem Bussen, weit seltener bzw. vorübergehend auf der vom neuen Herrschaftsmittelpunkt ca. 90 km weit entfernten Trauchburg. 1525 nahmen Bauern aufgrund von Verrat die Trauchburg ein. Truchseß Friedrich (1546-1570), der älteste Sohn Truchseß Wilhelms d.J., lebte und starb 1570 auf Trauchburg. Ein anderer Sohn Wilhelms d.J. (1518-1566), Truchseß Karl von W. (1550-1593) residierte nach der Teilung von 1575/80, bei der er die Herrschaft Trauchburg erhielt, auf Schloß Trauchburg. 1584 im Zuge des Kölner Krieges gefangengenommen, wohnte er nach seiner Rückkehr 1586 aber vermutlich vorwiegend in Dürmentingen. Die durch Truchseß Friedrich (1592-1636) begründete jüngere Trauchburger Linie verfügte mit dem durch Heirat 1625 und Erbschaft 1669 erworbenen Schloß in Kißlegg über eine weitere Res. Bestattet wurde Truchseß Friedrich gleichwohl in der alten Familiengruft in der Abtei St. Georg. Letztmalig genutzt wurde Schloß Trauchburg 1690 bei der Vermählung von Truchseß Christoph Franz von W. (1669-1717, jüngere Linie Trauchburg) mit Maria Sophia Gf.in von → Oettingen. Da die Gft. im 18. Jh. außer Waldbesitz und Wildbann kaum noch ökonomisches Potential hatte, ließ Truchseß Johann Ernst II. (1695-1737) sie vom reichsstädtischen Syndikus von Isny aus verwalten, unterhielt nur noch einen Forstmeister und hielt sich in der Gft. vornehmlich in den Jägereien von Großholzleute und Bolsternang auf. Sein Bruder Truchseß Franz Carl Eusebius von W. (1701-1772), Fs.bf. von Chiemsee, erbaute 1754-1757 für seine Jagdaufenthalte in der Gft. im ca. 6 km nördlich von Neutrauchburg gelegenen Rimpach ein »zierliches Jagdschloß als Miniaturresidenz« (Rauh).
Die Loretokapelle wurde 1686 von Maria Monika (1644-1713, geb. Gf.in von → Königsegg-Rothenfels, Gemahlin des 1687 gest. Truchseß Johann Ernst I.) gestiftet. Zur sakralen Res.landschaft gehört auch die von ihr 1713 erbaute Schloßkapelle in der 1697 von ihr erworbenen Ritterherrschaft Neideck.
Das Schloß Neutrauchburg (etwa 3 km nördlich von Isny) wurde 1776-1778 von Truchseß Franz Anton von W.-Zeil-Zeil (1714-1790) und seiner Gemahlin Anna Sophia als schlichter dreigeschossiger Rechteckbau mit Nebengebäuden und Dienerwohnungen errichtet. Viell. auch aus symbolischen Gründen wurden für den Bau von Neutrauchburg Steine der alten Trauchburg verwendet. Der rechtsgültige Erwerb von Trauchburg durch Truchseß Franz Anton aus dem Erbe des jakobinischen Stammes und der Erbengemeinschaft zog sich von 1764-1779/80 hin und begründete die Umbenennung des Astes W.-Zeil-Zeil in W.-Zeil-Trauchburg.
Waldsee:
Waldsee (Waltse, Walsse, Novum Walse, heute Bad Waldsee) liegt in einer waldreichen Hügellandschaft etwa 20 km nordöstlich von Ravensburg zwischen zwei Seen (Stadt- und Schloßsee; 1313: Ober- und Niedersee). Das Schloß Waldsee liegt westlich der Stadt Waldsee am westlichen See. Die Stadt Waldsee, 1386 als Pfand von den Habsburgern erworben, war im SpätMA die wohl attraktivste Res. der Truchseß von W. Als Truchseß Eberhard, dem Waldsee bei der Erbteilung von 1429 zufiel, Scheer erwarb (1433/34, endgültig 1452), trat Waldsee als Res. in die zweite Reihe. Aufgrund einer Vereinbarung von 1510 gelangte Waldsee beim Aussterben des eberhardinischen Stammes 1511 an den georgischen Stamm der Truchseß von W. Im Bauernkrieg hielt sich die Familie Truchseß Georgs III. in Waldsee auf. Im 16. Jh. rückten erneut andere Res.en vor Waldsee. Mit der Fertigstellung der großen Renaissance-Schlösser Wolfegg (1586) und Zeil (vorläufig 1614) büßte es als Res.ort an Bedeutung ein, auch wenn etwa Truchseß Johann von W.-Wolfegg, ein Sohn Truchseß Heinrichs von W.-Wolfegg dort 1598 geb. wurde. Nach der Brandschatzung Wolfeggs durch die Schweden i.J. am 28. Dez. 1646 wohnte Maximilian Willibald von W.-Wolfegg bis 1650 in Waldsee, bevor er als Statthalter der Kurpfalz nach Amberg zog, ohne vor seinem Tod 1667 nochmals länger nach Schwaben zurückzukehren. Als die Habsburger 1680 die verpfändete Stadt Waldsee auslösten, blieben Herrschaft und Schloß Waldsee im Besitz des inzwischen von Truchseß Johann Maria Franz Eusebius (1661-1724) begründeten Astes W.-Wolfegg-Waldsee und diente diesem als Hauptres., bis 1798 Wolfegg im Erbgang an ihn gelangte.
Der Ort Waldsee wird als Walahse 926 erstmals gen. und liegt an der zum Bodensee führenden Römerstraße. Seit 1171 sind die Herren von Wallsee als Stadtherren nachweisbar, waren vermutlich aber schon früher im Besitz des Ortes, der mit seinem zentralen Marktplatz vor dem Rathaus für den regionalen Getreidehandel und als Marktort bedeutsam war. Die Herren von Wallsee setzten den Stadtammann (minister) ein, der nach der auf Bitte der Herren von Wallsee erfolgten Verleihung des Ravensburger Stadtrechts an Schultheiß, Räte und Bürger von Waldsee i.J. 1298 durch Hzg. Albrecht I. der sich formierenden Stadtgemeinde (cives) gegenüberstand. Die Stadt wurde schon 1283 mit Stadtmauern und Gräben befestigt. 1131 verkauften die Herren von Wallsee den österr. Hzg.en Albrecht II. und Otto mitsamt ihrem übrigen Besitz in Schwaben Waltse purhc vnd stat vnd vogttey des chlosters sowie die Herrschaft Waldsee und ließen ich in Österreich nieder. Um 1400 hatte die florierende Stadt etwa 600 Einw. 1434 wurde Waldsee mit dem Blutbann (in der Regel in der Person des Ammanns) belehnt.
Die ebenfalls an die Truchseß von W. gelangte Herrschaft Waldsee war kein geschlossenes Territorium, sondern aus verschiedenen Besitzelementen der Herren von Wallsee zusammengesetzt. Beim Verkauf von an die Habsburger i.J. 1331 waren dies »mehrere Burgen, eine Stadt und ihre Bürger, Eigen-, Kauf- und Erbgut, ein Meierhof, Höfe, Hofstätten, Wälder, Wiesen, Pfandschaft der Hzg.e zu Winterstetten, Zinslehen, rechte Lehen, insgesamt Aktiv- und Passivlehen (u. a. Mühlen), Gerichte, Vogtei (des Stifts Waldsee), Kirchsätze, Vogtrechte, Zehnte (Getreide-, Heu und kleiner Zehnt), Heueinkünfte Leibgeding, Leute, Leibeigene und ritterliches Gefolge.« (Hruza, S. 440).
Das Verhältnis zwischen Stadt und W.ern war vom Beginn bis zum Ende der W.er Stadtherrschaft i.J. 1680 meist schlecht und mitunter von Gewalt geprägt. Burg bzw. Schloß der W.er am See von Waldsee waren daher bes. auf Wehrhaftigkeit hin ausgelegt und dienten nur phasenweise als Res. Hintergrund des Konflikts war der Status der Stadt Waldsees als Pfandherrschaft. Die Stadt war im 14. Jh. bereits verpfändet gewesen, hatte 1375 auf eigene Kosten das Pfand abgelöst und von Hzg. Leopold das Versprechen erhalten, nicht erneut verpfändet zu werden. Die dennoch erfolgte erneute Verpfändung durch die Habsburger, die Nähe zur Eigenossenschaft und zu zahlr. reichsfreien Städten machte den Status einer verpfändeten Landstadt unattraktiv und ließ an Abschüttelung der Stadtherrschaft denken, wie es der im Eigenbesitz der W.er stehenden Stadt Isny gelungen war (1365/81). Zudem unterstützte die österr. Regierung die Waldseer meist bei ihren Konflikten mit den Truchsessen von W., um so die österr. Oberhoheit über die verpfändete Stadt zu sichern.
Bald nach der Huldigung von Waldsee für Truchseß Johann I. und seine Frau Katharina am 29. Juni 1389 erlitt Johann I. beim Krieg gegen Bund der 14 Städte beim Überfall auf Wangen am 21. Juli eine milit. Niederlage. Dies ermutigte die Waldseer zur Fehde gegen den neuen Stadtherren, in deren Verlauf sie die Ökonomiegebäude des Schlosses Waldsee abbrannten. Ein Schiedsgericht bestätigte 1392 die Rechte der Truchsessen von W., es kam zu Hinrichtung, Bann und Ächtung einiger Waldseer. Nach der Verschreibung von Waldsee (und Saulgau) an Johanns männliche Erben erfolgte die Huldigung am 3. Jan. 1403. Nach der Erhebung der Einw. der gleichfalls an die W.er verpfändeten Stadt Munderkingen gegen die Ehrbarkeit und die Regierung der W.er 1412 sowie aufgrund von Verstimmungen im habsburgisch-w.ischen Verhältnis luden die Habsburger die Pfanduntertanen der Truchsessen von W. 1414 nach Schaffhausen zur Vorbringung von Beschwerden gegen Truchseß Johann I. Während des Konstanzer Konzils erhoben sich die Waldseer erneut, wurden von Truchseß Johann I. aber besiegt. Der von Riedlingen, Mengen, Saulgau und umliegenden Reichsstädten vermittelte Friede zwischen der Stadt und ihrem Herrn mündete in den sog. Bösen Brief, der 1415 die städtischen Rechte beschränkte. 1454 wurde auch Waldsee »mannerbliche Inhabung« der Truchsessen von W. Der durch diese Rechtsfigur nicht gelöste Konflikt der W.er mit ihren Untertanen und den Habsburgern ging weiter. Die sog. Donaustädte (Mengen, Saulgau, Riedlingen, Munderkingen und seit 1331 auch Waldsee) bemühten sich um Auslösung aus der W.er Pfandherrschaft und die Erweiterung ihrer Selbstverwaltungsrechte. 1475 erreichte Waldsee eine Ausweitung der städtischen Autonomierechte in der Rechtsprechung. Gegen die 1510 vorgenomme Teilung des w.ischen Besitzes, wehrte sich Waldsee ebenfalls. Es verweigerte mit habsburgischer Unterstützung die Huldigung für Truchseß Georg III. und forderte die Herausgabe des sog. Bösen Briefs von 1415. Nach einem Kompromiß bzgl. der städtischen Rechte kam es 1511 zur Huldigung. Im Jahr 1516 konnte Truchseß Georg III. im Einvernehmen mit dem Rat, aber gegen den Widerstand der Gmd. die Heerfolge Waldsees an sich selbst (statt Österreich) durchsetzen, mußte 1518 aber hinnehmen, daß Waldsee den Ausschußlandtag in Innsbruck beschickte. 1527 belohnte Truchseß Georg III. Waldsee für die Loyalität im Bauernkrieg durch die Herausgabe des sog. Bösen Briefes und (gegen Zahlung) durch die Erweiterung der städtischen Selbstverwaltungsrechte. Am Weißensonntag (24. April) 1530 initiierten Wiedertäufer in Waldsee vor dem Hintergrund des Konflikts zwischen Ehrbarkeit und Bürgern einen Bildersturm, bei alle 40 Reiter der w.ischen Reiterbesatzung und zahlr. Bürger das Leben verloren. Mit einer 700 Mann starken Truppe rückte Truchseß Georg III. am 25. April vor die Stadt und überließ dem Rat der Stadt die Aburteilung des zusammengebrochenen Aufstands. Zwölf Widertäufer wurden in Waldsee hingerichtet. Nachdem die W.er 1541 die Landvogtei an Habsburg zurückgeben mußten, erhob Waldsee in Innsbruck Klage gegen Truchseß Georg IV. wg. angeblicher Verletzung städtischer Freiheiten. 1554-1557 wurden auch andere alte Rechtsstreitigkeiten zwischen der Stadt und den Truchsessen von W. verhandelt. Der Streit wg. der Stellung des von den W.ern vereidigten und belehnten Stadtammann zog sich hin. Nachdem das Verhältnis der Truchsessen von W. und Habsburgern unter Ks. Ferdinand I. freundlicher gewesen war, machte die Innsbrucker Regierung v.a. unter Ehzg. Ferdinand von Tirol massiven Druck in ihrem Bemühen, die österr. Landeshoheit in ihren an die Truchsessen von W. verpfändeten Herrschaften durchzusetzen. Bei einer 1574 im Waldseer Rathaus abgehaltenen Tagsatzung beriefen sich die Truchsessen von W. auf die Mannserblichkeit ihrer Inhabung auch an Waldsee, nachdem Ehzg. Ferdinand 1572 eine Auslösung der Pfänder angekündigt hatte; diese Streitetappe wurde 1578 vom Reichskammergericht zugunsten der W.er entschieden. 1610 indes wurden die Verfassungen der Donaustädte zum Nachteil der W.er erneuert. Die Innsbrucker Regierung sicherte sich v.a. in Appellations- und Begnadigungsangelegenheiten die Hoheit. Parallel dazu wurden von Waldsee und Saulgau aus die Untertanen der Truchsessen von W. über ihre Vermögenslage befragt, woraufhin die Innsbrucker Regierung 1614 einen neuen Steuerschlüssel zuwies. Nach einem langen Steuerboykott (1637 bis mind. 1644) setzten die Donaustädte, auch Waldsee, 1645 die truchsessischen Amtsträger ab. Die daraufhin von Innsbruck aus eingesetzte Regierungskommission bewirkte zugunsten der W.er nur wenig. Vielmehr unterstützte die Innsbrucker Regierung den städtischen Steuerboykott. Erst 1651 wurde den Truchsessen von W. eine geringe Nachzahlung zugesprochen. Der Herrschaftskonflikt zwischen Waldsee und den Truchsessen von W. endete erst 1680 mit der Auslösung des Pfandes an den Donaustädten und dem Rückgang der Herrschaftsrechte an die Habsburger.
Die W.er verfügten am westlichen See neben der Stadt Waldsee über eine Burg. Diese Burg erwarb Truchseß Johann I. von W. 1386 als Pfand (stat Walsse vnd die burg daby in dem ried). Wann sie entstand, ist unklar, zumal direkt oberhalb wahrscheinlich eine bereits im MA abgegangene weitere Burg vorhanden war. Truchseß Georg IV., der auch die W. erneuern ließ, ließ die Burg vermutlich schon vor 1550 zum befestigten Wasserschloß ausbauen. Das so entstandene Schloß war ein hoher Rechteckbau mit Satteldach, mit flankierenden runden Ecktürmen und einem Haupttreppenturm an der Rückseite. Die Schloßkapelle lag zur Stadtseite hin. Um das Schloß herum bildeten die Kapelle und die Wirtschaftsgebäude einen lückenlosen Ring. Dieser diente mit seinen (vermutlich acht) bastionsartigen Anbauten ebenso wie der um das Schloß gezogene Wassergraben der Verteidigung der Anlage. Nördlich des Wasserschlosses lag ein 1599 erweiterter Lustgarten und das sehr große Amtshaus. 1745 erfolgte ein tiefgreifender Umbau des zur Herrschaft Waldsee und inzwischen dem Ast W.-Wolfegg-Waldsee gehörenden Schlosses. Das Schloß wurde um zwei Flügel vergrößert, die Kapelle wurde neu erbaut, der befestigungsartige Gebäudering abgerissen.
Für die Memoria der Truchsessen von W. von großer Bedeutung war das in der Stadt Waldsee gelegene, 1181 von Ks. Friedrich I. bestätigte Augustinerchorherrenstift. Bis 1331 Reichskl., wurde es durch Usurpation von Reichsrechten durch die Habsburger erst ein österr. und durch den Übergang der Vogtei an die W.er de facto ein truchsessisch-w.isches Territorialkl. Truchseß Johann I. ließ seine 1389 verstorbene Frau in der Stiftskirche bestatten und stiftete aus Anlaß ihres Todes zwei neue Kaplaneien. Um 1490 wurde der 1479 begonnene spätgotische Neubau der Basilika, die auch Pfarrkirche der Stadt war, vollendet. Umso wichtiger war die repräsentative Nutzung der Kirche als w.ische Grablege. Wahrscheinlich stand mitten im Chor ein Hochgrab für Truchseß Georg von W. Der große vergoldete Bronzeaufsatz (2,46 x 1,66 m) ist auf Holz montiert erhalten. Er zeigt in sehr eindrucksvoller Gestaltung den Verstorbenen in Prunkrüstung, an den Seiten Helm, Schwert und Lanze mit der W.er Wappenfahne, an den Füßen das Wappen Georgs II. Unsicher ist, ob das Grabmal für Truchseß Georg I. (gest. 1467), den Begründer der georgischen Linie oder für Truchseß Georg II. (gest. 1482), der 1479 den Grundstein zur Basilika legte, errichtet wurde. Für Georg I. existiert ein Wurzach ein großes Epitaph, für Georg II. in Waldsee eine Grabplatte. Es wird derzeit angenommen, daß das noch unvollendete Bronzegrabmal (nach 1480) ursprgl. Georg II. zugedacht war und durch die Umschrift (um 1500) Truchseß Georg I. zugewiesen wurde, da Georg II. vor der Realisierung einer in Aussicht gestellten großen Stiftung schon 1482 verstarb. Stifter bzw. Umstifter Truchseß war sehr wahrscheinlich Truchseß Georg III. (1488-1551). Daß von letzterem bislang kein Grabmal bekannt ist, verwundert und bedarf der Klärung. Erhalten sind zudem Grabmäler für Katharina von Cilli, die Frau Truchseß Johanns I. (gest. 1389) sowie für Truchseß Georg II. (gest. 1482) und seine Frau Anna (gest. 1484). Daß es für den in Savona begr. Truchseß Jakob, einen kinderlosen Sohn Georgs III., ein Epitaph gab, unterstreicht die Bedeutung Waldsees als Memorialort v.a. des georgischen Stammes. Truchseß Georg III. ist in der Propstei zu Waldsee und nicht in der Stifts- bzw. Pfarrkirche begr. Ein Grabmal ist nicht überliefert. Wie aufgrund der Trienter Konzilsbeschlüsse allg. üblich, erfolgte im späten 16. Jh. eine Verlegung der Grabmäler. Vermutlich unter Propst Michael I. Rubin (1567-1586) wurde der linke Nebenchor mit der durch eine (1750 abgebrochene) Mauer getrennten Grabkapelle der Truchsessen von W. errichtet. Im 18. Jh. wurde die Kirche vergrößert und barockisiert.
Scheer:
Schloß und Stadt Scheer (Schär) liegen am Oberlauf der Donau, über die an dieser Stelle eine Brücke führte, etwa 10 km flußabwärts von → Sigmaringen. Das Schloß und weiter zur Donau hin auch die Pfarrkirche, Pfarrhaus, Kaplaneigebäude und das spätma. Spital (im 20. Jh. durch eine Schule ersetzt), stehen auf einem schmalen von einer Donauschleife gebildeten Bergrücken. Dieser Bergrücken begrenzt Scheer nach W hin, östlich und nördlich unterhalb des Schlosses liegt die Stadt.
Zu Scheer gehört die gleichnamige Herrschaft, die seit 1369 mit der Gft. Friedberg zu einem Pfand verbunden war und gemeinsam als sog. Obere Gft. verwaltet wurde. Das über der Stadt hoch aufragende spätgotische Schloß war seit seinem Erwerb durch Truchseß Eberhard von W. (1432-1434, dauerhaft seit 1452) Hauptres. zunächst des eberhardinischen Stammes (erloschen 1511) und danach des jakobinischen Stammes der W.er (erloschen 1772). Truchseß Andreas von W.-Sonnenberg (1472-1511, eberhardinischer Stamm) ließ das Schloß an der Wende vom 15. zum 16. Jh. neu aufbauen. Wg. ihrer zahlr. auswärtigen Dienstverhältnisse lebten die regierenden Truchsessen von W. v.a. in der ersten Hälfte des 16. Jh.s allerdings oft über mehrere Jahre an anderen Orten. 1632 bis etwa 1651 regierte Truchseß Wilhelm Heinrich von W. (1580-1652) wg. der württ. und schwedischen Besetzung Scheers und der weiteren Kriegshandlungen von Konstanz und der Insel Reichenau aus. Seit 1659 ließen die Brüder Truchseß Christoph Karl und Truchseß Otto von W. in Scheer auf dem anderen Ufer der Donau die sog. Neue Res. erbauen, die als herrschaftliche Wohnung vorgezogen wurde, dem Alten Schloß aber seine Funktion als Herrschaftsmittelpunkt beließ. Truchseß Maximilian Wunibald von W. (1647-1717) konnte nur wenige Jahre in Scheer residieren. Der als Administrator bestellte Truchseß Christoph Franz von W. (1669-1717) war selten längere Zeit in Scheer und lebte lange in Innsbruck. Erst seine Nachkommen aus der jüngeren Linie Trauchburg des jakobinischen Stammes residierten wieder dauerhaft in Scheer.
Die Stadt Scheer liegt zwischen der wald- und wildreichen, aber für Ackerbau schlecht geeigneten Schwäbischen Alb nördlich der Donau und dem südlich der Donau gelegenen reichen und intensiv für Ackerbau genutzten oberschwäbischen Hügelland. Die Stadt war in Spät- MA und Frühneuzeit eine kleine Handwerker- und Ackerbürgerstadt. In kirchlicher Hinsicht gehörte Scheer zum Bm. Konstanz. Ein Münzregal bestand nicht, dagegen ein Zoll. Die politische Gmd. verfügte über ein Rathaus, der Stadtrat verwahrte in der Frühneuzeit grundsätzlich die Stadtschlüssel. Einsetzung und Befugnisse des Stadt-Ammanns durch die Truchsessen von W. waren stets umstritten und wurden erst 1686 geregelt. Im Fasching (Fasnacht) kam es jährl. zum rituellen Sturm des Schlosses durch die Stadtbevölkerung, die bei dieser Angelegenheit auf dem Schloß bewirtet wurde. Die frühneuzeitlichen Schloßvögte sind namentlich bekannt, ihre Verflechtung mit der Stadtbevölkerung hingegen ist nicht untersucht.
Das Verhältnis der Einw. zur Herrschaft war wie in den anderen Herrschaften, welche die Truchsessen von W. von den Habsburgern herleiteten, gespannt. Einerseits erkannte die Innsbrucker Regierung die Umwandlung des Pfandes Friedberg-Scheer in eine Kaufsache von 1452 später nicht mehr an, so daß der Rechtsgrund des Besitzes und mithin die w.ischen Herrschaftsrechte an Scheer umstritten blieben. Die Einw. wußten von daher bei ihren Konflikten mit den Truchsessen von W. im Zweifel die Innsbrucker Regierung hinter sich. Andererseits gehörte Scheer weder zu den sog. Donaustädten, noch war es (anders als das rebellischere Waldsee) unter Bruch eines Nichtverpfändungsversprechens an W. gekommen, so daß die Legitimität der W.er Herrschaft anders als in Waldsee nicht prinzipiell in Frage stand. Die Konfliktbereitschaft der Bürger von Scheer scheint allerdings vom massiven bäuerlichen Widerstand in den umliegenden Herrschaften der Truchsessen von W. gesteigert worden zu sein (v.a. Kallenberg, Dürmentingen und Bussen sowie Amt Hohentengen). Im März 1636 überfielen die Bürger von Mengen mit etwa 40 Musketieren Scheer und nahmen einen Soldaten gefangen, um sich gegen die Einsetzung des Stadtammanns durch Truchseß Heinrich Wilhelm zu wehren. 1644 kam es wg. einer von der württ. Besatzung der Festung Hohentwiel abgepreßten Kontribution zu einem gewaltsamen Konflikt zwischen Verwandten des Stadtherren Truchseß Wilhelm Heinrich und den zur Zahlung bereiten Städtern, wobei Truchseß Christoph Karl (?) mit seinen bewaffneten Dienstleuten den beiden Bürgermeistern die Stadtschlüssel abnahm und unter schwersten Strafen die Kontribution an Württemberg untersagte. 1672 verweigerte Scheer Truchseß Maximilian Wunibald die erst 1673 auf ksl. Befehl vorgenommene Huldigung. Die Gft. wurde unter ksl. Sequester gestellt, auf dem Alten Schloß residierte der vom Ks. eingesetzte Oberamtmann. Der Versuch eines bewaffneten Überfalls auf das Alte Schloß, den Truchseß Maximilian Wunibald 1675 unternahm, scheiterte. 1679-1683 ließ Ks. Leopold I. ihn aufgrund weiterer schwerer Vergehen gefangenhalten. 1686 kam es zu einem Vergleich, bei dem die Bestellung des Scheerer Ammanns durch den Stadtherren, aber aus der Gmd. sowie die Wahl der Gerichte in Anwesenheit des Oberamtmanns durch die Bürgerschaft von Scheer festgelegt wurde. Als Truchseß Maximilian Wunibald 1687 aus dem Konstanzer Exil zurückkehrte, kam es zu Unruhen in der Stadt, woraufhin Ks. Leopold I. die Herrschaft an sich zog und sich als Landesherr huldigen ließ. Erst 1695 wurde die Gft. Friedberg-Scheer als Mannlehen der Truchsessen von W. anerkannt und unter die Administration von Truchseß Christoph Franz (1669-1717, jüngere Linie Trauchburg) gestellt, unter der sie bis 1717 blieb. Gegen eine neuerliche Rückkehr Truchseß Maximilian Wunibalds protestierten die Einw. von Scheer erfolgreich, indem sie ihn im Schloß festsetzten und den Administrator zu einem Vergleich mit der Stadt zwangen. Truchseß Christoph Franz erließ 1699 neue Statuten für Scheer und ließ 1700 ein neues Urbar erstellen.
Zur Res. gehören das erhaltene spätgotische, von Meister Lienhart aus Mengen ausgeführte sog. Alte Schloß mit dem südlich gelegenen Schloßpark und dem nördlich gelegenen kirchlichen Komplex aus Pfarrkirche, Kaplaneigebäuden und Spital. Hinzu kommen das abgekommene Neue Schloß oberhalb des nördlichen Donauufers sowie zahlr. Kapellen.
Das Alte Schloß steht an der Stelle der 1265 erstmals erwähnten Burg. Truchseß Andreas von W.-Sonnenberg (1472-1511, eberhardinischer Stamm) ließ von 1485-1496 ein neues großes Schloß errichten, das mit der Weihe der Schloßkapelle am 8. Okt. 1505 als vollendet gilt. Die drei Flügel bilden einen von der Stadt abgewandten Innenhof. Zur Stadt hin weist der Mittelflügel einen mächtigen Vorbau auf. Von der Stadt gesehen beeindruckt das Schloß mit drei durch hohe Staffelgiebel betonten turmartigen Baukörper (Vorbau am Mittelflügel, Ostwände von Süd- und Nordflügel). 1561-1563/65 wurde vor dem Nordflügel der zweigeschossige sog. Kanzleibau errichtet. Der zwischen Kanzleibau und Nordflügel gelegene einstige Burggraben wurde zu einem Vorhof umgestaltet. Die Zufahrt ins Schloß führt durch eine kreuzgewölbte Durchfahrt im östlichen Teil des Kanzleibaus. Im Dreißigjährigen Krieg kam es mehrfach zu Plünderungen. 1733 wurde (vermutlich im Anbau an der Westseite des Nordflügels) eine Wachstube erstellt und ein Gefängnis eingebaut. In dieser Zeit erfolgte auch eine Erweiterung des Schloßhofes nach W. Zudem wurde dem Südflügel ein Rundturm mit achtseitigem Gratkuppelgewölbe vorgelagert, sehr wahrscheinlich, um als Zugang zur ebenfalls neuen Holzbrücke zu dienen, die das Schloß über den tiefen Abhang hinweg mit dem Park verbindet. Im 18. Jh. erfolgte weiter die Errichtung eines Pilasterflachbogentores an der zum Schloß führenden Steige. Gleichwohl galt 1765 der schlechte Zustand des Schlosses als wertmindernd für die Gft. Nach dem Verkauf an Thurn und Taxis 1785/86 erfolgten nur geringe bauliche Änderungen. Am Ende des 20. Jh.s wurde das Schloß denkmalschutzgerecht renoviert.
Der zentrale stadtseitige Vorbau weist unterhalb des Staffelgiebels vier (zzgl. Unterbau) und im Giebel zwei Geschosse auf. Im zweiten Stock befand sich die Registratur, im dritten Stock ein Wohnzimmer, im vierten Stock der Rittersaal mitsamt einem erhaltenen zierlichen Erker mit spätgotischem Blendmaßwerk, Bogenfenster und Helmdach über Konsole mit sonnenbergischem Wappen. Der viergeschossige Mittelflügel (sog. Kavaliersbau) weist im N einen Turm auf. Im Erdgeschoß befanden sich zahlr. Kammern, Küche, Abort und der Treppenaufgang zum zweiten Stock mit Gang, Küche, Speise, Abtritt und Heizwinkel. Im dritten Stock waren u. a. Wohnzimmer und die Schloßkapelle. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Kapelle entweiht und offenkundig verwüstet; nach dem Dreißigjährigen Krieg wurde bis zur 1653 erfolgten Neuweihe die Verwendung eines tragbaren Altars genehmigt. Bei der Erneuerung der Schloßkapelle im Stil des Rokoko wurde die spätgotische Wandmalerei übertüncht. Der Nordflügel (sog. Prinzenbau) ist ebenfalls viergeschossig und verfügt zur Stadtseite hin über einen zweigeschossigen Staffelgiebel; am Durchgang vom Schloßtor zum Schloßhof befindet sich eine Brunnenstube; im dritten Stock befindet sich die Verbindung zum Mittelbau. Der Südflügel ist ebenfalls viergeschossig, hat ebenfalls einen zweigeschossigen Staffelgiebel und ist ebenso wie der Vorbau und der Nordflügel unterkellert. Er barg mehrere Zimmern bzw. Kammern.
Über die Räume und die Ausstattung des Schlosses einschließlich von Silbergeschirr, Kleinodien, Waffen, Bücher, Gemälde, Wäsche, Reitzeug etc. sind wir durch nach Räumen gegliederten Inventare von 1672 und 1680 im Detail informiert (siehe Bleicher 1984). An Räumen wurden 1672 für das Alte Schloß u. a. gen.: lange Stube, Büchsenkämmerlein, grünes Stüblein, Kammer daneben, altes Gemach, Kammer daneben, Edelleut-Zimmer, Kammer daneben, Kinderstube, Kammer daneben, Kammer beim Frauenzimmer, Tafelstube, alter Saal, Nebenkämmerlein bei der Tafelstube, Hofkapelle, Doktorstüblein, Brunnenkämmerlein, Gf.enzimmer, Kabinett daran, Frauenzimmer Kammer, kleines Zimmer daneben, Altersgemach, Dürnitzkammer, Turmkammer, alte Kanzlei, Federstube (Schreibstube). Einen Archivar bekam Scheer in der Mitte des 18. Jh.s. Bis dahin wurde Schriftgut unsystematisch abgelegt. Im Schloß Scheer tagte während der W.er Regenschaft das Hofgericht als Appellationsinstanz gegen Urteile der Dorfgerichte bzw. des Landtags zu Hohentengen.
Die Anlage steht zwischen wehrhafter Burg und repräsentativem Schloß, mit Konzessionen an beide Funktionen. Nach S ist die Anlage durch einen 25 m tiefen Burggraben und Zwinger vom Raigelsberg getrennt, auf dem später die Parkanlage entstand, die über eine Holzbrücke vom Schloß aus erreichbar war. Nach O zur Stadt hin schützten Steilhänge das Schloß, den Schloßhof nach W hin am etwas flacheren Hang Mauern. Nach N hin trennte ein tiefer Burggraben mit Zugbrücke das Schloß vom Vorhof (Bleiche), bevor hier seit 1561 der Kanzleitrakt angebaut, der Schloßgraben geschlossen und als Vorhof genutzt wurde. Der Nordflügel wies mit einem Rundturm mit Schießscharten eine vorgelagerte Verteidungsarchitektur nach N hin auf. Das an den Vorhof anstoßende Arreal der Pfarrkirche war ummauert.
Repräsentationsfunktion hatte am Schloß Scheer insbes. der auffällige Zierercker am Vorbau des Schlosses. Die Staffelgiebel trugen (wann genau, ist nicht sicher) Tannenzapfen und wiesen mit dieser Turnierhelmzier der Truchseß von W. auf deren Ahnen Tanne-W. hin. Über der Durchfahrt am Kanzleibau ließ Truchseß Wilhelm d.J. (1518-1566) ein Relief anbringen, das seine Gemahlin Johanna von → Fürstenberg mit der W.er Fahne über dem W.er und → Fürstenberger Wappen zeigt. Die Bezeichnung 1561 wurde nach dem Verkauf an Thurn und Taxis in 1786 abgerändert, das Relief mit einem Wappen der Thurn und Taxis bedeckt, das 1969 nach dem Verkauf durch Thurn und Taxis (1967) wieder abgenommen wurde.
Das Neue Schloß, gen. auch Neue Res. bzw. Neues Haus wurde seit 1659 auf der nördlichen Donauseite erbaut, zunächst für Truchseß Otto von W. (1615-1663), den Bruder von Truchseß Christoph Karl (1613-1672). Nach dem Tod Ottos bezog der Erbe von Scheer, Truchseß Maximilian Wunibald (1647-1717) die Neue Res. Die Einw. von Scheer protestierten gegen die Ummauerung des Geländes. Zum bescheiden ausgeführten Schloß gehörten der Hofgarten, eine Brauerei und zwei weitere Häuser. Das Inventar von 1672 nennt folgende Räume: oberes Kapellzimmer mit Kammer, oberes Gartenzimmer mit Kammer, Rüstkammer, Galanteriezimmer, Küche, mittleres Kapellzimmer, Kapellkammer, mittleres Gartenzimmer mit Kammer, Schreibstüblein, Mägdekammer, kleines Stüblein, Küchenkammer, Tafelstube, Gesindestube sowie Gänge, Treppen und Stall. In der Zeit der Sequestration der Herrschaft nennt das Inventar von 1680 nur drei Räume mit den restlichen Gegenständen: Kammer mit Unterbett, Kammer gegen den Rebgarten mit Himmelbettstatt des verstorbenen Christoph Karl und die sog. Vormundschaftskammer (mit über 270 Einzelgegenständen). Das Neue Schloß diente später als Fruchtkasten. 1862 kaufte der Braumeister Götz das Areal.
Geprägt wurde die Res. Scheer von einer stark verdichteten Sakrallandschaft. Die zugl. mit dem Alten Schloß erneuerte Pfarrkirche (ursprgl. eine dreischiffige gotische flachgedeckte Basilika des 13. Jh.s) wurde wie die Schloßkapelle am 8. Okt. 1505 geweiht. 1492 wurde der Chor fertiggestellt, an der Nordseite neben dem Turm erfolgte der Anbau der Sakristei. In der Kirche wurde in allen drei Schiffen die flache Holzdecke durch ein gotisches Rippengewölbe ersetzt. 1509 folgte noch eine Verlängerung des Langhauses und eine neue Fenstereinteilung sowie die Errichtung einer Grablege im Chor (sog. »Mausoleum«). Es wird angenommen, daß der Baumeister des gleichzeitigen Schloßbaus auch den Kirchenumbau leitete. Der ursprgl. an der Kirche gelegene Friedhof wurde 1548 verlegt. Die Kirche erfuhr von 1742-1752 eine tiefgreifende Umgestaltung im Stil des Rokoko. Die W.er stifteten in der Kirche mehrere Kaplaneien (u. a. Eberhard 1455 die Marienkaplanei und 1468 die St. Leonhardskaplanei, Andreas 1496 die sog. Hofkaplanei, deren Inhaber auch im Schloß Messen zu lesen hatte; 1700 kam als w.ische Stiftung als elfte Kaplanei die Wunibaldskaplanei hinzu). 1725 erfolgte die Reduktion der elf Kaplaneien auf fünf (Hofkaplanei, Frühmeßkaplanei, Leonhardskaplanei, Wunibaldskaplanei, Dreifaltigkeitskaplanei). Unsicher ist die Lokalisierung einer Kapelle (Unserer Lieben Frau, Magdalena, Andreas und Johann Evangelista) »bei der Pfarrkirche«, die Eberhard 1472 erbauen ließ und zu seinem Begräbnis bestimmte. Nach Bleicher handelte es sich vermutlich um das im Chor der Pfarrkirche gelegene »über der Gruft errichtete Mausoleum«. 1735 wurde das »Mausoleum« von 1509 entfernt. Das erhaltene Epitaph für Truchseß Andreas (1472-1511) wurde in der Pfarrkirche an der Chornordwand aufgestellt. An der Chorsüdseite befindet sich die Herrschaftsloge, für deren Unterhalt noch im 20. Jh. die Besitznachfolger der W.er, die Fs.en von Thurn und Taxis, aufkamen.
Zahlr. Kapellen unterstrichen die Rolle der W.er in und bei Scheer. An der Straße nach Hitzighofen stand die St. Leonhards-Kapelle, die evtl. in Verbindung mit der 1468 von Eberhard gestifteten St.-Leonhards-Kaplanei in der Stadtpfarrkirche entstand. 1489 ließ Truchseß Andreas die Dreifaltigkeitskapelle erbauen. Sie war bis 1814 mit einer Kaplaneistelle verbunden; der Standort der Kapelle ist unbekannt, vermutlich wurde sie im Dreißigjährigen Krieg zerstört. Zur Erinnerung an den Mord an Truchseß Andreas i.J. 1511 ließ Truchseß Wilhelm d.Ä. am Tatort, im Ried zwischen Herbertingen und Hundersingen eine 1513 geweihte und bis 1827 bestehende Kapelle mit Eremitenklause errichten. 1531 erstmals als Siechenkapelle beim Siechenhaus gen. wurde die St. Georgskapelle. 1635 erfolgte eine Renovierung bzw. ein Neubau der alten Siechenkapelle (abgebrochen 1837). 1548 erhielt Truchseß Wilhelm d.J. von W. die Genehmigung, bei der St. Oswaldkapelle bei der Burg Scheer »ein Grab« und einen Friedhof zu errichten. Da Truchseß Wilhelm 1557 in der Pfarrkirche von Scheer bestattet wurde, bleibt unklar, ob eine weitere Familiengrablege gemeint gewesen sein könnte, an der Truchseß Wilhelm als erster Angehöriger des jakobinischen Stammes im Besitz von Scheer Interesse gehabt haben könnte. Die St. Oswaldkapelle ersetzte eine ältere Kapelle im abgegangenen Weiler Gemmingen. Hierher wurde 1548 der Friedhof von Scheer verlegt. Geweiht wurde die St. Oswaldkapelle am 15. Febr. 1554 durch den Bf. von Augsburg, Kard. Truchseß Otto von W. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Kapelle schwer beschädigt. Eine mit der Kapelle verbundene Eremitage bestand bis zum bis Ende des 18. Jh.s. An der Mengener Straße wurde vermutlich 1605 die (1986 renovierte) St. Anna-Kapelle erbaut, vermutlich aus Anlaß des von Truchseß Christoph von W. initiierten Transports einer Reliquie der Hl. Anna nach Scheer. Ebenfalls unter Truchseß Christoph (1551-1612) entstand um 1606/09 in ungünstiger Lage im Schloßpark eine St. Wunibaldskapelle, die um 1627/28 aufgegeben und im Schloß als Kapelle der Geschwisterheiligen Wunibald, Willibald und Walburga neu errichtet wurde. Unter Truchseß Wilhelm Heinrich (1580-1652) entstand seit 1628 eine Loretokapelle. Der Bau erfolgte nach bayerischen Plänen, die Ausstattung konnte nur langsam vollendet werden. An der Fassade befinden sich eine Stifterinschrift und die Wappen des Stifters sowie seiner ersten und zweiten Frau (Juliana von → Sulz und Anna Maria von W.-Wolfegg). Auch diese Kapelle wurde im Dreißigjährigen Krieg beschädigt. Die (vermutlich erneute) Weihe erfolgte am 25. Sept. 1745. 1752 wurde ein Vertrag über den Transport der noch nicht geweihten Glocke nach Rom zur päpstlichen Weihe und über den Rücktransport nach Scheer abgeschlossen. 1697 und 1698 wird auch hier ein Eremit gen. Die Eremitage bestand bis 1782. 1960 erfolgte eine Renovierung, 1972 die Übergabe an die evang. Kirchengemeinde.
Dürmentingen und Bussen:
Dürmentingen (Tiermuntinga) liegt etwa 20 km östlich von Scheer und 5 km südlich des etwa 760 m hohen kegelförmigen Berges Bussen, der die Donauebene um etwa 250 m überragt. Auf dem Berg stand die gleichnamige Burg. Vom Turm der ehem. Bussenburg sind das Ulmer Münster und die W. sichtbar. Dürmentingen war seit dem 12. Jh. Zubehör der Herrschaft Bussen, seit Truchseß Andreas von W. (1472-1511) eine eigenständige Herrschaft. Verwaltet wurden Bussen und Dürmentingen gemeinsam als sog. Untere Gft. Von 1387 bis zum Verkauf an Thurn und Taxis 1785/86 waren die Herrschaften in kontinuierlichem Besitz der Truchseß von W.
Die Burg auf dem Bussen erfuhr 1516-1518 eine Umgestaltung, als Truchseß Wilhelm d.Ä. (1469-1557) aus den Trümmern der vorderen Bussenburg die (805 erstmals belegte) Bussenkirche neu erbauen und das w.-sonnenbergische Wappen anbringen ließ. Am 14./15. Dez. 1633 brannten die Schweden die von etwas über 20 Mann verteidigte hintere Bussenburg (die im wesentlichen aus einem Bergfried und einem Schloßgebäude mit Erker, Satteldach und Staffelgiebeln bestand) bis auf die Grundmauern nieder; ein Wiederaufbau erfolgte nicht.
Die Res. in Dürmentingen war ein schlichtes zweigeschossiges, spätestens 1580 erbautes Schloß. Dürmentingen und Bussen waren Nebenres.en der vornehmlich in Scheer residierenden Stämme der W.er. Dürmentingen wurde insbes. von noch nicht regierenden Söhnen oder jüngeren Brüdern bzw. Administratoren aus dem jakobinischen Stamm genutzt, die von dort aus rechtlich oder faktisch selbständigen w.ischen Teilbesitz, in der Regel die Untere Gft. und Trauchburg, verwalteten. U. a. residierte in Dürmentingen Truchseß Karl (1550-1593), vermutlich seit 1578 und wieder seit 1586 nach seiner Freilassung aus der Gefangenschaft, in die er im Kölner Krieg geraten war. Auch sein Bruder Gebhard, der abgesetzte Kfs. von Köln (1547-1601), residierte seit 1590 in Dürmentingen. Von etwa 1610-1613 lebte Truchseß Wilhelm Heinrich von W. (1580-1652) in Dürmentingen, während sein noch lebender Vater Truchseß Christoph (1551-1612) in Scheer residierte. Von 1646 bis zu seiner Übersiedlung nach Scheer residierte Truchseß Otto (1615-1663) als Verwalter der unteren Gft. in Dürmentingen. Dort starb 1651 auch sein Vater, Truchseß Wilhelm Heinrich. Später wohnte Truchseß Johann Ernst I. (1630-1687) vornehmlich in Dürmentingen.
Dürmentingen war ein Dorf mit ausgeprägten Selbstverwaltungsstrukturen. Die Bevölkerung widersetzte sich hartäckig den Versuchen der W.er, die Leibeigenschaft durchzusetzen. Obschon die Innsbrucker Regierung die W.er u. a. durch Ladung der Untertanen von Bussen und Dürmentingen zu den Landtagen zu schwächen versuchte, konnten die W.er den Besuch der Landtage durch Vertreter der Herrschaft Bussen im 16. Jh. gewaltsam mit dem Erfolg verhindern, daß die Untertanen seit 1567 zu den vorderösterr. Landtagen nicht mehr geladen wurden. In der Krise des jakobinischen Stammes der W.er nach dem Kölner Krieg brachen Wirtschaft und Verwaltung der Herrschaften unter der von Karl und Gebhard produzierten Schuldenlast um 1591 beinahe zusammen. Die Löhne von Amt- und Forstleuten, Handwerkern und Dienern wurden nicht mehr gezahlt. Abhilfe schufen die beiden protestantischen Brüder durch Übergriffe auf kommunale Gelder der katholischen Landgemeinden (Heiligenvermögen), kirchliche und karitative Stiftungen und Vermögen; daneben standen die Steigerung von Steuern, mißbräuchliche Schatzungen und Ausübung von Herrschaftsrechten, die stärkere Nutzung von Allmende, Mühlen und Lehen, die Besetzung von Dorfämtern mit Jägern und Kriegsleuten bei massiver Zurückdrängung der Mitbestimmungsrechte mit schwersten Strafandrohungen und unverhältnismäßigen Strafen. Die Intensivierung der durch Konfiskationen einträglichen Hexenprozesse seit den 1580er Jahren gehört ebenfalls in diesen Zusammenhang. Die Innsbrucker Regierung prüfte die Herrschaftsausübung und legte 1600 einen über 2000seitigen parteischen und den Truchsessen von W. feindseligen Bericht (Rotulus Inquisitionis) vor. Die Huldigung für Truchseß Christoph (1551-1612) konnte vor diesem Hintergrund 1610 nur mit milit. Druck durchgesetzt werden. Truchseß Wilhelm Heinrich (1580-1652) richtete, obschon er kein Münzregal besaß, vor März 1624 in Dürmentingen eine Prägestätte ein und engagiert einen Alchimisten aus Zürich, der in Ungnade fiel und bis 1625 gefangengehalten wurde. 1632 nahm Württemberg als testamentarischer Erbe Truchseß Gebhards von W. die Herrschaften Bussen und Dürmentingen in Besitz, wodurch diese ebenso wie Scheer Kriegsgebiet und wiederholt von schwedischen und ksl. Truppen heimgesucht wurden.
Das Schloß Dürmentingen war ein kleines Schloß inmitten von Park und Weihern. Das ältere Schloß wurde 1580 von Truchseß Karl (1550-1593) unter Einbeziehung des alten Pfarrhofs erweitert. Es war zweigeschossig, hatte bossierte Ecken und ein einfaches Portal. Neben dem Schloß stand eine hohe Zehntscheuer, was den ländlichen Charakter der Anlage unterstrich. Nach dem Kauf durch Thurn und Taxis wurde das Schloß in eine Brauerei umgewandelt und 1919 abgebrochen. Ein zugehöriges Jagd- und Forsthaus (Schütte) wurde 1762 gen. und 1818 abgebrochen.
Eine Loretokapelle ließen die Truchsessen von W. 1668 nordwestlich des Dorfes erbauen. 1670 erfolgte die Weihe. Die Innenausstattung ist nicht erhalten, allerdings ein Rokoko-Sandsteinepitaph für das Herz von Truchseß Joseph Wilhelm Eusebius von W. (1696-1756, jakobinischer Stamm, Linie Trauchburg-Kißlegg). Ein Kreuzweg wurde 1739 angelegt. Eine Eremitage bestand bis 1745. Die weitaus ältere Pfarrkirche (die Pfarre wird 1262 erwähnt) wurde mit Ausnahme von Chor und Turm 1806 abgebrochen. Dürmentingen verfügte auch über ein Leprosenhaus, in dessen Nähe die Richtstätte war.
Wolfegg:
Wolfegg liegt etwa 20 km östlich von Ravensburg und etwa 12 km nordöstlich von der W. in einer waldreichen Höhenlage von etwa 670 m Höhe. Das Schloß liegt auf einer steil abfallenden Bergzunge, die vom Zusammenfluß der großen und der kleinen Wolfegger Ach geformt wurde. Zum Plateau hin liegt vor dem Schloß ein v.a. mit Verwaltungs- und Wirtschaftsgebäuden, dem Kollegiatstift und der Stiftskirche dicht bebautes vorburgartiges Areal. Südöstlich der Vorburg lag der Schloßgarten. Vor diesem Areal liegen die klassizistisch geprägte Beamtensiedlung des 18. Jh.s und erst jenseits dieses Areals das Dorf Wolfegg mit der ehem. Pfarrkirche (Ortsteil Pfarr), außerhalb dessen wiederum eine Loretokapelle liegt. Schloß Wolfegg war das Herrschaftszentrum der gleichnamigen Herrschaft und wurde im 16. Jh. zu einer Hauptres. Bei einer Teilung des Besitzes des eberhardinischen Stammes i.J. 1480 wurde Wolfegg Truchseß Johann von W. (1471-1510) zugesprochen. Dieser ließ die vorhandene ältere Burg Wolfegg neu erbauen, stiftete 1502 auf dem Arreal ein Kl. und wählte die neue Stiftskirche zu seinem Bestattungsort. Sein erbender Schwiegersohn Truchseß Georg III. (georgischer Stamm) verbrachte sein Leben überwiegend in auswärtigen Diensten, seine Familie wohnte in den Bauernkriegsjahren in Waldsee, wo sein Sohn Truchseß Georg IV. (1523-1562) das Wasserschloß erneuern ließ. Dessen Sohn Truchseß Jakob (1546-1589) indes ließ Wolfegg nach dem Brand von 1578 als großes Renaissancevierkantschloß neu erbauen. Seit der unter seinen Söhnen vorgenommenen Erbteilung wurde Wolfegg zur bis in die Gegenwart genutzten Hauptres. der Linie W.-Wolfegg.
Seit 1489 war die 1628 zur Reichsgft. erhobene Herrschaft Wolfegg ein feudalrechtlich unstreitiges Mannlehen und bot so weder den Habsburgern bzw. der Innsbrucker Regierung noch den Untertanen rechtlichen Rückhalt für bes. Konflikte mit ihrer Obrigkeit, so daß Wolfegg keine spezifische Konfliktgeschichte aufweist. Seit dem 13. Jh. ist Wolfegg in kontinuierlichem w.ischem Besitz.
Zur Res. gehören das Renaissanceschloß, der Hofgarten, die Vorburg mit dem Kollegiatstift und der Stiftskirche, Wirtschafts-, Wohn- und Verwaltungsgebäuden sowie die Beamtensiedlung und die Loretokapelle. Truchseß Johann von W. (1471-1510) ließ sich für den Umbau der ma. Burg in ein Schloß 1502 von Burkhard Engelberger, Baumeister am Ulmer Münster und Meister der St. Ulrichs-Kirche in Augsburg, beraten. Es entstand daraufhin ein Rechteckbau mit einem Seitenflügel. Der hohe viereckige Bergfried im Hof blieb bestehen, an den Außenecken der Anlage standen Türme. Vor dieser Anlage lag die Vorburg, die das Stift und verschiedene weitere Gebäude einschloß. Die Zimmernsche Chronik evoziert den Eindruck eines unwirrigen Gebäus aus Fachwerk. Das Schloß brannte am 23. Febr. 1578 ab. Truchseß Jakob von W. (1546-1589) ließ die Überreste abreißen und im gleichen Jahr mit dem Neubau eines Schlosses beginnen. Verh. mit Johanna von → Zimmern, wählte er als Vorbild das von den Gf.en von → Zimmern in Meßkirch als Vierflügelanlage errichtete Renaissanceschloß. Der jakobinische Neubau verfügte über zwei heute nicht mehr vorhandene hofseitige Rundbogenarkaden. Die Angaben zur Vollendung weichen nach verschiedenen Quellen voneinander ab, was dem Abschluß verschiedener Bauabschnitte geschuldet sein wird (1580, 1583, 1596). Ein im Schloß erhaltenenes und mehrfach vereinfacht kopiertes Gemälde des Wangener Malers Johann Andreas Rauch zeigt detailliert die Situation von 1628. Am 28. Dez. 1646 brannten die Schweden das Schloß nieder, die Arbeiten zur Sicherung des erhaltenen Mauerwerks begannen 1649. Abgeschlossen war der Wiederaufbau 1690. In einem Zeitraum von mehreren Jahrzehnten wurde seit 1691 das Innere neu ausgestattet, wobei insbes. der im dt. Raum einzigartige Rittersaal im zweiten Geschoß hervorzuheben ist. Er ist gestaltet als monumentale Ahnengalerie und birgt eine Serie von überlebensgroßen Skulpturen der Truchseß von W. (Werner von Tann bis Joseph Franz (1704-1774). Als Vorlage für die 22 Skulpturen dienten u. a. die Holzschnitte Hans Burgkmaiers d.Ä. aus der Truchsessenchronik des Matthäus von → Pappenheim. Der außerhalb des Untersuchungszeitraumes liegende Wiederaufbau und die Innenausstattung sind durch die erhaltenen Bauakten dokumentiert.
Das seit 1578 und in den Grundmauern (allerdings ohne die beiden hofseitigen Arkaden) erhaltene errichtete Schloß ist eine tief rechtecktige Vierflügelanlage. Die Flügel enden in quadratischen Türmen. Das Mauerwerk der Türme ist viergeschossig, ihre Zeltdächer überragen die Satteldächer der dreigeschossigen Flügel. Zum Hof hin weisen die Satteldächer Fenster-, Uhren- und Speichergiebel auf. Im Vorderflügel zur Auffahrt betont ein seitlich ausschwingender Giebelaufsatz die Mittelalchse mit der Toreinfahrt. Die Fenster sind fast durchweg Hochrechteckfenster, die des Rittersaales im linken Seitenflügel sind größer, jene des niedrigeren darüberliegenden Geschoß ovale Luken. Das rustizierte Rundbogenportal der Haupteinfahrt wurde um 1583 überarbeitet, weist einen durchbrochenen Segmentgiebel mit einer Inschrift auf, die an den Bauabschluß 1583 und den Neubauabschluß 1690 erinnert. Die Beschläge der Torflügel stammen von etwa 1583. In den Torgiebel ist im ersten Obergeschoß ein vorgeschweifter Balkon mit schmiedeeisernem Rokokogitter mit einem gemalten Allianzwappen W.-Wolfegg-Wolfegg- → Salm-Reifferscheid-Dyck aus den 1750er Jahren integriert. Zum Hof hin ist das Rundbogenportal der Haupteinfahrt rustiziert und von rustizierten toskanischen Pilastern flankiert; im Dreiecksgiebel zeigt es das w.ische Wappen und die Jahreszahl 1689. Ähnliche Portale finden sich in den Mittelachsen der Seitenflügel und des Nordflügels. Im linken Seitenflügel besteht eine weitere Durchfahrt, das rustizierte Rundbogenportal, mit arabeskenverzierten Pilastern flankiert, zeigt hofseitig die Jahreszahl 1666, stammt jedoch aus der Zeit um 1583. Im rückwärtigen Flügel finden sich zwei rechteckige, von Dreiecksgiebeln gekrönte Nebenportale. Im rechten Flügel finden sich zwei Rundbogentüren zu den Nebentreppenhäusern sowie drei Kellertüren mit geradem Gebälk und gerolltem Aufsatz. Im Schloßhof wurde 1682-1688 ein Brunnen mit verziertem Sandsteinbecken erbaut. Der auf die Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg folgende Innenausbau wies dem vorderen linken Turm die Funktion als Treppenturm zu. Die Treppe umläuft einen quadratischen Kern, der im zweiten Geschoß die Schatzkammer enthielt und vermutlich auf einen älteren Turm, womöglich den einstigen Bergfried zurückgeht. Im obersten Turmgeschoß wurde die Bibliothek eingerichtet, für die im 18. Jh. eine zweigeschossige Holzarchitektur geschaffen wurde. Weiter darüber liegt der Glockenstuhl. Wg. des zeitlichen Rahmens dieses Bandes nur kurz hingewiesen werden kann auf die reichen Holzkassetten- und Stuckdecken in den Obergeschossen. Der Rittersaal mit der erwähnten einzigartigen Truchsessengalerie nimmt den gesamten linken Flügel ein. Den rückwärtigen Flügel im zweiten Geschoß nimmt der Bankettsaal ein.
Von der Vorburg sind im NO die umschließende Mauer und der überdachte Fachwerkwehrgang erhalten. Im W schließt eine Mauer des 18. Jh.s die Vorburg, ein abgegangenes Torhaus schloß bzw. öffnete die Auffahrt. Die zahlr. in der Vorburg liegenden Sakral-, Wirtschafts-, Verwaltungs- und Wohngebäude sowie Ställe bzw. Schuppen wurden nach dem Dreißigjährigen Krieg mit gewissen Modifikationen wieder aufgebaut. Das Gemälde des Schlosses von 1628 zeigt u. a. einen Marstall, das Untervogt- bzw. Sekretärhaus, das Kornhaus, einen Roßstall, den Sennstadel, das Sennhaus sowie ein aus dem frühen 16. Jh. stammendes Haus mit Turm, das 1628 als der »Alten Frau Gf.in Hauss« bezeichnet wurde (später Hofapotheke). Der 1628 bereits bestehende Lustgarten mit einem zweigeschossigen Gärtnerhaus wurde im 18. Jh. als Barockgarten neu angelegt.
Das Chorherrenstift verdankt seine Existenz Truchseß Johann von W. (1471-1510). Er hatte die Stiftung für den (eingetretenen) Fall seines Sieges in einem Zweikampf gegen Antonio Maria di Sanseverino gelobt, der 1487 beim Kriegszug Ehzg. Sigismunds von Tirol gegen Venedig einen Kampf der gegnerischen Heere ersetzte. Ab 1502 wurde ein Franzikanerkl. und die dreischiffigen Basilika St. Katharina und St. Franziskus erbaut und von Johanns erbendem Schwiegerohn Truchseß Georg III. (1488-1531) vollendet. 1519 erfolgte die Umwandlung in ein Augustinerkollegiatstift, für das ein Probst, neun Weltpriester, vier Schüler und ein Schulmeister vorgesehen waren. Die Truchsessen von W. waren Kastenvögte des exempten und ihrem Schutz unterstellten Stiftes, dessen Propst sie nominierten und dem Bf. von Konstanz präsentierten. Das Stiftsgebäude ist in den Grundmauern noch der Bau des 16. Jh.s.
Die Stiftskirche wurde seit 1620 neben der alten Pfarrkirche auch Pfarrkiche. Sie wurde 1632 von den Schweden ruiniert und 1646 nach einer Plünderung abgebrannt. 1656 konnten nach der Erneuerung neue Altarbilder geweiht werden. 1662 gab es wieder zwei Priester im Stift. Truchseß Ferdinand Ludwig von W.-Wolfegg-Wolfegg (1678-1735) und seine Frau Maria Anna von Schellenberg ließen die Kirche seit 1733 völlig neu erbauen. Das Deckenfresko verherrlicht die Familiengeschichte der Truchsessen, die Weihe erfolgte 1742. Seit der Aufhebung des Stifts 1806 diente diese Kirche als alleinige Pfarrkirche, die Dorfpfarrkirche St. Ulrich wurde profaniert. 1742 wurde auch der Altar der Gruftkapelle geweiht. Das Grabmal für Truchseß Johann von W. (1471-1510) und seine Johanna Gf.in von → Salm (gest. 1510) sowie das mehrteilige Sandsteinepitaph für Truchseß Jakob (1546-1589) und seine Familie wurden beim Kirchenneubau erneut in der Kirche aufgerichtet. An die Überführung Jakobs von Meßkirch nach Wolfegg und die Bestattung seiner Eingeweide in Meßkirch erinnert dort in der Kirche eine Inschriftentafel. Im Chor erinnern Stuckmarmorepitaphien an Truchseß Maximilian Willibald von W.-Wolfegg (1604-1667), der das Schloß nach dem Dreißigjährigen Krieg wieder aufbauen ließ, und an Ferdinand Ludwig von W.-Wolfegg-Wolfegg (1678-1735), den Erbauer der jetztigen Kirche (1738/39). An der östlichen Außenwand der Stiftskirche sind, möglicherw. sekundär, zwei überlebensgroße ganzfigurige Reliefs angebracht, von denen eines, gefertigt vom Pfrontener Bildhauer Anton Stapf, Truchseß Ferdinand Ludwig, angetan mit Rüstung, Mantel und barocker Perücke, als selbstbewußten Stifter des Kirchenneubaus darstellt. Das andere von Esaias Gruber d.J. zeigt Truchseß Jakob und stammt vom Anfang des 17. Jh.s. Die beiden Monumente erinnern an das Zeiler Denkmal für den Erbauer des Schlosses Zeil, Truchseß Froben von W.-Zeil (1569-1614).
1688 stiftete Truchseß Maximilian Willibald von W.-Wolfegg (1604-1667) an der Straße nach Rötenbach die 1706/07 vergrößerte Loretokapelle. Die Kapelle liegt etwas außerhalb des Ortes auf einem Hügel und bietet eine Gesamtansicht von Dorf und Schloß. Die Kapelle enthält mit enstprechendem Grabmal die Herzbestattung von Truchseß Ferdinand Ludwig (1678-1735). Ergänzt wurde die sakrale Architektur der Res. durch eine vor dem Schloß errichtete Mariensäule; die Verträge mit J.G. Fischer über eine Bildsäule aus Marmor und mit dem Innsbrucker Bildhauer Antonio Barbacou über eine Marienskulptur aus weißem Marmor aus Schlanders stammen von 1719. Die Bezeichnung am Sockel mit dem Doppelwappen W.-Wolfegg und Schellenberg-Kißlegg nennt das Jahr 1720 und verweist auf Truchseß Ferdinand Ludwig und seine Frau Maria Anna von Schellenberg (1681-1754).
Die ehem. Pfarrkirche St. Ulrich, die sog. Alte Pfarre, ist 1275 erstmals urkundlich erwähnt und wurde im 12. oder 13. Jh. erbaut. Die Apsis wurde im 14. Jh. durch einen flach schließenden Rechteckchor ersetzt. Den Innenraum zierten Wandmalereien vom ersten Viertel des 14. Jh.s bis zum 16. Jh. Das Patronatsrecht erwarben die Truchsessen von W. am Anfang des 16. Jh.s von den Faber (Ravensburg). Im 16. Jh. erfolgte der Bau von Turm und Sakristei an der Nordseite. 1672 wurde die den Friedhof umschließende Ringmauer mit Türen und Portalen erneuert. 1770-1780 wurde die Kirche nach einer früheren Reparation i.J. 1616 erneut renoviert, ein neuer Dachstuhl und eine (abgekommene) stukkierte Decke wurden errichtet, die gotische Ausstattung und die Kanzel aus der Werkstatt von Konrad Hegenauer entfernt. 1806 wurde die Kirche des aufgehobenen Kollegiatstiftes alleinige Pfarrkirche, St. Ulrich profaniert und seit 1821 als Scheune verwendet. Der Turm wurde abgebrochen. Bei der Restaurierung (1978-1984) wurden unter den Wandfresken des 15. Jh.s romanische Wandmalereien gefunden.
Zeil:
Zeil (1172 Zile) liegt etwa 5 km nördlich von Leutkirch der Kante eines über dem fruchtbaren Tal der Wurzacher Ach gelegenen und dicht bewaldeten Plateaus von ca. 740 m Höhe. Vom Schloß aus bietet sich ein grandioser Blick auf die Alpen. Die Herrschaft Zeil war seit 1337 in kontinuierlichem Besitz der Truchsessen von W. Bei der Erbteilung von 1429 gelangte sie an die georgische Linie. Das Pfand wurde 1526 in ein Reichslehen umgewandelt und 1628 zur Reichsgft. erhoben. Das Schloß Zeil (die Burg wird 1123 erstmals gen.) war am Ende des 16. Jh.s in schlechtem Zustand. Nach dem Tod seines Vaters Jakob (1546-1589) erkor Truchseß Froben von W. Zeil gleichwohl zum Hauptsitz der von ihm begründeten Linie W.-Zeil und ließ ein neues Schloß bauen. Er orientierte sich dabei an dem von seinem Vater erbauten Schloß Wolfegg, das bei der Erbteilung an seinen Bruder Truchseß Heinrich von W.-Wolfegg (1568-1637) gelangt war. Das im Dreißigjährigen Krieg von den Schweden niedergebrannte Schloß wurde wieder aufgebaut und diente erneut als Res. der Linie W.-Zeil. Nach der Aufspaltung in die Äste W.-Zeil-Zeil und W.-Zeil-Wurzach i.J. 1675 behielt der letztgenannte Ast Nutzungsrechte am Schloß.
Zeil war eine Res. ohne einen Res.ort. Die Pfarrkirche befand sich im weit unterhalb des Schlosses gelegenen Dorf Unterzeil. Die Kirche von Unterzeil birgt eine Reihe von frühneuzeitlichen Grabmälern w.ischer Amtsträger.
Zur Res. gehören das Renaissanceschloß, das mit der nordöstlich gelegenen Stiftskirche und dem Stiftsgebäude durch langen hochgemauerter Gang verbunden ist. Südwestlich des Schlosses schließt sich unmittelbar der nach NW gleichfalls mauerartig geschlossene Hof mit Wirtschaftsgebäuden an, die im 18. Jh. teils in Beamtenwohnungen umgewandelt wurden. Das eigtl. Schloßgebäude bildet ein Viereck mit vier pavillonartigen Ecktürmen. Es gehört zur Gruppe der in der Region wichtigen Renaissancevierkantschlösser. Die Architektur ist streng, gemalte Fensterrahmungen um die schmucklosen Kreuzstöcke betonen die klare Linienführung. An den beiden westlichen Türmen befinden sich Vorbauten des frühen 18. Jh.s. Die beiden Durchgänge vom Innenhof aus werden von je zwei inneren und äußeren Portalen geschmückt. Die unterschiedlich gearbeiteten Portale weisen u. a. eine geschweifte Krönung, einen gebrochenen Giebel und einen gebrochenen Giebel mit Obeliskaufsätzen auf, die ebenfalls unterschiedlichen Verzierungen zeigen die Elemente Rankenfüllung, Blattrosetten, Rustifizierung, Fruchtschnüren, Perlstabfries, Girlanden, Maskenfries. Zwei Portale sind bezeichnet (1602, 1608). Vom Innenhof führt ein Portal mit Trauben- und Ährengirlanden, gebrochenem Giebel mit Palmettenaufsatz und Holzfrelief des Hl. Willibald zur Schloßkapelle. Im Innenhof findet sich weiter eine gemalte Sonnenuhr von 1701. Die Bau- bzw. Maurermeister sind wie die übrigen aus der Region stammenden Handwerker durch die Bauakten gut dokumentiert.
Truchseß Froben von W.-Zeil (1569-1614) beschrieb Schloß Zeil am Ende des 16. Jh.s als übel erbauen und sehr zergangenes Haus. In der abgebrochenen Burg Zeil war die für 1538 nachgewiesene Kapelle unter Truchseß Georg IV. (1523-1562) durch eine neue erbaute und 1558 geweihte Kapelle ersetzt worden. Vor dem Hintergrund der Spaltung des georgischen Stammes in die von seinem Bruder begründete Linie W.-Wolfegg und die von ihm begründete Linie W.-Zeil begann Truchseß Froben mit dem an Wolfegg orientierten Schloßneubau. 1598 schloß er einen Herrschaftsvertrag mit den Untertanen über Dienste am Schloßbau auf 18 Jahre ab. Der Neubau wurde östlich der alten Burg errichtet, wobei Material der abgebrochenen alten Burg verwendet wurde. Beim Tod Frobens i.J. 1614 waren der Nordwest- und der Südwestflügel ausgebaut, zudem ein Teil des nordöstlichen Flügels. Das Brunnenbecken und Brunnenkrug aus Kupfer waren schon 1607 bestellt worden. Der Südostflügel war wie ein Teil des Nordostflügels lediglich zweigeschossig geschlossen. Wg. des Dreißigjährigen Krieges verzögerte sich die Fertigstellung, 1648 plünderten schwedische Truppen das Schloß. In den 1680er Jahren erlitt das Schloß, dessen Fenster vorübergehend von ksl. Soldaten zur Abwehr frz. Angriffe teils zu Schießscharten vermauert wurden, erneut Kriegsschäden. 1699 erfolgte die Verbindung von Nordturm und Kirchengang, der Einbau von vier Zellen und einem Refektorium für vier Franziskaner im Nordturm. Die Schloßkapelle wurde zur Gartenseite hin erweitert und erhielt einen Antoniusaltar. Nach 1768 wurde der Nordostflügel durch ein drittes Stockwerk vollendet. Es erfolgte zudem der Bau von Ökonomiegebäuden (Ochsen-, Schweine- und Mastställe, Waschhaus, Teil des Brauhauses) und Schießstätte (Grundsteinlegung 1766). Das Innere des Schlosses sah in dieser Zeit einige Renovierungen, v.a. neue Wand- und Deckenmalereien sowie Stukkaturen. 1764 wurde das Bibliothekszimmer erneuert. Dem Südflügel – von dort bietet sich die Sicht auf die Alpen – wurde eine Terrasse mit Zugbrücke vorgelagert. Die Vollendung des Nordwestflügels erfolgte 1888.
Das Erdgeschoß des Schlosses barg ursprgl. einige Wirtschaftsräume, u. a. das Brauhaus. Im ersten Obergeschoß befanden sich insbes. Gästezimmer, die Namen von mit den W.ern verwandten Familien (Baden, → Montfort, Berg, Törring, → Zollern, → Fugger) erhielten. Bei der Erbteilung von 1675 erhielt der Ast W.-Zeil-Wurzach Besitzrechte an Teilen der Anlage. Im Erdgeschoß des Schlosses betraf dies das Silbergewölbe mit Stube und Kammer, das Edelleutzimmer mit Kammer, zwei Küchen, Dürnitz, Gewölbe am Gartenportal, Brotgewölbe, das halbe Backhaus sowie Räume im Keller, im ersten Obergeschoß u. a. die lange Stube mit Saal, einen Gang sowie das Königseggsche Zimmer. Die Gästezimmer im zweiten Obergeschoß blieben mit Ausnahme des im Alleinbesitz des Astes W.-Zeil-Zeil befindlichen Zollerschen Zimmer gemeinschaftlicher Besitz. Im ersten Obergeschoß weist der Südostflügel eine hölzerne Kassettendecke mit Rauten und länglich-gebrochenen Rechtecken sowie zahlr. Renaissance-Schränke mit Ädikulaarchitektur aus dem 17. Jh. auf, im zweiten Obergeschoß eine Kassettendecke mit Kreuz- und Rautenmuster. An den Wänden finden sich geweihtragende hölzerne Hirschköpfe auf mit Putti und Wappentieren geschmückten Schilden sowie Ahnenbilder. Reich verzierte wappengekrönte Türgerüste mit Doppelpilastern führen in den mit einer tiefkassettierten Holzdecke gedeckten Truchsessensaal. Die Ausstattung des Nebenraums mit eingelegter Bettstatt stammt von 1580. Im Südwestflügel, der ebenfalls reich geschmückte Türen aufweist, war ein Komödiensaal eingerichtet. Die Holzdecke des Saals wich im 18. Jh. einer inzwischen gleichfalls verschwundenen Stuckdecke.
Vom zentral gelegenen, fast quadratischen Innenhof des Schlosses führt das südwestliche Portal zum einem weitläufigen Wirtschaftshof, der bereits zur Burg gehört hatte. Die Öffnung vom Wirtschaftshof zum freigebliebenen Platz der abgebrochenen Burg hin war durch einen Graben geschlossen. Dieser Graben, die Südwestfassade des Schlosses und die an den Süd- und den Westturm anschließenden Wirtschaftsgebäude bzw. Beamtenwohnungstrakte bilden den Wirtschaftshof. Vor dem nordöstlichen Schloßportal dagegen erstreckt sich der weite Hofgarten. Seinen Abschluß nach NO bilden der hochgemauerte Verbindungsgang zwischen Schloß und Stift mit einem rechtwinkligen Knick auf der Höhe des Stifts und nach NO die Fortsetzung dieses Ganges und die Stiftsgebäude (Kirche, Schule, Pfarrhaus). Von außen wirkt der Kirchengang wie eine hohe Mauer und diente Verteidigungszwecken. Weiter war eine Schanze vorhanden; westlich des Schlosses stand ein Wachturm. Nach SO bot der steile Abhang Schutz, zur Nordwestseite hin die geschlossenen Außenmauern von Wirtschaftshof, Schloß und Verbindungsgang zum Stift. Das Backhaus und Brauhaus waren ursprgl. im Erdgeschoß des Schlosses untergebracht. Das Brauhaus wurde unter Truchseß Johann Christoph (1660-1720/21) ausgelagert. Wie das Archiv war die v.a. im 19. Jh. erweiterte Bibliothek im Schloß eingerichtet. Truchseß Johann Jakob II. (1686-1750) legte eine Gewehrsammlung an, seit Truchseß Froben bestand eine Geweihsammlung. Die große Sammlung von Rüstungen mit angeblich über 350 Harnischen kam im Dreißigjährigen Krieg abhanden.
Die zweigeschossige tonnengewölbte Schloßkapelle (Hl. Wunibald) im Südostflügel wurde am 18. Dez. 1608 geweiht. Die ursprgl. wich im 18. Jh. einer Rokoko-Ausstattung. Truchseß Froben gründete nach dem Vorbild von Wolfegg ein neben dem Schloß gelegenes Stift, das einen Probst, zwei Kanoniker, vier Koadiutoren, einen Organisten, einen Schullehrer und vier bis sechs Sängerknaben vorsah (Stiftsurk. vom 7. April 1608, bfl. Bestätigung vom 18. April 1609). Das Stift verfiel im Dreißigjährigen Krieg, wurde 1742 förmlich neu begründet und hatte bis zur Säkularisation Bestand. Die Stiftskirche wurde gleichzeitig mit dem Schloß und von den gleichen Handwerkern erbaut. Die Weihe der Kirche mit drei Altären erfolgte 1612. Das Chorgestühl von 1611 ist erhalten. Der Turm wurde später mehrfach umgebaut, mehrfach v.a. in der zweiten Hälfte des 18. Jh.s auch der Innenraum der Kirche. Das Äußere der Kirche ist schlicht gehalten. Unter dem Chor liegt die Herrschaftsgruft. Aus der Zeit vor 1800 existiert ein Rokoko-Epitaph für Truchseß Johann Jakob II. (1686-1750). Das symmetrisch angelegte Gegenstück blieb unbezeichnet. Bis 1682 befand sich das aus Wohn- und Wirtschaftsräumen bestehende Stiftsgebäude nördlich der Kirche im heutigen Pfarrgarten. 1680 erfolgte ein Neubau südlich der Kirche an der Stelle eines ehem. herrschaftlichen Gartenhauses unter Einbeziehung der Schloßmauer und eines Rundturms. Zwischen Kirche und Stift entstand das Schulgebäude. An der Stelle des abgebrochenen alten Stiftsgebäudes entstand ein noch bestehendes Haus.
Im Durchgang zwischen Schloßinnenhof und Wirtschaftshof an der Wand (bezeichnet 1611) erinnert ein großes Rotmarmor-Denkmal an den Erbauer des Schlosses. Es zeigt Truchseß Froben im überlebensgroßen Relief als mit Feldbinde umgürteten Ritter, darüber das Symbol des Reichserbtruchsessenamtes, den Reichsapfel, darunter das Allianzwappen W.-Törring von 1609. Nachträglich im Durchgang angebracht wurden zwei Totenschilde des 17. Jh.s und zwei Bronzetafeln des 16. Jh.s, die vermutlich an Kard. Truchseß Otto von W. (1514-1573) und Ks. Karl V. erinnern.
Kißlegg:
Kißlegg liegt etwa 10 km südöstlich von Wolfegg. Zu Kißlegg gehört die seit 1381 in zwei Hälften geteilte gleichnamige Herrschaft, deren Besitzer je ein Schloß im Ort besaßen. An die jüngere Trauchburger Linie des jakobinischen Stammes bzw. an den georgischen Ast W.-Wolfegg-Wolfegg kamen die beiden Hälften von Kißlegg am Ende bzw. außerhalb des Untersuchungszeitraums dieses Bandes, weshalb hier nur wenige Hinweise folgen können.
Die freyberg-paumgartnerische Hälfte von Kißlegg gelangte durch die 1625 geschlossene Ehe der Susanna von Kuen-Bellasi mit Truchseß Friedrich von W. (1592-1636, jakobinischer Stamm) 1669 an die Truchsessen von W. Truchseß Friedrich begründete eine neue Linie (jüngere Trauchburger Linie), für die Kißlegg neben Trauchburg ein wesentlicher Besitzbestandteil war. Anstelle eines älteren Schlosses, von dem Nachrichten aus dem dritten Viertel des 16. Jh.s vorhanden sind, wurde 1687-1691 als Wwe.nsitz für Maria Monika (1644-1713, geb. Gf.in von → Königsegg-Rothenfels, Gemahlin von Truchseß Johann Ernst I. (gest. 1687, jüngere Linie Trauchburg) ein Schloß in Fachwerktechnik neu errichtet. Dieses brannte 1704 bei einem Dorfbrand ab. 1717 kam Kißlegg an Truchseß Johann Ernst II. (1695-1737), der so die Linie Trauchburg-Kißlegg begründete, und erlangte als Res. größere Bedeutung. 1721-1727 entstand unter seiner Regierung ein erhaltener repräsentativer barocker Neubau mit einem Hauptflügel (19 Achsen), zwei Seitenflügeln und kostbarer Schloßkapelle. Das Schloß liegt etwa 250 m östlich der Pfarrkirche und war von einer teils erhaltenen Parkanlage umgeben. Nach dem Aussterben des jakobinischen Stammes 1772 gelangte Kißlegg von der w.ischen Erbengemeinschaft 1793 an den Ast W.-Zeil-Wurzach.
Die schellenbergische Hälfte von Kißlegg brachte Maria Anna von Schellenberg, die Erbtochter von Franz Christoph von Schellenberg durch ihre 1702 geschlossene Ehe mit Truchseß Ferdinand Ludwig von W.-Wolfegg-Wolfegg (1678-1735) an die W.er. Das unter Hans Ulrich von Schellenberg im dritten Viertel des 16. Jh.s erbaute sowie erhaltene Schloß wurde 1717-1721 innen neu ausgebaut. Es ist ein längsrechteckiger Baukörper mit steil aufragendem viergeschossigen Staffelgiebel und Ecktürmen. Die ummauerte Vorburg im W weist drei Flügel mit Wirtschaftsgebäuden auf, von denen das lange Wirtschaftsgebäude von 1710 eine Kapelle aufweist. Das schellenbergische Schloß liegt außerhalb des Dorfes etwa 150 m südlich der Pfarrkirche auf einem leicht ansteigenden Hang.
In der Pfarrkirche sind die Vorbesitzer und die Besitzübergänge an die Truchseß von W. durch repräsentative Epitaphien markiert. An der nördlichen Chorwand befindet sich ein großes Epitaph für Susanna von Kuen-Belasi (1610-1669). Zum Gedächtnis an ihren in der zur Herrschaft Trauchburg gehörenden Abtei St. Georg in Isny bestatteten Ehemann, den Begründer der jüngeren Trauchburger Linie, Truchseß Friedrich von W. (1592-1636, jakobinische Linie), wurde im Gebälk eine Schrifttafel angebracht. Im nördlichen Seitenschiff befindet sich zudem ein großes Epitaph für den Sohn Friedrichs, Truchseß Johann Ernst I. (1630-1687). An der südlichen Seite des Chores dagegen ist ein großes Stuckmarmorepitaph für Franz Christoph von Schellenberg und seine Frau Maria Anna Renata von Schellenberg-Kißlegg angebracht. Erstellt wurde es 1715 im Auftrag von Truchseß Ferdinand Ludwig von W.-Wolfegg-Wolfegg und seiner Gemahlin Maria Anna, geb. Schellenberg. Der Ast W.-Wolfegg-Wolfegg führte das von Hans Ulrich von Schellenberg 1575 gestiftete Spital fort und erhöhte im 18. Jh. das Stiftungskapital. Die Loretokapelle von Kißlegg wurde von Susanna Kuen von Belasi, der 1669 verstorbenen Ehefrau Friedrichs von W. (1592-1636) gestiftet und 1656 geweiht.
Wurzach:
Wurzach (wrzun, wurtzo, heute Bad Wurzach) liegt etwa 15 km nordöstlich von Wolfegg an der Wurzbacher Ach und der Kreuzung der Straßen von Memmingen nach Ravensburg und von Biberach nach Leutkirch. Die kleine Landstadt mit Memminger Markt- (1333) und Stadtrecht (1362), deren Pfarre schon 1275 gen. wird, gehörte zur Herrschaft Zeil, die bei der Erbteilung von 1429 an den georgischen Stamm der W.er fiel. Bei der Erbteilung von 1601 gelangte Wurzach an die Linie W.-Zeil. Bei der Aufspaltung dieser Linie i.J. 1675 wurde die 1628 zur Gft. erhobene Herrschaft Zeil geteilt. Wurzach und Marstetten kamen an Truchseß Sebastian Wunibald (1636-1700), der 1675 den Ast W.-Zeil-Wurzach begründete. Weil Wurzach erst unter Truchseß Ernst Jakob (1673-1734) und damit außerhalb des Untersuchungszeitraumes als barocker Res.ort systematisch ausgebaut wurde, müssen wir uns auf wenige Hinweise beschränken. Der im Dreißigjährigen Krieg nicht weniger als 26-mal geplünderte Ort entfaltete im 18. Jh. eine glanzvolle Kleinhofhaltung. Die Hofbürger waren bis 1828 rechtlich von den Landstadtbürgern getrennt. Da der Rechtsgrund des w.ischen Besitzes an der Gft. Zeil und damit an Wurzach (Pfandbesitz seit 1337, Reichslehen seit 1526) unstrittig war, gab es wie in Wolfegg und Zeil auch in Wurzach keine spezifische Konfliktgeschichte. Das sehr bemerkenswerte erhaltene Schloß ist eine barocke Dreiflügelanlage mit dreiteiligem Hauptbau und rechtwinklig vorspringenden Seitenflügeln. Erbaut unter Truchseß Ernst Jakob von W.-Zeil-Wurzach (1673-1734) und seinem Sohn Truchseß Franz Ernst (1704-1781) in den Jahren 1723-1728 bzw. 1750, birgt es ein bedeutendes säulen- und balustradengeschmücktes Treppenhaus. Im Ostflügel des neuen Schlosses ist ein Teil des sog. Alten Schlosses aus dem 17. Jh. mit der 1612 und 1708/09 erneuerten Schloßkapelle des 15. Jh.s verbaut. In der Schloßkapelle findet sich das aus der Pfarrkirche übertragene Grabmal Georgs I. von W. (gest. 1467). Die Bauakten des Neuen Schlosses sind verloren. Neben dem kontinuierlichen Bestehen eines Schlosses seit dem MA weist auf die beachtliche Bedeutung Wurzachs für die Truchsessen von W. die Stiftung eines Kl.s Maria Rosengarten für Terzianerinnen des Franziskanerordens neben der Pfarrkirche hin. Stifterin war Truchsessin Helena von W. (geb. → Hohenzollern, gest. 1515), die Mutter Truchseß Georgs III. An sie erinnert ein heute in der Pfarrkirche befindliches Buntmarmorgrabmal (um 1520) mit einer 16er-Ahnenprobe. Das Kl. wurde 1763 als spätbarocker Neubau erneuert. Wie andere W.er Res.en ist Wurzach von intensiver karitativ-kirchlicher Stiftungstätigkeit geprägt. Truchseß Johann von W. (jakobinischer Stamm, 1471-1510), stiftete das Spital zum Hl. Geist, an dem 1613-1619 intensiv gebaut wurde und das 1695 durch einen Neubau ersetzt wurde. Es bestand in Wurzach auch von den Truchsessen von W. bereits im 13. Jh. gestiftetes Leprosenhaus, das 1696 und 1749 (Kapelle) umgebaut wurde. 1700 stiftete Gf.in Anna Maria Ludovika (1679-1736, Gemahlin von Truchseß Ernst Jakob von W.-Zeil-Wurzach [1673-1734]) die Heiliggrabkapelle auf dem Gottesberg im SO der Stadt. Die Kapelle wurde 1712/13 zum Zweck der Vergrößerung abgerissen, 1717 erfolgte die Weihe des Nachfolgerbaus. Die als Wallfahrtsort populäre Kapelle wurde durch die dem römischen Vorbild nachempfundene Hl. Stiege mit der Stadtpfarrkirche verbunden. An der Stelle der spätgotischen Stadtpfarrkirche St. Verena entstand 1775-1777 unter finanzieller Beteiligung der Truchsessen von W. ein klassizistischer Neubau. Das repräsentative Deckengemälde von Andreas Brugger verherrlicht die in zahlr. Porträts dargestellte Familie.