STEINFURT
I.
Die im nordwestlichen Münsterland gelegene, 195 qkm große Herrschaft St. (Stemmert) umfaßte das Kirchspiel St., ab 1270 die Vogtei über Borghorst, bis 1357 die Freigft. Laer, ab 1279 das Amt Rüschau und ab 1365 auch die Exklave Gronau. Nach dem Aussterben des Geschlechts in männlicher Linie erbte Mechthild von St. (gest. 1420) die Herrschaft, die nach ihrem Tod an ihren Ehemann, Everwin I. von → Bentheim aus dem Hause Götterswick (geb. 1397, gest. 1454), überging. St. wurde 1495 durch eine Auftragung Ks. Maximilians zur Reichsgft. und gehörte zur Hälfte dem Bm. Münster. Um die Reichsunmittelbarkeit St.s kam es in den Jahren 1547 bis 1716 vor dem RKG zum Prozeß mit Münster. Die Gft. St. wurde demzufolge auf Stadt, Schloß und Kirchspiel St. beschränkt, das Gericht Borghorst und das Gogericht Rüschau verblieben dem Bm. Münster als Unterherrlichkeiten. Die damit um einige Gebiete verminderte Gft. gehörte zum niederrheinisch-westfälischen Reichskreis und zum westfälischen Reichsgf.enkollegium. Als Territorium der Fs.en von → Bentheim-St. gelangte sie 1806 zum Großhzm. Berg, 1811 an Frankreich, 1815 an Preußen. Seit 1946 ist Burgsteinfurt ein Teil Nordrhein-Westfalens.
II.
Ab 1765 wurde unter Karl Paul Ernst von → Bentheim-St. (geb. 1729, gest. 1780) östlich vom Wasserschloß der ausgedehnte Hofgarten Bagno eingerichtet. Ursprgl. als Sommersitz geplant, wurde das Bagno in der Folge unter dem Nachfolger Ludwig von → Bentheim-St. (geb. 1756, gest. 1817) in eine Englische Gartenanlage nach Vorbild von Schloß Wilhelmshöhe bei Kassel ausgebaut. Das Bagno umfaßte u. a. eine Konzertgalerie, eine Theaterbühne, ein als Moschee gestaltetes Gästehaus, ein Teehaus in Form eines Chinesischen Palais, eine Kapelle und einen Barockgarten mit einem künstlichen See und einem Tiergarten. Gartenbaudirektor war von 1765 bis 1775 der Oberforstmeister Johann Jost von Loen. Im Amt folgten Hofrichter von Conradi, Leutnant Friedrich Christian von Schatzmann, Johann Philipp Hoffmann (1798-1802), Architekt Aug. Reinking (1802-1819) sowie Landbaumeister Christian Teudt (1805-1806).
Die 1750 ersterwähnte und bis 1817 existierende Hofkapelle erlebte in der Regierungszeit von Gf. Karl Paul Ernst von → Bentheim-St. (1750-1780) und bes. unter seinem Sohn Ludwig von → Bentheim-St. (1780-1817) eine Blütezeit, u. a. mit unentgeltlichen öffentlichen Aufführungen im Konzertsaal des Bagno. Für die gesamte Gft. erhielt der Organist Ernst Ludwig Siegmann bereits 1739 das Musikmonopol. Mitglieder der Hofkapelle waren auch Bedienstete des Gf.enhauses. Erste Nachrichten von Hofkonzerten erfolgten zeitgl. mit der Anstellung des Vorsingers und Vorlesers Johann Konrad Daniel (1750). Im Jahr 1805 bestand die Hofkapelle aus 39 Mitgliedern, von denen fünf der gfl.en Familie entstammten (Gesang: Henriette und Charlotte von → Bentheim-St., Flöte: Ludwig von → Bentheim-St., Violine: Louis und Eugen von → Bentheim-St.).
St.er Burgmannen (Borchmans, Borchlude), meist niederadelige Geschlechter, sind seit dem 13. Jh. als milites castellani Stenvordie bekannt. Älteste Burgmannenfamilien waren die Havixbeck, Wüllen, Legden, Boklo, Metelen und Sellen, an deren Stelle ab dem 14. Jh. neue Geschlechter wie u. a. Scheven, Rule, → Hewen, Pulsien, Lasterhausen und Diepenbrock traten.
Sources
Bruns, Alfred/Behrmann, Hans-Joachim (Bearb.): Inventar des Fürstlichen Archivs zu Burgsteinfurt, Bestände C, D (Teilbestand), hg. von Alfred Bruns, Münster 1983 (Inventare der nichtstaatlichen Archive Westfalens. NF 7).
Literature
Bentheim, Oskar zu: Das Normaljahr 1626 (!) und der territoriale Konflikt zwischen dem Fürstbistum Münster und der Grafschaft Steinfurt, in: Teske, Gunnar (Red.): Dreißigjähriger Krieg und Westfälischer Friede. Forschungen aus westfälischen Adelsarchiven, Münster 2000 (Vereinigte Westfälische Adelsarchive e.V., 13), S. 67-74. – Döhmann, Karl Georg: Beiträge zur Geschichte der Stadt und Graffschaft Steinfurt. Die Burgmannen von Steinfurt, Tl. 1, Burgsteinfurt 1900. – Hemann, Friedrich-Wilhelm: Art. »Steinfurt«, in LexMA VIII, 1997, Sp. 99. – Koebler, Gerhard: Art. »Steinfurt (Herrschaft, Grafschaft)«, in: Ders.: Historisches Lexikon der deutschen Länder, 7., vollst. Überarb. Aufl., München 2007, S. 685. – Kohl, Wilhelm: 150 Jahre Landkreis Steinfurt 1816-1966. Geschichte der Kreisverwaltung, Burgsteinfurt 1966 (Schriften zur Geschichte und Landeskunde des Landkreises Steinfurt, 1). – Kruttge, Eigel: Geschichte der Burgsteinfurter Hofkapelle 1750-1817, Hagen 1973 (Beiträge zur Westfälischen Musikgeschichte, 11). – Lübbers, Wolfgang: Das Bagno in Steinfurt. Ein Garten der Goethezeit. Vom höfischen Barockgarten zum englischen Landschaftspark, hg. vom Heimatverein Burgsteinfurt, Steinfurt 1997. – Nerlich, Otto: Der Streit um die Reichsunmittelbarkeit der ehemaligen Herrschaft und späteren Grafschaft Steinfurt, Hildesheim 1913 (Beiträge für die Geschichte Niedersachsens und Westfalens, 42). – Rohm, Thomas/Schindling, Anton: Tecklenburg, Bentheim, Steinfurt, Lingen, in: Die Territorien des Reichs im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung, hg. von Anton Schindling und Walter Ziegler, Bd. 3, Münster 1991 (Katholisches Leben und Kirchenreform im Zeitalter der Glaubensspaltung/Vereinsschriften der Gesellschaft zur Herausgabe des Corpus Catholicorum, 51), S. 182-198. – 400 Jahr Arnoldinum 1588-1988, hg. vom Kreisheimatbund Steinfurt, Greven 1988 (Schriftenreihe des Kreisheimatbundes Steinfurt, 6), S. 31-40.