Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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SCHWERIN

A. Schwerin

I.

Heinrich der Löwe setzte 1160 in S. und Ilow den Edelherren Gunzelin als Präfekt ein; zugl. sollte dieser als prefectus terrae das Obodritenland verwalten. 1167 wandelte der Hzg. wg. der Wiedereinsetzung der Söhne Pribislavs in Mecklenburg Gunzelins Aufgabenbezirk in eine Gft. um; Gunzelin I. »der Alte« (gest. 1185) und seine Nachkommen führen seitdem durchgängig den Gf.entitel. 1182 huldigt er Hzg. Bernhard von Sachsen (Arnold von Lübeck, Chronik III,1).

Die Auffassung, Gunzelin stamme aus Hagen bei Helmstedt bzw. Gebhardshagen bei Salzgitter, ist nicht haltbar. Dem glaubwürdigen Zeugnis des Chronicon Poloniae zufolge stammte er aus der kleinen edelfreien Familie von Dahlenburg östlich Lüneburgs (Wigger, Bischof Boguphal, S. 128). Im Lüneburgischen besaßen die S.er bedeutendes Eigen- und Lehngut, so die Vogteien des Kl.s Ebstorf und Soltau, außerdem waren sie Stadtherren von Oldenstadt und der um 1250 neugegründeten Stadt Lewenwolde (des späteren Uelzen).

II.

Nach dem frühen Tod des Gf.en Helmold I. (vor dem 18. Juni 1195) folgten von den verbliebenen vier Söhnen Gunzelins I. Gunzelin II. (gest. 1220/21) und Heinrich II. Sie gewannen 1203 Wittenburg und Boizenburg hinzu; verloren dann zunehmend ihre Unabhängigkeit an Dänemark. Otto IV. belehnte die Gf.en 1213 (oder bald darauf) mit dem Land der Obotriten (Hucker, Kaiser Otto IV., S. 696 f.); dennoch mußten sie 1214 dem Dänenkg. huldigen (MGH Dt. Chroniken II, S. 618). Infolge der Gefangennahme Kg. Waldemars II. durch Gf. Heinrich (1223) und der darauffolgenden Rückeroberungen wurde die dänische Lehnsoberhoheit abgeschüttelt. Ab 1224 erscheint in der Intitulatio der Gf.enurk.n die Dei gratia-Formel als Ausdruck der neugewonnenen territorialen Autonomie.

Am 16. Febr. 1227 nahm Heinrich I. (gest. 1228) die Länder Boizenburg, S. und Wittenburg vom Hzg. von Sachsen zu Lehen – seine Gft. war also kein Reichslehen mehr (Meklenb. UB, I, Nr. 338), galt später aber wieder als solches.

Die Gft. ging ungeteilt an Gunzelin III. über. Seine Rechte an Oldenstadt und Leowenwalde (dem späteren Uelzen) muß er 1269 an den Hzg. von Lüneburg abtreten (Meklenb. UB, II, Nr. 1171), so daß es nicht gelang, im Lüneburgischen eine zusammenhängende Herrschaft aufzubauen. 1267 wurde Gunzelin Protektor des Ebm.s Riga, i.J. darauf weilt er persönlich in Livland. Sein Sohn Johann war 1294-1300 Ebf. von Riga. Die von den Gf.en gegr. Städte Boizenburg, Crivitz und Wittenburg wurden privilegiert (Boizenburg zuerst 1267). Jedoch Einfluß auf das Bm. S. zu gewinnen, gelang nur vorübergehend: Gf. Friedrich wurde 1237 zum Bf. gewählt, starb aber schon 1238. Zur Totenklage Rumslants auf den Gf.en Gunzelin 1274 siehe unten.

1279 kam es zur Teilung des Territoriums: die S.er Linie erhielt außer dieser Stadt Neustadt und Marnitz, die Wittenburger Linie Boizenburg, Crivitz und Sellesen. Letztere spaltete sich 1323 abermals in Wittenburg und Boizenburg auf.

Gf. Nicolaus III. von S.-Wittenburg erbte 1327 von seiner Mutter Richardis die Gft. → Tecklenburg. Außerdem erbte er vor 1338 von seiner Frau Helene die Gft. Altbruchhausen. Er war wohl auch Vormund der jungen Gf.en von → Hoya und vereinigte 1344 bzw. 1349 die Länder Wittenburg und Boizenburg in seiner Hand. Daher stellte der Bückener Chronist fest, es gebühre dem Gf.en, ein her der nedern Westpheling, der nedern Sachsen und ock der neddern Wenden zu sein (Hodenberger UB, S. 8). Nicht nur lagen die drei Gftn. weit auseinander, auch mußte Nicolaus sich der Ansprüche der Hze. von Mecklenburg erwehren. So gab er die Gftn. Altbruchhausen und S. 1338 bzw. 1358 durch Verkauf an → Hoya bzw. Mecklenburg auf (Hoy. UB, I, Nr. 88; Röpke, Ende). Nicolaus III. starb 1360. Er und sein Sohn Otto II. (gest. 1388) begründeten das jüngere, bis 1557 blühende Haus → Tecklenburg.

IV.

Die Gf.en standen im Konnubium mit den Hzg.en von Sachsen-Lauenburg, Schleswig, Mecklenburg und Pommern, den Gf.en von Halland, → Gleichen, → Wohldenberg, Dannenberg, → Holstein, → Tecklenburg, → Oldenburg-Bruchhausen und → Mansfeld sowie den Edelherren von dem Berge, Gans und von → Bronckhorst. Richardis, die Tochter des Gf.en Otto I., wurde infolge ihrer Ehe mit Hzg. Albrecht III. von Mecklenburg 1363 sogar Kg.in von Schweden (Wigger, Stammtafel, S. 86-88).

Sources

L'armorial universel du héraut Gelre (1370-1395), publié et annoté par Paul Adam-Even, Neuchâtel 1971. – Arnoldi Chronica Slavorum, MGH SS rer. Germ. XIV; MGH SS XXI, S. 101-250. – Albert von Stade, Chronicon, MGH SS XVII, S. 271-379. – Die Bückener Chronik, hg. von W. von Hodenberg, in: Hodenberger Urkundenbuch, S. 1-10, übersetzt und erläutert von Bernd Ulrich Hucker, in: Heimatblätter Kreis Grafschaft Hoya 4 (1975) S. 11-20 und separat, Syke, 1978. – Bumke, Joachim: Mäzene im Mittelalter, München 1979. – Hammerstein, W. C. C. von: Die Besitzungen der Grafen von Schwerin am linken Elbufer und der Ursprung dieser Grafen, Zeitschrift des Historischen Vereins für Niedersachsen (1857) S. 1-190 und 345-353 [Ed. des Lehnsregisters]. – Mecklenburgisches Urkundenbuch, Bd. 1-6, Schwerin 1863-1869, Bd. 25, Tl. A und B: Nachträge, Schwerin 1936 und Leipzig 1977. – Oertzen, Otto: Die mecklenburgischen Münzen des großherzoglichen Münzkabinetts, Tl. 1: Bracteaten und Denare, Schwerin 1900. – MGH DD-in 4° Laienfürst. – Wigger, Friedrich: Des Bischofs Boguphal von Posen Nachrichten über Meklenburg, in: Meklenburgisches Jahrbuch 27 (1861) S. 124-130.

Bode, Georg: Herkunft und Heimat Gunzelins von Hagen, des ersten Grafen von Schwerin. Eine geschichtliche Studie, Wolfenbüttel 1911 (Quellen und Forschungen zur Braunschweigischen Geschichte, 2). – Grohmann, Wilhelm: Das Kanzleiwesen der Grafen von Schwerin und der Herzöge von Mecklenburg-Schwerin im Mittelalter, in: Jahrbücher des Vereins für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde 92 (1928) S. 1-79. – Hucker, Bernd Ulrich: Die Anfänge des Klosters Ebstorf und die politische Stellung der Grafen von Schwerin im 12. und 13. Jahrhundert, in: Jahrbuch für die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands 41 (1992) S. 137-180. – Hucker, Bernd Ulrich: Kaiser Otto IV., Hannover 1990. – Hucker, Bernd Ulrich: Stift und Kloster Ebstorf. Imperiale Politik und Slawenmission im Bistum Verden, in: Gebaute Klausur, Bielefeld 2008 (Veröffentlichungen des Instituts für Historische Landesforschung der Universität Göttingen, 52), S. 29-41. – Naumann, Helmut: Der Übergang der Grafschaft Tecklenburg ans Haus Schwerin, in: Tecklenburger Beiträge 3 (1996) S. 83-87. – Rische, Alfred: Geschichte der Grafschaft Schwerin bis zum Jahre 1358, Ludwigslust 1893. – Sander-Berke, Antje: Schwerin, in: LexMA VII, 1995, Sp. 1642-1644. – Seyler, Gustav A.: Geschichte der Heraldik, Nürnberg 1885-1889 (J. Siebmachers großes und allgemeines Wappenbuch, A). – Usinger, Rudolph: Deutsch-dänische Geschichte 1189-1227, Berlin 1863. – Virk, Wolfgang: Die Schweriner Münze – ein Überblick, in: Bezirksfachtagung Numismatik 1981, Schwerin 1981, S. 4-12. – Wigger, Friedrich: Ueber die Stammtafel der alten Grafen von Schwerin, Schwerin 1869.