Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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BLANKENHEIM

C. Blankenheim

I.

B. (seltener Blankeneym, Blanchin-, Blanckenhem u.ä.) ist ein von einer als Jugendherberge restaurierten oder (besser) neu errichteten Burg überragtes Städtchen am nördlichen Rand der Eifel ca. 45 km südwestlich von Bonn (Kr. Euskirchen, bis 1972 Kr. → Schleiden).

B. war Sitz bzw. Res. der gleichnamigen Herren bzw. (seit 1380) Gf.en, die – eines Stammes mit den Herren von → Schleiden – 1415 ausstarben (Wappen: Schwarzer Löwe mit aufgelegtem fünflatzigen Turnierkragen). Ob der 1112 erstmals bezeugte Name der Familie sich bereits von der Höhenburg oberhalb der Ahrquelle ableitet oder von einer Motte südöstlich der älteren Siedlung B. herrührt, die später den unterscheidenden Zusatz »dorf« (B.erdorf) erhielt, muß offen bleiben. Jedenfalls haben die B.er, vermutlich im 12./13. Jh., eine den Zeiterfordernissen und -gepflogenheiten entspr. Höhenburg auf einem nach drei Seiten in das Ahrtal abfallenden Bergrücken gebaut, die nach N zum Berg durch einen tiefen Graben gesichert war (Abschnittsburg). Sie ist 1273 erstmals gen.

Die Herren bzw. Gf.en von B. waren ohne Zweifel das bedeutendste Adelgeschlecht der Nord- und Zentraleifel, das kurz vor seinem Aussterben noch einen Bf. von Utrecht hervorgebracht hat, was zugl. den weiten politischen Aktionsradius der Familie belegt. 1415 traten auf dem Erbwege die Gf.en von Loen aus dem Hause Heinsberg (→ Sponheim) die Nachfolge an, die sich allerdings nur über drei Generationen erstreckte. In dieser Zeit hat die Burg durch den Gf.en Gerhard VIII. von Loen-B. (1438-1460) eine dem Zeitstil und den herrscherlichen Ansprüchen Rechnung tragende bauliche Erweiterung erfahren, u. a. durch den Neubau einer Burgkapelle, die einen europaweit berühmten Reliquienschatz barg und deren Krypta als Grablege für die neuen Gf.en von B. nach dem Aussterben der alten Gf.enfamilie (1415) diente; diese hatte sich vor dem Laurentiusaltar in der Abteikirche von Steinfeld bestatten lassen. Die von den Heinsbergern in Gang gesetzte Umwandlung der Burgfestung in eine repräsentative Wohnburg ist von deren Erben (nach 1468), den Herren von → Manderscheid, fortges. worden, die hier 1488 eine eigene Linie der Gf.en von → Manderscheid-B. begründeten. Unter den → Manderscheidern hat sich B. – im Rahmen der gegebenen Bausubstanz und räumlichen Lage – zum Residenzschloß mit den Attributen gehobener Adelskultur und zum Verwaltungszentrum der seit 1742 wieder in einer Hand vereinigten → Manderscheider Eifelherrschaften entwickelt und ist es bis 1794 geblieben. Hofordnungen von 1533/38 und 1615 weisen auf ein bescheidenes höfisches Leben hin, das einer adlig-herrschaftlichen Haushaltsführung allerdings noch recht nahe stand. Immerhin gab es 1615 außer dem ordinary gesindt Bgf.en, Wachtmeister, Pförtner, Kellner, Koch, Küchenschreiber und Bottelier, neben denen 1533/38 noch Rentmeister, Kaplan, Schreiber, reisige Knechte und Schneider aufgezählt sind, während die ebenfalls gen. Hausknechte, Stallmeister und Schmied 1615 wohl unter das »übliche Gesinde« subsumiert worden sind.

In den Erbauseinandersetzungen, die auf den Tod Wilhelms von Loen-B. 1468 folgten, hatten die → Manderscheider zur Absicherung ihrer Ansprüche die seit 1341 bestehende Lehnshoheit der Hzg.e von Jülich über Schloß und Tal B. noch einmal ausdrücklich anerkannt, aus der sie sich nach längeren Querelen schließlich 1669/70 mit einer beträchtlichen Geldsumme freikaufen konnten. Erst seitdem war die Gft. auch verfassungsrechtlich reichsunmittelbar.

II.

Schon die Herren von B. hatten im 14. Jh. einen 1341 erstmals bezeugten Talort unterhalb der Burg angelegt, dessen Bezeichnung »Tal« auf eine halbstädtische, gefreite Siedlung hinweist. Sie war um die Mitte des 15. Jh.s – wohl im Zusammenhang mit dem Umbau der Burganlage – befestigt worden; ein zweiter erweiterter Mauerring wurde im 17. Jh. angelegt. In der Talsiedlung, deren Einwohnerzahl in der Mitte des 17. Jh.s bei ungefähr 400 lag, dürften die für den herrschaftlichen Unter- und Haushalt benötigten Handwerker sowie die Händler gelebt haben, die für den Vertrieb des bekannten B.er Eisens sorgten, auf dessen Herstellung die lokale Wirtschaftskraft und die finanziellen Ressourcen des Gf.enhauses zu einem guten Teil beruhten. Seit 1391 gab es dort eine Kapelle, die eine Filiale der Pfarrkirche im viell. schon 721 gen. B.erdorf war und an der 1499 immerhin drei Kapläne Dienst taten. Sie ist 1495-1505 durch einen relativ aufwändigen spätgotischen Kirchenbau ersetzt und 1508 zur Pfarrkirche erhoben worden, die im Eifeldekanat der Kölner Erzdiöz. lag. Ihre Erbauer waren – wie ein wappengeschmückter Gedenkstein im Kircheninnern ausweist – Gf. Johann von → Manderscheid-B. (gest. 1524) und seine Frau Margarethe von der Marck-Arenberg (gest. 1542). Gf. Johann scheint auch einen Schulneubau ins Auge gefaßt zu haben, womit er seinen Nachfolgern voranging, die sich bes. in der zweiten Hälfte des 17. Jh. den Ausbau der kirchlichen, schulischen und sozial-karitativen Infrastruktur ihres Res.städtchens angelegen sein ließen: 1660 Einschärfung der ganzjährigen Schulpflicht, 1670 Angliederung einer Oratorianer-Niederlassung an die Pfarrkirche (1716 in ein »Seminar« umgewandelt), 1682 Gründung eines Franziskanerinnenkl.s beim wiederaufgebauten Hospital mit der Aufgabe, Kranke zu pflegen, eine Mädchenschule zu unterhalten und die Waisenkinder der Gft. aufzunehmen.

III.

Die Burg B. ist im 19. Jh. als Steinbruch benutzt, weitgehend abgetragen worden und verfallen. Erst im 20. Jh. wurden Sanierungsmaßnahmen bzw. Restaurierungs- oder Erneuerungsarbeiten durchgeführt. Der Baubefund ist deshalb nicht immer eindeutig; seine Interpretation muß sich an den erhaltenen Abbildungen des 18. Jh.s orientieren und weitgehend mit Mutmaßungen operieren. Sicher ist, daß ein wohnturmartiger Palas des 13. Jh.s den Ausgangspunkt und Kern der Anlage bildete, zwischen dem und dem Burgtor im N sich im Laufe der Zeit weitere Gebäude anlagerten. Umbaumaßnahmen (welchen Umfangs auch immer) sind für die Mitte des 15. Jh.s und für das 18. Jh. bezeugt. Instandsetzungsarbeiten wurden 1605-13 durchgeführt. Die spektakulärste Baumaßnahme in der ersten Hälfte des 17. Jh.s war der neuerrichtete Batterieturm auf der Südwestecke der Unterburg, der weder der Wohnkultur noch – weil damals schon unzeitgemäß – der Festigkeit des Schlosses zugute kam, sondern eine herrschaftssymbolisierende Funktion erfüllte. Die Baugestalt, wie sie um die Mitte des 15. Jh.s gegeben war, dürfte den zeitlich folgenden Umbauten enge Grenzen gesetzt und sich im wesentlichen auf Verschönerungsarbeiten beschränkt haben. Das Schloß muß im Innern recht verwinkelt und unübersichtlich gewesen sein. Ein Inventar des Mobiliars von 1695 weist 35 Räume aus, die nach den Kategorien Saal, Stube, Zimmer und Kammer unterschieden sind, worunter sich, nach der Ausstattung zu urteilen, nur wenige repräsentative oder herrschaftlich-wohnliche Räumlichkeiten befanden. In die Auflistung der möblierten Räume nicht inbegriffen sind diejenigen, in denen die Prunkstücke des gfl. Res.schlosses aufbewahrt wurden, welche Zeugnis für die dort vorwaltenden religiösen und kulturellen Interessen der Herrschaft ablegten. Das war einmal die schon erwähnte, in 28 kostbaren Behältnissen aufbewahrte Reliquiensammlung, die im 15. und 16. Jh. jedes Jahr einmal in der Talkirche öffentlich ausgestellt wurde, was als B.er Heiltumsfahrt viel Volk der weiteren Nachbarschaft anzog und in die gfl. Res. führte. Das war zum andern die von dem Gf.en Hermann von → Manderscheid-B. (1548-1604) angelegte Antikensammlung, die dieser aus humanistisch inspirierter Neugier mit einigen Curiosa von zweifelhaftem Wert anreicherte, was alles das weitberühmte B.er Museum ausmachte. Das war zum dritten die Bibliothek, die unter den rheinischen, ja dt. Adelsbibliotheken einen herausragenden Rang einnahm, v.a. wg. der zahlr. Handschriften von Werken der ma. höfischen Epik, mit deren Sammlung die → Manderscheider schon im 16. Jh. begonnen haben müssen. Eine Zusammenstellung der Reliquien findet sich in einem Verzeichnis von 1582/94; Nachrichten über das Bibliotheksgut liefert um die Mitte des 17. Jh.s der Kölner Gelehrte Aegidius Gelenius.

Die beschränkten Möglichkeiten, in und an ihrer weiterhin mehr einer Burg als einem Schloß gleichenden Res. einem barocken Lebens- und Herrschaftsgefühl Ausdruck zu geben, machten die Gf.en von → Manderscheid-B. dadurch wett, daß sie im N des Schlosses jenseits des Burggrabens einen ausgedehnten barocken Park anlegten, an den sich ein weitläufiger Tiergarten anschloß. Das ganze Terrain ist inzwischen vom Wald zurückerobert worden.

Es ist allerdings bezeichnend, daß die letzte Veränderung der Schloßanlage nicht die Wohnkultur, sondern die herrschaftliche Verwaltung betraf. 1787 ließ Gf.in Augusta von → Sternberg, die letzte → Manderscheiderin, das aufwendige Kanzleigebäude errichten, das heute noch den Blick vom Talort auf die Burg beherrscht.

1794 flüchtete die Gf.enfamilie unter Mitnahme des Archivs und eines Teils der Mobilien, Bücher und Ausstattungsgegenstände in die böhm. Heimat des Gemahls der letzten → Manderscheiderin. Ein anderer Teil des Besitzes, darunter die nicht transportable Antikensammlung, wurde interessierten Persönlichkeiten wie dem Kölner Professor Wallraf und dem Aachener Kanonikus Pick überlassen; vieles verstreute sich. Die Burg wurde dem Verfall preisgegeben.

Als B.er Nebenres.en fungierten Jünkerath und → Gerolstein, das von 1524-1697 eigenständige Res. der von den B.ern abgespaltenen Nebenlinie → Manderscheid-Gerolstein war.

Sources

Eine Zusammenstellung der – vor allem in Prag und Düsseldorf liegenden – archivalischen Quellen findet sich in: Die Kunstdenkmäler des Kreises Schleiden, bearb. von Ernst Wackenroder, Düsseldorf [1932] (Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz, 11/2), S. 49-51. – Urkundenbuch für die Geschichte des Niederrheins oder des Erzstifts Cöln, der Fürstenthümer Jülich und Berg, Geldern, Meurs, Cleve und Mark, und der Reichsstifte Elten, Essen und Werden. Aus den Quellen […], vollst. und erl., mit 23 Reg. und Siegel-Abb., hg. von Theodor Joseph Lacomblet, 4 Bde., Düsseldorf 1840-58 (ND Aalen 1966).

Die Literatur bis 1932 ist in: Die Kunstdenkmäler des Kreises Schleiden, bearb. von Ernst Wackenroder, Düsseldorf [1932] (Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz, 11/2), verzeichnet (zu Blankenheim siehe S. 48-88). – Blankenheim, bearb. von Peter Neu, Bonn 1974 (Rheinischer Städteatlas. II, 11). – Möller, Walther: Stammtafeln westdeutscher Adelsgeschlechter im Mittelalter, Tl. 3, Darmstadt 1936, S. 214, Taf. 87. – Gerig, Hans: Die Blankenheimer Heiltumsfahrt, in: Heimatkalender des Kreises Schleiden (1952) S. 65-77. – Gerig, Hans: Blankenheim – ein kultureller Mittelpunkt in der Eifel, in: Heimatkalender des Kreises Schleiden (1956) S. 49-59. – Neu, Peter: Geschichte und Struktur der Eifelterritorien des Hauses Manderscheid, vornehmlich im 15. und 16. Jh., Bonn 1972 (Rheinisches Archiv, 80). – Holbach, Rudolf: Stiftsgeistlichkeit im Spannungsfeld von Kirche und Welt. Studien zur Geschichte des Trierer Domkapitels im Spätmittelalter, Trier 1982 (Trierer Historische Forschungen, 2), Bd. 2, S. 414-416. – Herzog, Harald: Burgen und Schlösser. Geschichte und Typologie der Adelssitze im Kreis Euskirchen, Köln 1989 (Veröffentlichungen des Vereins der Geschichts- und Heimatfreunde des Kreises Euskirchen. A 17), S. 156-169. – Die Manderscheider. Eine Eifeler Adelsfamilie: Herrschaft, Wirtschaft, Kultur. Ausstellungskatalog, hg. von Landschaftsverband Rheinland/Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz/Kreis Euskirchen, Köln 1990.