Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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HOLSTEIN-SCHAUMBURG-GEMEN

C. Bückeburg

I.

Die Bukkeborch (1378 Bückeborch, 1518 Bükkeborg) wurde 1304 erstmals erwähnt, ihren Namen erhielt sie von einer älteren Burg beim nahen Obernkirchen. Diese alte B. soll zentrale Funktionen im »Buckigau« gehabt haben und war um 1180 bereits zerstört. Die Namensübertragung könnte auf eine bes. Bedeutung der Burg verweisen. Die neue B. wurde als Wasserburg zwischen dem Höhenzug Harrl und der B.er Niederung angelegt, etwa 8 km östlich von Minden. Sie war zunächst Sitz eines Vogtes, vermutlich zur Grenzsicherung gegen den Bf. von Minden, dann phasenweise, ab 1607 dauerhaft Res. und Regierungssitz der Gf.en zu → Holstein-Schaumburg, seit der Erbteilung 1647 der Gf.en zu Schaumburg-Lippe.

II.

B. liegt am Rande des Höhenzuges Harrl in der fruchtbaren »B.er Niederung« in der Nähe des alten Helweges. In der Umgebung der um 1300 erbauten Burg befand sich eine kleine ältere Ansammlung von Höfen namens Sutherem, die schon in der Mitte des 12. Jh.s erstmals erwähnt wurde. Nach der Anlage der Burg verschwand der alte Name, die neue Siedlung nahm den Namen der Burg an und entwickelte sich in den nächsten Jahrzehnten zum Burgflekken. Nach dem Fleckenrechtsprivileg von 1365 wurde der Ort ummauert. Seit 1400 ist ein städtischer Rat bezeugt, eine eigene Kirche wurde aber erst 1510 errichtet (1541 abgebrannt), erst mit dem Bau der Stadtkirche 1611-1615 hatte B. einen eigenen Pfarrbezirk. Noch um 1600 umfaßte der Ort kaum mehr als 400 Einw. Über ihre soziale Zusammensetzung und Berufsstruktur ist bis dahin kaum etwas bekannt. Neben Bauern und Handwerkern dürften auch bereits Kaufleute vorhanden gewesen sein. Auf dem nahe gelegenen Harrl wurde seit dem 16. Jh. auch der Stein für den Schloßbau gebrochen.

Die Verlegung der Res. der Gf.en zu → Holstein-Schaumburg 1607 von → Stadthagen nach B. wurde zur »zweiten Gründung« der Stadt. 1609 nannte Gf. Ernst zu → Holstein-Schaumburg B. erstmals »Stadt« und verlieh seiner Stadt Marktrechte, die er auch mit wirtschaftlichen Maßnahmen und Anlage eines Marktplatzes stützte. B. wurde ein Nahmarktzentrum für das Umland, ansässige Handwerker deckten vorwiegend den Bedarf der Res. Nach einem Kontributionsregister von 1635 standen drei Viertel der Einw. B.s in einer unmittelbaren Beziehung zum Hof.

Über Konflikte zwischen Hof und Stadt ist im SpätMA nichts bekannt. In der frühen Neuzeit übte die landesherrliche Verwaltung eine relativ enge Aufsicht über die Stadt aus, der Stadtmagistrat gewöhnte sich daran, eigener Verantwortung auszuweichen.

III.

Vermutlich bestand die um 1300 errichtete Burg v.a. aus einem steinernen Turm, mit weiteren Gebäuden, die von Wall und Wassergraben gesichert wurden. Zum Bestand der spätma. Burg gehörte ein Wohnturm in der Nordostecke, an den sich südlich ein Torgebäude und westlich ein Gebäude mit Kapelle anschlossen. Die Kapelle wurde 1396 erbaut, unter Fs. Ernst im manieristischen Stil umgestaltet (1603-1608). Im S der Kernburg stand ein Palas, alles verbunden mit einer Mauer und umgeben von einem im unregelmäßigen Viereck angelegten Wall mit Wassergraben. Auf der Schloßinsel innerhalb des umwallten Gebietes befanden sich außerdem Wirtschafts- und ein Kanzleigebäude.

Motiviert als demonstrative Maßnahme in einem Erbstreit ließ Gf. Otto IV. zu Schaumburg-Lippe in den Jahren 1560-1563 und 1569-1576 die Burg zu einem vierflügeligen Renaissanceschloß umbauen, gen. werden die Baumeister Heinrich Schrader und Jacob Kölling. 1560/61 wurden zunächst die Wallanlagen modernisiert. In der Südwestecke wurde ein Wendeltreppenturm eingefügt. Neu erbaut wurde ein Westflügel, durch die Überbauung der ma. Kapelle wurde der nördliche Gebäudeflügel geschaffen und ebenso wie der ma. Wehrturm im Obergeschoß zu Wohnzwecken ausgebaut. Neben dem ma. Turm stand ein Treppenturm, der bis zu seiner Zerstörung beim Schloßbrand 1732 der höchste Turm des Schlosses war. Ein Trompetergang am Nord- und Westflügel verband die beiden Treppentürme hofseitig. Die Innenräume wurden mit steinplastischen Arbeiten, Malerei und Öfen ausgestattet. Im Südflügel oberhalb des Torgebäudes befanden sich die Räume des regierenden Gf.en Otto, ein Saal im Erdgeschoß dieses Flügels diente der Repräsentation. Westlich neben dem Schloßgraben wurde ein Renaissancegarten mit einem Lusthaus angelegt (heute nicht mehr erhalten bzw. umgestaltet), außerdem befanden sich dort zwei Zeughäuser.

Ab 1601 ließ Gf. Ernst zu → Holstein-Schaumburg Schloß und Res.stadt großzügig umgestalten. Unter Bewahrung der äußeren Gestalt des Schlosses wurden die Innenräume neu ausgestattet, insbes. durch den Einbau von Türgerichten, z. B. die sog. »Götterpforte« im Goldenen Saal, und Marmorfußböden von Giovanni Maria Nosseni. Die oberen Räume des Nordflügels wurden für Theatervorführungen hergerichtet. Neu war die Abgrenzung des äußeren Schloßbezirks zur Stadt durch ein äußeres Schloßtor, innerhalb des äußeren Schloßbezirks wurden Kanzlei, Marstall, Ballhaus und ein Kammerkassengebäude errichtet. Vor dem Schloßtor ließ Gf. Ernst einen Marktplatz anlegen und mit Rathaus und Rentkammergebäude säumen. Der Schloßbezirk wurde gegen die Stadt abgegrenzt, zugl. wurden mit dem neuen Marktplatz und seinen Gebäuden Siedlung und Schloß aufeinander bezogen.

Das heutige Erscheinungsbild des Schlosses ist geprägt von historisierenden Erweiterungs- und Umbauten des späten 19. Jh.s.