BARBY UND MÜHLINGEN
I.
Erstmals 936 als Mulinga (Varianten u. a. Mulinge, Mulingen, Mylynghen) erwähnt, bildete das am südöstlichen Rand der Magdeburger Börde gelegene Dorf im Hoch- und SpätMA den Mittelpunkt einer (möglicherw. unter Ks. Lothar geschaffenen) Gft. Loose, S. 5 f., sieht »Mühl-« von »mal (mahal) = Gericht« herkommen, wohingegen eine gängige Deutung ›eine bei einer Mühle gelegenen Siedlung‹ lautet. Die Gft. schrumpfte im 13. Jh. auf Hochgerichtsrechte in der direkten Umgebung zurück. Bis Mitte des Jh.s von den Herren von Jabilinze (Gablenz) verwaltet, gelangte M. an den Barbyer Zweig des Arnsteiner Gf.enhauses. Die auf das späte 12. Jh. zurückgehende Niederungsburg wurde im Zuge der Auseinandersetzungen Magdeburgs und seiner Verbündeten mit Ebf. Burchard von Schraplau zerstört. Seit 1318 ließ Albrecht V. von → Barby wahrscheinlich unweit der alten Stelle eine Wasserburg neu errichten. Umfassende Erneuerung unter Wolfgang I. von → Barby. Nach der Teilung von 1595 Res. der Rosenburg-Mühlinger Linie; ihr Begründer, Gf. Jost II. (1544-1609) tat sich hier ebenso wie in → Rosenburg als Bauherr hervor. Nach seinem Tod war das Schloß Witwensitz Sophies von → Schwarzburg-Rudolstadt bis 1630. Die bereits 1338 artikulierten Lehnsansprüche der Fs.en von Anhalt führten dazu, daß → Großmühlingen nach dem Aussterben der Gf.en von → Barby 1659 an dieses Fs.enhaus fiel, das das Schloß teilw. als Nebenres., seit dem 18. Jh. als Sitz der Domäne nutzte.
II.
Vornehmlich auf Grundlage eines Schöffenbuchs von 1595 findet sich eine detailreiche Beschreibung des von Zäunen und Gräben umgebenen Haufendorfes mit sieben Frei- und zwischen 25 und 30 Kossätengütern um 1600 bei Loose (1923). In unmittelbarer Nachbarschaft des am nordöstlichen Rand des Dorfs gelegenen Schlosses befanden sich ein als Gerichts- und Turnierstätte gedeuteter »Tummelplatz« sowie das Gerichtsgebäude für das bis 1686 bestehende Hochgericht. Es setzte sich aus dem vorsitzenden Amtmann, dem Dorfrichter und sieben Schöffen zusammen und war dem Amt mit Groß- und Klein-Mühlingen zugeordnet. Einw. 1674: 320, in Barbyscher Zeit wahrscheinlich etwas höher (heute 1059; 31. Dez. 2006).
1371 nach O auf 22,5 m verlängerte Kirche; langgestreckt rechteckiges Langhaus und massiver Turm. 1612 Errichtung eines gfl. Kirchengestühls; Gf.in Sophie stiftete im gleichen Jahr einen 1945 zerstörten Altar. Errichtung eines Grabgewölbes durch Hauptmann Adam Heinrich von Ende 1654 (später durch Fs. Anton Günther von Anhalt und seine Familie als Begräbnis genutzt). Abriß und Neubau der Kirche 1882. Beide Dörfer und Schloß 1632 geplündert.
III.
Die kleine dreiflügelige Schloßanlage, in den 1990er Jahren restauriert und heute in Privatbesitz, ist unter den Fs.en von Anhalt in Teilen barock überformt worden (Giovanni Simonetti; v.a. Mittelflügel), geht aber zum größten Teil auf die Bauperioden unter Wolfgang I. und (nach Brand 1585) unter Jost II. zurück. Rekonstruktionen der Zustände vor 1669 bei Dauer. Kellergeschosse einzige Überbleibsel der ma. Anlage. Als herausragend aus Barbyscher Zeit sind im Baubestand zu nennen: Im herrschaftlichen, heute äußerlich schlichteren Westflügel das kreuzrippengewölbte »Taffelgemach« von 1602, dessen Bedeckung stilistisch der Schmalkaldener Stukkatur nahe steht, die sternengewölbte Kapelle, ein auf 1540 datiertes Rundbogenportal mit Pilasterrahmung sowie im Portalaufsatz zwei kreisrunden Porträtmedaillons Wolfgangs I. und Agnes' von → Mansfeld. Hinzu kommt das auf einer Doppelkartusche 1531 links neben dem Eingang angebrachte vierfeldige Wappen; beides wird dem → Mansfelder Bildhauer Hans Schlegel zugeschrieben. Nach 1585 Gemäldegalerie und Frauenzimmer-Gemach enthalten. Der jüngere, ebenfalls nach 1585 erneuerte Ostflügel mit seinem dreigeschossigen Volutengiebel (vor 1600) mit einem zweigeschossigen Renaissance-Erker mit Lisenenstreifen wirkt heute repräsentativer, wurde in Barbyscher Zeit als Wirtschafts- und Wohngebäude der Bediensteten genutzt; er beherbergte in der »neuen Amtsstube« die Amtsverwaltung.
Literature
Dauer, Horst: Schloßbaukunst in Anhalt-Zerbst, Köln u. a. 1999. – Dauer, Horst: Zum Schloß Großmühlingen und seiner Baugeschichte, in: Mitteilungen des Vereins für Anhaltische Landeskunde 5 (1996) S. 25-65. – Heine, Friedrich: Geschichte der Grafschaft Mühlingen, Köthen 1900. – Loose, Friedrich: Geschichte von Groß-Mühlingen mit besonderer Berücksichtigung der Siedlungsgeschichte und ihres Zusammenhangs mit der Volkskunde, Dessau 1923. – Handbuch der historischen Stätten Deutschlands. Bd. 11: Provinz Sachsen/Anhalt, hg. von Berent Schwineköper, 2. Aufl., Stuttgart 1987.