Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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BARBY UND MÜHLINGEN

C. Barby

I.

Ersterwähnung der in einer Niederung der mittleren Elbe nahe der Saalemündung linkssaalisch liegenden civitas Barbogi 961. Varianten Barbi (1248), Barboi (1259), Barbuy (1262), Barbuie, Barbey (1266), Bareboye (1284). Der Burgward wird 974 von Ks. Otto II. dem Reichsstift Quedlinburg übertragen. Walther III. von → Arnstein brachte die Burg in seinen von Quedlinburg zu Lehen (zunächst Vogtei) gehenden Besitz. Die etwa an der Stelle des heutigen Schlosses unweit der Elbaue zu lokalisierende, von einem aus der Elbe gespeisten Wassergraben umgebene Burg kristallisierte sich schnell zum Mittelpunkt des Herrschaftskomplexes heraus, bildete bis 1659 die Hauptres. des Hauses, bevor sie bis 1746 als Res. einer Seitenlinie der wettinischen Sekundogenitur Sachsen-Weißenfels genutzt wurde.

II.

Ausgehend von einer im Schatten der Burg ausgeprägten Marktsiedlung und unter (späterer) Einbeziehung der Burganlage wurde die südlich liegende Stadt seit Anfang des 13. Jh.s planmäßig ausgebaut; dafür spricht u. a. der gitterförmige Straßenverlauf. Teile des in der zweiten Hälfte des 14. Jh.s errichteten Mauerrings, insbes. im O, und zwei Wehrtürme, das »Prinzeßchen« sowie der »Prinz«, haben sich, letzterer nur im Unterbau und beide im 18./19. Jh. überformt, erhalten. Magdeburger Stadtrecht. Rat erstmals 1407 erwähnt. Das Stadtwappen zeigt eine Mauer mit Toröffnung und drei Türmen, deren mittlerer die anderen mit drei Spitzen überragt. Stark ackerbürgerliche Prägung; über mit der als bescheiden einzuschätzenden Res.bildung zusammenhängende Strukturveränderungen ist nichts bekannt. Unsicher die Zahlen, wonach B. 1584 ca. 340 Einw. besessen haben soll, von denen 100-150 der gfl. Verwaltung oder dem Hof und seiner Entourage angehörten (B. 961-1961). Burg und Stadt wurden 1547 und 1636 geplündert. 1771 bis 1808 erlangte B. Bedeutung durch das theologische Seminar der Herrnhuter Brüdergemeine.

Über ein evtl. 1332 gegr. Dominikanerkl. in der östlichen Vorstadt fehlen Nachrichten; ebenso dürftig die Informationen über das von Burchard II. von B. 1264 gegr. Franziskanerkl. in unmittelbarer Nachbarschaft der Kirche St. Johannis im NW (Abtshaus im Bau erhalten), das 1530 noch existiert hat, als sich Guardian Andreas Lumpe hier aufhielt (Bünger/Wentz II, S. 370). Weitere, von Höse (1902/13) behauptete Kl. nicht nachgewiesen. Gf. Burchard V. gründete 1505 das Hospital St. Georgii.

Zentrum dynastischer Repräsentation bildete die Kl.- und spätere Schloßkirche St. Johannis, ein nach einem Brand Ende des 14. Jh.s maßgeblich von Günther II. wieder hergestellter frühgotischer, schlichter Bruchsteinbau (typischerweise ohne Turm) mit rechteckiger Grundform (40 x 10 m). Die seit 1271 als Familiengrablege dienende Kirche besticht durch zahlr. Epitaphien, Gemälde, Ahnenwappen und einen außergewöhnlichen Grabaltar. Daneben dürfte die (wahrscheinlich zur Urpfarre gehörende) Stadtkirche St. Marien, ein Ende des 17. Jh.s überformter) spätgotischer, dreischiffiger Bau des frühen 15. Jh.s mit einem massiven, 1505 begonnenen und 1565/71 erneuerten Westturm, wg. ihrer z.T. ma. Epitaphien von Bürgern und Niederadeligen und des spätbarock-lutherischen Hochaltars von Interesse sein. Eine Besonderheit bildet der 1540 ummauerte, viell. schon im 14. Jh. genutzte, außerhalb der Stadt gelegene Gottesacker, auf dem zwischen 1482 und 1505 die Kapelle St. Georgii errichtet wurde. 1591 erhielt sie zum Gedenken an Superintendent Werner Steinhausen (gest. 1588) eine Außenkanzel. Einige repräsentative Bauten in der Stadt erst aus der Zeit nach 1659.

III.

Stegmann (1931/32) gibt v.a. auf Grundlage eines Inventars von 1669 eine vage Beschreibung der älteren Anlage, die aus einer weiträumigen Haupt- (ca. 1,5 ha) und Innenburg bestand. 1279 Ersterwähnung einer Burgkirche St. Johannis Bapt., deren auf den missionarischen Charakter des Burgwards hindeutendes Patrozinium später von der Kl.kirche übernommen wurde. Von der ma. Res. nichts erhalten. Das heute als Grundbuchamt des Landes Sachsen-Anhalt dienende Schloß geht fast vollständig auf den barocken Neubau unter dem Hzg. Heinrich von Sachsen zurück. Integriert wurde nordwestlich die im Kern vor der Mitte des 16. Jh.s errichtete »Alte Kanzlei«, zentraler Teil der barbyschen Res. Sie verfügt über spätgotische Rippensterngewölbe und ein aus der zweiten Hälfte des 16. Jh.s stammendes, auf Gf. Wolfgang I. und seine Frau Agnes zurückgehendes Eingangsportal mit dem B.er und dem → Mansfelder Wappen (Pendant am Schloß in → Großmühlingen). 1650 und 1660 nahmen Schloß und Stadt Kft. Friedrich Wilhelm von Brandenburg mit seinem Hof auf.

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