Akademie der Wissenschaften zu Göttingen

Die Göttinger Akademie und die NS-Zeit

Wellhausen-Vorlesung

Der Jerusalemer Tempel im Spiegel des Koran. Mehr...

Das Programm der Ringvorlesung "Forschung im 'Zeitalter der Extreme'. Akademien und andere außeruniversitäre Forschungseinrichtungen im Nationalsozialismus" (im Wintersemester 2017/18) wird von der Kommission gestaltet. Mehr...

Die Kommission wurde 2014 mit dem Ziel gegründet, die Geschichte der Akademie vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur frühen Bundesrepublik zu erforschen und sich dabei besonders auf die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft 1933–1945 zu konzentrieren. Sie will herausarbeiten, wie sich die Akademie und ihre Mitglieder in den politisch-kulturellen Systemen des Wilhelminischen Kaiserreichs, der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der frühen Bundesrepublik positioniert haben.
Die NS-Zeit steht dabei aus zwei Gründen im Mittelpunkt. Zum einen hat die Göttinger Akademie ihre Vergangenheit im Nationalsozialismus bisher noch nicht aufgearbeitet. In diesem Zusammenhang sind insbesondere die institutionellen Vorgänge zu untersuchen, die zum Rückzug oder Ausschluss von Mitgliedern aus weltanschaulichen oder rassistischen Gründen führten. Ebenso ist nach den Kriterien und Umständen von Neuaufnahmen zu fragen. Zum anderen wirkte die NS-Zeit erheblich auf das deutsche Wissenschaftssystem in seiner Gesamtheit ein: Neue Institutionen wurden gegründet, andere verschwanden, Forschungsparadigmen wandelten sich ebenso wie die Pflichten und Möglichkeiten des Forschers. Dementsprechend gilt es auch herauszuarbeiten, welche Rolle die Akademie in der sich verändernden Forschungslandschaft einnahm und welche Kontinuitätslinien sich zu der Zeit vor 1933 wie zu den ersten Nachkriegsjahrzehnten feststellen lassen.
Dabei ist zu bedenken, dass die Akademie immer einen Doppelcharakter trug: Auf der einen Seite war sie eine lokale Institution, eingebunden in die Göttinger Wissenschaftslandschaft und Stadtgesellschaft, auf der anderen war sie vor allem durch ihre Mitglieder Teil vielfältiger regionaler, nationaler und internationaler Netzwerke und agierte somit unter verschiedenen, potentiell in Spannung zueinander stehenden Rahmenbedingungen. Außerdem ist die Ambivalenz zu berücksichtigen, die zwischen der Institutionalität der Akademie, d. h. ihrer Tradition, ihren eingeübten Verfahren sowie ihrem gewachsenen Selbstverständnis einerseits und den politisch-kulturellen Systemwechseln andererseits bestand. Das Ergebnis der Kommissionsarbeit soll somit ein Beitrag zu einer Geschichte der Göttinger Akademie sein, der den Weg einer Wissenschaftsinstitution im „Zeitalter der Extreme“ nachzeichnet.

Aus der Kommission ist das Forschungsprojekt "Zwischen elitärer Selbstbeschreibung und politischer Positionierung. Die Göttinger Akademie der Wissenschaften vom Ersten Weltkrieg bis in die 1960er Jahre" hervorgegangen, das vom Land Niedersachsen im Rahmen des Programms Pro Niedersachsen 2016 gefördert wird. Mehr dazu erfahren Sie hier

Mitglieder der Kommission

Vorsitzender: Prof. Dirk Schumann, Universität Göttingen, Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte
Prof. Ute Daniel, TU Braunschweig, Historisches Seminar, Abt. für alte, mittelalterliche und neuere Geschichte
Prof. Frank Rexroth, Universität Göttingen, Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte
Prof. Norbert Schappacher, Université de Strasbourg, IRMA Institut de Recherche Mathématique
Prof. Wolfgang Schieder, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Köln
Prof. Eva Schumann
, Universität Göttingen, Juristische Fakultät, Abt. für Deutsche Rechtsgeschichte
Prof. Stefan Tangermann, Agrarökonom, Universität Göttingen


Kurt Latte (1891–1964)

Latte war von 1931 bis 1936 Inhaber des Göttinger Lehrstuhls für klassische Philologie. 1936 wurde er aus rassistischen Gründen zwangsemeritiert. 1945 trat er sein verlorenes Ordinariat, das bis dahin Hans Drexler innehatte, bis zur Emeritierung im Jahre 1957 wieder an. Von 1949 bis 1956 wirkte Latte als Präsident der Akademie. 

Hans Drexler (1895–1984)

Drexler übernahm 1940 den Göttinger Lehrstuhl für klassische Philologie, der seit der Zwangsemeritierung Kurt Lattes vakant war. 1941 wurde er ordentliches Mitglied der Göttinger Akademie. Im gleichen Jahr wurde Drexler „Führer“ des NS-Dozentenbundes in Göttingen; von 1943 bis 1945 war er Rektor der Georgia Augusta. 1945 verlor er im Rahmen seines Entnazifizierungsverfahrens seinen Lehrstuhl und wurde zugleich aus der Akademie ausgeschlossen.