Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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ZERBST C.7.

I.

Die Prov. Z. (Cieruisti) wird im Gründungsdiplom von 948/49 dem Bm. → Brandenburg zugewiesen, der Name wird von altsorb. *Čiŕvišče, »Insektenlandschaft« hergeleitet. Weitere Namensformen aus dem 11. Jh. lauten Zerbiste und Zirwisti, Scherwist (1210), Zerwist (1276) und Cerwyst (1387). Der Ort ist aus der zentralen Burg eines nach der Völkerwanderungszeit slaw. besiedelten Territoriumshervorgegangen, 1209 als civitas bezeichnet; 1285 werden consules und 1298 Schöffen gen., Magdeburger Recht.

Von 1603 bis 1793 war Z. Residenzstadt des selbständigen Fsm.s Anhalt-Z. Das Gelände des Schlosses auf Grundlage einer Niederungsburg befindet sich im SW der ovalen Stadtanlage. Die einst bedeutende Schloßanlage ist heute bis auf den ruinösen Ostflügel vernichtet. - D, Sachsen-Anhalt, Reg.bez Dessau, Kr. Anhalt-Z.

II.

Z. liegt an der SW-Abdachung des Hohen Fläming, einer flachwelligen Lehmplatte. In und bei der Stadt vereinigen sich mehrere Wasserläufe, die alle Nuthe heißen und in deren breiten Niederungen teilw. sehr fruchtbare Böden (Moorerde) zu finden sind. Hydrolog. ist der Raum auf die Elbe bezogen, deren nächste bedeutende Pässe (von NW nach SO) über Leitzkau bei → Magdeburg, bei Barby, Aken und Roßlau-Dessau liegen.

1003 schenkt Kg. Heinrich II. einem Gefolgsmann zwanzig Königshufen in teritorio Zerbiste, doch zu 1007 berichtet Thietmar, die Burgleute (urbani) seien nach Einschüchterungen und Versprechungen dem poln. Hzg. Bolesław gefolgt. Herrschaftsrechte der brandenburg. Askanier in Burg und Burgward Z. sind bereits 1196 urkundl. faßbar, 1253 überträgt ihnen Kg. → Wilhelm von Holland die Oberlehnsherrlichkeit über die Reichslehngüter der Herren von Z. Kurz vor 1264 veräußern die Herren von Z. ihre Rechte an Stadt und Burg an die Herren vonBarby, was der Ebf. von → Magdeburg bestätigt. Anfang 14. Jh. werden, verbunden auch mit dem Aussterben der askan. Mgf.en von → Brandenburg, die anhaltin. Askanier Herren dieses Raumes. Seit 1308 erscheint Z. wiederholt als Ausstellungsort askan. Urk.n. Im 15. und 16. Jh. werden städt. Rechte durch die Fs.en systemat. beschnitten, Fs. Magnus (1455-1524) beendet die Auseinandersetzungen um städt. Freiheiten mit der Stadtordnung von 1499. Ständige Landesteilungen fanden unter Joachim Ernst (1536-86) mit der 1572 erlassenen Landesordnung ein vorübergehendesEnde. Das seit 1603 bestehende Fsm. Anhalt-Z. endete mit dem Ableben des Fs. Friedrich August (reg. 1747-93). Das Erlöschen der Fürstenlinie erlebte die Z.er Prinzessin Sophie Auguste Friederike als russ. Zarin Katharina II. die Große (reg. 1762-96).

Kirchl. gehörte Z. seit 948/49 zur Diöz. → Brandenburg, Archidiakonat Leitzkau (der Propst des Prämonstratenserkl. ist zugl. Archidiakon). Beherrschende Figur der früh eingeführten Reformation (1524 erstmals Pfarrer durch Gemeindewahl eingesetzt) war Fs. Wolfgang von Köthen (1492-1566), der sein nach dem Schmalkaldischen Krieg verlorenes Land 1552 zurückerhielt. 1605 wird der Calvinismus in Anhalt verbindlich, das »Gymnasium illustre« in Z. (1582-1797) wird unter Rektor Wendelin (1612-52) prakt. zur Landesuniversität (mit Ausstrahlung nach Ungarn, Polen, Schlesien und Böhmen). 1680überließ Karl Wilhelm (reg. 1667-1718) den Reformierten die Stadtkirche St. Nikolai und erbaute den Lutheranern die neue Kirche St. Trinitatis.

III.

Im 16. Jh. werden mehrere Fürstenbauten im Burgbereich gen., den Zustand um 1530 hält eine kartograph. Darstellung der Burg fest. Das ab 1681 auf dem Burggelände als großzügige Dreiflügelanlage mit Corps de Logis und zwei Seitenflügeln entstandene Residenzschloß erlitt durch einen Bombenangriff am 16. April 1945 schwere Schäden. Nach dem Abriß zweier Flügel Ende der vierziger Jahre des 20. Jh.s blieb allein der Ostflügel als Ruine erhalten. Unter den am Schloß tätigen Architekten ist zunächst Cornelis Ryckwaert († 1693) zu nennen. Er baute bereits inSonnenburg/Neumark für Moritz von Nassau, war Baumeister des Großen Kurfürsten (Küstrin ab 1667, Schloß Schwedt/Oder 1670-74) und hatte 1682 eine Gierbrücke über die Elbe bei → Dessau angelegt. In Z. baute er ab 1681 unter Fs. Carl Wilhelm (reg. 1667-1718) den Mittelflügel des Schlosses (1681-96), die Trinitatiskirche unweit des Marktes (kurz vor 1700) und ab 1703 den Westflügel des Schlosses (mit 1719 geweihter Kapelle und Fürstengruft), den prächtige Stuckdecken von Baumeister und Stukkateur Giovanni Simonetti (1652-1716) zierten, der seit 1694 in Z. zu fassen ist, jedochweiterhin vorwiegend in brandenburg.-preuß. Diensten stand (Stukkaturen in den Schlössern Köpenick, Oranienburg und Berlin). Ab 1722 vollendete Johann Christoph Schütze (1687-1765) den Turmbau über dem Mittelrisalit des Corps de Logis. Am Ostflügel wurde ab 1743 wahrscheinl. von Johann Friedrich Friedel gebaut (1744-48 am Hof in Z.), der mehrfach unter Knobelsdorff tätig gewesen war. Die mitunter vermutete Mitarbeit Knobelsdorffs ist trotz reichen Aktenmaterials nicht belegt.

Der Barockgarten, ab 1798 unter J. Chr. Schütze entstanden, wurde später zu einem Landschaftspark umgestaltet, der wie die im folgenden beschriebenen Bauten noch heute teilw. erlebbar ist. Die bogenförmig angelegte Orangerie (Reste erhalten) mit risalitartigen Vorbauten in der Mitte und an den Enden entstand ab 1735 nach Entwürfen von Schütze. Vom selben Baumeister war 1724-30 die Reitbahn als eingeschossiger langgestreckter Bau mit Mansardwalmdach errichtet worden, der eine reiche Stuckdekoration von Paul Anthon Trebeßky und Johann Friedrich Schmidt besitzt. Ein in Resten erhaltenerMarstall (1740), das Teehäuschen über achteckigem Grdr. mit flacher Kuppel, ehem. ausgestattet mit Stukkaturen von Abondio Minetti und Fayencen der Z.er Manufaktur sowie zwei Anf. 18. Jh. errichtete Kavaliershäuser im Bereich der Schloßfreiheit bilden das Ensemble erhaltener Residenzarchitektur. In der Schloßfreiheit findet sich auch die Ruine der vielfach umgebauten Hof- und Stiftskirche St. Bartholomäi (geweiht 1215, 1300 zur Stiftskirche erhoben), in nachreformator. Zeit Altarraum durch got. Anbau erweitert (1565), im W Vorbau nebst Treppenturm und um 1700 Fürstenchor im südl. Seitenschiffnebst Fürstengruft angelegt. Ihr gesondert stehender Turm wird als Wehrturm der ma. Burg angesehen.

Sources

CDA. - Thietmari Merseburgensis Episcopi Chronicon, 1935. - Die Zerbster Ratschronik, übersetzt von Hermann Wäschke, Dessau 1907. - Sinteris, Friedrich Wilhelm: Die Chronik von Zerbst 1758-1830, Dessau u. a. 1995.

Literature

Anhalts Bau- und Kunst-Denkmäler, 1894. - Herrmann, Dirk: Schloß Zerbst in Anhalt. Geschichte und Beschreibung einer vernichteten Residenz, Halle 1998 (Beiträge zur Denkmalkunde in Sachsen-Anhalt, 1). - Neumeister, Peter: Art. »Zerbst« in LexMA IX, 1998, Sp. 545 - Rütters, Jens: Der Fayence-Bestand des Küsten-Museums Wilhelmshaven und Fayence-Erzeugnisse der Manufaktur Zerbst, Diss. Bochum 1997. - Specht, Reinhold: Die Wehranlagen der Stadt Zerbst,in: Sachsen und Anhalt 5 (1929) S. 38 - 103. - Specht, Reinhold: Geschichte der Stadt Zerbst, Dessau 1998. - Wiemann, Hermann: Geschichte der Hof- und Stiftskirche zu St. Bartholomäi, Zerbst 1907.